Berichte 25.01.2016 | 11:11von Colin McGourty

Tata Steel 2016, Runde 8: Navara stoppt Caruana

Magnus Carlsen liegt vor dem letzten Ruhetag des Tata Steel Masters allein in Führung. David Navara zeigte gegen Fabiano Caruana brillante Endspieltechnik und leistete mit seinem Sieg Schützenhilfe für den Weltmeister. Carlsen erreichte gegen Sergey Karjakin ein schnelles Remis, während die vier anderen Remis durchaus dramatisch verliefen. Den zweiten Sieg des Tages feierte Loek van Wely, der mit der Najdorf-Variante riskant spielte, Hou Yifan damit aber vor zu große Probleme stellte.

Magnus bekam am Sonntag Schützenhilfe | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite 

Obwohl die Ergebnisse mit relativ wenig entschiedenen Partien dies nicht ausdrücken, ging es in Runde 8 hoch her:

Die letzte Partie dauerte sieben Stunden, und Jan Gustafsson und Peter Svidler hielten in ihrer Live-Show für chess24 bis zum Ende durch. Hier könnt ihr sie euch noch einmal anschauen:

Die mit der größten Spannung erwartete Partie endete mit einer leichten Enttäuschung. 

Die Fotografen scharen sich um die Partie Karjakin-Carlsen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Carlsen hatte zuvor drei Partien in Folge gewonnen und scheute sich nicht im Spanier die Fianchetto-Variante zu wählen, in der er dann das „dümmliche“ (Jan Gustafsson) 11…Sg8!? zog.


Mit diesem bisher kaum gespielten Zug bereitete er 12…Lh6 mit Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer vor. Gegen diesen Plan fand Sergey Karjakin kein wirksames Gegenmittel. Bis zum Remisschluss im 31.Zug verlief die Partie völlig ausgeglichen.

Karjakin teilte Evgeny Surov nach der Partie eine der vielen Schwierigkeiten mit, die man hat, wenn man gegen den Weltmeister antritt.

Ehrlich gesagt, hatte ich im Hinblick auf die Eröffnung keine Ahnung, was mich erwarten würde. Aus diesem Grund machte ich meinen Rechner auch erst eineinhalb Stunden vor der Partie an. Es erscheint mir nicht besonders sinnvoll, mich zu sehr vorzubereiten und mir das Hirn vollzuballern. Ich schaute mir zwar einige Varianten noch einmal an, unterm Strich hielt ich es aber für wichtiger, einen wachen Geist zu haben.

Die beiden anderen Partien, die für den Gesamtstand wichtig waren, waren Theorieschlachten und spielten damit unserem Kommentatorenteam perfekt in die Hände.

Man sieht Wei Yi nicht oft lachen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Zunächst wählte Wei Yi eine spektakuläre Variante der Grünfeld-Verteidigung gegen seinen Landsmann Ding Liren, in der über das ganze Brett verteilt Material opferte. Der dramatische Höhepunkt war mit 20…Dh4+ erreicht:


Ding Liren dachte fast 26 Minuten nach, ehe er den Stier mit dem kritischen Zug 21.g3 bei den Hörnern packte, während Wei Yi auch die Züge 21…Sxg3 22.Lf2 Dh3 herunterblitzte. Der letzte Zug war alles andere als offensichtlich, da auch der Computer 22…Txb2 als besten Zug anzeigt. Bluffte Wei Yi tatsächlich, tat er dies sehr überzeugend, denn nach 23.Lxg3 Tec8 24.Lf1 Dg4 wiederholte Ding Liren die Züge und willigte ins Remis ein.

Peter Svidler, der zu dieser Eröffnung den definitiv besten Leitfaden produziert hat, war tief enttäuscht, dass er nicht verfolgen konnte, was Wei Yi im Sinn hatte. Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als die Partie auf chess24 nachzuspielen und verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. 

David Navara verdiente sich den Applaus nach der Partie voll und ganz | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Jan Gustafsson erlebte derweil, wie David Navara seiner Empfehlung 4.Dc2 gegen den Nimzo-Inder folgte. Jan bezeichnete die Stellung “langweilig, aber genau so, wie ich es mag!“ Plötzlich jedoch wurde es spannend. Fabiano Caruana spielte 24…e5, vermutlich weil er meinte, dass 25.fxe5 nicht gehe – aber David spielte den Zug ohne Zögern!


Nun gewann 25…Lg4 die Qualität, doch obwohl Navara hinterher meinte, er hätte sich verrechnet, hatte er die gewünschte Stellung erreicht und spielte 26.e6+! Kg6 27.Le4+... Hätte Caruana 27…Kh6 gespielt, hätte der Tscheche erst nachweisen müssen, dass er volle Kompensation hatte. Doch nach 27…f5?! 28.e7! stand Weiß tatsächlich leicht besser.

Der wie üblich bescheidene Navara hatte anschließend das Gefühl, sein Gegner sei “vermutlich müde” gewesen und habe “untypisch ungenau” gespielt, doch Peter Svidler bezeichnete die weitere Partiefolge als eine der besten Endspielleistungen, die er seit langem gesehen habe. Die letzten Züge waren einfach nur bildschön, nachdem Caruana mit 49…Txg3? den letzten Fehler begangen hatte:


Es folgten drei Bauerndurchbrüche in Folge! 50.a5! bxa5 51.c5! Kd8 52.h5!!, und nahm damit dem Turm das lebenswichtige Feld g6. Die Partie war entschieden, und Caruana gab drei Züge wegen eines Matts in drei Zügen auf. Mit 2799,9 (!) war er wieder am Überschreiten der Marke von 2800 gescheitert.

Navaras Einschätzung der Partie sollte man sich nicht entgehen lassen:

In der anderen entschiedenen Partie kam ein klassischer Najdorf-Sizilianer mit Angriff auf beiden Flügeln aufs Brett. Hou Yifan griff allerdings fehl, als sie auf das Opfer des g4-Bauern nicht 15.e5! folgen ließ (“man muss so spielen, komme, was wolle” – Svidler) und dann in Zeitnot eine Rettungschance ausließ:


26.e5! dxe5 27.Sc5!!, mit der Idee, dass die Dame auf d7 Schach geben kann und der Läufer f6 fällt. Hou Yifan verpasste eine weitere Rettungschance (27.Lxe6!!), wonach Loek van Wely alle seine Figuren um den gegnerischen König versammelte und den ganzen Punkt einfuhr.

Loek sprach hinterher über seine Partie:

Die anderen Partien endeten remis, davon eine sehr schnell. Wesley So opferte gegen Shakhriyar Mamedyarov einen Springer, wusste aber, dass er auf jeden Fall Dauerschach haben würde. Leider ging nicht mehr, sodass So nach seinem Sieg in der 1.Runde nun sieben Remis in Folge auf dem Konto hat.

Zwei starke Verteidiger - Anish Giri und Ajax-Spieler Joël Veltman | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Die beiden anderen Remis dauerten deutlich länger, wobei Anish Giri seinen dritten Sieg in Folge anstrebte, gegen Evgeny Tomashevsky aber nicht den entscheidenden Durchbruch schaffte und nach 57 Zügen ins Remis einwilligen musste. Pavel Eljanov derweil ließ sich von seiner Niederlage gegen Magnus Carlsen nicht beirren und versuchte alles, um Michael Adams zu besiegen. Und das obwohl er eine laut Jan Gustafsson “sehr ruhige Variante der Berliner Verteidigung gewählt hatte“.

Leidenschaftlicher Kampf zwischen Adams und Eljanov | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Lange Zeit sah alles nach einem Remis aus, und obwohl die Partie tatsächlich so endete, bezeichnete sich Eljanov hinterher “als moralischen Sieger“. Was bringt einem das aber, wenn die Partie remis ausgeht? Der Ukrainer gab jedenfalls alles und nahm dem Weißen alle Damenflügel ab.

Der entscheidende Moment der Partie kam im 63.Zug:


Nun war 63…Txh7! der Zug der Züge, da die schwarzen Bauern nicht zu halten sind, wenn Weiß den Läufer schlägt. Stattdessen spielte Eljanov das natürliche 63…Bf5?!, wonach Weiß beginnend mit 64.Sd5+! einige brillante Züge vom Stapel ließ, mit denen er die gegnerischen a- und b-Bauern gewann und nur noch den Doppelbauer auf der c-Linie übrigließ. Der Ukrainer hatte immer noch Chancen, der englischen Nummer 1 die vierte Niederlage zuzufügen, doch das Remis belohnte beide Spieler für eine tolle Partie.

Fünf Runden vor Schluss reichte Carlsen also ein Remis, um erstmals die alleinige Führung in Wijk aan Zee zu übernehmen:

Auch bei den Challengers verlief die Runde mit zwei entschiedenen Partien recht ruhig. Erwin l’Ami hätte mit einem Sieg gegen den führenden Adhiban das Gefüge durcheinanderbringen können, doch er verpasste seine Chance (aber die Schach-App ist toll):

"Dass ich 45.Txf6 Kxf6 46.d6 und 47.d7 nicht fand, zeigt die Qualität meines Spiels in diesem Jahr!"

Anne Haast gewann gegen Nino Batsiashvili überzeugend ihre zweite Partie in Folge, doch erregte eine andere Partie mehr Aufmerksamkeit bei uns...

Anna "Miss Strategy" Rudolf trifft auf Sopiko "Miss Tactics" Guramishvili! Die Partie endete remis, wodurch Anna weiterhin mit 2,5/3 an der Spitze liegt, und Sopiko 50% hat | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

Heute ist Ruhetag, aber keine Angst! Unserer beiden Star-Kommentatoren treten zum Geschwätzblitz gegen chess24-Premium-Mitglieder an:

Am Dienstag geht es dann ab 13.30 Uhr mit dem Live-Kommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson in Wijk aan Zee weiter!

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