Berichte 03.03.2018 | 09:39von Colin McGourty

Tal Memorial, Tag 1: Mamedyarov übernimmt die Führung

Der Weltmeister im Schnellschach, Vishy Anand, begann das Tal Memorial mit zwei Siegen, doch dann unterlag er mit Weiß dem im Kandidatenturnier an eins gesetzten Shakhriyar Mamedyarov, der damit nach dem ersten Tag in Führung liegt. Gemeinsam mit dem Inder belegen Alexander Grischuk und Hikaru Nakamura den zweiten Platz, während Ian Nepomniachtchi nach seinem Sieg beim Abschlussblitzturnier des Aeroflot Open bisher wenig gelang und er sich nach einem Drittel des Turniers mit dem geteilten letzten Platz begnügen muss.

Mamedyarov hat einmal mehr gut lachen! | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Das Tal Memorial 2018 wird vom 2. bis 5.März als Schnellschach- und Blitzturnier in Moskau ausgetragen. An den ersten drei Turniertagen spielen die zehn Teilnehmer im Museum des Russischen Impressionismus neun Runden Schnellschach mit 25 Minuten +10 Sekunden Bedenkzeit, am Schlusstag stehen dann im Botvinnik Schachclub 13 Runden 5+3-Blitzschach auf dem Programm. Dann sind Artemiev, Andreikin, Fedoseev und Morozevich als zusätzliche Teilnehmer dabei. 

Alle bisherigen Partien könnt ihr hier nachspielen:

Hier der englische Live-Kommentar von Alexander Morozevich and Evgeniy Miroshnichenko:

Wie ihr seht, haben sich vier der acht WM-Kandidaten dazu entschlossen, sich mit Blitz- und Schnellschach für das zweitwichtigste Turnier des Jahres aufzuwärmen. Die Ereignisse des ersten Tages brachten wenig neue Erkenntnisse, sie verstärkten eher die bisherigen Eindrücke. Schauen wir uns an, wie sich die Kandidaten schlugen.

Shakhriyar Mamedyarov | 1.Platz, 2,5 aus 3

Mamedyarov ist einer der sechs Spieler, die auch beim traditionellen Abschlussblitz des Aeroflot Open mitspielten. Zwar gewann Mamedyarov sein Mini-Match gegen Hikaru Nakamura, aber sonst verlief definitiv nicht alles nach Plan. Er verlor 2:0 gegen den späteren Sieger Ian Nepomniachtchi und verschenkte auf amüsante Weise eine Partie gegen Aravindh:

Letztlich wurde er Zwölfter, während Nepomniachtchi mit einem Punkt Vorsprung auf Hikaru Nakamura und Zaven Adriasian Turniersieger wurde.

Nepo konnte zufrieden sein! | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Beim Auftakt des Tal Memorials jedoch zeigte Mamedyarov einmal mehr, warum er beim Kandidatenturnier zu den heißen Favoriten gezählt wird. Wie beim Tata Steel Masters begann er das Turnier mit ungewöhnlichen Eröffnungen und hatte damit Erfolg. Gegen Vladimir Kramnik (die Nummer 2 der Setzliste beim Kandidatenturnier) spielte er Trompowsky, und gegen Vishy Anand brachte er in Runde 3 einen extrem scharfen Franzosen aufs Brett. Als Mamedyarov gegen Hou Yifan in Wijk aan Zee Französisch spielte, tat er dies zum ersten Mal seit sieben Jahren, und seine Konkurrenten müssen sich nun fragen, warum er so viel Arbeit in diese Eröffnung gesteckt hat oder ob sich schlicht um einen Bluff handelt, um seine wahren Absichten in Berlin zu verschleiern!

Peter Svidler lacht, aber der Turnierauftakt ging gründlich daneben | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Mit den weißen Steinen startete Mamedyarov seine typischen Königsangriffe und schob in beiden Partien den h-Bauern bis nach h5 vor. Während es Kramnik gelang, die weiße Initiative zu neutralisieren, erwies sich Peter Svidlers Versuch, die Probleme mit 17…f5? zu lösen, als Bumerang. Schon fünf Züge später hatte Svidler genug gesehen:


Er gab lieber auf, als Mamedyarovs 23.Dh4 abzuwarten, was Matt in 2 Zügen droht und nicht sinnvoll pariert werden kann (notfalls steht der zweite weiße Turm zum Eingreifen in der h-Linie bereit).

Während solche Siege zu seinem normalen Standard zählen, zeigte Mamedyarov in seiner Partie gegen Anand, dass er ein echter Allrounder geworden ist. Nachdem sich der Rauch in der Eröffnung verzogen hatte, überspielte er den Inder im Endspiel und sorgte dafür, dass der es bereute, seinen Bauern auf d3 für „Aktivität“ geopfert zu haben. Die schwarzen d-Bauern entschieden die Partie, hier die Schlussstellung: 


Alexander Grischuk: geteilter 2.Platz, 2 aus 3

Anand, Svidler, Grischuk und Karjakin präsentieren sich bei der Eröffnungsfeier in blendender Laune | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Grischuk ist beim Kandidatenturnier so etwas wie die unbekannte Größe, da er zuletzt wenig gespielt hat und seine Form daher schwer einzuschätzen ist. Seine letzten Turnierpartien hat er im November bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft gespielt. Die ersten drei Partien in Moskau sagten derweil wenig aus, denn Grischuk erreichte gegen Karjakin mit Mühe ein Remis und stellte mit Weiß gegen Boris Gelfand schon nach 15 Zügen die Bemühungen ein.

Dazwischen lag eine aufregende Partie gegen einen anderen Kandidaten, Vladimir Kramnik. Grischuk schien wieder einmal Opfer seiner Zeiteinteilung zu werden, als er in Zeitnot kam und einige Gelegenheiten ausließ, doch dann bewahrte er unter Druck einmal mehr kühlen Kopf. Als Kramnik die Partie einstellte, schlug er zu:


Hier hätte Kramnik mit einem Zug wie 45.e4 weiter Gewinnchancen gehabt, doch 45.c6? verlor auf der Stelle. Es ist unklar, was der Ex-Weltmeister übersehen hat, aber mit 45…Lxd3 gewann Schwarz einfach eine Figur, da 46.c7 mit dem einfachen 46…Lf5 pariert werden kann. 46.e4 Lxe4! 47.c7 änderte daran nichts. Wieder ging die Verteidigung 47…Lf5, doch Grischuk entschied sich für das stilvollere 47…Lxd5 48.c8=Q Tc4+. Der Ausgang der Partie war danach nur noch Formsache.

Vladimir Kramnik: geteilter 5.Platz, 1,5 aus 3

Vladimir Kramnik ist beim Kandidatenturnier zwar der älteste Teilnehmer, aber immer noch die Nummer 3 der Welt| Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Die Partie war in gewisser Weise typisch für den Kramnik der letzten Jahre, der vor Ehrgeiz und Einfallsreichtum nur so strotzt, dem aber auch hin und wieder einfache taktische Überseher unterlaufen. Die Niederlage gegen Grischuk konnte er aber mit einem Sieg gegen Peter Svidler in einer begeisternden Partie wettmachen. Gerade als dunkle Wolken über dem schwarzen König aufzuziehen schienen, fand Kramnik mit  24…Dg8 und 25…Lf8 eine kluge Verteidigung, auf die Peter mit dem „pseudo-brillanten“ 26.c5?! reagierte:


Nach jedem Schlagen auf c5 könnte Weiß auf h6 schlagen, wie etwa die Variante 26…Txc5? 27.Lxh6 besonders gut zeigt, in der f7 schwach ist und der Turm auf d8 ungedeckt ist. Zu Svidlers Pech fand Kramnik aber das einfache 26…Sd7!, und die weißen Figuren mussten den Rückzug antreten.


30…Se4! vier Züge später zeigte, dass sich das Gleichgewicht der Partie endgültig verschoben hatte und obwohl Svidler harten Widerstand leistete, fuhr Kramnik den ganzen Punkt ein. Letzterer gab bei der Eröffnungsfeier diesen Kommentar ab:

Die Teilnahme am Tal Memorial ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um für das Kandidatenturnier in Form zu kommen. Wenn ein Kandidat hier nicht gut spielt, hat das gar nichts zu sagen, aber wenn er gut spielt, ist er definitiv in guter Form. Ich persönlich werde in jeder Partie alles geben. 


Sergey Karjakin: geteilter 5.Platz, 1,5 aus 3

Karjakin ist nicht unbedingt der Name, der einem als Favorit des Kandidatenturniers in den Sinn kommt, da der Russe nach seinen schwachen Resultaten zuletzt der Spieler mit der niedrigsten Elo ist. Auch sein Auftritt am Freitag hinterließ wenig Eindruck, bei seinen drei Remis verpasste er es zweimal mit Weiß, einen kleineren Vorteil zu verwerten, und hielt mit Schwarz sicher dagegen. Gleichzeitig wäre es dumm, einen Spieler abzuschreiben, der schon einmal ein Kandidatenturnier gewinnen konnte!

Die anderen Spieler ließen es ebenfalls recht ruhig angehen, obwohl Hikaru Nakamura am Tag vor dem Turnier twitterte:

Der US-Amerikaner gewann auf beeindruckende Weise ein Endspiel gegen Boris Gelfand und bestrafte Ian Nepomniachtchis sorgloses Spiel mit Schwarz, er verlor aber auch die Partie des Tages. Der 21-jährige Daniil Dubov hatte sich im Vorfeld für das Turnier qualifiziert und galt nicht erst nach seiner Niederlage gegen Anand in Runde 1 als Außenseiter. Dann aber opferte er drei Bauern, um Nakamuras König und Dame zu jagen.


19…fxe5 war schon die einzige Verteidigung, doch Dubov verzichtete mit 20.Sxe5! (20…Sd5 ist spielbar, doch danach geht 21.Txd5! Dxd5 22.Sg6+! Kf7 23.Lc4!) auf den direkten Gewinn der Dame. Nach 20…Lf5 21.Txd6 war die Stellung wohl haltbar, doch in einer Schnellschachpartie sind die schwarzen Probleme schwer zu lösen. Vielmehr stand Dubov bald auf Gewinn und seine Antwort auf 35…c2 36.Lxc2! schon der entscheidende Schlag.


Auf 36…Td2+ folgt das einfache 37.Kf1 und Schwarz kann nur noch aufgeben. Nakamura spielte nach einer Minute 36…Tf8, worauf sein Blättchen fiel. 37.De5+ hätte aber ohnehin für die Entscheidung gesorgt.

Daniil Dubov zeigt, dass er dazu gehört | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Dubov liegt bei 50%, einen Punkt hinter Mamedyarov:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
11GMMamedyarov Shakhriyar27552,50,03,251,5
26GMGrischuk Alexander27922,00,02,751,5
33GMAnand Viswanathan28052,00,02,001,0
44GMNakamura Hikaru28202,00,01,500,0
58GMDubov Daniil26631,50,02,751,5
65GMKarjakin Sergey27241,50,02,251,0
710GMKramnik Vladimir27951,50,01,750,5
87GMGelfand Boris26441,00,01,751,0
92GMSvidler Peter27700,50,50,250,0
9GMNepomniachtchi Ian28030,50,50,250,0

Weiter geht es mit den restlichen sechs Runden, heute und am Sonntag, jeweils ab 13:00 Uhr mit Live-Kommentar auf Englisch und Russisch.

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 1

Guest
Guest 5851769382
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.