Berichte 27.09.2016 | 14:28von Colin McGourty

Tal Memorial, R1: Nepo gewinnt an einem traurigen Tag

Ian Nepomniachtchi meinte, “er konnte überhaupt nicht spielen”, als er die traurige Nachricht von Mark Dvoretskys Tod erhielt, doch als Evgeny Tomashevsky sich in einer scharfen Schottisch-Variante einige Ungenauigkeiten zuschulden kommen ließ, war die Partie rasch entschieden. Die anderen Partien endeten allesamt remis, obwohl Giri-Anand hart umkämpft war und Svidler-Kramnik sich zu einem wahren Thriller entwickelte, der Mikhail Tal alle Ehre machte.

Schweigeminute für Mark Dvoretsky | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Tal Memorial 2016, Runde 1

Nepomniachtchi 1-0 Tomashevsky: Bittersüßer Sieg

Nepomniachtchi sprach in trübseliger Stimmung mit Sergey Shipov über seine Partie | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Eigentlich kann es für ein Supergroßmeisterturnier keinen besseren Auftakt als eine 23-zügige Kurzpartie, aber Ian begann die Post-Mortem-Analyse mit Sergey Shipov, indem er auf die “sehr traurige Nachricht“ von Mark Dvoretskys Tod einging:

Ich konnte heute überhaupt nicht spielen – es war sehr schwer für mich. Ich dachte darüber nach, mit Weiß sofort remis zu machen. 

Es kam jedoch anders, denn Evgeny versank schon in der Eröffnung in tiefes Nachdenken und sorgte dafür, dass Ian „die Kraft fand, die Partie fortzusetzen“. Hilfreich war natürlich, dass Tomashevsky durch den Zug 10.f4 in einer Schottischen Partie aus dem Gleichgewicht gebracht wurde:


Dieser Zug wurde 1991 erstmals von Garry Kasparov in Tilburg gegen seinen großen Rivalen Anatoly Karpov in Tilburg angewandt, doch wie Ian anmerkte, „kommt die Variante zwar mittlerweile selten aufs Brett, ist aber recht gut ausanalysiert.“ Nach 10 Minuten wählte Evgeny den häufigsten Zug in dieser Variante, 10…Lg7?!, doch sagt es viel aus, dass er damit Nepomniachtchi aus seiner häuslichen Vorbereitung brachte – denn der normale Zug und die Empfehlung des Computers ist 10…d6. Bald ging es nur noch darum, wann die schwarze Stellung von schlecht in verloren kippen würde.

11.Df2 Sf6?! Nach 34 Minuten: “Ich glaube, hier griff Evgeny fehl ... denn er verliert einige Tempi. Er kann praktisch nichts mehr tun.“ (Nepo) 12.La3 d6?! “An dieser Stelle fällt es schon schwer, dem Schwarzen einen Zug zu empfehlen” (Nepo) 13.Sc3 0-0 14.0-0-0 Se8 15.g3 Lb7 16.Lg2 f6 17.exd6 Sxd6:


An dieser Stelle ist die Stellung für den Computer abgehakt. Ian führte den eleganten Gewinnplan mit dem Bauernzug c5 und der Überführung des Läufers nach c4 aus:  18.c5 Sf5 19.The1 Df7 20.Lf1 Tfd8 21.Txd8+ Txd8 22.Lc4 Td5 23.De2:


Der letzte Hieb. Als wäre der Verlust der Qualität nicht schon ausreichend, droht Weiß zudem Damentausch auf e8 mit anschließendem Gewinn des Läufers auf b7 durch Tb8. Tomashevsky hatte genug gesehen und gab auf, womit beide Spieler ihre Olympiaform zu Beginn des Tal Memorials bestätigten.

Jonathan Tisdall: "Du meine Güte, Tomashevsky wird einige Stunden brauchen, bis er seine Zähne wiedergefunden hat."

Mig Greengard: "Nepomniachtchi hat Schottisch gespielt, Tomashevsky hat Schottischen Whisky getrunken.“

Während diese Partie zeigte, welche Probleme man bekommt, wenn man als Schwarzer in einer scharfen Eröffnung fehlgreift, waren die beiden uninteressanteren Remis Beispiele für die Konsequenzen, die man als Weißer zu tragen hat, wenn man die Züge in einer ruhigen Stellung vertauscht.

Aronian ½-½ Gelfand: "Ab einem bestimmten Punkt habe ich mich gehasst."

Levon Aronian war von seinem Spiel wenig begeistert:

Die Partie war recht langweilig, da ich meine Vorbereitung vergessen hatte und sehr schwach spielte… Ab einem bestimmten Punkt habe ich mich gehasst, aber so ist das Leben. Man kann nicht jeden Tag eine Kampfpartie spielen.


Gelfands schlauer Zug 18…Kd6! (der vermeintliche Bauerngewinn 19.Lxe6 führt nach 19…Tc1+ zu einem bitteren Ende) war der Moment, in dem die Partie laut Aronian von „Weiß‘ Pseudo-Gewinnversuchen“ zu „Schwarz‘ Pseudo-Gewinnversuchen“ überging. 

Wie viele Spieler erinnerte Levon nach der Partie via Twitter an Mark Dvoretsky:

"Levon Aronian: “Der legendäre Schachautor und –trainer Mark Dvoretsky ist heute gestorben. Durch seine Bücher bin ich der Spieler geworden, der ich heute bin. Ein sehr trauriger Tag für die Schachwelt.“

Mamedyarov ½-½ Li Chao: Eine seltsame Partie

“Die Eröffnung habe ich etwas seltsam behandelt”, meinte Mamedyarov nach der Partie und erklärte, er habe früh rochiert und dann gemerkt, dass dies in einer anderen Position der richtige Zug ist. Er versuchte in einer sehr remislichen Stellung weiter Druck zu machen, wurde dann aber von Li Chaos 23…Bd3! überrascht und landete wegen seines abgeschnittenen Turms in der leicht schlechteren Stellung.


Shak, der zuvor immer das Remis forcieren konnte, musste danach noch ein wenig arbeiten, schwebte aber nie in ernster Verlustgefahr. In der Pressekonferenz verwendete er ständig das Wort „seltsam“, doch der Höhepunkt dieses Interviews war noch seltsamer. An einer Stelle schlug ein Zuhörer auf Englisch einen Zug vor, und nachdem Shipov und Mamedyarov diesen eine Weile analysiert hatten, dankte Shipov dem englischsprechenden Journalisten für die interessante Anregung … während man ihm mitteilte, dass der unsichtbare Ratgeber Li Chao höchstpersönlich war.

Li Chao, ein englischsprechender Journalist, der auch ganz gut Schach spielt... | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Giri ½-½ Anand: “Unnötige Arbeit”

So lautete Vishy Anands Verdikt nach einer langen Partie, in der er „zu genau spielen wollte“ und einen gefährlichen Zug übersah:


Nach 18.Td1! (nicht sofort 18.a3) stand Schwarz unter schwerem Druck, da 18…Txa2 19.f4 Sg6 20.Tcd2 definitiv nicht in seinem Sinne ist. Vishy spielte 18…Kf8 und erklärte hinterher, “dass die Stellung zwar unangenehm, aber vermutlich remis sei”. 

"Ruhe in Frieden, Mark Dvoretsky, du warst einer der größten Denker im Schach. Durch die Zusammenarbeit mit ihm habe ich viel gelernt und die Tiefe meiner Vorbereitung verbessert. Seine Bücher habe ich mehrmals gelesen. Ich bin sicher, dass sein Werk noch für viele Generationen ein zentraler Grundstock sein wird. Wir werden ihn sehr vermissen.“ 

Anish dagegen erklärte in fließendem Russisch (er kam in St.Petersburg auf die Welt), dass er eine sehr schöne Stellung bekommen habe, in der er auf beiden Flügeln besser stand, bis zum 52.Zug aber keinen klaren Gewinn verpasst habe.

Giri war sehr angetan von 24.Sc7 Tc8 25.Sd5+ Lxd5 26.exd5, wonach der Springer auf d8 zumindest eine Weile völlig aus dem Spiel ist

"Ich habe Dvoretsky nie persönlich kennengelernt, aber er hat ein großes Vermächtnis hinterlassen. Sein Endspielbuch liegt immer unter meinem Kopfkissen."

Svidler ½-½ Kramnik: Bauern gegen Figur

Diese Partie lohnte definitiv das Zusehen| Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband 

In unserer Fragestunde äußerte sich Peter Svidler jüngst darüber, wie sich Kramniks Spielweise in den letzten Jahren verändert hat.

Viele Jahre lang war sein Ansatz sehr akademisch. Er glaubte stark daran, seine Probleme dadurch lösen zu können, dass er erst gar keine entstehen ließ. Er studierte die Eröffnungen mit dem Ziel, mit Weiß großen Vorteil zu erzielen und mit Schwarz zu remisieren. Da ich recht lange für ihn und dann mit ihm gearbeitet habe, kenne ich diesen Ansatz nur zu gut.

In den letzten Jahren hat er sich dann vermutlich gesagt: “Ich würde Schach gern ein wenig mehr genießen.“ Danach spielte er seltene Eröffnungen und führte Stellungen herbei, in denen die Analyse keine große Rolle spielt, sondern das Schachverständnis – denn damit hat er definitiv kein Problem! Er versteht Schach ausgezeichnet, das zeigen auch die Resultate…

Er hat nicht nur angefangen, 1.b3 und 1.e3 und Sf3 samt g3 und all die anderen Eröffnungen zu spielen, die er nie auf dem Brett hatte, sondern seine ganze Einstellung hat sich dahingehend verändert, dass “es sich um mathematisches Problem handelt, das man am Brett lösen kann“, und dass „es sich um ein sehr schönes Brettspiel handelt, bei dem er viel besser ist als andere und diese schlagen kann“. 

In der 1.Runde des Tal Memorials war definitiv Kramnik 2.0 zu sehen (oder 3.0, wenn man an den angriffslustigen jungen Kramnik denkt), der in einer Igelstellung recht schnell mit 17…g5!? und 18…d5!? Chaos herbeiführte:


Provokanter geht es kaum, doch Peter ist in unausgewogenen Stellungen sehr schlagkräftig, und es folgte 19.Lxg5+ hxg5 20.Dxg5+ Sg6 21.Sxe6! Td6 22.Sf4 Se4!. Dieses finale Scheinopfer kostete Kramnik fast 44 Minuten, wonach die Uhr eine große Rolle in der Partie spielte. Svidler hatte erst drei Bauern für die Figur und wenig später sogar vier, doch bevor diese ihre Arbeit verrichten konnten, mussten noch Tausende von Tricks vermieden werden. Spannend wurde es nach 37…f6!?:


Der Computer würde mit seiner legendären Kaltblütigkeit 38.Kh3!!? spielen, doch  Daniil Dubov meinte, mit wenigen Minuten auf der Uhr könne man 38.De4 kaum widerstehen. Prompt folgte dieser Zug, und als Kramnik haarscharf die Zeitkontrolle schaffte, hatte er das Schlimmste überstanden.

Weiß hatte zwar noch Gewinnchancen, aber nach ein paar Ungenauigkeiten konnte Schwarz die Initiative übernehmen:


Nach 44…Txf5+! 45.Dxf5 Tf8 waren die Rollen vertauscht, und auf einmal musste Weiß hart ums Remis kämpfen. Svidler hielt aber dagegen, bis die Partie bei beidseitiger Zeitknappheit ins Remis mündete.

Der Remisschluss

Am Ende musste sogar Vlad akzeptieren, dass die Partie remis ist, aber an der langen Post-Mortem-Analyse kann man erkennen, dass die beiden Schach wirklich lieben.

"Was für schlimme Nachrichten. Ich hatte die Ehre, Mark Dvoretsky persönlich zu kennen. So jemanden wie ihn wird es nicht mehr geben.”

Die zweite Runde gibt es wieder mit Live-Kommentar auf Englisch und Russisch) hier auf chess24. 

Ihr könnt alle Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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