Berichte 23.01.2020 | 23:34von Colin McGourty

Tata Steel 10: Magnus gewinnt schon wieder, aber Fabiano führt

Magnus Carlsen hat nach einem, wie er es nannte, "ziemlich einfachen Tag" gegen Vladislav Kovalev drei Siege in Folge erzielt, aber Fabiano Caruana bleibt der einsame Spitzenreiter, nachdem er dem 16-jährigen Alireza Firouzja die zweite Niederlage in Folge zugefügt hat. Der einzige andere Sieger des Tages im Tata Steel Masters war Jeffery Xiong, der Vladislav Artemiev in einem trickreichen Endspiel überrumpelte. Der 24-jährige spanische GM David Antón überschritt nach seinem Sieg gegen Pavel Eljanov zum ersten Mal die 2700er-Marke und liegt damit im Rennen um die Qualifikation für das nächstjährige Masters in Führung.

Fabiano Caruana machte es wie Magnus und besiegte Alireza Firouzja, womit er drei Runden vor Schluss der alleine Spitzenreiter bleibt | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Alle Partien kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson:


Eine Zusammenfassung der Geschehnisse der zehnten Runde hat unser kanadischer GM Pascal Charbonneau in folgendem Video geliefert:

Carlsen 1-0 Kovalev: Angreifen ohne zu opfern - schon wieder!

Weltmeister Magnus Carlsen ist nun in 117 Partien des klassischen Schachs ungeschlagen. Aber wohl am nächsten an eine Niederlage kam er vermutlich in Partie Nr. 93, als er in Runde 4 des Grand Swiss auf der Isle of Man gegen Vladislav Kovalev antreten musste. Der weißrussische Großmeister hatte Weiß und landete in einer glatten Gewinnstellung, aber Magnus konnte sich in Zeitnot aus der unangenehmen Stellung herauswinden:

Unsagbares Drama, aber es scheint, dass Magnus Carlsen Vladislav Artemiev in größter Zeitnot entkommen ist!

Sollte es in Wijk aan Zee noch einmal so laufen? Die kurze Antwort lautete nein. 

Kovalevs zweite Partie gegen den Weltmeister lief nicht so gut wie die erste Partie | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Diesmal hatte Kovalev Schwarz und er kam in die Partie mit einem Rucksack von fünf Schwarzniederlagen und nur einem Sieg (und dieser aus Verluststellung heraus). Da Magnus plötzlich aber wieder in die Spur gefunden hatte, standen die Vorzeichen schlecht für Kovalev. Alles begann schief zu gehen, als Magnus ihn mit dem seltenen 7.Lf4 auf 6...h6 überraschte (7.Lh4 ist der bei weitem häufigste Zug, gefolgt von 7.Lxf6):


Im Anschluss sagte er:

Es ist nur eine etwas andere Variante. In einigen Varianten ist es ein Vorteil, den Bauern auf h6 zu haben, in einigen Varianten ist es ein Nachteil. Aber es zwingt ihn, selbstständig zu denken, und ich denke, es hat seinen Zweck recht gut erfüllt.

Vladislav dachte 12 Minuten lang nach über 7...c5 und später schien er mit 10...Sh5!? (statt z.B. 10...Da5, gespielt von Nodirbek Abdusattorov gegen Carlsens Sekundanten Daniil Dubov bei den letztjährigen Aeroflot Open) eine ernsthafte Ungenauigkeit zu begehen. Bald war Kovalev gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen, um die weiße Dame+Läufer-Batterie zu blockieren (15...f5!?). Über der schwarzen Position zogen alsbald dunkle Sturmwolken auf:


Die letzten beiden Partien machten den Anschein, als ob Magnus Werbung für seine neue Serie machen wollte…

... und zum dritten Mal in Folge war es ein perfektes Beispiel dafür, wie man eine überwältigende Position aufbauen kann, ohne Risiken eingehen oder dramatische Zugeständnisse machen zu müssen. Wie Magnus in der Serie erklärt, zählen ein oder zwei Bauern nicht, wenn es um Opfer geht, und hier bot 18.e4! einen Bauern an. Vladislav nahm ihn dann auch mit 18...Lxc3 19.bxc3! Dxa3!?, was objektiv gesehen ein schwacher Zug war, aber Peter Svidlers Zustimmung fand - wenn man eine so schreckliche Stellung wie Schwarz verwalten muss, kann man es auch für eine Gegenleistung tun!

Trotzdem hatte Magnus nach 20.exf5 exf5 21.Tfe1 zu Recht angenommen, dass er "völlig auf Gewinn stehen" sollte. Und das, was er als "prosaischen" Weg zum Sieg mit 23.Sh4 bezeichnete, war vielleicht die beste Option für diese Stellung, während die mögliche Verbesserung 24.Sg6!? nach der Partie keine Verbesserung war. Peter Svidler lag aber auch mit der folgenden Stellungseinschätzung nicht ganz falsch!

Verschiedene Züge, darunter 27.De4, waren sogar stärker als das Schlagen auf f6. Aber Magnus hatte eine forcierte Abwicklung im Sinn, die einfach eine Figur gewann. Am Ende konnte man spüren, dass Kovalev, nachdem Vitiugov und Firouzja in früheren Partien gegen Magnus vorzeitig aufgaben, sehr darauf bedacht war, nicht den gleichen Fehler zu machen. Aber dieses Mal hatte es wirklich keinen Sinn, gegen den Weltmeister mit einer Figur weniger weiterzuspielen!

Drei Siege in Folge für Magnus Carlsen mit "Angreifen ohne zu opfern"!

Der 3. Sieg in Folge bedeutet also, dass Magnus plötzlich wieder bei gesunden +3 steht, mehr oder weniger "Par" für ihn in Wijk aan Zee vor dem letzten Wochenende. Er beschrieb es als "einen ziemlich einfachen Tag, um ehrlich zu sein":

Das reichte aber nur für den alleinigen 2. Platz, denn die Nummer 2 der Welt, Fabiano Caruana, heizte dem 16-jährigen Wunderkind Alireza Firouzja am zweiten Tag in Folge ein.

Caruana 1-0 Firouzja: Das Kind spielt K.-indisch

Alireza Firouzja hat die Performance-Schallmauer von 2800 in Wijk aan Zee kurzfristig durchbrochen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Einige Spieler gehen nach einer schmerzhaften Niederlage in den Schadenskontrollmodus, aber zukünftige Champions neigen dazu, wieder zurückzuschlagen. Das war der Fall bei Firouzja, der nicht nur die Königsindische Verteidigung spielte, sondern mit 6...Sc6!? auch eine provokante Variante wählte. Das hat Fabiano bald beunruhigt:

Ich bin sehr zufrieden mit der Partie, wie es heute gelaufen ist. Er hat mich überrascht, und er hat in der Eröffnung sein Königsindisch sehr schnell gespielt. Er kannte die Stellung sicher besser als ich. Diese ...Sc6-Variante war mir völlig unbekannt, und ich mochte meine Stellung nicht besonders.

Aber Spieler wie Carlsen und Caruana haben jede Situation im Schach erlebt, und Fabiano entschied sich für etwas, das schließlich reichlich belohnt werden sollte, als er 14.g5 spielte!


Er nannte es "einen merkwürdigen Zug", "der ihn zwingt, ein sehr attraktives Opfer zu spielen", aber Fabiano fürchtete zu Recht, was passieren würde, wenn er sich für einen weniger konkreten Ansatz entschied und seinem Gegner erlaubte, einfach ...e6 zu spielen. Alireza nutzte die Chance und entschied sich für die Variante 14...Sfxe4!? 15.Sxe4 Lxd5 16.Sf6+ exf6 17.Dxd5 Te8 18.Sc2 fxg5 19.0-0-0 gxf4 20.Ld4 Lxd4 21.Dxd4:


Nun hatte sich der Staub gelegt, und Schwarz hatte vier Bauern für die Figur, aber wie Fabiano bemerkte, könnte man argumentieren, dass der verbliebene d-Bauer eher eine Belastung als eine Stärke ist:

Das Lustige ist, dass er, obwohl er vier Bauern hat, er seinen d-Bauern wirklich gerne loswerden würde, denn sobald er ihn losgeworden ist, bekommt er die d-Linie für seine Türme. Der d-Bauer selbst ging später nach d4 und wurde dort einfach blockiert. Seine Türme können deshalb seltsamerweise nirgendwo hingehen.

Danach brauchte es nur noch einen falschen Zug. Beginnend mit 30...Kf8?! wurde die schwarze Stellung kritisch:


31.h4! war ein kleiner Anrempler, der das gesamte Gebäude der Stellung von Schwarz zum Einsturz brachte. 31...g4 kann nicht gespielt werden (vielleicht wäre 30...h5! zuvor daher gut gewesen), während nach 31...gxh4 Weiß wählen kann, welche der vielen Schwächen von Schwarz er anvisieren soll. Firouzja versuchte, die Dinge mit 31...h6 zusammenzuhalten, aber nach 32.hxg5 hxg5 33.Th3! wurde plötzlich die Jagdsaison auf den schwarzen König ausgerufen. Der König floh nach b8, bevor er schließlich auf d6 ums Leben kam:

Fabiano Caruana holt sich die alleinige Führung in Wijk zurück durch einen Sieg gegen Alireza Firouzja - sein dritter Sieg in vier Partien!

Hier spricht Caruana selbst über seine Partie:

Und so fasst Peter Svidler die Partie zusammen:

Da Carlsen sein unglaubliches Gespür für strategische Positionen zeigte und Caruana seine grandiose Rechenfähigkeit demonstrierte, könnte man sagen, dass Firouzja in den aufeinanderfolgenden Runden von Wijk aan Zee gegen die Nr. 1 und 2 der Welt in Bestform antreten musste - eine bittere Pille zum Schlucken, aber auch eine gute Lernerfahrung für Alireza, der nun genau weiß, was er noch lernen muss.

Große und kleine Rettungskunststücke

In der einzigen anderen entschiedenen Partie in Runde 10 erholte sich Jeffery Xiong von einer Abfolge von drei Niederlagen in fünf Partien. Er gewann ein scheinbar leicht besseres Endspiel gegen Vladislav Artemiev, der bisher mit Schwarz in Wijk aan Zee kein Bein auf den Boden gebracht hat.

Wesley So hat es nach seinem Sieg in Runde 4 gegen Firouzja locker angehen lassen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Im ruhigsten Remis des Tages hielt Wesley So ein etwas unangenehmes Endspiel mit vier Springern gegen Yu Yangyi in der Waage, wonach Wesley aufgrund des sechsten Remis in Folge auf Platz 3 zurückfiel. Da er in den letzten beiden Runden gegen Jorden und Magnus spielt, könnte er jedoch noch eine große Rolle dabei spielen, wie das Turnier endet.

Beten kann nie schaden... | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Vishy Anand schien einen Bauern gegen Nikita Vitiugov eingestellt zu haben, konnte aber seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Anish Giri hingegen versuchte, "einfach die Vorbereitung zu vermeiden und auf Nummer sicher zu gehen" gegen Daniil Dubov, nur um nach 9.Sdb5 beinahe au verlorenem Posten zu stehen! 


Dubov hat den Ruf, in der Eröffnung innovativ zu sein, und Giri beschrieb ihn als "einen sehr seltsamen Gegner für mich, weil er wahrscheinlich der einzige Spieler ist, der in der Eröffnung gefährlicher ist als ich, aber ein schlechterer Spieler als ich...". Anish fügte hinzu:

Nach Sdb5 dachte ich, dass ich sofort verlieren würde, also war meine erste Herausforderung... irgendwann kam Vishy Anand vorbei, und ich sah den Blick in seinem Gesicht, und das einzige, was mich an diesem Punkt glücklich machte, war, dass ich mich daran erinnere, dass er einmal in sechs Zügen mit Schwarz verloren hat. Und ich dachte, dass ich etwas später verlieren werde. Aber eigentlich, sobald wir das Endspiel haben - ok, zumindest werde ich ein bisschen verteidigen können. Aber am Ende hat er auch noch einen ziemlich großen Vorteil, glaube ich. Ich weiß nicht, warum er Remis angeboten hat.

Die dramatischste Rettung des Tages schaffte Jorden van Foreest, der zugab, "positionell gesehen stehe ich im Grunde genommen vollkommen platt". 

Jan-Krzysztof Duda sah lange Zeit wie derjenige aus, der Jordens Alapin-Sizilianer hopp nehmen würde | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Mit 39 Sekunden auf der Uhr fand er jedoch 31.Sd4!, was den zuschauenden Peter Svidler verwirrte, der sich fragte, warum Jorden ein schreckliches Endspiel anstrebte. Jan-Krzystzof Duda ließ seine Zeit auf 11 Sekunden ablaufen, bevor er Jorden seine Idee demonstrieren ließ: 31...Txc5 32.Txc5 Dxc5 


33.Sxe6! war die Idee, denn jetzt trifft 33...Dxe3 auf 34.Sf8+! Duda versuchte, mit 33...Dd6 weiterzuspielen, aber das erlaubte nur das noch schönere 34.Dd3! Dxd3 35.Sf8+ Kh8+ und Weiß schafft ein Dauerschach.

Damit bleibt Jorden geteilter Dritter, während die Nr. 1 und 2 der Welt das Feld in diesem Jahr anführen. Und das im Jahr eines möglichen zweiten WM-Matchs der beiden!


El Niño stürmt in den Klub der 2700er

Ein Meilenstein in David Antóns Karriere, der normalerweise zu dieser Zeit in Gibraltar aktiv ist | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Anton Smirnov erzielte seinen ersten Sieg und der 15-jährige Nodirbek Abdusattorov seinen zweiten in Folge, womit er nur noch einen Punkt hinter der Spitze liegt. Aber die große Geschichte der Runde 10 war der Sieg von David "El Niño" Antón gegen den lange führenden Pavel Eljanov:

Es war eine beeindruckende technische Partie, wonach David bei 7/10 mit einem halben Punkt Vorsprung vor Erwin l'Ami das Feld anführt. Damit hat er beste Chancen, sich für das Masters im nächsten Jahr zu qualifizieren. Doch nicht nur das - der 24-Jährige, der im vergangenen Jahr den 5. Platz im Grand Swiss belegte, war zum ersten Mal in seiner Karriere in den 2700er-Klub eingedrungen, knapp hinter der spanischen Nummer 1 Paco Vallejo!


Donnerstag ist der letzte Ruhetag, bevor das Schicksal der Tata-Steel-Turniere in den letzten drei Runden am Wochenende entschieden wird, beginnend mit Kovalev-Caruana und Duda-Carlsen am Freitag. Davor haben wir am Donnerstag um 16:00 Uhr MEZ ein Geschwätzblitz mit Peter Svidler.

Fantasy Chess: Mach mit und gewinne einen Preis!

Magst du Vorhersagen machen?  Versuche dich gegen den Rest der Welt, indem du Ergebnisse und mehr für die Partien am Freitag vorhersagst: http://bit.ly/tatasteel11

Wenn ein Premium-Mitglied gewinnt, erhält es eine kostenlose Famous Legend-Tasse (nach dem Vorbild von Baby Yoda unten). Wenn ein Nicht-Premium-Mitglied gewinnt, erhält es einen Monat lang eine kostenlose Premium-Mitgliedschaft.

Verfolge die Partien hier live auf chess24: Tata Steel Masters | Tata Steel Challengers

Deine taktischen Fähigkeiten kannst du auch mit dem kostenlosen Chessable Tata Steel Chess 2020 Taktikkurs trainieren

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 8397540529
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options