Interviews 23.05.2018 | 11:14von Colin McGourty

Svidler über den Sieg bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft

Vor kurzem gewann Peter Svidlers Team Bronzener Reiter zum dritten Mal die Russische Mannschaftsmeisterschaft, nach acht Siegen und einem Mannschaftsremis. Es war allerdings nicht einfach: bis zum Ende wurden sie von ihren Moskauer Rivalen mit Daniil Dubov am Spitzenbrett gejagt, in der letzten Runde mussten sie für den Titel das von Boris Gelfand angeführte an zwei gesetzte Team besiegen. Peter redet über den Turnierverlauf und darüber, welche Spieler und Partien ihm besonders auffielen.

Peter Svidlers 7 Remisen und 1 Sieg am Spitzenbrett waren nicht spektakulär, aber ein Beitrag zum Sieg seiner Mannschaft | Foto: Barksy/Vashenyak, Russischer Schachverband

Der 8-fache Russische Meister Peter Svidler wird bald wieder auf unseren Bildschirmen auftauchen - vielleicht spielt er morgen in Baden-Baden beim großen Bundesliga-Stichkampf mit wahrscheinlich vielen Weltklassespielern…


…und er wird zusammen mit Jan Gustafsson das Altibox Norway Chess Superturnier live kommentieren, dieses beginnt Sonntag mit dem vorgeschalteten Blitzturnier:


Ihr Kommentar ist nur für Premium-Mitglieder, wie bereits bei Norway Chess 2017, während der Livekommentar auf der Turnierseite frei verfügbar ist. In Absprache mit den Organisatoren können Jan und Peter wieder Videoaufnahmen der Spieler zeigen.

Zuvor war Peters letzter grosser schachlicher Erfolg als Teil einer Mannschaft. Sein Miedny Vsadnik (= Bronzener Reiter, eine Statue von Peter dem Grossen in St. Petersburg, durch ein Gedicht von Alexander Pushkin unsterblich) Team gewann die Russische Mannschaftsmeisterschaft in Sotschi. Wir berichteten  nach sechs Runden, da findest Du Details zu wichtigen Partien der ersten Turnierphase. Den Abschlussbericht verzögerten wir, ehrlich gesagt, in der Hoffnung, dass Peter Svidler sich zum Turnier äußern würde. Es dauerte lange, aber das Warten lohnte sich!

Vladimir Barsky sprach Peter Svidler für die Webseite des Russischen Schachverbandes, wir haben fast das gesamte Interview übersetzt:      


Vladimir Barsky: Gratulation zum Sieg! Der wievielte ist es für Bronzener Reiter?

Peter Svidler: Mit dieser Frage habe ich gerechnet, und entdeckte, dass ich darauf keine Antwort habe. Vielleicht der vierte, oder der dritte. Jedenfalls für das Team mit seinem heutigen Namen. Wenn Du meine Siege bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft meinst, dann sind es deutlich mehr, aber ich bin seit langem in diesem Geschäft.

Svidlers Team gewann Gold in der Premier League, bei den Damen gewann Yugra (Pogonina, Ushenina, Girya, Nechaeva, Kovanova) | Foto: Barksy/Vashenyak, Russischer Schachverband

Vladimir Vladimirovich Bykov hat vor kurzem eine neue Webseite etabliert, da steht alles. Ich habe mir die Statistiken sogar vor kurzem angeschaut, aber aus irgendeinem Grund tappe ich bei dieser Frage total im Dunkeln.

Was ist Dein Eindruck von dieser Meisterschaft? Was war anders als bei früheren Turnieren? 

Objektiv waren die Aufstellungen schwächer. Man muss zugeben, dass das Turnier ohne die echten "Krokodile" vom Team Siberia/Globus viel angenehmer war. Und irgendwie lief es für uns von Anfang an, im Gegensatz zu unter anderem unserem letztem Gegner Sima-Land. Wir haben an den vorderen Brettern einen leichten Elovorteil, aber sind an den hinteren Brettern schwächer. Auf dem Papier war es ein total ausgeglichenes Match; es schien auch völlig unklar, bis sie in Zeitnot an mehreren Brettern das Nachsehen hatten. Alles was schief gehen konnte ging für sie schief.

Ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse

Ab der ersten Runde?

Ja. Ich weiß nicht warum - ich versuche nicht, das zu kommentieren. Für uns lief dagegen alles gut. Es gab extrem nervenaufreibende Matches, die in einer oder zwei Partien entschieden wurden. Zum Beispiel fiel die Entscheidung im Spitzenkampf gegen Moskau in Fedoseev-Najer; lange standen wir da sehr schlecht, aber dann gewann Vladimir in Zeitnot, vor allem Evgeniys Bedenkzeit war sehr knapp.

‌Keine alltägliche Bauernstruktur! :)

Natürlich war das eine entscheidende Partie, da wir das Match mit dem knappsten Ergebnis gewannen, und das aus einer Stellung heraus, in der das Computerurteil aus Vladimirs Sicht zwischenzeitlich -3 war. Natürlich war es kein technisches -3 bei dem, platt ausgedrückt, zwei Mehrbauern von selbst zur Dame laufen. Es war eine scharfe taktische Stellung in der man mattsetzen musste, und es war klar dass ein Matt möglich ist. Die Tatsache, dass das Matt am Ende "im falschen Tor" erzielt wurde, spielte eine sehr wichtige Rolle für das gesamte Turnier.

Im Turnierverlauf gewannen alle aus dem Team mindestens eine wichtige Partie, selbst ich. Ich erzielte nur einen Sieg (insgesamt kann ich mein eigenes Turnier natürlich nicht als Erfolg betrachten), aber dennoch gelang es mir, im Match gegen Moskau zu siegen, das wir insgesamt +1 gewannen. Nikita gewann einmal, aber eine kritische Partie gegen Evgeny Alekseev, diesen Sieg musste er sich hart erarbeiten.

Nikita gewann “aus dem Nichts heraus”. Mein Eindruck war, dass die Stellung zunächst völlig ausgeglichen war, aber er hielt die Spannung aufrecht. Ab einem gewissen Zeitpunkt war es dann offensichtlich nicht mehr ausgeglichen, und das ließ sich Nikita nicht mehr nehmen.

Ein Tweet, um den Sieg zu feiern - nur Peter fehlt!

Ab dem dritten Brett gewannen wir bereits reihenweise Partien. Vladimir Fedoseev, Maxim Matlakov – wir alle wissen, wie gut sie Schach spielen. Nun, und natürlich hat Kirill Alekseenko spezielle lobende Worte verdient.

Der Neuling im Team?


Ja, das war sein erstes Turnier für unser Team. Und es begann damit, dass er in den ersten beiden Partien erwischt wurde, das auf ziemlich deprimierende Weise. An seiner Stelle wären viele zusammengebrochen - ich hätte danach sicher abgrundtiefe Selbstzweifel, von denen ich mich womöglich nicht erholt hätte. Aber am Ende gewann er reihenweise kritische Partien mit Schwarz, darunter eine strategisch komplizierte Partie gegen Sergey Rublevsky in der letzten Runde. Ich weiss nicht, wie korrekt es alles taktisch war, aber es schien mir eine hochinteressante Partie auf beiderseits hohem Niveau (jedenfalls, wenn man Zeitnot berücksichtigt). Kirill wollte einen komplizierten Kampf und erwies sich in diesem komplizierten Kampf als stärker.


Hier spielte Alekseenko 33...Sxf6!! 34.fxg5? Sg4!! und stand total gewonnen

Am Ende hatte Alekseenko +2 im Turnier nach anfangs -2. Man sieht natürlich, dass der junge Mann extrem talentiert ist, für mich ist es auch besonders erfreulich da er ein Student von Andrey Mikhailovich Lukin ist (der Coach, der laut Svidler am meisten zu seiner eigenen Entwicklung beigetragen hat). Es gibt eine Art Kontinuität zwischen den Generationen.

Eure Aufstellung war fast ideal?

Wenn Du Spieler aus St. Petersburg meinst, dann ja. Wir betrachten Dominguez bereits als Einheimischen, aber er konnte diesmal nicht mitspielen. Wir haben weiterhin Kontakt mit ihm, und vielleicht wird er wieder für unseren Club spielen. Wir verstehen uns immer noch gut mit ihm, aber gewisse Ereignisse in seinem Privatleben führten dazu, dass er (auch) letzte Saison nicht spielte, und wir waren zu siebt. Die Aufstellung ist dabei prima - alle verstehen sich gut mit allen.

Ihr hattet kein zweites Reservebrett?

Nein.

Um Geld zu sparen?

Der Grund war sicher finanzieller Natur, aber das ist nicht mein Thema und ich will darüber nicht wirklich reden.

Was war insgesamt in der Premier League interessant? Welche Partien fielen Dir besonders auf? Welche Spieler bewunderst Du? Du läufst immer viel herum und betrachtest andere Partien. 

Ich laufe viel herum, ja, aber alles verschwimmt irgendwie. Manchmal sehe ich, dass etwas interessantes passiert, aber sehe dann nicht, welches Ergebnis daraus entstand. Was neue Namen betrifft...Ich kann nicht sagen, dass ich ihn seit vielen Jahren aktiv verfolgte, aber ich weiss, dass der junge Mann David Paravyan existiert.  

Letztes Jahr spielte er für Gogol-Mogol.

Ja. Vor 2-3 Jahren in der Higher League gewann er mit Schwarz gegen Evgeniy Najer in einem sehr merkwürdigen, seltenen Abspiel der Grünfeld-Verteidigung, in einer Variante die ich in einem meiner Videos zeigte. 

Ein Screenshot des e-Buchs zu Svidlers Video

Das Abspiel war so marginal, in einer wenig bekannten Variante, dass ich es sogar auf Twitter erwähnte, quasi um zu sagen, wie schön dass junge Leute meine Werke studieren.

‌Warme verschwommene Gefühle, mit etwas Eifersucht dabei

Und dann traf ich ihn hier in Sotschi bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft. Ich begegne ihm buchstäblich auf der Treppe und sage: “David, hast Du Dir das Video angeschaut? Gib es zu”. Er fragt: “Welches Video?” “Nun, gegen Najer hast Du einen bestimmten Zug gespielt”. David antwortet: “Nun, das zeigt der Computer, Peter Veniaminovich”. 

Dieses Jahr spielte er eine hochinteressante Partie gegen Ernesto Inarkiev, und wieder genau nach meinem Video.

Diesmal zeigte Peter in einem seiner 6.d3 Spanisch Videos alles, bis Inarkiev statt 23...Kg8 23...Kg6 spielte

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und hatte genau denselben Dialog mit ihm “Nun, diesmal hast Du Dir das Video angeschaut?” Er schämte sich: “Es gibt ein Video? Verdammt! Wieder habe ich es mir nicht angeschaut!” Insgesamt kennen wir uns flüchtig und nicken uns zu, aber dennoch haben wir einen gemeinsamen Witz, den wir ab und zu teilen. Sein Resultat sollte man zweifelsohne erwähnen. Er hatte das beste Ergebnis an Brett 2, erzielte sehr viele Punkte und spielte gut - interessant, frisch.

Trotz einer Niederlage in der letzten Runde erzielte der 16-jährige Andrey Esipenko +2 und hat nun fast Elo 2600 | Foto: Anna Burtasova, Russischer Schachverband

Also kommen junge Leute nach. Da ist auch Andrey Esipenko. Es ist weniger interessant, über ihn zu reden, da alle ihn bereits kennen. Er ist bereits quasi etabliert, man kennt seinen Nachnamen. Ich habe mir auch angeschaut, was er hier machte - es ist klar, dass er sich weiter entwickelt und es ist angenehm zu verfolgen. Dann erzielte Pavel Ponkratov +3 am Spitzenbrett. +3 am ersten Brett in so einem Turnier ist sehr schwer zu erzielen, natürlich ist es ein großer Erfolg. 

Das Turnier ist interessant, es macht immer Spass da zu spielen. Allerdings gibt es nichts, mit dem ich mich besonders brüsten könnte - rein gar nichts. Vielleicht schaffe ich es, beim Europacup lebendigeres Schach zu spielen.

Wird das Team für den European Club Cup irgendwie verstärkt?

Du musst Vladimir Vladimirovich zu Entscheidungen betrifft Aufstellungen fragen, und nochmals, er weiß mehr über die finanzielle Situation als wir Spieler. Wir werden darüber nachdenken. Insgesamt haben wir nun eine kämpferische Aufstellung, und bei nur einem Reservisten sind Entscheidungen einfacher - viel weniger Kombinationen, für die man 2,5 Stunden verschwenden kann. Wir schaffen es ohnehin nicht, unsere Mannschaftsbesprechungen kurz zu halten, mit zwei Reservespielern würden sie endlos lange dauern!

Peter wusste, dass er gegen Gelfand eventuell gewinnen musste. Aber am Ende konnte er ruhig spielen - angesichts der Tatsache, dass sein Team auch dann Meister würde, wenn er diese Partie verliert | Foto: Barksy/Vashenyak, Russischer Schachverband

Wie immer kam die denkwürdigste Partie ganz zum Schluss. Ich spielte eine hochinteressante Partie gegen Boris Gelfand, aber kann kaum stolz darauf sein - viel zu viele Fehler.


Nach 20.Tc1 - Gelfand hat mit Weiß drei Bauern geopfert und sein Springer hat sich auf c7 verlaufen, dennoch ist es dynamisch nahezu ausgeglichen!

Es war unglaublich interessant zu spielen und vielleicht auch zuzuschauen, aber wenn man die Silikonmonster dazu befragt - man kann sich nur amüsiert am Kopf kratzen: prozentual viel zu viele total unerklärliche und nicht zu rechtfertigende Patzerzüge. Wir waren offensichtlich beide müde. Außerdem muss man in derlei Partien so viel rechnen, dass die Batterien zur Zeitkontrolle bereits ziemlich leer sind. Es ist dennoch schade, dass es so viele Fehler gab. Remis war objektiv gesehen insgesamt das richtige Ergebnis, aber es sollte auf einem anderen Weg entstehen, ohne den Austausch zweitbester Entscheidungen. Aber es war eine interessante Partie.


Vor einigen Tagen gewann Svidler auch das Bronzener Reiter Blitzturnier in der Boris Yeltsin Präsidenten-Bibilothek in St. Petersburg | Foto: Egor Karlin

Wie in der Einleitung erwähnt, bleibt dran und schaut auf Peter Svidler beim Bundesliga Showdown oder als Livekommentator bei Altibox Norway Chess

Siehe auch:


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