Berichte 25.01.2018 | 18:26von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R10: Führungstrio Magnus, Shak und Anish

Magnus Carlsen fasste Runde 10 des Tata Steel Masters in Groningen so zusammen: "heute wirklich ein blutiger Tag - alle ausser Anish haben gewonnen!" Er hat etwas übertrieben - drei Partien endeten remis - aber alle Partien mit Giris zuvor direkten Verfolgern hatten Sieger und Verlierer. Carlsen überwand So in 75 Zügen, Shakhriyar Mamedyarov und Vishy Anand erwischten Peter Svidler und Gawain Jones mit Schwarz in der Eröffnung, und Vladimir Kramniks schierer Siegeswille bezwang am Ende Landsmann Maxim Matlakov. Giri, Carlsen und Mamedyarov führen nun vor dem letzten Wochenende.

Magnus Carlsen und Anish Giri setzten sich beide auf den "eisernen Thron" im Groninger Museum, aber wer ist am Ende des Turniers der Chef? | Fotos: Tata Steel Chess

Nach einer ruhigen Runde 9 bekamen wir eine explosive 10. Runde, an der Universität Groningen vor zahlreichem Live-Publikum:

Carlsen - So 1-0: Ein Meisterwerk, oder ein "netter hart erkämpfter Sieg"

Anish Giri war beeindruckt: der Weltmeister brachte eine neue Eröffnungsidee im 10. und 11. Zug und zeigte danach seine bekannte Technik. Für Giri war es ein Meisterwerk, er sagte, dass man in derlei Fällen trash talk auf sozialen Medien vermeiden sollte. Bisher hat er sich offenbar daran gehalten, nur ein Foto mit seinem Trainer Vladimir Chuchelov:

Die besten Trainer verlieren nie das Vertrauen in ihre brilliantesten Studenten

Andere lobten die Partie ebenfalls:

Magnus selbst war nicht so lyrisch:

Das war es sicher nicht, aber ein netter hart erkämpfter Sieg mit dem ich sehr zufrieden bin. 

In der Eröffnung überraschte er den Gegner im 10. Zug: statt das Zentrum mit 10.c5 zu schliessen - so spielte Wesley selbst mit Weiss gegen Radek Wojtaszek beim Gashimov Memorial 2017 - öffnete Magnus die Stellung mit 10.cxd5!? exd5 11.e4!?:


Magnus sagte, dass sein Gegner danach "etwas passiv" spielte. Aber später hatte Wesley einen grossen Anteil an einer Kampfpartie, indem er im Endspiel taktisches Gegenspiel fand.


Nach 40...g4+ 41.Lxg4 hxg4+ Kxg4 hatte Weiss drei Bauern für den Läufer, obwohl es später vier wurden hatte Magnus lange den Eindruck, dass der Sieg keinesfalls trivial war. Sein Kommentar zu einer Computer-Remisvariante: "5 Bauern weniger und das remis halten - das ist verrückt!"

Am Ende war er erfolgreich, und hat nun mit klassischer Bedenkzeit gegen So 4 Siege, 0 Niederlagen und 8 Remisen. Danach gab Magnus Fiona Steil-Antoni ein Kurzinterview...

...und dann besprach er die Partie im Detail in der Liveshow mit Eric Hansen, nachdem Schachfans zuvor mit ähnlichen Auftritten von Anish Giri, Vishy Anand und Vladimir Kramnik verwöhnt wurden:

Dadurch konnte Magnus Platz eins mit Anish Giri teilen. Giri und Sergey Karjakin tauschten im neunten Zug die Damen und erreichten ein Remisendspiel, das beide kannten. Allerdings vermutete Anish, dass sein Gegner die Zugreihenfolge durcheinander brachte (15…Td8?!), wodurch die Partie etwas länger dauerte als unbedingt notwendig:

Damit hat Karjakin nun in 36, 31, 46, 35, 16, 32, 43, 36 und 26 Zügen remis gespielt, und einen Sieg nachdem Fabiano Caruana im 17. Zug einen Bauern einstellte. Der norwegische GM Jonathan Tisdall war vielleicht diplomatisch:

Nur mein Eindruck, oder macht Karjakin sich bei TataSteelChess unsichtbar? Fast als ob er auf Erkundungstour für das Kandidatenturnier ist, und Notizen macht ohne dass die anderen es bemerken.

Die Spieler mit zuvor schlechtem Turnier spielten ebenfalls Remis. Wei Yi-Caruana war ein Vierspringerspiel, aus dem nach 28 Zügen ein remises Turmendspiel entstand. Hou Yifan-Adhiban war die längste Partie des Tages, aber beide bleiben sieglos - 102 Züge wurden gespielt, und Adhiban konnte seinen materiellen Vorteil nicht verwerten. 

Zu den anderen entschiedenen Partien:

Eröffnungskatastrophen

Die Spieler erwähnten zuvor, dass die "Tour"-Tage ihren normalen Rhythmus durcheinander bringen - Busreisen und Museumsbesuche in den Stunden, die sie sonst für letzte Vorbereitungen verwenden.

Vielleicht ist das ein Grund, warum zwei Spieler Mittwoch in Groningen mit Weiss drastische Niederlagen mit Weiss erlitten, nachdem sie die Eröffnung nicht überlebten.

Shakhriyar Mamedyarov nannte bereits Peter Svidlers 7.Qa4+ “einen sehr schlechten Zug”. Es war offensichtlich, dass für Weiss etwas schief lief nachdem Shak in seinem Stil 9…g5! spielen konnte:


Danach kam 10.Le3 f5! 11.Lg2 f4! und Weiss balancierte bereits am Rande des Abgrunds, bevor er mit 15.Qb3? hineinstürzte:


Der Zug war nicht nur einfach schlecht (Giri sagte "wahnsinnig”), aber das Ergebnis von 35 Minuten Nachdenken:

Nach einfach 15…Sa5! 16.Dc2 Sc4 dominierte Schwarz total, und nach 17.Td1 Tg8 18.Se5 Sxe5 19.Lxe4 war Shak in seinem Element - 19…Dg5! und der Vorhang fiel:

Peter stolperte über den 20. Zug mit 20.Lxf4 Dxf4 21.Lxd5 Lf5! aber musste dann das Handtuch werfen.

Mamedyarov war glücklich, dass er wieder "sein" Schach spielen konnte - nach der Partie gegen Giri, die er so zusammenfaste: "sehr langweilig, und dann verlierst Du". Er enthüllte, dass seine Niederlage daran lag, dass er mit Giris schnellem Tempo in der Eröffnung mithielt. Dabei spielte er so schnell, dass er einmal nicht bemerkte, dass Giri einen Zug spielte, den er nicht erwartete!

Gawain Jones hatte die Überraschung auf seiner Seite, als er in Runde 7 gegen Peter Svidler (1.e4 c5) 2.c3 spielte, aber in Runde 10 gegen Vishy Anand war der Tiger beuteklar. Er pausierte allerdings 12 Minuten, bevor er sich für die lange Rochade entschied statt 11…e6 wie MVL beim Stichkampf gegen Hikaru Nakamura 2016 in Gibraltar. Beide Spieler hatten Mühe, ihre Vorbereitung zu reproduzieren, und dann war die Partie mehr oder weniger vorbei nachdem Gawain 16.d4? spielte.


Vishy sagte, dass er nun aus dem Buch war, aber dann fand er das Qualitätsopfer 16…exd4! 17.Lg5 Lg7!! und bezeichnete die weisse Stellung als “fast verloren”. Weiss konnte sich kurz danach kaum mehr rühren, Vishys Springer erreichten materiellen Ausgleich und kontrollierten alle Schlüsselfelder:

Anand spielte den Rest der Partie perfekt, und Gawain gab nach dem 40. Zug auf. Vishys Kommentar zur Partie:

Kramnik-Matlakov 1-0: Unterhaltsames Schach

Der Vladimir Kramnik der letzten Jahre ist eine Freude für Schachfans – aggressiv, risiko- und experimentierfreudig, immer kämpferisch, oft auch trotz schlechter Form. Beim 2018 Tata Steel Masters fehlte mitunter die Präzision - verpasste Siege gegen Hou Yifan und Gawain Jones und eine vermeidbare Niederlage gegen Anish Giri. Trotzdem hat er nun nur einen halben Punkt Rückstand auf das Führungstrio und ist wieder Nummer drei der Weltrangliste (allerdings klar hinter Mamedyarov und noch deutlicher hinter Carlsen):

Mit parallel Tata Steel und Gibraltar spielt derzeit die gesamte top10! | Quelle: 2700chess

Seine Partie gegen Landsmann Maxim Matlakov zeigte alle oben erwähnte Qualitäten. Kramnik juxte in der Analyse mit Eric Hansen nach der Partie, dass es bereits gut begann: +0.35 Vorteil (mit der verwendeten Software) vor dem ersten Zug. Vlads erster Zug war kaum vorhersehbar, zuvor spielte er in diesem Turnier 1.Sf3, 1.c4 und 1.d4 und nun 1.e4. Er spielte einen ungewöhnlichen Italiener: erst gar nicht und dann lang rochieren – mit Einladung für den Gegner:


Hier gab Kramnik zu, dass 18…Lxa2!? “natürlich ein Zug ist”, aber dachte, dass sein Gegner sich am Brett kaum darauf einlassen würde. Die Figur ist nach 19.b3 nicht gefangen, aber Kramnik war bereit zu 19…a5 20.Kb2 a4 21.bxa4 Le6 22.dxe5 dxe5 23.Td6, wonach er dachte, trotz total offenem König die Initiative zu besitzen.

In der Partie bekam Weiss schnell Oberwasser, aber es sah danach aus, als ob Kramnik wieder einmal den Sack nicht zumacht:


Hier sah Kramnik 25.Lxe6!, aber nach 25…fxe6 (25…Txd6 26.Lxh3!) erwog er nur 26.Td7 und das Endspiel nach Figurentausch auf f3. Stattdessen gewann 26.Td8! mehr oder weniger forciert - wegen der Fesslung des Tf8 kann Schwarz sich nicht auf f3 bedienen, und die weissen Springer können danach entscheidend ins Geschehen eingreifen.

Das war auch wenige Züge später nach 29…Sc8? der Fall - Kramnik war sich sicher, dass es einen simplen Gewinn gibt, aber er konnte ihn nicht finden. Er lag richtig: 30.Sh4! war ‌der Zug, eine spektakuläre Fortsetzung wäre 30…Dxf2 31.Sg4!! Dxe2 (31…hxg4 32.Dxg4 verliert prosaisch) 32.Sh6+ Kh8 33.Sxg6# Dann wäre es wirklich der Tag der Springer in Groningen!

Ein hübsches Damenopfer in Kramnik-Matlakov!

Stattdessen nun "Rentnerschach" von Kramnik, der mit schlauen Wartezügen Matlakov weiter unter Druck setzte. Maxim war in grosser Zeitnot, aber fand Gegenspiel. Da Vladimirs Bedenkzeit ebenfalls knapp war, blieb die Partie auf Messers Schneide bis Kramnik das bunte Treiben mit 39.Rf7! endlich beendete:

Kramniks Plan für den Ruhetag nach diesem Drama? “Einfach schlafen, vor allem im Bett bleiben!”

Carlsen wollte Fahrrad fahren, auch wenn bei Redaktionsschluss nur Henrik Carlsen dabei beobachtet wurde! 

Nach diesem Sieg hat Kramnik einen halben Punkt Rückstand, während Giri, Carlsen und Mamedyarov mal wieder den ersten Platz teilen mit beeindruckenden +4:


Nach dem Ruhetag ist die Schlüsselpartie am Freitag Mamedyarov-Carlsen, sowohl für das Turnier als auch für die Live-Eloliste. Derzeit führt Carlsen (mit klassischer Bedenzkeit) deutlich - fünf Siege für ihn, einer für Mamedyarov aus dem Jahr 2008. Mamedyarov erwähnte allerdings, dass Giri gegen Kramnik auch eine schreckliche Bilanz hatte und in diesem Turnier gewann - alles ist möglich!

Immer noch ein Zweikampf

Auch in der Challenger-Gruppe Freitag die Schlüsselpartie am Freitag, da Vidit and Anton Korobov nach jeweils Remis in Runde 10 weiterhin gemeinsam führen. 

Sie haben immer noch 1,5 Punkte Vorsprung auf den Rest - neu auf dem geteilten dritten Platz Dmitry Gordievsky nach Sieg gegen Benjamin Bok und nach zu Beginn 0/2 Matthias Bluebaum. Ausserdem weiterhin ‌Bassem Amin und ‌Jorden van Foreest, die gegeneinander Remis spielten. Bluebaum verhinderte brutal den zweiten Anlauf von Lucas van Foreest auf den GM-Titel (tags zuvor brauchte er nur ein Remis und verlor, nun brauchte er einen Sieg):


35.Txf6! beendete die Partie, da Weiss nach 35…Txf6 36.Dd7+ das Matt nur verzögern kann. 

Kann Magnus am Wochenende ein Meisterwerk produzieren, und sein erstes Rundenturnier mit klassischer Bedenkzeit seit Juli 2016 gewinnen? | Foto: Tata Steel Chess

Neben den bereits erwähnten Schlüsselpartien haben Giri und Kramnik schwere Aufgaben mit Schwarz gegen Caruana und Karjakin. Anand hat dagegen Weiss gegen Hou Yifan und will sicher noch in das Rennen um den Turniersieg eingreifen. Livekommentar (auf Englisch und Spanisch) ab 13:30 MEZ: Masters | Challengers 

Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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