Berichte 27.01.2018 | 12:04von Colin McGourty

Tata Chess 2018, R11: Vishy holt auf

Vishy Anand überspielte Hou Yifan in Runde 11 glatt und hat nun einen halben Punkt Rückstand auf das Führungstrio Anish Giri, Magnus Carlsen und Shakhriyar Mamedyarov, die alle Remis spielten. Vladimir Kramniks Chancen erlitten einen herben Dämpfer: Er verlor gegen Sergey Karjakin, der damit im Turnier seinen zweiten Kandidatenturnier-Kollegen besiegte und nun wie Kramnik einen Punkt hinter den Führenden liegt. Wesley So befindet sich nun ebenfalls in dieser Gruppe, die noch kleine Chancen auf den Turniersieg hat - er überlistete Gawain Jones in Zeitnot. In der Challenger-Gruppe endete die Spitzenpaarung Vidit-Korobov Remis, damit hat Jorden van Foreest nun noch einen Punkt Rückstand auf die Führenden.

Die grosse Partie des Tages war ein Anti-Klimax. Anand, So und Karjakin nutzten ihre Chancen, den Rückstand zu reduzieren | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Runde 11 des 2018 Tata Steel Masters in Wijk aan Zee war ein guter Tag für Weiss:

An der Spitze alles beim Alten

Magnus witzelte über seine Eröffnungsvorbereitung gegen Wesley So für Runde 10 in Groningen, auch wenn es am Ende prima funktioniert hatte:

Letzte Vorbereitungen gestern in Groningen ... und dann doch das London-System

Am Freitag wieder in Wijk aan Zee das grosse Duell gegen den Mit-Führenden Shakhriyar Mamedyarov, generell ein angenehmer Gegner für Carlsen. Diesmal lief es allerdings nicht ganz so, wie der Weltmeister es sich vorgestellt hatte - trotz einem verbissenen Start:

‌Carlsen meint es ernst [der Beifall war für Benjamin Bok, der am Ruhetag seinen 23. Geburtstag feierte]

Mamedyarov beantwortete die 5…Dxd5 Variante im 4.Dc2 Nimzo-Inder with Jan Gustafssons Empfehlung "auf zwei Ergebnisse spielen" 6.e3 (Jan bezeichnet 6.Sf3 als interessanter, wobei Schwarz da keinerlei Probleme hat). Shakh folgte weiterhin Jans Weissrepertoire [Video nur auf Englisch] bis 15.Se5, wobei er offenbar nicht alles frisch im Gedächtnis hatte da er für diesen Zug fast 22 Minuten investierte:


Wie ihr seht, erwähnt Jan 15…Sdb4! 16.Td2 Txd2 17.Kxd2 Sxa2!, und Schwarz sollte mit genauem Spiel Ausgleich erzielen. Stattdessen spielte Magnus, der Jan als Sekundant für das WM-Match gegen Sergey Karjakin angeheuert hatte, 15…Ld7?! und sagte nach der Partie:

Natürlich ist es ein ordentliches Ergebnis, aber ich bin nicht wirklich zufrieden mit der Phase früh in der Partie. Ich wusste, dass wir diese Variante neutralisiert hatten - ‌15.Se5 undsoweiter - aber warum auch immer hatte ich mir das heute nicht angeschaut und konnte mich einfach nicht erinnern. Ich verwendete etwa 17 Minuten beim Versuch zu rekonstruieren, was man hier machen soll. Dann musste ich einfach akzeptieren, dass ich mich nicht erinnere und nun etwas schlechter stehe. Damit war ich etwas unzufrieden, aber dann spielte er wohl nicht die genauesten Züge, und dann konnte ich meine Probleme recht einfach lösen.

Die Partie verflachte tatsächlich in insgesamt 38 Zügen, wodurch beide Spieler nicht ganz zufrieden waren aber nach wie vor gute Chancen auf den Turniersieg haben.

Magnus später auf Twitter:

Immer vorausblicken

Anish Giri reagierte:

Heute kein Spaziergang!?

Er spielte wohl an auf Carlsens Tweet nach einem überraschend leichten Sieg gegen Wesley So beim Sinquefield Cup 2017:

Caruana war fast wieder der Alte | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Anish konnte mit einem Sieg gegen Fabiano Caruana wieder die alleinige Führung übernehmen, aber stattdessen musste er ums nackte Überleben kämpfen. Fabi, der das Jahr als Nummer 2 der Weltrangliste begonnen hatte, hat imer noch -2 und erklärte, dass er sich nie von einem schlechten Start ins Turnier erholte.

Vor dem Turnier wollte ich wirklich um den Turniersieg mitspielen, aber von Anfang an ging alles schief. Irgendwie fehlt mir Energie und Motivation, und ich habe auch ziemlich schlecht gespielt.

Dennoch bleibt er ein gefährlicher Gegner, der mit 7.g4!? früh in der Partie Ambitionen zeigte. Giri gab später zu, dass er "besessen" war, den weissen Läufer von g5 zu verjagen und ihn damit nur auf das bessere Feld e5 trieb. Er sagte, dass er in Zeitnot "eigentlich nur versuchte, nicht forciert zu verlieren", aber dann irrte Caruana:


Weiss hat das Kommando, aber nun spielte Fabiano 33.Dc3? worauf 33…Sd5! sofort ausglich. Weiss kann nicht mit 34.Dg3 beide angegriffene Bauern verteidigen, da Schwarz trotzdem 34…Sxf4 spielt und nach 35.Lxf4 Df6+! besser stünde. Danach verflachte die Partie zum Remis in 44 Zügen.

Mit noch zwei Runden und drei Spielern auf dem geteilten ersten Platz war es nachvollziehbar, dass der Interviewer Tom Bottema Giri zu einem eventuellen Stichkampf befragte. Anish nannte das dann "lächerlich" - nebst ungewöhnlicher Analogie! 

Noch zwei Runden und wir haben alle sehr interessante Paarungen. Das ist wirklich wie Hochzeit ohne Hochzeitsnacht, oder so ähnlich.

Dann hat er die Frage doch beantwortet. Erst erwähnte er, dass er Carlsens Stichkampf-Ergebnisse durchaus kennt.

Ich weiss, dass dieser norwegische Typ Tarjei Svensen vor jedem Stichkampf schreibt, wie viele Playoffs Magnus Carlsen in Serie gewann. Erst 10, dann 11, dann 12, und alle wissen mittlerweile, dass er seit irgendeinem Match gegen Aronian 2006 keinen Stichkampf verlor.

Warum ist Magnus so gut in Stichkämpfen?

Eröffnungstheorie ist bei verkürzter Bedenkzeit nicht ganz so wichtig, also glänzt er da ... er seine Schwächen kompensieren kann und sein Schach ist sehr gut, alle wissen das, also ist er im Schnell- und Blitzschach viel stärker.

Kurz zu den anderen Remisen, und dann die Partien mit Sieger und Verlier(in). Adhiban-Wei Yi war nach 21 Zügen vorbei - in dieser Stellung konnten sie weiterspielen, aber beide haben kein gutes Turnier und wollen es vielleicht nur noch irgendwie beenden.

Michal Krasenkow kibitzt bei Matlakov-Svidler | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Matlakov-Svidler war eine Partie zwischen zwei Spielern, die sehr viel gemeinsam am Schach arbeiteten, auch etwas während diesem Turnier. Aber die verbrauchte Bedenkzeit deutete an, dass sie eine richtige Partie spielen wollten - dennoch verflachte es zum Remis in 27 Zügen.

Anand - Hou Yifan 1-0

Vishy Anands zweiter Sieg in Serie, sein Restprogramm So und Mamedyarov | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Vielleicht überraschend, dass diese beiden grossartigen Champions nur dreimal gegeneinander spielten. Zuvor remisierte Vishy mit Schwarz bei seinem letzten Tata Steel Masters 2013 und besiegte Hou Yifan glatt mit Weiss in der Schlussrunde des Isle of Man Opens 2017 - Anand teilte dadurch den zweiten Platz im Turnier. Ihre Partie in diesem Tata Steel Masters war ebenso überzeugend. Anand sagte, dass er mit seinem Team entdeckt hatte, dass die Stellung nach 15.d5! für Weiss angenehm ist:


Er konnte sich nicht an alle Details erinnern, für ‌16.Lb5 als Antwort auf 15…Se5 brauchte er 25 Minuten. Aber danach lief es wie am Schnürchen, ein weisser Bauer marschierte unaufhaltsam voran.


Schwarz konnte ihn nie schlagen, hier erlaubt 31…Dxc6 den bekannten Trick 32.Td8+ mit Damengewinn. Es gab allerdings nichts besseres, und nach 31…Da5 32.c7 Tf8 33.De7 gab Hou Yifan auf.   

Zuvor erzielte Hou Yifan 5.5, 5 und 5 Punkte in der A-Gruppe in Wijk aan Zee, aber dieses Jahr hat sie momentan bei noch zwei verbleibenden Runden 2/11 | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Vishy hat nur einen halben Punkt Rückstand auf die Führenden, nach der Partie erschien er beim Livekommentar:

Karjakin-Kramnik 1-0

Irgendwie schafft es Karjakin, dass Kramnik alt aussieht | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Vladimir Kramnik hatte ebenfalls nur einen halben Punkt Rückstand auf das Führungstrio, aber knüpfte an seine schlechte Bilanz gegen Landsmann Sergey Karjakin an - nun mit klassischer Bedenkzeit fünf Siege für Sergey und einer für Vlad. Magnus Carlsens letzter Herausforderer hatte ein unscheinbares Turnier mit 9 Remisen, aber nun besiegte er zwei der Spieler die er am liebsten besiegen wollte. In seinen eigenen Worten:

Natürlich war es für mich eine sehr wichtige Partie da wir beide beim Kandidatenturnier mitspielen. Ein Sieg war für mich psychologisch wichtig, und ich gewann auch gegen Caruana, der auch beim Kandidatenturnier dabei ist.

Karjakin konnte seinen Gegner mit kleinen Überraschungen (z.B. 8.Sc3) aus dem Buch bringen. Später kritisierte er im Interview mit Chess-News.ru mehrere von Kramniks Entscheidungen – 13…Dc8?! (13…Ld6!), 16…Sxd8?! (16…Dxd8!), 17…f5?! (“interessant, aber Tempo für Tempo funktioniert es nicht") und den vielleicht entscheidenden Fehler 23…Te8?! (23…Tf8 mit der Idee Tf7 war eventuell besser):


Karjakin spielte 24.Lc6!, und der Versuch, mit 24…Tc8 25.Lb5 Tc7 Remis zu erzwingen scheitert an 26.f4! In der Partie leistete Kramnik lange zähen und einfallsreichen Widerstand, aber Sergeys Technik war perfekt und er gewann mit einem ‌grind. 2017 konnte Karjakin "vergessen", aber nun sollte man nicht ausschliessen, dass er Magnus erneut herausfordern kann. 

So-Jones 1-0

Wesley So wieder Nummer 3 der Weltrangliste | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Wesley So konnte seine Niederlage gegen Magnus direkt durch einen Sieg gegen Gawain Jones am Freitag kompensieren. In einer dramatischen Partie entstand diese Stellung nach 17…Txb7:


Scheinbar eine ruhige Stellung - bis man bemerkt, dass Weiss eine Mehrfigur hat! Es war allerdings nicht einfach, 18.f3! war selbst ein wichtiger Zug, da Schwarz sonst nach Angriff auf den Le3 besser steht. Nach 18…Txb3 19.Lf2 Ta8 20.Sh3 Tb7 21.0-0 Tbxa7 22.Lxa7 Txa7 hatte Weiss noch eine Mehrqualität und einen Minusbauern

Diese Partie war letztendlich Gawains dritte Niederlage in vier Runden, es begann mit der Null gegen Carlsen. Aber er dachte, dass er nicht ‌so schlecht spielte:

Ich denke nicht, dass ich zusammengebrochen bin. Heute war ich nur einen Zug vom Remis entfernt. Ich habe einfach in Zeitnot gepatzt.

Nach 39…Sc4? gab es keinen Weg zurück:


40.e4! Se5 41.exd5! und Schwarz kann den Tc6 nicht nehmen, da der c-Freibauer dann zur Dame würde. Nach 41…exd5 42.Td6 verlor Gawain einen Bauern und später die Partie.

Damit ist das Feld sauber halbiert: die ersten 7 Spieler haben maximal einen Punkt Rückstand, die anderen 7 ganz ohne (theoretische) Chancen auf den Turniersieg:


Jorden van Foreest hält Anschluss

Bei den Challengers war Vidit-Korobov potentiell (mehr als) eine Vorentscheidung für Turniersieg und Qualifikation für Tata Steel Masters 2019, aber es wurde ein Remis ohne allzu grosse Aufregungen im 3.Bb5+ Sizilianer. Andere konnten den Rückstand so verkürzen, nur Jorden van Foreest schaffte es durch einen Schwarzsieg gegen Harika Dronavalli in 97 Zügen. Er hat nun noch einen Punkt Rückstand und spielt in der letzten Runde mit Schwarz gegen Vidit.

Der deutsche Vertreter ‌Matthias Bluebaum spielte mit Schwarz gegen Dmitry Gordievsky in 57 Zügen Remis - die Partie war umkämpft und dabei wohl immer in der Remisbreite.

Jeffery Xiong verlängerte das Leiden von Lucas van Foreest | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Jorden gewinnt auch das Bruderduell. Lucas van Foreest, der in Runde 9 noch einen halben Punkt für seine letzte GM-Norm und damit den Titel brauchte, verlor nun seine vierte Partie in Serie, heute gegen Jeffery Xiong. Einfacher wird es nicht, da Lucas nun Schwarz hat gegen Anton Korobov, der sicher Blut riecht. Deshalb und aufgrund seines schweren Gegners in der letzten Runde betrachtet Vidit seine Schwarzpartie gegen Olga Girya wohl auch als "must-win". Korobov hat in der letzten Runde Schwarz gegen Gordievsky.

Bei den Masters können am Samstag nicht weniger als sechs Partien den Kampf um den Turniersieg beeinflussen. Das Führungstrio hat dabei Gegner, die sie wohl besiegen wollen:

  • Giri-Adhiban
  • Kramnik-Caruana
  • Svidler-Karjakin
  • Carlsen-Matlakov
  • Jones-Mamedyarov
  • Anand-So

Livekommentar (Englisch und Spanisch) ab 13:30 CET: Masters | Challengers  Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen

         

Siehe auch:


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