Berichte 16.12.2017 | 10:10von Colin McGourty

Svidlers unglaublicher achter Russischer Meistertitel

23 Jahre nach seinem ersten Sieg bei der Russischen Meisterschaft im Alter von 18 Jahren ist Peter Svidler nun achtfacher Meister, nach Sieg im Stichkampf gegen Nikita Vitiugov. Er bekam den ersten Geldpreis von 1 Million Rubel (etwa 14.000 Euro) und wird im Januar dazu ein Auto (Renault Captur) erhalten. Ausserdem ist er im Alter von 41 Jahren nun wieder Nummer 10 der Weltrangliste.

Die 19-jährige Aleksandra Goryachkina hat gerade erst angefangen, aber kann bei ihrem Tempo Peter vielleicht eines Tages einholen. Sie bekam bereits ihren zweiten russischen Meistertitel, nach Sieg in einem dramatischen Stichkampf gegen Natalia Pogonina.

Der 8-fache russische Meister Peter Svidler | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Du kannst alle Partien des Superfinales im Viewer unten nachspielen – ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt dessen Ergebnisse:

Svidler besteht gegen die heutige Jugend

Das Superfinale der Russischen Meisterschaften 2017 wurde in Svidlers Heimatstadt St. Petersburg ausgetragen, im Staatlichen Museum für die politische Geschichte Russlands. Ein passendes Ambiente für einen Spieler, der bereits Schachgeschichte schrieb und den Aufstieg der jungen Generation kommentierte (vor dem Turnier):

Svidler zu Channel 1: "Meine Gegner werden jedes Jahr jünger, ich dagegen nicht" 

Manchmal scheint er selbst Vladimir Fedoseevs grösster Feind | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Svidler war Elofavorit, nachdem Vladimir Kramnik (Vorbereitung auf Wijk aan Zee und das Kandidatenturnier, und selten Teilnehmer bei Russischen Meisterschaften), Alexander Grischuk (World Mind Games in China) und Sergey Karjakin (beim London Chess Classic) verzichteten. Aber dieses Jahr realisierten Maxim Matlakov, Vladimir Fedoseev und bis zu einem gewissen Grad auch Daniil Dubov endlich ihr Potential und näherten sich der Weltelite. Maxim hatte ein enttäuschendes Turnier vor für ihn Tata Steel Masters im Januar, aber die beiden anderen starteten wie die Feuerwehr. 

Fedoseev begann mit 4/4, Dubov mit 3.5/4 einschliesslich Schwarzsieg gegen Svidler. Svidler investierte fast 10 Minuten für seinen zweiten Zug und schaltete nach einer misslungenen Eröffnung nicht rechtzeitig um auf Spiel auf Remis.

Der erste Hoffnungsschimmer im Turnier für Peter kam dann direkt in der nächsten Runde. Wieder überlegte er lange in der Eröffnung auf der Suche danach, wie er ein remisliches Grünfeld-Abspiel vermeiden konnte - um dann zur Erkenntnis zu kommen, dass das zu riskant wäre. Er war dann angenehm überrascht, dass Sergey Volkov nicht Remis forcierte. Kurz danach bekamen wir wohl den Zug des Turniers, auch ein Kandidat für Zug des Jahres:


23…e6!! war eine wunderschöne Widerlegung des weissen Plans, am Königsflügel Raum zu gewinnen. Weiss muss das Opfer annehmen, aber nach 24.gxf5 exd5! empfehlen Engines 26.Da4 mit sofortigem Rückopfer des Lc4 - das sagt genug. Stattdessen verlor 25.La6? sofort: 25…c4! 26.Da4 Tb2! - die weissen Figuren sind unkoordiniert und/oder stehen im Abseits, Schwarz hat vernichtenden Angriff. Peter gewann locker in 32 Zügen und verzichtete sogar darauf, mit einem Damenopfer für die Galerie zu spielen - Svidler zu Evgeny Miroshnichenko: “Was hat Sergey Volkov mir je angetan?”

Er schrieb Schachgeschichte in einem historischen Museum | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

In Runde 5 gewann Svidler erneut gegen Elo-Aussenseiter Evgeny Romanov, aber nach Remisen in den nächsten Runden hatte er vor der vorletzten Runde gegen Vladimir Fedoseev einen vollen Punkt Rückstand. Fedoseevs 4/4 start zu Beginn schien lange her, danach Niederlagen in Runde 6 und 7, aber nach einer verpassten Chance gegen Dubov und einem Sieg gegen Volkov übernahm er in der entscheidenden Phase wieder die alleinige Führung im Turnier. In der letzten Runde hatte er Schwarz gegen Schlusslicht Romanov, Remis mit Weiss gegen Svidler versprach daher sehr gute Chancen auf einen ersten russischen Meistertitel. Es ist allerdings bekannt, dass pragmatisch auf Remis spielen nicht zu Fedoseevs Stärken zählt. 

Zeit für ein Svidler-Zitat nach dem Turnier:

Wow, bei Halbzeit im Turnier hätte ich damit fast gar nicht mehr gerechnet. Zeit um zu feiern - vielen Dank für alle Unterstützung und nette Worte.


Statt einfach 37.fxg5 spielte Fedoseev hier mit 37.f5!? offenbar "auf Gewinn", aber diesen Bauern bekam er nie zurück. Einige Züge danach bot er Remis, aber Svidler - der für Titelchancen unbedingt gewinnen musste - überwand seinen inneren Schweinehund und lehnte ab. Die Stellung wurde für Weiss unangenehm - ein fatales Schachgebot, und der schwarze König wurde aktiv und entschied die Partie. Ein bitteres Ende für Fedoseev, der in der letzten Partie nur Remis spielte (und dabei gegen Romanov beinahe verlor) und so einen Stichkampf verpasste.

Das Ende für Fedoseev gegen Svidler | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Svidler fasste zusammen:

I didn't participate in this game very much. Most of the running was done by my opponent - you're not supposed to win a position like this with Black!

‌Ich habe in dieser Partie kaum mitgespielt. Meistens machte mein Gegner die Musik - ‌so ein Schwarzsieg gehört sich eigentlich nicht!

Vor der letzten Runde hatten sechs Spieler noch Titelchancen, aber Nikita Vitiugov klärte die Lage schnell:


14…Txe3! war bereits die siegbringende Pointe. Nach 15.Dxe3 käme 15…Lf4, aber Sergey Volkov hatte sich auf 15.Lxg4 verlassen. Danach allerdings 15…Txc3+! mit der Doppeldrohung 16…Bf4 und 16…Qg5+ - die 16 noch gespielten Züge waren reine Formsache.

Nikita Vitiugov mit Sergey Shipov nach einem schnellen Sieg - Zeit genug für ihn, um sich auf einen eventuellen Stichkampf vorzubereiten ... oder Angst davor aufzubauen | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Damit mussten die anderen Spieler mit zuvor 6/10 gewinnen - wie bereits erwähnt, Fedoseev schaffte das nicht. Die beiden anderen Kandidaten Svidler und Malakhov trafen aufeinander, es wurde ein kleines Meisterwerk von Peter. Er beschrieb seinen Vorteil aus dem Spanischen Vierspringerspiel als "Skandinavischer Minimalismus", aber nach ein oder zwei Ungenauigkeiten (Svidler sagte z.B., dass Schwarz wohl 22…Ra8 spielen musste) war der weisse Vorteil fast entscheidend:


Peter war froh, dass er hier 31.Te3! fand, was die einzige Drohung -Lxh3 pariert und die gesamte schwarze Stellung weiterhin paralysiert. 31…Dg6 erneuerte die Drohung, aber nach 32.Sd2 überdeckt der weisse Turm den Bauern auf h3 und Weiss entwickelt allerlei Drohungen. Malakhov wählte die Brechstange, um die Partie eventuell zu drehen. Aber nach der Zeitkontrolle zappelte er in einem Mattnetz.

Daniil Dubov nun nahe am 2700 Club | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Derweil hatte Daniil Dubov mit einem mutigen Springeropfer Erfog gegen Ernesto Inarkiev. Nach Sonneborn-Berger Tiebreak hatte er so die Nase vorn gegenüber Vladimir Fedoseev (beide hatten fünf Partien mit Schwarz). Das war wichtig, denn so ist Dubov direkt für das nächste Superfinale qualifiziert. Fedoseev muss sich dagegen vielleicht im unberechenbaren Halbfinale nach Schweizer System (Higher League) durchsetzen, d.h. da einen der fünf ersten Plätze erreichen.

Peter Svidler hätte das Turnier nach Tiebreak "meiste Schwarzpartien" gewonnen (sechs für ihn, fünf für Nikita), trotz schlechterer Sonneborn Berger Wertung. Vitiugov später auf Twitter:

Ich bin zufrieden mit meinen klassischen Partien im Superfinale. Tiebreaks… In diesem Format denke ich, dass Sonneborn Berger oder Koya die beste Lösung ist (aber nicht "meiste Schwarzpartien"). Nach einem langen Rundenturnier ist ein Stichkampf bei weitem nicht so logisch wie in einem Match, aber natürlich spektakulär.

Laut Regelwerk wurden zunächst zwei Schnellpartien gespielt (15+10), dann falls nötig Armageddon - 5 Minuten für Weiss, 4 Minuten für Schwarz. Armageddon war dann nicht nötig. Zwar verhinderte ein kurioser Stichkampf gegen Sergey Karjakin einen zweiten Weltcup-Sieg für Peter, aber diesmal sicherte er sich seinen achten russischen Meistertitel!

Jan Gustafsson liess es sich nicht nehmen, die Stichkampf-Partien zu kommentieren:

Ebenso Evgeny Miroshnichenko (mit Alexander Morozevich) für die Turnierseite:

In der ersten Partie hatte Vitiugov Weiss und stand zeitweise besser, Svidler dazu:

In der ersten Partie strebte ich nach Ausgleich, Ausgleich ... dann war es so ausgeglichen, dass ich bereits weitermachen und Gewinnversuche unternehmen konnte! Nun, und dann machte Nikita den letzten Fehler.

Nach 44 Zügen war es immer noch unklar - Vitiugov konnte hier einfach die Damen tauschen und ein etwas schlechteres Endspiel verteidigen:


Stattdessen spielte Nikita 45.Sh5+??, vermutlich dachte er, dass Weiss nach 45…gxh5 46.Dg5+ Dauerschach hat. Aber das Feld d8 ist gedeckt, damit schlicht und ergreifend game over. Wie Peter sagte: beide waren vor dem Stichkampf bereits extrem müde.

Der Stichkampf war problematisch - die Spieler sind gute Freunde und Vitiugov war Svidlers Sekundant | photo: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Die zweite Partie war bereits nach 5 Zügen quasi entschieden:


Nikita musste hier der Eröffnungstheorie folgen mit 5…exf3 6.dxc6, aber dann werden viele weitere Figuren getauscht und es wird remislich. Deshalb versuchte er 5…Sce7 ... und landete schnell in einer Stellung die Peter so beschrieb: "nicht nur schlecht für Schwarz, sondern absolut hässlich". 

Damit hatte Svidler seine vier letzten Partien gewonnen und war zum achten Mal russischer Meister - nach 1994, 1995, 1997, 2003, 2008, 2011 und 2013 nun 2017. Welcher Song hatte ihn motiviert??

Natürlich dann reichlich Lob und Anerkennung:

Die russische Meisterschaft hat 12 Teilnehmer. Und am Ende gewinnt immer Peter Svidler.

Wow, noch ein russischer Meistertitel für Peter Svidler! Ein Rekord, der sicher lange halten wird

Richtig geraten, das kyrillische СВИДЛЕР = SVIDLER!

Svidler ist ein Held! 41 Jahre alt, und immer noch Russischer Meister vor aufstrebenden Jungtalenten wie Dubov und Fedoseev

Riesen-Glückwünsche an den netten Kerl/die Schachbestie @polborta. 8-mal russischer Meister ist grossartig.

Goryachkina in Svidlers Fusstapfen

Goryachkina hat bei russischen Meistertiteln bisher dasselbe Tempo wie Svidler | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Bei den Damen kopierte die 19-jährige Aleksandra Goryachkina Svidler - ebenfalls 7/11 und dann 2-0 im Stichkampf, in ihrem Fall gegen Natalia Pogonina. Ein Klick auf ein Ergebnis in der Tabelle öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt ihre Resultate:

Natalia Pogonina in einer sowjetischen Küche aus den 1930er Jahren | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Die zweite Stichkampf-Partie wurde dramatisch - zunächst machte Goryachkina im Mittelspiel alles richtig aber dann bekam sie (gefühlte) Probleme:


38…Lxc2! von Pogonina war wohl Verzweiflung, aber nach 39.Kxc2!? (39.Dd7!) 39…c4! 40.De6 (40.b4!) 40…cxb3+ war der weisse König plötzlich entblösst, wobei Goryachkina vom Inkrement lebte. Am Ende überschritt dann aber Schwarz die Bedenkzeit. Aleksandra gab zu, dass sie das gar nicht gesehen hatte - sie wollte nur nicht einzügig mattgesetzt werden!

Damit hat Goryachkina zwei der drei letzten russischen Meisterschaften gewonnen, wie Svidler der zweite Titel im Alter von 19 Jahren. Preisgeld bei den Damen die Hälfte der Beträge bei den Herren, aber auch sie bekommt ein ganzes Auto (Renault Captur)! Als nächstes den Führerschein erwerben ...

Wir freuen uns darauf, dass Peter Svidler uns nächste Woche in Hamburg besucht. Stay tuned for some shows!

Siehe auch:


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