Berichte 06.03.2018 | 10:41von Colin McGourty

Tal Memorial, Tag 4: Karjakin dominiert das Blitzturnier

Sergey Karjakin hat sich für das Kandidatenturnier mit einer großartigen Leistung im Tal Memorial Blitz aufgewärmt. Er gewann acht Partien, verlor nur einmal und gewann das Turnier vor Hikaru Nakamura. Keiner der anderen Teilnehmer konnte mit dieser Konstanz mithalten. Vishy Anand, Dmitry Andreikin und Vladimir Kramnik begannen stark, aber ließen dann stark nach. Der im Kandidatenturnier an eins gesetzte Shakhriyar Mamedyarov wurde nach nur zwei Siegen in 13 Partien Vorletzter.

Gold für Sergey Karjakin 1,5 Punkte vor Hikaru Nakamura und 2,5 Punkte vor Ian Nepomniachtchi | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Tal Memorial Blitz war ein Turnier mit 14 Spielern und 5 Minuten +3 Sekunden Inkrement Bedenkzeit, Austragungsort am 5. März war der zentrale Botvinnik Schachclub in Moskau. Du kannst alle Partien im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt seine Resultate:

Ex-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk kommentierte zusammen mit Evgeniy Miroshnichenko live auf Englisch, hier das komplette Video:

Stark beginnen und dann stark nachlassen

Vishy Anands Lauf aus dem Schnellturnier ging anfangs weiter: in Runde 1 überspielte er Vladislav Artemiev an dessen 20. Geburtstag, dann bestrafte er Alexander Morozevich für sein mutiges Königsgambit. Nach zwei Runden hatte nur Dmitry Andreikin ebenfalls 2/2, Dmitry hatte später 4.5/5:


Andreikin gewann allerdings in den verbleibenden 8 Runden keine weitere Partie und kassierte vier Niederlagen. Es begann damit, daß er in Runde 6 gegen Hikaru Nakamura in ein Mattnetz stolperte, statt Dauerschach zu geben... 

…und in Runde 7 verpasste er ein direktes Comeback gegen Alexander Grischuk:


39.Dxf8+! Kxf8 40.Te8+ Kg7 41.Txf7# ist ein einfaches und elegantes Matt in 3, 39.Dxf7+ gewinnt ebenfalls. Stattdessen spielte Dmitry 39.Txf7? und hatte dabei 39…Lxf2+! 40.Kh1 Lb7+! übersehen - plötzlich kann Schwarz sich verteidigen. 

Es lief ähnlich für Vishy, der nach der zweiten Runde nur noch eine Partie gewann. Zum Schluss überschritt er gar gegen Vladimir Kramnik die Bedenkzeit und erzielte so im Blitzturnier nicht einmal 50% (6/13).

Kramnik selbst begann mit 4/5 ebenfalls stark, unter anderem verpasste er Sergey Karjakin dessen - wie sich herausstellte - einzigen Verlust. Kramnik hatte gute Chancen, sich für die Niederlage in der letzten Runde des Schnellturniers zu revanchieren, 35…Txd6?? war dabei sehr kooperativ:


36.e5! war nicht die schwerste Taktikaufgabe in Kramniks Karriere, am Ende allerdings 42.Txb2! mit hübschen geometrischen Motiven:

42...Txb2 43.Lxe6+ mit Matt im nächsten Zug, während 42…Kf7 mit 43.Lxe6+! Kxe6 44.Txb6+ Txb6 45.f7+ und Turmgewinn auf b6 beantwortet würde.

In den ersten 8 Runden verlor Kramnik nur gegen Daniil Dubov, diese Partie mit ebenfalls attraktivem Ende:


Kramnik mit Weiß plant Sf6-h7 nebst Umwandlung des f-Bauern. Dubov kann seinen a-Bauern ebenfalls umwandeln und remis spielen, aber er fand etwas Besseres  – 47…Be8! 0-1, da der f-Bauer verschwinden wird und sein a-Bauer die Partie entscheidet.

Kramniks Chancen waren nach Runde 9-11 dahin - drei Niederlagen in Serie, darunter dramatische Partien gegen Grischuk und Nakamura. Hikaru spielte einen weiteren hübschen und ungewöhnlichen Läuferzug:

‌29.Lf8 war wohl nicht der beste Zug, aber sehr verlockend :)

Kramnik hatte später Gewinnchancen, dann war es objektiv remis, aber er überzog und verlor. Er war enttäuscht, daß er auf Zeit verlor (vielleicht eine Fehlfunktion der Uhr), aber zu diesem Zeitpunkt war seine Stellung bereits eine Ruine:

Karjakin zeigt, wie es gemacht wird

Wie bereits erwähnt, war die Niederlage nach schwerem Fehler gegen Kramnik Sergey Karjakins einzige an diesem Tag - und im gesamten Tal Memorial. Im Schnellturnier wirkte er eingerostet und verpasste Chancen in seinen acht Remispartien zu Beginn. Aber im Blitz konnte niemand ihn aufhalten - er zeigte die Form, mit der er 2016 Blitz-Weltmeister wurde und 2017 bei St. Louis Rapid und Blitz anfangs 10/11 erzielte.

Trotz (oder wegen) der Niederlage gegen Kramnik begann er mit 6.5/8, die letzten beiden Partien in dieser Phase wurden für den Endstand relevant. In Stil überspielte er die beiden Gegner, die am Ende ebenfalls auf dem Podium landeten. Dabei kombinierte er geschmeidiges positionelles Schach mit einem scharfen taktischen Auge, das erste Opfer war Hikaru Nakamura:


29.Sd5! exd5 30.Lb6! Dc8 31.Dxc3 d4 32.Lxd4 Sxd4 33.Txd4 - Karjakin hatte zwei Mehrbauern und verwertete seinen Vorteil sicher. Das war Hikarus einzige Niederlage im Blitzturnier, danach gewann er seine drei nächsten Partien.

Nun traf Karjakin auf Ian Nepomniachtchi, der zuvor auch drei Siege in Serie hatte (gegen Morozevich, Anand und Svidler). Wiederum beantwortete Sergey einen Angriff auf eine seiner Figuren mit einem überraschenden taktischen Schlag:


31.Txc6! Txc6 32.Txc6 Lxb3 33.axb3 dxe3 34.Txg6 und wieder hatte Weiß eine strategische Gewinnstellung. Diesen Vorteil verwertete er ausgesprochen sauber. 

Karjakins einziger Konkurrent war danach Nakamura, der jedoch in den letzten drei Runden nur drei mühsame Remisen aus schlechten Stellungen erzielte. Karjakin stand nach einem leichten Sieg gegen Boris Gelfand als Turniersieger fest, das pseudo-aggressive 20…Le4? war bereits der entscheidende Fehler:


21.f3! Lf5 22.e4! Dxd2 23.Lxd2 Ld7 24.c5! dxc5 (das verliert, alles andere auch…) 25.b5!


25...Sb8 26.Txa8 ist natürlich hoffnungslos, aber nach 25...Sb4 kommt 26.Txa8 Txa8 27.Sxc5 mit Angriff auf zwei schwarze Leichtfiguren.

Was auch immer Karjakin in einem Schloss in Schottland mit Denis Khismatullin, Yury Dokhoian und Alexander Riazantsev machte hat sich offenbar gelohnt - Sergey in starker Form vor dem Kandidatenturnier, bei dem er sich für ein Rematch gegen Magnus Carlsen qualifizieren kann!

Gold und Silber war vor der letzten Runde bereits vergeben, aber acht Spieler hatten noch Chancen auf Bronze. Diese Medaille bekam dann Ian Nepomniachtchi, der das Leiden des Letzten Boris Gelfand verschlimmerte.

Blitz-Ratings bestrafen Karjakin für ein schlechtes Ergebnis im Aeroflot Blitz am Tag vor dem Tal Memorial - Nepo gewann dieses Turnier, Nakamura teilte Platz 2 | Quelle: 2700chess

Shakhriyar Mamedyarov wurde nach einem katastrophalen Tag Vorletzter. Der Azeri ist für seine Angriffsstärke mit Weiß bekannt - aber diesmal verlor er seine drei ersten Weißpartien, da sein König immer in der Brettmitte verbleiben musste. 20.Tb2?? gegen Dmitry Andreikin war nur ein Unfall:


20…Dc3+ 0-1

Falls Mamedyarov versuchte, Erwartungen an den Elo-Favoriten vor dem Kandidatenturnier zu dämpfen, ging dieser Plan auf!

Ein Gruppenfoto am Ende mit allen Siegern im Schnell- und Blitzschach | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Alle anderen Spieler hatten zumindest einzelne Erfolgserlebnisse. Vladimir Fedoseev begann das Turnier mit vier Niederlagen und stand in Runde 5 gegen Vladislav Artemiev zwischenzeitlich auch auf Verlust, aber er gewann diese Partie und später auch in den beiden letzten Runden. So wurde es für ihn doch kein Debakel.

Peter Svidler hatte insgesamt ein frustrierendes Tal Memorial, aber konnte einen der besten Königsangriffe des Tages gegen Vladimir Fedoseev zeigen:


17.Sxf7!! Kxf7 18.Lc4+ e6 19.Lxe6+! Kxe6 20.Dc4+ Ke7 21.Te1+ und der weiße Angriff war vernichtend.

Das ist der Endstand (auch hier öffnet ein Klick auf ein Ergebnis diese Partie):   

Nächste Woche jede Menge Schach, unter anderem Reykjavik Open, das Spring Chess Classic in St. Louis, das HDBank Masters und das vorletzte Bundesliga-Wochenende. Im Mittelpunkt dabei natürlich das Kandidatenturnier in Berlin. Chess24 wird ab Samstag ausführlich berichten!

Siehe auch:


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