Berichte 16.01.2018 | 12:15von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R3: Vishy mit einer Glanzpartie

"Schade, dass es hier keine Schönheitspreise gibt" war Vishy Anands Kommentar nach seinem tollen Sieg gegen Fabiano Caruana. Der letzte Zug bekam zwei Ausrufezeichen und die Hashtag #stillgotit von Magnus Carlsen. Nach diesem Sieg übernahm Vishy die geteilte Führung mit Anish Giri.

Ansonsten war es ein recht ruhiger Tag, die meisten anderen Partien endeten Remis. Gawain Jones gewann ebenfalls, nachdem er Adhiban überspielte - ein Traumstart beim Debüt im Tata Steel Masters. Bei den Challengers gewannen Anton Korobov und Santosh Vidit, sie führen nun gemeinsam mit 2.5/3.

Carlsen als beeindruckter Zuschauer bei Anands Klassiker gegen Caruana | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Für atmosphärische Eindrücke wiederum das tägliche "Impression" Video:

Nur zwei Siege in Runde 3, aber Anand-Caruana war genug für einen Tag:

Anand hat einen Lauf

Nach Runde 1 sagte Giri, dass für Vishy Anand sein Start in ein Turnier immer sehr wichtig ist. Wenn er früh eine Partie gewinnt, spielt er danach oft unwiderstehlich - problemlose Remisen und nach und nach weitere Siege. Das beste Beispiel ist vielleicht sein Sieg in der ersten Runde des Kandidatenturniers 2014 gegen Levon Aronian. Bisher sieht Wijk aan Zee 2018 aus wie "so ein Turnier", wobei am Sieg gegen Caruana in Runde 3 beide beteiligt waren.

In ihren vier letzten Partien mit klassischer Bedenkzeit drei Siege für Vishy und einer für Fabiano! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Caruana verdarb Vishys letztes klassisches Turnier in London - nach zu Beginn vier Remisen verlor Vishy in Runde 5 gegen Caruana und danach noch zwei weitere Partien, miserables Endergebnis -3. An frühere Partien 2017 gegen Caruana hat Anand bessere Erinnerungen: ein überzeugender Sieg bei Altibox Norway Chess und eine Glanzpartie beim Sinquefield Cup:

Mehr schachliche Kuchen-Dekorationen nun in Wijk aan Zee: aus der oft als langweilig geltenden Russischen Verteidigung entstand eine faszinierende Stellung. Caruana spielte die Neuerung 12…Sc7 und nach 13.f3, wofür Vishy 27 Minuten brauchte, 13…Lg6:


Taktische Motive für Schwarz beruhen auf der versteckten Drohung -Dxd4+ mit Doppelangriff auf Kg1 und Ta1. Schnell wurde es noch komplizierter, und am Ende fiel Caruana in die Grube, die er selbst gegraben hatte. 

Jan Gustafsson analysiert diese spektakuläre Partie:

Vishys eigener Kommentar zur Partie in der Liveshow mit Robin van Kampen:

Der Schlusszug bekommt ein Diagramm:


Vishy verriet, dass er mit 41.-Dc4 nicht gerechnet hatte ("eine Minute lang war ich verärgert"), daher sah er erst danach das Damenopfer 42.Rd6!! - Applaus auch von Magnus Carlsen:

Kaum Aufregungen anderswo

Diese Partie rettete den sonst eher langweiligen Tag in der Topgruppe, keine der fünf Remispartien war allzu aufregend. Wesley So, der bisher dreimal Remis spielte, zu seiner Partie gegen Sergey Karjakin:

Im Schach ist es sehr schwer, interessante kämpferische Stellungen zu bekommen. Es ist extrem wissenschaftlich, im Gegensatz zu Go kann man nicht schon im ersten Zug improvisieren. Im Schach mit Computern, Datenbanken, Millionen Partien usw. müssen wir der Theorie folgen. Das geschah wohl in unserer heutigen Partie.

Wesley hatte auch eine originelle Antwort auf die Frage, ob er als Titelverteidiger Druck fühlt:

Ich fühle eigentlich keinen Druck. Das Gute an einem Turniersieg ist, dass man nichts mehr beweisen muss. Bent Larsen sagte mal, dass man Wijk aan Zee einmal gewinnen muss und dann sterben kann, ich habe hier einmal gewonnen! Natürlich werde ich versuchen, nochmals zu gewinnen, aber dafür muss ich ein paar Partien gewinnen.

Es gab Konkurrenz für die uninteressanteste Partie, vor allem Mamedyarov-Matlakov. Shakhriyar hatte seine Gegner zuvor zweimal in der Eröffnung überrascht, nun überraschte Maxim ihn im zweiten Zug mit Slawisch, worauf Weiss 5 Minuten abtauchte. Am Ende vermied Mamedyarov Risikos, tauschte Figuren ab und nach 25 Zügen war es remis. Dank Caruanas Niederlage ist Mamedyarov so Nummer zwei der Weltrangliste.

Maxim Matlakov nach der Auftaktniederlage gegen Anand nun in ruhigerem Fahrwasser | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Das anschliessende Interview mit Mamedyarov mit Einblicken, wie er Eröffnungen angeht, am interessantesten allerdings vielleicht seine Beschreibung des Sieges am Vortag gegen Hou Yifan:

Gestern spielte ich eine sehr gute Partie - nicht wie Kasparov oder Fischer sondern wie Karpov. Strategisch war es eine sehr gute Partie.

Alle Aufmerksamkeit anfangs für Magnus, aber dann wurde es nicht sein Tag | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Die grösste Enttäuschung war die Partie von Magnus Carlsen gegen Wei Yi. Wir rechneten damit, dass der Weltmeister mit Weiss Druck ausüben würde. Aber obwohl Wei Yi zugab, dass er in dieser katalanischen Variante auf dem falschen Fuss erwischt wurde ("Ich hatte etwas vergessen, aber versuchte mich an etwas zu erinnern"), hatte er keine Probleme:


10…e5! war ein starker Zug mit kurz danach Damentausch, und 20…e4! zum richtigen Zeitpunkt sorgte mit dafür, dass Magnus diesmal nicht das Unmögliche möglich machen konnte. Insgesamt wurden 46 Züge gespielt, aber die Tatsache, dass der Weltmeister am Ende 1 Stunde und 59 Minuten auf der Uhr hatte, zeigt dass es nicht allzu kompliziert war. Carlsen redete danach nicht mit Medien aber gab später sein Urteil auf Instagram:

How I feel about these dull draws with white

A post shared by Magnus Carlsen (@magnus_carlsen) on

Mein Gefühl zu derlei langweiligen Weissremisen

Der Beweis, dass auch Wei Yi manchmal lächelt! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Dieses recht leichte Remis war eine gute Nachricht für Wei Yi nach seiner Marathonpartie tags zuvor gegen Peter Svidler. Svidler hatte auch einen eher ruhigen Tag, am Ende etwas ein Zufallsprodukt.

Anish Giri zieht sich zurück| Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Gegen Anish Giris Berliner Verteidigung wählte Svidler den Anti-Berliner 4.Sc3. Dann überlegte er in einer ihm gut bekannten Stellung 27 Minuten...


Peter kämpfte mit Dämonen:

Meine Eröffnungsbehandlung mit Weiss ist mitunter nicht zu empfehlen. Eigentlich verbrauchte ich 40 Minuten um eine Stellung zu erreichen wo meiner Meinung nach ich Ausgleich suchen muss - ärgerlich, aber ich denke dass ich meine grössten Probleme löste. Ich musste den Mittelweg zwischen zwei Wünschen finden. Nach gestern, offensichtlich, ... nun, halbtot ist eine optimistische Beschreibung wie ich mich heute fühle! Ich versuchte, das Gefühl, dass etwas weniger anstrengendes heute nicht schlecht wäre, mit der Tatsache zu kombinieren, dass ich nur eine begrenzte Anzahl Weisspartien im Turnier habe und etwas versuchen sollte. Vor allem nach 6.d3 d6 gibt es viele Möglichkeiten, eine langweilige Partie zu spielen. Aber nach 7.Na4 ist es einerseits nicht langweilig, andererseits vielleicht nicht allzu gut für mich. Ich grübelte etwa eine halbe Stunde lang und konnte mich dann nicht dazu durchringen, h3 mit einer völlig toten Stellung zu spielen…

"Halb-tot ist eine optimistische Beschreibung, wie ich mich heute fühle" (Svidler) | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Also 7.Sa4, Giris späterer Kommentar:

Ich rechnete damit, dass er nach seiner gestrigen Partie solide spielen würde. Es war dann nicht gerade solide. Er mag es nie, mit Weiss einfach miserabel zu spielen…

Giri überlegte nun 26 Minuten an seinem elften Zug. Er konnte 11…La5!? spielen - Einladung zu 12.Db5+ nebst einer unkonventionellen Zugfolge, bei der Weiss für den Sa4 drei Bauern auf c6, d5 und e5 bekommt:


Beide Spieler waren sich nicht allzu sicher, wie diese Stellung zu beurteilen ist. Die Partie verflachte nach 11...Qd7 schnell. Laut Anish wollte er mit seinem Remisangebot klarstellen, wer für was spielte:

Wenn er nicht auf Gewinn spielt und ich auch nicht, was zum Teufel machen wir dann in diesem Raum?

Natürlich sind die anschliessenden Interviews unterhaltsam. Am Ende sagte Giri “Ausserdem will ich morgen angreifen, also muss ich etwas Energie bewahren!” (er hat Weiss gegen Magnus Carlsen):

Peter brachte auch den (den Übersetzer überfordernden) Begriff “topographical cretinism”, auch dafür sollte er irgendeinen Preis bekommen:

Kramnik und Hou Yifan mit guter Laune vor der Partie | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Nun zur letzten Remispartie Kramnik-Hou Yifan, wohl eine verpasste Chance für den 14. Weltmeister. Zunächst offenbar eine taktische Pointe im 16. Zug:


Nach dem trickreichen 16.e6! ist der Sc6 ungedeckt, Schwarz verliert wohl eine Qualität. Es ist unklar, ob Vladimir das gesehen hatte und entschied, dass die entstehenden Stellungen zu remislich sind, jedenfalls spielte er stattdessen 16.h4. Hou Yifan gab zu, dass ihre Stellung unangenehm passiv war, aber nach 25…c5! 26.dxc5?! konnte sie überraschend entwischen:


26…Sc4! 27.Dxe4 (Kramnik brauchte 18 Minuten um sich davon zu überzeugen, dass es nichts Besseres gibt) 27…Sd2! 28.Df4 (der Bauer auf g4 muss gedeckt bleiben) 28…bxc5 und der schwarze Springer ist ein Monster mitten in der weissen Stellung. Angesichts der Drohung Dd5 and Sf3+ akzeptierte Kramnik eine Stellungswiederholung.

Danach sprach Hou Yifan über ihr Turnier aber auch über ihr Stipendium für ein Studium in Oxford. Laut ihr wohl ein Wendepunkt in ihrem Leben - einmal sagt sie "Leben ohne jegliche Grenzen".

Arise, Sir Gawain

Als Gawain Jones seine schweren Turnierpaarungen betrachtete, dachte er wohl, dass Weiss gegen den neben ihm selbst Elo-schwächsten Baskaran Adhiban eine seiner besten Chancen war für mehr als nur überleben. Adhiban, der 2017 Dritter wurde, ist natürlich kein Patzer, aber er ist etwas instabil und hatte tags zuvor schmerzhaft gegen Magnus Carlsen verloren. Auch heute wurde es nicht sein Tag.

Adhiban und Jones in der "Hall of Fame" | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Adhiban spielte Französisch, Gawain Jones darauf die Tarrasch-Variante (3.Sd2), dazu eine Chess24-Videoserie von Gawains Landsmann Lawrence Trent. Gawains Kommentar:

Ich hatte wohl so gut wie nichts nach der Eröffnung, aber in dieser französischen Tarrasch-Stellung wählte er die falschen Felder, d8 und c8, für seine Türme. So hatte ich den La6-Trick und plötzlich konnte er seinen Bauern auf a7 nicht verteidigen.


Es ging weiter mit 20…Lxa6 (20…Sc5 war vielleicht besser) 21.Dxa6 Sc5 22.Txd8+ Txd8 23.Dxa7. Adhiban versuchte, Verwirrung zu stiften, aber obwohl Gawain sagte “Ich bin mir nicht sicher, ob die Partie einer Engine gefällt, aber natürlich bin ich sehr glücklich" spielte er den Rest der Partie nahezu perfekt. 

Der kritische Moment war vielleicht nach 38...Db8:


39.Dxf6! Dxa7 40.Dh4+ Kg8 41.Dd8+ Kf7 42.Dxd3 und Weiss hatte die Figur zurück und im Damenendspiel zwei Mehrbauern. Das reichte zum Sieg, mit 2/3 teilt Gawain nun den dritten Platz mit Mamedyarov and Carlsen und kann mit seinen Partien bisher sehr zufrieden sein:

So steht es momentan im Turnier, Anand und Giri vorne:


Korobov und Vidit führen bei den Challengers

Bisher läuft es für den an eins gesetzten Vidit, 2.5/3 auf dem Weg zur erhofften Qualifikation für Tata Steel Masters 2019 | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

In der Challenger-Gruppe schöne Siege für Vidit gegen Bassem Amin und Anton Korobov gegen Benjamin Bok, damit teilen sie die Führung mit 2.5/3.

Olga Girya entwischte, Anton Korobov auf dem geteilten ersten Platz | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Olga Girya konnte ein Turmendspiel mit zwei Minusbauern gegen Jeffery Xiong Remis halten. Noch dramatischer wohl die Partie, in der Matthias Bluebaum durch einen Sieg gegen Jorden van Foreest ‌nach zuvor zwei Niederlagen endlich punktete. 

Endlich Grund zur Freude für Matthias Bluebaum | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Beide Spieler "verbrannten " für den 13.-15. Zug über eine Stunde, die spätere Zeitnot erklärt vielleicht das Disaster im 31. Zug: Jorden spielte das naheliegende 31.Td5?? (richtig war 31.Ke3! mit Gegenangriff auf den schwarzen Läufer, und die Partie geht weiter).


Weiss droht, auf f6 zu schlagen, und der Springer scheint in Sicherheit, aber 31…Lf3! war der Haken an der Sache. Weiss ist hilflos, da Schwarz nach 32.Td6 unter anderem 32…Ke7 spielen kann. In der Partie kostete 32.Sxf6 Lxd5 33.Sxd5 nur eine Qualität, aber auch so konnte Bluebaum nach zuvor zwei Niederlagen ein Comeback erzielen.

In Runde 4 der Tata Steel Masters unter anderem das mit Spannung erwartete Trash Talk Duell Giri-Carlsen. Wird Giri wie versprochen "ein Tor schiessen"? Andere Fragen unter anderem: in wievielen Zügen wird Karjakin gegen seinen Freund und Sekundant Mamedyarov Remis spielen? Sowie: Kann Svidler mit Schwarz seine Bilanz in Wijk aan Zee gegen Kramnik verbessern? Er hatte es im Interview nach der Partie angedeutet, aber die Niederlagen sind lange her, 2004 und 2005!

Vishy hat derweil Schwarz gegen Adhiban. Sie sind Landsleute, aber die Superturnier-Logik zwingt Anand zum Versuch, von Adhibans schlechtem Start ins Turnier zu profitieren | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Live-Kommentar in Englisch und Spanisch ab 13:30 MEZ: Masters Challengers Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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