Berichte 08.05.2018 | 09:54von Colin McGourty

Svidlers Bronzener Reiter führt bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft

Bei der diesjährigen Russischen Mannschaftsmeisterschaft in Sotschi sind zwei Mannschaften mehr am Start als im Vorjahr, aber dafür fehlt die mit Stars gespickte Mannschaft von „Sibirien“, die mit Kramnik, Giri, Mamedyarov, Nepomniachtchi, Grischuk und Andreikin angetreten war. Peter Svidlers Bronzener Reiter landete im Vorjahr auf einem enttäuschenden vierten Platz, legte als Turnierfavorit in diesem Jahr aber einen tollen Start mit fünf Siegen und einem Unentschieden hin. Am Rande der Meisterschaft wurde bekannt, dass FIDE Präsident Kirsan Ilyumzhinov bei seiner Wiederwahl vom Russischen Schachverband unterstützt wird.

Peter Svidler ist wieder das Spitzenbrett des Russischen Mannschaftsmeisters von 2016, dem Bronzenen Reiter | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Nach sechs Mannschaften im Jahr 2016 und acht im Vorjahr sind nun zehn Mannschaften am Start. Ein so starkes Team wie "Sibirien" wie letztes Jahr ist dieses Mal aber nicht dabei:

Bo.NameRtgFEDPts.Games
1GMKramnik Vladimir28112,54,0
2GMMamedyarov Shakhriyar27724,04,0
3GMGiri Anish27854,06,0
4GMNepomniachtchi Ian27513,05,0
5GMGrischuk Alexander27505,06,0
6GMAndreikin Dmitry27234,06,0
7GMKorobov Anton26885,56,0
8GMKhismatullin Denis26513,05,0

Die Mannschaft aus Sibirien geht zwar wieder an den Start, aber der einzige Spieler, der aus dem Vorjahr noch dabei ist, ist das damalige achte Brett Denis Khismatullin. Von seinen ehemaligen Teammitgliedern ist sonst keiner am Start.

Für Peter Svidlers Team “Miedny Vsadnik” (Bronzener Reiter) aus St. Petersburg ist das ein Vorteil, da seine Mannschaft nun mit einem Elo-Schnitt von 2702 (derselbe wie im Vorjahr) an Nummer 1 gesetzt ist. 

Bisher läuft das Turnier in Sotschi gut für Svidlers Mannschaft, die den schärfsten Rivalen von Moskau Legacy Square Capital bereits besiegen konnte:


Der Ausgang des Wettkampfs hing stark von den erstaunlichen Ereignissen bei Fedoseev-Najer ab:

"Diese Bauernstruktur sieht man auch nicht alle Tage!"

An dieser Stelle steht Schwarz objektiv auf Gewinn (der Computer empfiehlt 32…g4!), doch Vladimir Fedoseev gelang es, einen taktisch so beschlagenen Spieler wie Evgeniy Najer komplett aus dem Konzept zu bringen. Im 35.Zug entwickelte sich das Geschehen zu Gunsten des Weißen, entschieden wurde das Duell aber erst durch Najers Patzer im 39.Zug:


39…Kf7! und Schwarz hat noch Chancen, aber nach 39…f3? konnte Weiß mit 40.Txc8+ Lxc8 41.De8+ mattsetzen, weswegen Schwarz aufgab.

Das Team aus St. Petersburg verlor überraschend einen Mannschaftspunkt gegen Vladimir Potkins Molodezhka - ein Team mit deutlich niedrigerem Elo-Schnitt, das aber auf Platz 3 liegt - als alle Partien remis endeten.    

Der 18-jährige Alexey Sarana und der 16-jährige Andrey Esipenko standen vor schwierigen Aufgaben | Foto: Anna Burtasova, Russischer Schachverband

Peter Svidler spielte an Brett 1 erst fünfmal remis, ehe er in Runde 6 eine wichtige Partie gegen Alexey Sarana gewann:


Der 18-Jährige stand die ganze Partie unter Druck und schließlich brach seine Stellung zusammen. John Nunns Regel LPDO (loose pieces drop off = ungedeckte Figuren gehen verloren) schrieb Svidlers Zug 40.Dh4! quasi vor, da Weiß zwei ungedeckte Figuren angreift und Schwarz aufgeben muss. Mit diesem Sieg glich Svidler die überraschende Weißniederlage von Maxim Matlakov gegen IM Ilia Iljiuhenok aus, durch die Erstgenannter vorläufig aus dem 2700er-Club verschwand.

Nach der Niederlage gegen Svidlers Team hat Daniil Dubovs Legacy Square Capital alle restlichen Wettkämpfe gewonnen und liegt mit einem Punkt Rückstand auf Platz 2. Die negative Überraschung des Turniers ist bisher das Abschneiden der Nummer 2 der Setzliste Sima-Land, die nach vier Niederlagen und zwei Unentschieden gerade einmal zwei Punkte auf dem Konto hat. Partien verloren haben bereits Boris Gelfand (1 Niederlage), Evgeny Tomashevsky (2), Vladimir Malakhov (2), Alexander Riazantsev (1), Sergei Rublevsky (2) und Victor Bologan (2), und nur der Russische Ex-Meister Igor Lysyj hat mit +2 noch keine Null vorzuweisen. 

Gelfand mit Turnierleiter Alexander Tkachev | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Sie betrachten das berühmte Bild, auf dem Mikhail Tal dem kubanischen GM Guillermo Garcia vor ihrem Zusammentreffen beim Interzonenturnier 1982 in Moskau Feuer gibt| Foto: Boris Dolmatovsky, ChessPro

Den schlechtesten Start im Team Sima-Land legte Alexei Shirov hin, der wieder für Spanien antritt und das Turnier mit drei Niederlagen begann:


Alle drei Niederlagen waren sehenswert. Najer brachte ein schönes Bauernopfer, um für seinen Springer ein gutes Feld zu räumen:


18.c5! dxc5 19.Sbd2 Sbd7 20.Sc4. Der 16-jährige Andrey Esipenko hielt auf beeindruckende Weise einem wilden Angriff von Shirov Stand und Pavel Maletin hatte selbst eine wunderbare Angriffsstellung erreicht:


Zumindest in Runde 6 erregte Shirov positives Aufsehen, als sein Zug 5.g4!? gegen Evgeny Alekseevs Franzosen ungläubiges Staunen auslöste:

Kurioserweise wurde dieser Zug bereits 13 Mal gespielt, unter anderem von Alexander Grischuk, Zviad Izoria und Evgeniy Miroshnichenko, während Alexei Shirov selbst ihn beim Blitzturnier vor dem großen  Bundesligafinale anwendete. Die Partie in Sotschi endete remis.

Der Besuch von Anatoly Karpov zur Unterstützung des Teams hat sich noch nicht ausgezahlt...

Anatoly Karpov wollte Sima-Land unterstützen | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Sima-Land kann aber immer noch entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Turniers haben, da das Team in der Schlussrunde auf den Bronzenen Reiter trifft.

Alexandra Kosteniuk und Alina Kashlinskaya sitzen an den beiden Spitzenbrettern von Legacy Square Capital | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Bei den Damen mangelt es definitiv nicht an Stars, und die beiden Top-Teams Yugra und Legacy Square Capital ringen erneut um den Titel. 2017 gewann Yugra das direkte Duell 3:1 und holte den Turniersieg, aber dieses Jahr konnte Legacy Square Capital den Spieß umdrehen:


Dennoch liegen die beiden Teams gleichauf, da Alexandra Kosteniuks Team in Runde 5 eine überraschende 1:3-Niederlage gegen das Team von Anastasia Bodnaruk hinnehmen musste. Dafür gab es in Runde 6 wieder ein überzeugendes 3,5:0,5, auch dank eines wunderschönen 116. (!) Zuges von Alexandra:


116…f1=D?? ist nach 117.Dxd2+ Kf3 118.De3+! und Patt nur remis, doch Alexandra tappte nicht in die Falle und gewann mit 116…f1=T! und Matt in fünf Zügen.

Das sind aber noch nicht alle Neuigkeiten aus Sotschi, denn Kirsan Ilyumzhinovs Vorhaben seine bereits 23-jährigen Regentschaft als FIDE-Präsident auszudehnen, bekam Unterstützung vom Russischen Schachverband, der mit 11 Ja-Stimmen, 0 Nein-Stimmen und 8 Enthaltungen für ihn stimmte. 

Kirsan Ilyumzhinov lässt sich trotz der US-Sanktionen nicht in seiner Rolle als FIDE-Präsident einschüchtern | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Vorbehaltlose Unterstützung sieht allerdings anders aus, zumal Ilyumzhinov bestätigte, dass eine „verhasste“ Person wie Silvio Danailov (sein größter Unterstützer in den sozialen Netzwerken) nicht zu seinem Team gehören werde, und der Präsident des Russischen Schachverbandes gegenüber der Nachrichtenagentur TASS Folgendes äußerte:

Da er aktiv um die Welt reist und Werbung macht, haben wir uns dazu entschieden, ihn zu unterstützen, denn andernfalls wäre er kaum handlungsfähig. Ändert sich etwas an der Kandidatenliste, kann es aber sein, dass wir ihn nicht mehr unterstützen. Sobald die Russische Regierung gebildet ist, werden wir uns mit dem Außenministerium beraten, da gewisse Bedenken gegen eine Kandidatur bestehen.

Der Präsident des Russischen Schachverbands Andrey Filatov (mit Kappe) |Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Ohne Zweifel zahlt ein gewisser US-Bürger namens “Glen Stark”, der Ilyumzhinovs Kandidat für den Posten des FIDE Generalsekretärs ist, zu diesen Bedenken, da sein Lebenslauf und seine Website äußerst merkwürdig daherkommen und er womöglich nur der blühenden Fantasie von jemand anderem entsprungen ist.

Unterstützt Russland Ilyumzhinov, ist das aber von großer Bedeutung, da die russischen Botschaften auf der ganzen Welt seine letzten Kandidaturen unterstützt und Werbung für ihn gemacht haben. Die Verbindung zwischen Schach und Politik ist in Russland sehr eng, so präsentierte Sergey Karjakin stolz, dass er bei Vladimir Putins neuerlichem Amtsantritt vor Ort war:   

Ilyumzhinovs Opposition besteht aus Georgios Makropoulos, der geschäftsführende Präsident der FIDE, der offenbar Ilyumzhinovs ehemalige Verbündete hinter sich gebracht hat, und dem ehemaligen WM-Kandidaten Nigel Short, der sich gerade als Alternative ins Spiel gebracht hat:

"Die größte norwegische Tageszeitung bringt einen neuen FIDE-Präsidentsschaftskandidaten ins Spiel"

Bis zur Wahl im Oktober 2018 steht uns vermutlich ein spannender schachpolitischer Sommer bevor.

Weitere Links:


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