Berichte 01.02.2016 | 12:38von Colin McGourty

Tata Steel 2016, Runde 13: Carlsen zum fünften Mal Turniersieger!

Magnus Carlsen im Interview nach seinem überzeugenden Sieg beim Tata Steel Masters 2016 | Foto: Fiona Steil-Antoni 

Magnus Carlsen hat den Rekord von Vishy Anand eingestellt und das Super-Großmeisterturnier von Wijk aan Zee zum fünften Mal gewonnen. Der aktuelle Weltmeister brauchte dafür mit neun Jahren aber nur halb so lang wie sein Vorgänger. Carlsen ging am Sonntag sehr professionell vor und erreichte gegen Ding Liren rasch eine Stellung, die nur noch er gewinnen konnte. Schließlich endete die Partie nach 99 Zügen aber remis, wodurch Fabiano Caruana noch den geteilten 1.Platz hätte erreichen können, von Evgeny Tomashevsky aber vernichtend geschlagen wurde. Caruana wurde trotz der Niederlage mit Ding Liren geteilter Zweiter, während Adhiban nach dramatischem Verlauf das Challengers-Turnier gewann.

In der letzten Runde des Tata Steel Masters wurde noch einmal hart gekämpft, außerdem kam es zu einer Kuriosität. Bei Carlsen-Ding Liren und Adams-So stand nach 21 Zügen dieselbe Spanisch-Stellung auf dem Brett, ehe sich die Wege trennten. Alle Partien samt Computeranalyse könnt ihr euch hier ansehen (einfach mit dem Selektor auswählen):

Und zum letzten Mal konntet ihr den brillanten Live-Kommentar mit Peter Svidler und Jan Gustafsson verfolgen – hier die letzten sieben Stunden live aus Wijk aan Zee:

In unserer Turniervorschau hatten wir das Teilnehmerfeld in fünf Kategorien unterteilt. Schauen wir uns an, was dabei herauskam:

1. Magnus Carlsen

Carlsen sicherte seinen Sieg mit einer kontrollierten Partie gegen Ding Liren ab | Foto: Fiona Steil-Antoni

Magnus zeigte einmal mehr, dass er einen Sonderstatus einnimmt. Ohne sich zu überanstrengen gewann er fünf Partien, verlor keine, verbesserte seine Elo auf über 2850 und landete einen ganzen Punkt vor dem restlichen Feld: 

In der Pressekonferenz nach dem Turnier erklärte Magnus, dass er froh sei, die durchwachsene Phase gegen Ende 2015 überwunden zu haben:

Nach den letzten Turnieren ging es vor allem darum, mein Spiel auf die alte Stärke zu bringen… Ich bin froh, dass ich wieder gut spielte und ich wieder ein gutes Gefühl für mein Spiel habe, nachdem es vorher doch recht chaotisch war. Spiele ich gut, ist auch meine Elo gut, daher mache ich mir darüber keine großen Gedanken. 

Er wurde gefragt, ob er in Turnieren versuche, "unsterbliche Partien" zu spielen:

Das würde ich schon gern, wenn ich könnte! Offen gestanden habe ich dieses Jahr keine besonders brillanten Partien gespielt. Mir geht es vor allem ums Ergebnis. Ich möchte wirklich sehr gern brillante Partien spielen, aber die Ergebnisse sind wichtiger, und ich spiele bestimmt nicht für die Galerie!

Mit ein wenig gutem Willen könnte man aber schon sagen, dass Magnus’ Siege gegen Pavel Eljanov und Evgeny Tomashevsky ziemlich genial waren...

...aber die turnierentscheidende Partie war zweifellos das Duell mit Loek van Wely. Nach vier Remisen zu Beginn zockte Carlsen deutlich mehr, als er sich das vermutlich vorgestellt hatte. In Zeitnot verpasste LvW den Gewinn, verlor die Partie und Carlsen hatte damit die Initialzündung für drei Siege in den nächsten vier Partien geschafft. Seine Erklärung:

Mein letztjähriges Ergebnis gab mir die Zuversicht, wieder so abschneiden zu können. Entscheidend ist, irgendwann einen Lauf zu bekommen. Dabei spielt es keine große Rolle, wann dieser beginnt.

Für Carlsens Titelverteidigung in diesem Jahr spricht, dass sein gesamtes Spiel incl. Eröffnungsvorbereitung einen starken Eindruck hinterlässt. Jan Gustafsson merkte in seinen Kommentaren an, dass Carlsen auf einmal deutlich mehr Theorie, dabei aber immer noch unvorhersehbar spiele… selbst für seine Sekundanten, Peter Heine Nielsen:

Ich denke immer – wenn er nicht weiß, was ich spiele, weiß es mein Gegner mit Sicherheit auch nicht, und wenn ich es selbst nicht weiß, ist es sogar noch besser. Dann kann mein Gegner auf keinen Fall darauf kommen.

Hier die gesamte Pressekonferenz:

2. Die Kandidaten: Giri, Caruana, Karjakin, Hou Yifan

Die für diese Spieler wirklich wichtigen Turniere finden im März statt, und es gab tatsächlich einige klare Indizien, dass sie sich auf ihr Spiel auswirkten. Dennoch verlief das Turnier für sie so unterschiedlich, dass man unterscheiden muss:

Fabiano Caruana, 8/13, geteilter Zweiter

Fabiano Caruana kehrte zu seinem alten Stil zurück und machte in jeder Partie Druck | Foto: Fiona Steil-Antoni

Nach seinen neun Remis in London zeigte Fabiano dieses Mal wieder, dass er ein ernster Kandidat für den WM-Titel ist. Er gewann zwei seiner ersten drei Partien und holte insgesamt fünf Siege (darunter ein für ihn seltener Sieg in der Najdorf-Variante):

"Carlsen dominiert, Anand überrascht, Caruana gewinnt mit Najdorf."

Während Carlsen seine Punkte vor allem gegen die Spieler vom Tabellenende holte, schlug Caruana drei Spieler (Ding Liren, Eljanov und Wei Yi) aus der oberen Hälfte. Vor der letzten Runde hatte er noch gute Chancen, Carlsen einzuholen, und erhielt sogar nach seiner Niederlage ein Lob von Peter Svidler:


16…d3! hätte ein schlechteres Endspiel forciert, das Caruana vermutlich hätte halten können, doch ein Remis hätte nicht für den 1.Platz gereicht. Daher spielte er 16…Da2!? und erzeugte damit ein Chaos, aus dem Schwarz hätte als Sieger hervorgehen können. Am Ende hielt Tomashevsky dem Druck aber Stand und gewann die Partie im Endspiel, aber zumindest hat Caruana nun eine wichtige Erfahrung gesammelt, wenn es im Kandidatenturnier zu einer ähnlichen Situation kommt.

Caruana musste nach seiner unnötigen Niederlage gegen David Navara derartige Risiken eingehen. Svidler fasste zusammen:

Ja, er hat heute verloren und dadurch verpasste er den alleinigen 2.Platz und die Chance auf den geteilten 1.Platz, aber unterm Strich spielte er meiner Meinung nach sehr stark! Gegen David Navara hatte er einen schwarzen Tag. In einem Interview gab er an, dass er sich an diesem Tag „miserabel“ gefühlt habe und das wirkte sich vermutlich auf sein Spiel aus.

Anish Giri, 7/13, geteilter Vierter

Giris Turnier fing mit einer Niederlage gegen Wesley So in der ersten Runde mies an. Angesichts einiger sehr schlechter Stellungen – nicht zu vergessen das Endspiel gegen Hou Yifan in der letzten Runde, das bis zum 70.Zug verloren war – ist es erstaunlich, dass er nur diese Partie verlor. Svidler meinte:

Anishs Turnier verlief offen gestanden recht merkwürdig, aber obwohl er mit seinem Spiel sicher selbst auch nicht zufrieden war, landete er bei +1 und zeigte, dass er einer der stabilsten Spieler ist.

Oder wie Giri es ausdrückte:

"Verbrachte den halben Januar damit, mich zu verteidigen, aber immerhin meist erfolgreich. Kein tolles, aber ein sehr motiverendes Ergebnis."

Sergey Karjakin, 6/13, Neunter

Sergey hatte vorher gesagt, dass er das Turnier als Training ansehe, dabei aber auch ein Ziel angegeben: 

Ich bin zufrieden, wenn ich am Ende mindestens Dritter werde.

Sein Endergebnis war deutlich schlechter, wobei er eine Partie gegen Evgeny Tomashevsky gewann und gegen Ding Liren und Mickey Adam verlor und insgesamt eine glanzlose Vorstellung ablieferte. Magnus kritisierte:

Ich war immer der Meinung, dass ein wichtiges Turnier wie das Kandidatenturnier keine Ausrede für schlechtes Schach ist. Man kann einige Eröffnungen zurückhalten, wie es sicher geschah, aber man kann dennoch sehr gut spielen. Spieler wie Anish und Sergey Karjakin waren mit ihrem Spiel sicher nicht zufrieden. Sie spielten sicher nicht ihre Eröffnungen, aber sie spielten dennoch nicht gut.

Drauf an kommt es dennoch im März.

Hou Yifan, 5/13, geteilte Zwölfte

Zum ersten Mal landete Hou Yifan in Wijk aan Zee auf dem geteilten letzten Platz. 2013 holte sie 5,5 Punkte und damit mehr als Caruana, L’Ami und Sokolov, während sie letztes Jahr gleich viele Punkte wie dieses Mal holte, damit aber Saric, Van Wely und Jobava hinter sich ließ. 

Hou Yifan erreichte zum Schluss fast das, was Magnus noch nie geschafft hat: ein Sieg gegen Anish Giri | Foto: Fiona Steil-Antoni

Trotz des letztlichen Ausgangs kann sich Weltmeisterin Mariya Muzychuk vor dem bevorstehenden WM-Kampf nicht besonders wohlfühlen. Hou Yifan hätte locker mehr Punkte holen können, nachdem sie in den ersten beiden Runden gegen Karjakin und So auf Gewinn stand, eine Remisstellung gegen Magnus verlor und in der letzten Runde fast Giri bezwang. Sie war bei den Elitespielern alles andere al sein Fremdkörper und sollte neben dem erneuten Erringen des WM-Titels als nächstes Ziel das Überschreiten der Marke von 2700 anstreben. 

3. Die neue Generation: So und Ding Liren

Wie in unserer Vorschau erwähnt, bot das anstehende Kandidatenfinale diesen beiden Spielern die Chance, sich auszuzeichnen. Ding Liren gelang dies mit dem erneuten 2.Platz wie im Vorjahr und einer reifen Leistung. Nach seinen sieben Siegen und drei Niederlagen 2015 schaffte er dieses Mal vier Siege, verlor aber nur gegen Caruana und drang so unter die Top Ten vor.

Wieder eine stocksolide Vorstellung von Wesley So, der beim Tata Steel Masters 2016 wenig auffiel | Foto: Fiona Steil-Antoni

Wesley So dagegen gewann in Runde 1 und spielte danach 12mal remis, ohne dass irgendeine Partie besonders auffiel. +1 ist in einem solchen Feld nie schlecht, aber irgendwie schien mehr drin.

4. Erfahrung: Eljanov, Mamedyarov, Adams, Navara, Tomashevsky, Van Wely

Das Abschneiden dieser sechs Spieler war in etwa so, wie wir es erwartet hatten. Niemand war stabil genug, um um den Sieg mitzuspielen  (außer Shakhriyar Mamedyarov verloren alle mindestens drei Partien), aber jeder hatte zumindest einige helle Momente, denn sogar Mickey Adams und Evgeny Tomashevsky gewannen am Ende noch eine Partie. Evgeny meinte nach seinem Sieg gegen Caruana:

Ich muss darüber nachdenken, was mit meinem Spiel in den letzten Turnieren schieflief, denn ich spielte deutlich schlechter, als ich es kann, und verlor viele Elopunkte.

Mamedyarov verlor zwei Partien und hätte alleiniger Zweiter werden können, wenn ihm nicht der Patzer des Turniers unterlaufen wäre:


38.c5???? Dxb1 Das war die Wende für Pavel Eljanov, der gegen die ersten Drei verlor, gegen den Rest aber +4 holte. Sein Fazit:

Ja, ich denke, mein Ergebnis ist sehr gut, aber mit der Qualität meines Spiels kann ich nicht zufrieden sein. In einigen Partien spielte ich sehr schlecht – zum Beispiel gestern gegen Ding Liren. Dennoch waren viele Kampfpartien darunter, und war ich wohl der Spieler mit den meisten entschiedenen Partien. Unterm Strich bin ich zufrieden. 

David Navaras drei Niederlagen bei nur einem Sieg waren kein angemessener Lohn für derart begeisterndes Schach, was gut dazu passte, dass er den Vugar Gashimov-Fairplay-Preis gewann. Er bestätigte den Grund, für den er den Preis bekommen hat, sagte aber gleichzeitig, dass er ihn nicht verdient habe

Vugar Gashimovs Bruder Sarkhan überreichte die Preise an David Navara und Jorden van Foreest | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Facebookseite

5. Wei Yi

Bleibt noch Wei Yi. Das 16-jährige Wunderkind aus China brannte in Wijk aan Zee kein Feuerwerk ab, sondern verteidigte sich meist zäh. Er verlor gegen Caruana, hielt aber gegen den Weltmeister remis. Bedenkt man, dass Magnus Carlsen in Wijk aan Zee im selben Alter vier Partien verlor und keine gewann, sind Wei Yis 50 Prozent durchaus beeindruckend. 

Wei Yi ließ sich bei seinem ersten ganz großen Turnier nicht einschüchtern | Foto: Fiona Steil-Antoni

Ein glänzender Angriffssieg gelang ihm zudem auch:

Die 79. Ausgabe des Tata Steel Schachfestivals steht bereits fest, sie wird vom 13. bis 29. Januar 2017 stattfinden. Das freut den Inder Baskaran Adhiban, der sich mit seinem Sieg bei den Challengers für das Masters qualifizierte. Er wurde mit 9/13 geteilter Erster, nachdem er in Runde 11 und 12 zwei Verluststellungen überlebte... 

Sein Sieg war gleichwohl verdient. Er legte mit fünf Siegen in den ersten sieben Runden wie die Feuerwehr los und schlug dabei auch die Spieler, die mit ihm auf dem geteilten 1.Platz landeten: Aleksey Dreev and Eltaj Safarli. Adhiban ist mit seinem scharfen Spiel ein willkommener Gast bei den Masters!

Der 23-jähirge Adhiban kann sich schon einmal auf Magnus Carlsen vorbereiten! | Foto: Fiona Steil-Antoni

Das war's mit Tata Steel 2016!

"Und die Sieger heißen Magnus Carlsen und Adhiban!"

Natürlich gibt es aber noch viel mehr Schach. Beim Tradewise Gibraltar Masters sind noch vier Runden zu spielen - live auf chess24, und auch das  Moskau Open ist sehr stark besetzt.

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