Berichte 04.03.2018 | 09:22von Colin McGourty

Tal Memorial, Tag 2: Anand holt Mamedyarov ein

Vishy Anand besiegte Hikaru Nakamura im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern; nach zwei von drei Tagen des Tal Memorial Schnellturniers teilt er nun die Führung mit Shakhriyar Mamedyarov. 12 von 15 Partien am zweiten Tag endeten Remis, die beiden anderen Niederlagen gingen auf das Konto von Dubov mit Schwarz - er bekam gratis Lehrstunden von seinem Trainer Boris Gelfand sowie von Vladimir Kramnik. Das war aber keinesfalls alles - viele verpasste Chancen.

Anand wackelte anfangs, aber teilt nun die Führung | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Du kannst alle Partien des Tal Memorial im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt seine Resultate:

Betrachte den (englischen) Livekommentar von Viktor Bologan und Evgeniy Miroshnichenko, am Ende ein Interview mit Vishy Anand:

Runde für Runde…

Runde 4: Drawmageddon

In der ersten Runde des Tages endeten alle fünf Partien remis, aber nie war es reine Formsache. Dubov-Grischuk und Mamedyarov-Nakamura waren gehaltvolle Eröffnungsduelle, die dann zu Nichts verflachten. Ein Sergey Karjakin in Form hätte sich in dieser Stellung gegen Ian Nepomniachtchi sicher von seiner Dame getrennt:


21…Sxe5! 22.Txd3 Lxd3 mit bereits Turm und Läufer für die Dame, sowie Doppelangriff auf Lc6 und Tf1.  Weiß can weiteren Materialverlust nicht verhindern, auf 23.Tc1 kommt entweder 23…Lc4 oder 23…Tfd8. Stattdessen spielte Sergey das zahme 21…Dd2?! 22.Sf3 Dd8 23.Td1! Sd5 und wenige Züge danach wurde Remis vereinbart.

Nepomniachtchi, Karjakin und ihr gemeinsamer Sekundant Vladimir Potkin | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Der Kampf ging anderswo weiter, Peter Svidler war nahe daran, mit einem Sieg gegen Angstgegner Vishy Anand seinen Fehlstart am Freitag zu kompensieren. Die Partie erreichte dieses Turmendspiel mit weissem Mehrbauern:


Vishy sagte später, daß er "entwischte" und bezeichnete seine Stellung als "kaputt" (‌busted). Allerdings erwähnte er auch, daß weder er noch Peter in den verbleibenden 14 Zügen einen klaren Gewinn sahen.

Ein seltsamer Tag für Peter, der in allen drei Partien Gewinnchancen hatte | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Es war einfacher, die Fehler in der anderen Partie zu finden, wobei Fehler vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist für das wild optimistische Opfer von Vladimir Kramnik gegen Boris Gelfand:


Nach 38.Lxg6??! fxg6 39.Df8+ Kh7 40.d6 hat Weiß einen Bauern für die Figur, und der Bauer auf d6 ist ein Dorn im schwarzen Fleisch. Aber es hätte nie und nimmer reichen sollen, auch wenn Gelfands  40…Dg7 nicht ganz so stark war wie 40…Dd7!. Der Moment der Wahrheit kam nach 44.Tf8:


44…Dd5+! gewinnt, einfach allerdings nur wenn man kleine taktische Motive richtig berechnet – z.B. 45.Dxd5 Sxd5 46.e4 Kg7! mit Angriff auf den Turm, oder 46…Se3 47.Tc8 Tf7!, mit Mattdrohung und der schwarze Turm kommt dann nach d1. Stattdessen sah 44…Tg7?! 45.e4 Sd3? aus wie ein versuchtes Selbstmatt nach 46.De8, Gelfand fand danach nur Dauerschach.

Grischuk beteiligt sich an der Analyse einer verrückten Partie (Zuschauer u.a. Anand und Svidler) | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Rund 5: Eine Gratis-Trainerstunde

Zu Runde 5 kann man - im Gegensatz zu Runde 4 - nicht sagen, daß alle Remisen hart umkämpft waren. Allgemeine Erheiterung, als Anand und Kramnik die Schiedsrichter fragten, ob sie nach 16 Zügen Remis vereinbaren dürfen. Sie bekamen die Erlaubnis, das Remis war bereits offensichtlich. Die Freunde und Trainingspartner Karjakin and Mamedyarov spielten vielleicht etwas länger als vorgesehen, aber in ihrer Partie (Remis in 37 Zügen) sah es nie so aus, als ob Blut fliessen könnte.

Grischuk mischt sich unter das Publikum im Museum Russischer Impressionisten | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Der Computer findet ein hübsches vorübergehendes Figurenopfer für Grischuk gegen Nepomniachtchi:


40.Dxb5!, nach z.B. 40…Sxe4 folgt 41.Dxe5 Sxd2 42.Dxe6+! und Weiß gewinnt letztendlich den schwarzen Sd2 mit Schach zurück - Versuche, das zu verhindern, kosten Schwarz auch beide Bauern am Königsflügel. In der Partie spielte dieser Moment keine Rolle, es kam 40.De2 Da7! 41.Dxg4 De3! nebst Remis.

In der anderen Remispartie war Svidler wieder nahe an einem technischen Sieg und machte es dann vielleicht wieder zu kompliziert, nun gegen Hikaru Nakamura. Bleibt noch Gelfand-Dubov 1-0: Gelfand hatte mit Dubov gearbeitet, und nun zeigte er seinem 21-jährigen Studenten, wie man Versuche, in schlechter Stellung Gegenspiel zu erhalten, methodisch widerlegt.

Gelfand hat nun 50% nach Niederlage gegen Nakamura und Sieg gegen Dubov | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Runde 6: Danach ein Führungsduo

Das Kurzremis von Anand und Kramnik war vielleicht genau das, was der Doktor verschrieben hatte, beide gewannen dann in der letzten Runde des Tages mit Weiß. Etwas war für Dubov völlig schief gelaufen, da Kramnik 21.e6! spielen konnte:


Schwarz hat bereits keine guten Züge, wobei 21…Dc8?! 22.Lh6! das Ende beschleunigte. Der Turm muß auf f8 ausharren, da sonst exf7+ tödlich ist. Nach 22…f5 bediente Kramnik sich auf f8 und b7. Mit Qualität und Bauer weniger spielte Dubov gegen den Ex-Weltmeister noch etwas weiter, aber es war natürlich hoffnungslos für ihn.

Mamedyarov hatte an einem für ihn ruhigen Tag abseits des Bretts etwas zu tun | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Mamedyarov-Grischuk und Nepomniachtchi-Gelfand wurde ohne große Aufregungen Remis. Das war sicher nicht der Fall bei Svidler-Karjakin, eher im Stil ihres verrückten Weltcup-Finales 2015, auch wenn damals keine von zehn Partien Remis endete. Peter stand aus der Eröffnung heraus gut aber verlor dann die Kontrolle, in dieser Stellung ist Schwarz nahe am Sieg:


Die siegbringende Idee für Schwarz ist ein Doppelangriff auf die weissen Leichtfiguren auf b4 und e4, aber das muß man richtig vorbereiten. Nach 29…Lxe4! 30.Lxe4 Da7+! ist die Idee entweder Damentausch nebst Tc4 oder ein verdoppelter Doppelangriff - schwarze Dame auf d4 und Turm auf c4. Weiß hätte dagegen keine Verteidigung.

Aber Karjakin spielte sofort 29…Dc4?, was die Verteidigung 30.Dxc4 Txc4 31.Sd6! ermöglichte. Statt dieser einfachen Idee "fand" Peter 30.Sf6+?! gxf6 31.Lxb7, das konnte erneut böse enden nach 31…Dd4+!, wonach schwarze Dame und Turm auf den schwarzen Feldern perfekt zusammenarbeiten. Es kam jedoch 31…Dxf1? 32.Kxf1 Tc4 und Svidler hatte die besseren Figuren (Läuferpaar gegen Turm). Nachdem er auch den schwarzen b-Bauern eroberte war, zum dritten Mal in drei Runden, nur die Frage ob er gewinnen kann oder nicht.

Welcher Karjakin spielt ab nächster Woche beim Kandidatenturnier? | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Sergey hat bisher in Moskau kaum überzeugt, aber plötzlich war er wieder der "Verteidigungsminister". In dieser Stellung scheint es, als ob Svidler nach 30 Zügen Manövrieren seinen Traum verwirklichen kann: der König erreicht das Feld e8 und der schwarze Bauer auf f7 fällt:


Karjakin hatte ständig die weissen Läufer und den König mit seinem Turm belästigt, nun fand er den genau richtigen Moment für einen Planwechsel: 82…Kh7! 83.Kd8 Kg6 84.Ke8 – der weisse König ist am Ziel, aber… 84…Tf2! 85.Lb5 Txf6! mit Remis, das sechste für Sergey in sechs Partien. Wie inzwischen in derlei Situationen üblich, meldete sich der Remiskönig auf Twitter!

‌Immer noch meilenweit von Giris besten Ergebnissen entfernt, aber ich tue mein Bestes!

Verrate Deine Pläne nicht zu früh! Behalte Deine Trümpfe für das Kandidatenturnier. :)

Mamedyarovs drei Remisen am zweiten Tag wären genug gewesen, um die alleinige Führung zu behalten, wenn die zuvor Zweiten Vishy Anand und Hikaru Nakamura Remis gespielt hätten. Aber Vishy hatte ein Erfolgserlebnis. Nakamura bemerkte offenbar zu spät, daß Schwarz nach Damentausch unangenehm steht. Nach einigem Nachdenken wickelte er ab in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und Minusbauer. Das konnte er vielleicht remis halten (sofort 36…Bg2! war ein besserer Versuch), aber am Ende war es für ihn eventuell ‌déjà vu. Vishy hatte jedenfalls diesen Eindruck: hinterher erwähnte er, daß derlei Nakamura zuvor gegen einen gewissen Garry Kasparov passierte – schwer, gegen Legenden zu spielen!

‌Anand nach seinem Sieg gegen Nakamura: "Es ist witzig, genau diese Stellung hat er auch gegen Garry bei St. Louis Rapid and Blitz verloren!"

Vor den letzten drei Runden am Sonntag haben wir damit zwei Führende, Mamedyarov und Anand, wobei fünf weitere Spieler maximal einen Punkt Rückstand haben!

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
11GMMamedyarov Shakhriyar27554,01,012,503,0
23GMAnand Viswanathan28054,00,09,751,5
36GMGrischuk Alexander27923,51,010,502,5
410GMKramnik Vladimir27953,50,09,501,5
55GMKarjakin Sergey27243,00,08,251,5
64GMNakamura Hikaru28203,00,08,001,5
7GMGelfand Boris26443,00,08,001,5
88GMDubov Daniil26632,00,06,252,0
92GMSvidler Peter27702,00,06,001,5
109GMNepomniachtchi Ian28032,00,05,751,5

Die letzten drei Runden Schnellschach Sonntag ab 13:00 MEZ, Alexander Morozevich wieder Ko-Kommentator auf Englisch.

Siehe auch:


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