Berichte 18.01.2015 | 11:02von chess24 staff

Tata Steel 2015 R7: Carlsen holt Ivanchuk ein

Magnus Carlsen gewann seine vierte Partie in Folge und leistet Vassily Ivanchuk nun auf der Spitzenposition des Tata Steel Masters Gesellschaft, nachdem das harte Programm sich auf die Spieler auszuwirken schien. Carlsen gab zu, dass sein Sieg gegen Weltmeisterin Hou Yifan nicht sein "bester Tag" war, aber vielleicht war es der einzige Sieg, den man als logische Konsequenz des vorhergehenden Spiels bezeichnen kann. Van Wely, Wojtaszek, Ivanchuk, Giri, So und Caruana konnten alle angeben, dass sie große Vorteile entgleiten ließen, während  Ivan Saric 7 Minuten brauchte, um eine Hilfsmattlösung gegen Maxime Vachier-Lagrave zu finden.

Es sitzen sich nicht jeden Tag zwei amtierende Weltmeister an einem Schachbrett gegenüber | Foto: Tata Steel Chess Facebook 

Ergebnisse von Runde 7 Tata Steel Chess


Beginnen wir mit der Partie, die schon vor Tagesbeginn die meiste Aufmerksamkeit erhielt: Magnus Carlsen – Hou Yifan. Angesichts der merkwürdigen Laune des Schicksals, dass Hou Yifan den Titel an Anna Ushenina verloren hatte, als sie im Januar 2013 in Wijk aan Zee gegen Viswanathan Anand spielte, war dies ein seltenes Aufeinandertreffen zwischen dem amtierenden Weltmeister und der amtierenden Weltmeisterin:

"‌Carlsen-Hou! Die letzte klassische Partie zwischen amtierenden Weltmeistern war Ponomariov-Zhu Chen 2002 (0-1). Unangefochten: Gaprindashvili-Spassky 1971 (0-1)."

Es war natürlich zusätzlich spannend, zu sehen, ob Magnus Carlsein seine Gewinnserie auf vier Partien ausweiten könnte - später kam heraus, dass er das seit 2009 nicht mehr getan hatte (der Typ sollte mehr Opens spielen! ). Jan Gustafsson hat der Partie wieder die verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen:

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Hinterher gab Magnus ein kurzes Interview, in dem er seine Spielweise kritisierte, aber auch sagte, er sei von der Herangehensweise seiner Gegnerin nicht überzeugt gewesen:

Ich finde, sie spielte zu passiv, aber irgendwann wurde sie dann beharrlich und fing an, zu verteidigen. Es wäre vielleicht genug gewesen, wenn sie am Ende ihre Chance gefunden hätte.

Das spiegelte auch die Meinung des englischen, mehr oder weniger pensionierten Großmeisters Matthew Sadler, der standhaft fand, der passive Ansatz sei nicht der richtige Weg, Carlsen anzupacken - "irgendwann kriegt er dich!"

Sadler kam zur Live-Show mit Yasser Seirawan hinzu und gab uns einen tollen Einblick in die Denkweise von Großmeistern:

Wenn dir Sadlers Analyseart gefällt, gefallen dir bestimmt auch ein paar seiner Videoreihen für chess24, einschließlich der Geheimnisse von Spitzenschach, bei denen Sadler versucht, seine Gedanken beim Anschauen der Partien ohne Unterstützung durch den Computer auszudrücken, anstatt gleich zu einem vorschnellen, "objektiven" Urteil zu kommen.

In der Live-Show sprach Sadler auch über diese Themen, wie z.B. die Verteidigung trostloser Turmendspiele, dass er es nicht bereut, mit dem Schachspielen aufgehört zu haben - die Qualen, die viele Spieler am Samstag durchlitten, schienen seine Argumente zu unterstreichen!

Der Fehltritt des Tages

Es gab viel Konkurrenz, aber kein Ergebnis war so klar und plötzlich wie Ivan Saric-Maxime Vachier-Lagrave. Nach einem großen Kampf hatte Ivan nur einen einzigen Zug, um gegen Maxime Vachier-Lagrave ein Remis zu erzielen: 31.Dc1. Stattdessen schüttelte er nach etwas Nachdenken und ohne Zeitnot 31.Td2?? aus dem Ärmel.


Weiß hat alles im Griff? Nicht wirklich... 31…axb2+ 32.Kb1 Da2+!! Saric gab lieber auf, als sich für ein Matt zu entscheiden – zum Beispiel: 33.Kxa2 b1D+ 34.Ka3 Db3# Hinterher erklärte Maxime jedoch, dass es einige Zeit gedauert hatte, bis er den Gewinnzug selbst entdeckt hatte - er besprach auch die restliche Partie und kommentierte die Ereignisse auf den anderen Brettern:

Dramatische Wendung

Es war einfach einer von diesen Tagen für die polnische Nummer Eins | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Man kann sich darüber streiten, wer in Runde 7 am meisten litt, Radek Wojtaszek oder Loek van Wely.

Radek war vielleicht bis jetzt der Mann des Turniers, vor allem da Siege gegen Carlsen und Caruana im selben Event etwas sind, das nicht einmal Carlsen oder Caruana schaffen  Aber am Samstag traf er auf seinen alten Erzfeind, Baadur Jobava. Wojtaszek wurde von Jobava aus dem World Cup 2011 geschmissen, verlor 2012 gegen ihn ein Trainingsmatch mit 8 Partien (5:3) und eine schmerzhafte Miniatur in der B-Gruppe des letztjährigen Tata Steel-Turniers (Rustam Kasimdzhanov unterstützte seinen ehemaligen Mitsekundanten von Vishy Anand, indem er die Partie kommentierte!). Würde es einen Unterschied machen, dass im Gegensatz zu letztem Jahr Jobava diesmal nur einen Score von 0,5/6 hatte? Die Antwort war ein dröhnendes Nein.

Jobavas Formel in allen vorherigen Partien gegen Wojtaszek war es gewesen, ihn um jeden Preis in wilde taktische Stellungen zu manövrieren. Er schaffte das heute auch, obwohl es wie immer damit einherging, dass er objektiv geringerwertige Varianten spielte. 

Hier sorgte er für Unruhe mit 21…Sfg4!?:


Jobava spielte jedoch nicht nur die Züge, er spielte auch gegen den Spieler und haute seine Reaktionen innerhalb von Sekunden heraus, ungeachtet des Chaos auf dem Brett. Obwohl Wojtaszek fast eine Stunde hinterher war, schaffte er es fast, den Drahtseilakt zum Endspiel zu gehen, stolperte jedoch schließlich:


Wenn Weiß hier die schwarze Dame mit dem Turm nimmt und den e4-Springer überdeckt, ist es wahrscheinlich, dass er noch auf zwei Ergebnisse spielen könnte. Stattdessen folgte auf 28.Lxd4? der natürlich sofort gespielte Zug 28…Sxh2!. Die Stellung war bei weitem noch nicht verloren, aber Wojtaszek gelang es nicht, sich anzupassen, er spielte immer ungenauer, bis er zwei Minusbauern und keine bessere Option mehr hatte, als im 37. Zug aufzugeben.

Loek van Wely wollte seine Partie wohl auch schnell vergessen. Das passiert uns aber allen. Levon Aronian erwähnte einst, dass seine schlimmste Niederlage eine Partie bei Wijk aan Zee 2006 gegen Loek war, und fügte hinzu, "Ich konnte erst um sechs Uhr morgens einschlafen, nachdem ich aus Frust "Das siebente Siegel" von Ingmar Bergman angeschaut hatte".

Loek van Wely konnte dagegen zumindest einen Teil seiner Partie genießen… er überspielte seinen chinesischen Gegner Ding Liren, bekam nicht einen, sondern gleich zwei gefährliche Freibauern und hatte die Chance, den Kampf zu beenden:


38…Sxd3! wäre ein Killerzug gewesen, da 39.exd3 Txc3! 40.Lxc3 Txd3 absolut vernichtend ist. Wie du jedoch an der Anzahl der Züge sehen kannst, geschah dies im Vorfeld der Zeitkontrolle, und Loek spielte einfach 38…Sc6, um nicht beide b-Bauern zu verlieren, nachdem Weiß auf b3 nimmt. Er behielt die Oberhand, und es war eine Stellung, mit der er eigentlich nicht verlieren konnte… Aber leider ist im Schach alles möglich. Der letzte Fehler war zumindest subtil - 53…Ke6?


Die e-Linie war eine verbotene Zone, da Loek nach 54.Lxb4! den Läufer zurücknehmen und den b-Bauern opfern musste, den Dreh- und Angelpunkt seiner Stellung. Wenn der König zum Beispiel nach f6 gegangen wäre, hätte Schwarz 54...Txb4 spielen können, da man 55.Kd3 mit 55…Le1 begegnen kann. Schwarz würde natürlich den b-Bauern in eine Dame verwandeln, wenn der Läufer geschlagen werden würde. Aber mit dem König auf e6 ist 56.Txe1+ Schach und die Partie ist vorbei.

Drei unberechenbare Remis

Die anderen drei Partien endeten in Remis, aber die einzige, die einem ruhigen Aufeinandertreffen ähnelte, war So – Radjabov. Die Damen wurden mit Zug 11 getauscht, und es schien unwahrscheinlich, dass So seine Kontrolle der d-Linie würde verwerten können. Radjabov wurde jedoch kurz vor der Zeitkontrolle vielleicht zu kreativ und es ist unklar, was er in dieser Stellung hätte tun können…


…wenn So 35.Ta7 gespielt hätte anstelle von 35.Lxe6. 35…axb3 ermöglicht 36.Tdd7! und dann geschehen böse Sachen auf der siebten Reihe, der philippinische Spieler hätte also einfach den a-Bauern nehmen können. Stattdessen war die Stellung bei Zug 40 vollkommen leblos und die Spieler beendeten das Ganze.

Der ehemalige und der aktuelle Favorit als Weltmeisterschafts-Herausforderer von Magnus Carlsen sehen in Wijk aan Zee beide nicht topfit aus | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Woanders war es nicht ganz so einfach. Aronian – Caruana wäre normalerweise die Partie des Tages gewesen, aber angesichts der Probleme beider Spieler – zumindest nach Caruanas perfektem Start mit 2/2 - wurde sie den Großteil der Runde lang in den Schatten gestellt. Es war jedoch sofort klar, dass Caruana wie in St. Louis eine außergewöhnliche Fähigkeit zu haben scheint, mit Schwarz die Initiative zu ergreifen. Er kam aus einer komplexen Spielpassage mit einem Mehrbauern heraus, aber wie in allen Partien in Wijk - ganz im Gegensatz zu St. Louis - hatte Fabiano große Zeitnot. Aronian fing an, zu zaubern, gewann den Bauern zurück und konnte sogar mit der berüchtigten, gefährlichen Kombination von Dame + Springer Druck ausüben... obwohl Caruanas normale Funktionsweise nach der Zeitkontrolle wieder einsetzte.

Und das war nur Ivanchuk vor Partiegewinn... | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Damit bleibt "nur" noch Giri – Ivanchuk, eine Achterbahn mit 102 Zügen. Nach der Partie gab Giri zu, dass seine Eröffnung schiefgelaufen war und er nicht erkennen konnte, was er nach 22…Dc6! in folgender Stellung tun konnte:


Stattdessen spielte Ivanchuk 22…Tac8, sodass er nur noch ein paar Minuten für 18 Züge hatte. Es war ein guter Zug, abgesehen davon, dass er keinen Bauern gewann! Er blitzte seinen Weg zur Zeitkontrolle, und hätte sich vermutlich, wenn er Caruana gewesen wäre, wieder konzentriert und das Damenendspiel mit Leichtigkeit bestanden. Stattdessen ließ der ukrainische Star die Dinge ausufern, bis Giri richtige Chancen auf einen Sieg hatte. Tatsächlich gewann er mathematisch, wie dir die Datenbanken sagen werden, obwohl sogar ein ganz normaler Computer aufgeregt wird. Die Notation zu 89…Db1 war interessant, denn 90.Dd6+ war anscheinend ein vielversprechender Zug:



90.Dd4 ließ 84.42 Bauern fallen… obwohl es sogar dann noch auf einen Sieg hinauslief:

‌"-Dieser peinliche Moment, wenn du einen Zug machst, der die Bewertung zu deinen Gunsten um 84,42 Bauern sinken lässt :) Giri - Ivanchuk

-90.Dd4 immer noch Matt in 50!"

Es ging aber darum, dass sowohl das Damen- als auch das Bauernendspiel trügerisch schwer sind und Giri selbst nicht an seine Chance glaubte:

Das Remis war ein normales, menschliches Ergebniss und bedeutet, dass Ivanchuk nun neben Magnus Carlsen an der Spitze des Feldes liegt.

1Ivanchuk, Vassily271552881
2Carlsen, Magnus286252907
3So, Wesley27622867
4Vachier-Lagrave, Maxime27572804
5Ding, Liren27322829
6Wojtaszek, Radoslaw274442808
7Giri, Anish278442811
8Caruana, Fabiano28202763
9Radjabov, Teimour27342726
10Aronian, Levon27972655
11Saric, Ivan26662644
12Hou, Yifan267322600
13Van Wely, Loek266722605
14Jobava, Baadur27272507

Giri konnte die Dinge dagegen positiv sehen:

‌"Angesichts der Tatsache, dass alle Niederländer verlieren, bin ich tatsächlich froh, dass ich dieses Endspiel bestanden habe."

An einem düsteren Tag für die Niederländer folgte nämlich auf Jan Timmans vernichtende Niederlage gegen David Navara eine ebenso vernichtende Niederlage gegen Wei Yi, der die Challengers mit David Navara anführt. Jans Schlussstellungen werden nicht besser!


Navara führt weiterhin punktgleich mit Wei Yi, nachdem er den jungen Niederländer Robin van Kampen besiegte, während Erwin l’Ami ein Gentleman war und Valentina Gunina einen Sieg ermöglichte, nachdem sie vier Mal in Folge verloren hatte. Ihr Landsmann, der Russe Vladimir Potkin gewann ebenfalls, natürlich gegen eine niederländische Spielerin, Anne Haast.

Navara erzielte bisher 5,5/7 und führt die Challengers zusammen mit Wei Yi an - er ist auch auf Platz 17 der Live-Weltrangliste aufgestiegen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

In der heutigen achten Runde wird Carlsen die Chance haben, fünf Siege in Folge zu verbuchen, wenn er gegen Jobava spielt. Wir können uns aber sicher sein, dass sie beide auf Gewinn spielen werden!

‌"Habe Jobava interviewt. Cooler Typ! 'Ich hasse Remis. Werde morgen gegen Magnus vollen Einsatz für einen Sieg zeigen.'"

Die Partien beginnen um 13:30 MEZ und können wie immer live hier auf chess24 verfolgt werden! Du kannst außerdem jede Partie der Masters und der Challengers über unsere kostenlosen Handy-Apps anschauen:

         

Siehe auch:


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