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Berichte 18.01.2018 | 16:14von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R5: Shak besiegt Fabi und teilt nun die Führung

Der Weltranglistenzweite Shakhriyar Mamedyarov hat jetzt 12 Elopunkte Vorsprung auf Nummer 3 Fabiano Caruana, nach einem scheinbar mit leichter Hand erzielten Sieg gegen ihn in Runde 5 des 2018 Tata Steel Masters. Damit teilt er nun die Führung im Turnier mit Vishy Anand and Anish Giri. Wesley So besiegte Adhiban und hat damit, wie Carlsen und Kramnik, einen halben Punkt Rückstand. Vladimir konnte Magnus quälen aber das Turmendspiel nicht gewinnen. In der dritten entschiedenen Partie besiegte Peter Svidler Hou Yifan, obwohl er früh einen einfachen forcierten Gewinn übersah. In der Challenger-Gruppe übernahm Anton Korobov die alleinige Führung mit 4.5/5.

Carlsens erste Partie in Hilversum | Foto: Tata Steel Chess Twitter

Die fünfte Runde des Tata Steel Masters wurde im Gebäude ‌Beeld en Geluid (Bild und Ton) in der niederländischen Medienhauptstadt Hilversum ausgetragen. Alle Spieler erwähnten, dass ihr üblicher Rhythmus dadurch unterbrochen wurde. Dafür bekamen wir einmalige Bilder, unter anderem mit Figuren der Sesamstrasse!

Ein etwas anderes Gruppenfoto | Foto: Tata Steel Chess Facebook

Zum vierten Mal in fünf Runden gab es drei Entscheidungen bei den Masters:

Zunächst zu den Remispartien, drei davon waren eher nicht der Rede wert.

Gawain Jones, Debütant bei den Masters, spielte bisher mit Schwarz Königsindisch aber mit Weiss betont solide. Damit wollte er entweder auf Remis spielen, oder seine frustrierten Gegner zu erheblichen Konzessionen verleiten. Anish Giri war auf diese Strategie vorbereitet und überraschte den Gegner mit Caro-Kann, aber Gawain liess sich nicht beirren, sondern tauschte nach und nach Figuren bis zum total ereignislosen Remis nach 25 Zügen. Der englische Grossmeister hat nach fünf Runden 50%. Anish kann sich nicht wirklich beschweren: er hat weiterhin +2 und damit die geteilte Führung im Turnier mit 3.5/5.

Giris interessantester Beitrag an diesem Tag: er erklärte Tex de Wit, warum er am Ruhetag keinen Sport treiben wird:

Magnus mag es, hinter einem Ball her zu rennen mit Kameras dabei... es ist lächerlich! Was soll das? Du versuchst, den Ball zu erobern, alle filmen Dich und meistens siehst Du dabei dumm aus. Ich habe damit vor langer Zeit aufgehört. Als Kind spielte ich Fussball, aber damals hatten wir keine Kameras. Es war einfach aus Spass an der Sache. Nun ist es Folter. Andere können Dich auch verletzen, aus Versehen oder absichtlich - in meinem Fall eher Letzteres, da viele mich nicht mögen!

Giri sagte, dass er wahrscheinlich eher einen langen Spaziergang macht - auf eigene Gefahr! 

Windgeschwindigkeiten von 132 km/h hier in Wijk. Gott sei Dank ist Ruhetag, ich mache heute wohl gar nichts.

Matlakov-Karjakin war nach 16 Zügen Remis. Fairerweise den Spielern gegenüber sei gesagt, dass beide mehrfach lange nachdachten. Maxim akzeptierte Sergeys Remisangebot erst, nachdem er einen - wie Karjakin zugab, vielversprechenden - Vorteil verloren hatte. 

Anand-Wei Yi war die erste beendete Partie des Tages. Wei Yi überlegte für keinen Zug länger als 2 Minuten und 19 Sekunden, da er seine Vorbereitung in der Russischen Verteidigung herunterblitzen konnte. 


Wenn man diese Stellung am Brett erstmals sieht, macht man sich mit Schwarz vielleicht Sorgen; der Bauer auf d6 ist angegriffen, d5 nebst Dxa7 droht ebenfalls. Aber Wei Yi zeigte 17…Da5! 18.Dxd6 Txe1+ 19.Txe1 Td8! und die Partie verflachte zum Remis nach 29 Zügen. Anand zu Tex de Wit:

Es ist mir genauso peinlich wie dem Typ nebendran, aber so etwas passiert heutzutage manchmal. Du landest in einer Computervariante und kannst nur staunen! 

In einem anderen Interview ging er ins Detail:

Das Problem ist, dass wir das in der letzten Minute gefunden haben – dieses 15…Dh5 und die ganze lange forcierte Variante. Langer Rede kurzer Sinn, wir mussten uns im Auto entscheiden was ich machen soll. Ich konnte nicht etwas total anderes spielen, und mein Sekundant sagte mir, nun, Schwarz muss einige nicht naheliegende genaue Züge finden, einen Versuch ist es wert. Aber sein Bedenkzeitverbrauch zeigte, dass er einfach alles heute morgen auf dem Brett (oder Monitor) hatte. Es ist ein bisschen lächerlich, dafür entschuldige ich mich. Aber auf halber Strecke gab es keinen Weg zurück, am Ende war es ein Bluff der rein gar nicht funktionierte.

Das letzte Remis zwischen Magnus Carlsen und Vladimir Kramnik war dagegen eine weitere faszinierende Partie zwischen zwei grossartigen Spielern. Zunächst erreichte Magnus gegen den Ex-Weltmeister aus der Eröffnung absolut nichts: 

Meine Weisspartien waren, ehrlich gesagt, ein ziemliches Disaster. Mit Schwarz spielte ich sehr gut, aber mit Weiss erreichte ich bisher nichts und musste heute gar leiden.

Magnus bezeichnete den 19. Zug als ersten kritischen Moment der Partie: 


Prinzipiell war hier 19.b5 - nach z.B. 19…Lxe3 20.bxc6! steht Weiss dann sehr gut, aber Magnus befürchtete das Qualitätsopfer 19…Txe3!, wonach Schwarz viele Schwächen hat. Er fasste zusammen: "Es würde eine sehr komplizierte Partie, aber meine Stellung gefiel mir danach eher nicht”.

Magnus gab zu, dass das gespielte 19.Lxa7 remislich war, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit dem laut ihm “impulsiven” 28.b5?! (28.Tc1!) auf Gewinn zu spielen. Zu 28…Se5 29.Tc1?: "Dann habe ich irgendwie einen Bauern eingestellt".


29…Sxg4 führte zu einem Turmendspiel mit schwarzem Mehrbauern, Kibitz Peter Svidler kommentierte: 

Svidler über Carlsen-Kramnik: "Ich bin nicht der weltgrösste Experte in Turmendspielen"

Tex: "Wer dann?"

Svidler: "Die beiden Typen am Brett"

Es war Carlsens Moment, denn er lag mit seiner Einschätzung richtig. Vladimir dachte, dass er den Sack zumachen konnte, und konnte hinterher seine Enttäuschung nicht verbergen: 

Natürlich ist es angenehm, Magnus unter Druck zu setzen, und ich kann mit der Partie zufrieden sein. Aber es ist ein seltsames Gefühl, ich dachte dass ich nach 42…Kf3 bereits gewinne. Dann bemerkte ich plötzlich, dass es keinen Weg nach h3 für meinen König gibt. Mit dem König auf h3 gewinne ich und ich war mir sicher, dass es einen Weg gibt - aber es gab keinen. 

Zum Beispiel nach 50...Kg4:


Wenn Weiss mit z.B. 51.Ra3? auf der Stelle tritt, gewinnt nach 51...Kh3! Schwarz. Aber Magnus spielte 51.Tb5 und hat nun nach 51…Kh3 die einfache rettende Antwort 51.Rh5+ (hier kann Weiss 51...Kh3 auch mit 51.Kg2 verhindern).

Magnus war entspannt, da er nach eigener Aussage vor der Zeitkontrolle dieses Endspiel berechnet hatte und zur Einschätzung kam "es ist schlicht und ergreifend und relativ trivial Remis", wenn er etwas aufpasst. Fans befragten einen norwegischen Supercomputer, Anish Giri dazu "Hab' kein Vertrauen in Sesse, vertraue Carlsen":

Interviews mit Magnus und Vlad nach der Partie:

Nun zu den Partien mit Sieger und Verlierer(in):

Svidler 1:0 Hou Yifan: Hauptsache gewonnen, aber…

Vor dieser Runde hatte Peter Svidler drastisch gegen Vladimir Kramnik verloren, während Hou Yifan einen halben Punkt aus vier Partien auf ihrem Konto hatte. Das kann diese Fehlerkomödie vielleicht teilweise erklären.Die Eröffnung lief gut für Weiss, und nach Hou Yifans 20…Ld7? war eine Kurzpartie möglich. Svidler begann richtig mit 21.Sxd6! Lxa4 und dann:


22.Sc8! Te6 gewinnt, das hatte Peter gesehen aber - warum auch immer - nicht den nächsten Zug 23.Sg5!, wonach Weiss materiellen Vorteil erhält: entweder 23…Tc6 24.Se7+ or 23…Te8 24.Sb6, Gabel auf La4 und Ta8. Svidlers Kommentar:

Das ist einfach total lächerlich. Ein 10-jähriges Kind sollte das blind berechnen können. 

Mehr Selbstzerfleischung:

In der Partie kam es noch schlimmer, nach ‌22.Tb1?! stand Weiss immer noch klar besser, aber nach 22...b5 23.Ne5? Nd7! war der Vorteil dahin. Die einzige gute Nachricht für Svidler war, ‌wann er bemerkte, dass er einen einfachen forcierten Gewinn übersehen hatte: 

Zu meinem Gück nach der Partie. Ehrlich gesagt, wenn ich es während der Partie bemerkt hätte, könnte ich wohl gar nicht weiterspielen. Wie kann man da zur Tagesordnung übergehen? 

In späterer beiderseitiger Zeitnot war 38.Tc7! der perfekte Zug, um Hou Yifan aus dem Gleichgewicht zu bringen (sie rechnete wohl mit dem einfachen 38.Bxe6):


Der Computer spuckt 38…Sxh3+! aus und sagt 0.00, ohne zu zögern gibt er eventuell eine Figur für ein paar Bauern. Stattdessen setzte Hou Yifan auf den d-Bauern: 38…d3? 39.Txf7+ Kh6 40.Txf4 d2 41.Td4. Der d-Bauer wird zur Dame, aber im Zeitnotduell hatte die Damen-Weltranglistenerste offenbar übersehen, dass ihr Te6 am Ende immer noch angegriffen ist. Daher konnte und musste sie nun aufgeben. 

So 1-0 Adhiban: Wesley auf der Jagd

Titelverteidiger Wesley So begann langsam mit vier Remisen in Wijk aan Zee, wobei er gegen Fabiano Caruana durchaus verlieren konnte. Aber nun hat er nur einen halben Punkt Rückstand auf die Führenden. Die Partie gegen Adhiban war voller Irrungen und Wirrungen und trotz Damentausch nach 7 Zügen keinesfalls langweilig. Im 15. Zug brachte Wesley mit 15.Ndb5!? ein Figurenopfer:


Offenbar konnte Schwarz das Opfer durchaus akzeptieren: Weiss bekommt zwei Bauern, aber in diesem Moment nicht mehr. Aber Adhiban opfert lieber selbst, und entschied sich für 15…fxg3 16.hxg3 e3. Wesley antwortete 17.f4!. Danach war unklar, ob der Bauer auf e3 ein Pfeil im weissen Fleisch ist oder eher ein Angriffsziel. 

Erst im 47. Zug verschwand der Bauer, als Teil einer Abwicklung in ein Turmendspiel mit weissem Mehrbauern. Wahrscheinlich war es objektiv immer noch remis, aber im 71. Zug gab Adhiban Milch und verpasste seine letzte Chance:


71…Kd6! und der Kampf geht weiter (72.Ra7 Rh4+!), aber nach 71…Kd8? 72.Ta7 war Schwarz machtlos gegen den weissen e-Freibauern.

Mamedyarov 1-0 Caruana: Rentnerschach

Niemand kann Shakhriyar Mamedyarov derzeit bremsen, und das war sein bisher wichtigster Sieg. Er hatte Platz 2 in der Weltrangliste bereits von Fabiana Caruana übernommen, und nun entstand eine Lücke von 12,3 Punkten nach einem scheinbar mit leichter Hand erzielten Sieg. 

Mameydarov nun die klare Nummer 2 | Quelle: 2700chess

Pepe Cuenca zeigt uns (auf Englisch), wie er es schaffte:

Im Interview hinterher bezeichnete Mamedyarov Siege gegen Rivalen im Kandidatenturnier als wichtig, und erklärte dann seinen Aufstieg in den letzten ein bis zwei Jahren:

Mein Stil ist generell taktisch mit vielen Risikos, aber die letzten Jahre begann ich, auch ein bisschen strategisch und positionell zu spielen. Ich habe meinen Stil etwas geändert - manchmal ist es dann eben remis, Remis ist auch ein gutes Ergebnis. Vor fünf Jahren, vor vier Jahren wollte ich immer gewinnen, und wenn nicht dann verlieren, nur nicht Remis spielen. Aber nun sehe ich das etwas anders. Ich spiele Rentnerschach (‌old man chess)! Es ist kein jugendliches Schach, aber es ist OK, mein Stil ist nun anders. Ich sehe, wie Kramnik und Anand spielen, obwohl mit 35, 40. So will ich auch spielen.

Es wird faszinierend zu beobachten, was er mit diesem Stil erreichen kann! Derzeit steht es im Turnier so: 

Nach vier Runden führt überraschend Elmo vor Giri, Carlsen und Big Bird

Nochmal von vorne:


Nach dem Ruhetag treffen Giri und Anand aufeinander. Mamedyarov kann also vielleicht die alleinige Führung übernehmen, wenn er Adhiban dessen vierte Niederlage verpasst. 

Korobov führt alleine

Anton Korobov wirkte wiederum wie in einer eigenen Liga: er überspielte Jorden van Foreest und hat nun bei den Tata Steel Challengers 4.5/5. Vidit konnte durch ein Kurzremis gegen den anderen Giri-Sekundanten Erwin l’Ami nicht mithalten.

Aryan Tari gewann das Duell der (ehemaligen) Junioren-Weltmeister gegen Jeffery Xiong, während Bassem Amins Mut endlich belohnt wurde,

Bassem Amin, der erste afrikanische Schachspieler mit Elo 2700+ | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Der Ägypter hatte seine letzten beiden Partien verloren. Dennoch opferte er zwei Bauern und bekam unwiderstehlichen Königsangriff gegen Dmitry Gordievsky.


Schwarz kann f7 nicht mehr verteidigen und eigentlich nur noch beten. Seine Gebete wurden nicht erhört, Schwarz bekam noch ein Bauernfrühstück auf a2 aber dann war die Partie/Party für ihn vorbei: 


26.Tb7+! Txb7 27.Dxb7+ und Schwarz gab auf. 27…Ka5 28.Rxb5+ axb5 29.Qxb5# gönnte er dem Gegner nicht.

Bassem Amin rechtfertigt seine Einladung im Challenger-Turnier. Nicht oft betrachtet ein Spieler mit seiner Elo Bauern als störende Dinge, die nur im Weg stehen.

Der deutsche Vertreter ‌Matthias Bluebaum konnte ein Endspiel gegen Veteran Michal Krasenkow remis halten. Damit hat er nun 2/5 - wie insgesamt sieben der vierzehn Teilnehmer(innen).

Am Freitag wieder Livekommentar auf Englisch und Spanisch: Masters | Challengers Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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