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Interviews 10.01.2017 | 13:14von Colin McGourty

Svidler über Carlsen-Karjakin, Computer & mehr

In einer knappen Woche beginnt das Schachjahr, am Samstag, den 14. Januar in Wijk aan Zee. Peter Svidler wird die ersten sieben Runden für uns hier bei chess24 kommentieren. In einem detaillierten russischen Interview sprach der siebenmalige russische Meister kürzlich über das Kommentieren, das Match zwischen Carlsen-Karjakin, den Einfluss von Computern, darüber, wie Kramnik seinen Stil angepasst hat und vieles mehr.

Peter Svidler beim Tal Memorial 2016. Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Peter Svidler sprach mit Leonid Romanovich von der St. Petersburger Zeitung Sankt-Peterburgskiye Vedomosti. Wir haben das vollständige Interview im Folgenden übersetzt:


Leonid Romanovich: Das jüngste Match in New York zwischen Magnus Carlsen und Sergey Karjakin fand im Zeichen des Spaniers statt, deiner charakteristischen Eröffnung. Wie würdest du das Eröffnungsduell dieses Matches bewerten?

Peter Svidler: Ja, ich wurde sogar bei der Übertragung bei chess24 von Zuschauern kritisiert, weil ich viel über meine eigenen Erfahrungen gesprochen habe, aber irgendwann war es einfach sehr lustig: sie spielten Varianten, bei denen die Theorie fast vollständig aus meinen Partien bestand! Und ich fing an, sie aufzulisten: das habe ich gegen Anand gespielt, das gegen Dominguez. Jemand schrieb in einem Kommentar: "Was macht er da, es ist nicht sein Match!"…

Partie 9 folgte Peters Analyse sogar bis zum 23. Zug!

Insgesamt war es ein seltsames Match, was die Eröffnungen anging, und sogar noch seltsamer, was Sergej anging. Magnus zeigte eine ausgeglichene, durchdachte Vorbereitung, spielte jedoch sein, sagen wir offiziell deklariertes Repertoire. Trotzdem gewann er die meisten Mikroduelle in der Eröffnung! Das ist absolut verblüffend, wenn man die Herangehensweise der Spieler berücksichtigt. Karjakin ist einer der besten modernen Spieler, was seine theoretische Ausrüstung angeht, und dann seine groß gehypte Vorbereitung auf das Match, für die so phänomenal viel Geld ausgegeben wurde. Und trotzdem bereitete er Magnus keine Probleme! Das ist für mich ein Rätsel. Karjakin sagte in einem Interview, dass viel Arbeit geleistet wurde, aber sein Team manchmal einfach nicht erraten hatte, was Magnus spielen würde.

Dachtest du während des Matches jemals daran, dass du an Karjakins Stelle hättest sein können?

Ich kann nicht sagen, dass ich nie daran gedacht habe, aber solche Gedanken quälen mich nicht. Man könnte sagen, dass Caruana, der den Sieg in der letzten Runde des Kandidatenturniers verpasst hat, es bestimmt unangenehm fand zuzusehen, aber ich bin nicht an Caruanas Stelle. Ja, ich habe am Kandidatenturnier teilgenommen, und wenn die erste Hälfte etwas anders verlaufen wäre, hätte ich eventuell um den Sieg kämpfen können, aber es ist nun einmal anders gekommen. Also hatte ich nicht einmal annähernd den Eindruck, dass sie mein Match spielen.

Karjakin und Svidler trafen in der ersten Runde des 2016 Kandidatenturniers in Moskau aufeinander

In New York spielten Kinder des Computerzeitalters, während du noch in einer ganz anderen Zeit angefangen hast. Wie leicht war für dich der Übergang? Und wie haben Computer die Schachwelt generell verändert?

Für mich persönlich gab es keine kognitive Dissonanz - es verlief alles recht fließend. Aber das Schachspiel hat sich natürlich deutlich verändert. Die größte Veränderung, eine sehr grundlegende Veränderung, ist die neue Evaluierung der defensiven Ressourcen. Vorher stoppten äußerst viele Analysen um den 17.-19. Zug mit dem Symbol für "mit einem Angriff" - das war wirklich gut. Wenn man jetzt seit Jahrzehnten mit Computern gearbeitet hat, versteht man sehr gut, dass "mit einem Angriff" nicht wirklich eine Bewertung ist. Der Computer verteidigt Stellungen, die man vorher, mit einem einzigen Blick auf das Brett, als Matt eingeschätzt hätte. Man wusste nicht wie, aber das brauchte man auch nicht zu wissen - man fand den Weg am Brett. Aber der Computer findet solche Ressourcen, sodass auch die Spieler begonnen haben, defensive Ressourcen ganz anders auszuwerten. Es ist deutlich geworden, wie ausgeglichen das Spiel ist und wie schwierig es ist, dieses Gleichgewicht zu stören.

Also stellt sich heraus, dass sie das Spiel bereichert haben?

Ja, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite spielen die Leute deswegen weniger das romantische Schach, das die Zuschauer so sehr lieben. Die Erkenntnis, dass ein Angriff vermutlich inkorrekt ist, belastet einen wirklich. Und es gibt nicht mehr so viele Romantiker, die sich davon nicht stören lassen.

Also ein typisches Kind des Computerzeitalters wäre Karjakin, der bereit ist, jede Stellung zu verteidigen?

Ich weiß nicht, bis zu welchem Grad das von den Computern abhängt. In seinem Fall scheint es mir mehr um Talent zu gehen. Wenige Menschen haben diese Fähigkeit, denn stundenlang eine schlechte Stellung anzuschauen ist psychisch sehr hart. Man erhält eine Stellung, bei der einem übel wird, es wird vermutlich nicht besser, aber es ist noch zu früh um aufzugeben. Man muss da sitzen und einfach die besten Züge finden. Das ist ein sehr wertvolles Talent! In dieser Hinsicht ist Sergej einer der besten, wenn nicht sogar der beste der Welt. Ich zum Beispiel habe ebenfalls schlechte Stellungen gerettet, aber was das angeht, reiche ich nicht ansatzweise an Karjakin heran!!

Die Leute reden seit langem über den Tod des Schachspiels durch die Computer, darüber wie alles analysiert worden ist. Eines der Gegenmittel ist das sogenannte Fischerschach oder Chess960, bei dem die Anfangsstellung durch eine Auslosung bestimmt wird. Du bist zufällig dreimaliger Weltmeister in diesem Format…

Viermaliger. Als Hans-Walter Schmidt sein Amt als Organisator dieses Spiels niederlegte, erlebte Chess960 leider einen Rückgang. Er organisierte Turniere in Frankfurt am Main und glaubte daran, dass es ein wichtiges Format ist, das das Schachspiel lebendig und jung erhalten würde, aber irgendwann gingen seine Hauptsponsoren und die Turniere hörten auf und jetzt kann man es fast nirgends mehr spielen. Das ist sehr schade, weil jeder, den ich kenne, sehr großen Spaß an Chess960 hat.

Ich habe gehört, dass führende Spieler es bedauern, dass sich soviel Vorbereitungsarbeit bei Chess960 als vergeblich herausstellt…

Nein, das ist nicht das Problem. Wenn es plötzlich keine andere Schachart gäbe, dann wäre diese Arbeit vergeblich, aber es wurde nie ernsthaft darüber nachgedacht, klassisches Schach durch 960 zu ersetzen. Wenn es um die Zukunft des Schachspiels geht, ist das Hauptthema im Moment die Zeitkontrolle.

Wenn man sich das Match in New York anschaut, war Schnellschach das Highlight des Matches.

Ja, bei chess24 hatten wir während der Tiebreaks ungefähr viermal so viele Zuschauer wie bei den interessantesten Partien im klassischen Teil des Matches. Es kann gut sein, dass die Zukunft wirklich im Schnellschach liegt, aber gleichzeitig muss man Folgendes verstehen: Schnellschach, geschweige denn Blitzschach, zu übertragen ist ohne wirklich gute Kommentatoren unmöglich.

Tut er es oder nicht? Jan und Peter kommentieren die letzten Züge des Matches

Du kommentierst ohne Computer, im Gegensatz zu der großen Mehrheit deiner Kollegen. Warum?

Das stimmt nicht ganz. In den ersten vier Stunden oder so, während unsere Hirne noch eine Spitzenleistung bringen können, versuchen wir, den Computer gar nicht anzuschalten. Das gilt jedoch nicht für Stellungen, in denen man nicht sofort eine Lösung finden kann, aber das Gefühl hat, dass es eine gibt. Dann ist es einem peinlich vor den Zuschauern, die bereits alles mithilfe ihres "Silikons" herausgefunden haben, während wir ihnen sagen, dass die Stellung unklar ist. Nach vier Stunden ununterbrochenem Sprechen fängt man an Fehler zu machen und bekommt den Eindruck, dass man den Zuschauern nicht alles bietet, was man könnte, also verwendet man den Computer immer mehr. Aber insgesamt denke ich, dass meine Rolle als ernsthafter Repräsentant der Schachelite darin besteht, zu zeigen, wie so jemand ohne "Stütze" denkt. Damit die Zuschauer sehen: das ist der Denkprozess, hier habe ich etwas übersehen, einen Fehler gemacht. Das zeigt den Zuschauern, wie es in einem echten Turnier abläuft.

Dein Niveau ist vermutlich etwas hoch für die meisten Zuschauer?

Ja, diese Kritik gibt es oft an meiner Arbeit - ich versuche nicht, das Niveau der Analyse zu senken. Ich sage ehrlich was ich sehe, und ich sehe immer noch ziemlich viel und das recht schnell.

Aber du kommentierst doch im Duo? Wer sind deine Partner?

Ja, alleine würde ich verrückt werden. Mehrere Tage hintereinander ins Leere zu übertragen ist sehr hart. Im letzten Match arbeitete Eric Hansen mit mir zusammen an den ersten Partien und dann kam Jan Gustafsson zurück. Er ist mein ständiger Partner, wir arbeiten seit vielen Jahren zusammen und besprechen auch viele Themen, die absolut nichts mit Schach zu tun haben: Filme, Fernsehserien - das machen wir seit Jahren. Wir haben uns bewusst für ein Übertragungsmodell entschieden, bei dem es eine Bandbreite solcher "Bagatellthemen" geben kann. Und viele Leute schauen uns genau deswegen zu, das weiß ich mit Sicherheit. Zum Beispiel hatten wir in der 11. Partie des Carlsen-Karjakin-Matches eine wunderbare Diskussion, die in den sozialen Medien ein Hit war. Wir zeigten die Schlussstellung der Partie eine halbe Stunde, bevor sie auf dem Brett auftrat. Es war klar, dass der e2-Bauer nicht zur Dame werden konnte, weil Weiß Dauerschach geben würde. Das sagten wir dreimal, während sie dort weiter nachdachten. Danach fingen wir an, über dieses und jenes zu reden… 

"‌Schach Einmaleins mit @GMJanGustafsson & @polborta.

Heutige Episode: Kanadische Geografie"



"Schach Einmaleins mit @GMJanGustafsson & @polborta

‌Heutige Episode: En Passant"

Natürlich müssen wir uns dafür gut verstehen und uns für viele gemeinsame Themen interessieren, und befreundet zu sein schadet auch nie. Gusti und ich haben das alles. Es macht mir enorm viel Spaß, mit ihm zu arbeiten, und wir warten beide, in einer guten Weise, auf den Moment, in dem wir uns etwas gehen lassen können…

In Bezug auf das Kommentieren ist nun alles klar, aber wie läuft deine eigene Arbeit am Schach ab?

Meine persönliche Arbeit am Schach läuft normalerweise schlecht… Und im Allgemeinen kann man ohne Computer fast nichts machen. Ja, scharfe, taktische Stellungen sind interessant und es macht Spaß, sie "händisch" zu analysieren, aber man verbraucht unglaublich viel Zeit, die man sich durch einen Klick sparen kann. Es gibt jedoch Ausnahmen. Ich habe in den letzten vier Jahren in drei Kandidatenturnieren gespielt und für jedes davon habe ich ein neues Eröffnungsrepertoire vorbereitet. Da gab es viele Strukturen, die ich vorher nicht gespielt hatte, und wenn man verstehen muss, wo die Figuren in manchen Arten von Stellungen grundsätzlich hinmüssen, dann sollte man den Computer beiseitelegen, sich mit Kollegen hinsetzen und die Figuren mit den Händen bewegen.

Mit wem arbeitest du am häufigsten zusammen?

Ich habe eine Gruppe von guten Freunden. Insbesondere Maxim Matlakov, und bei den ersten beiden Kandidatenturnieren bekam ich unschätzbare Tipps von Nikita Vitiugov. Er hat meiner Ansicht nach eine korrekte, systematische Herangehensweise an die Arbeit fürs Schach.

Und wem hast du selbst geholfen?

Ich war Kramniks Sekundant in Brissago für sein Match gegen Leko und half auch Grischuk dabei, sich auf ein Kandidatenturnier vorzubereiten. Bei Kramnik war mein Hauptgrund, dass ich sehen wollte, ob ich es physisch durchstehen kann – ich hatte schon eine ungefähre Vorstellung davon, was die Arbeit mit Volodya bedeutete. Ich habe es überstanden, aber danach ein halbes Jahr keine Schachfiguren angerührt. Ich hatte vorher noch nie und habe seitdem nicht mehr so viel gearbeitet - in meinem ganzen Leben!

Svidler und Kramnik vor einem angespannten Remis bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft 2016 in Sotschi | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Kramnik hat sich mittlerweile deutlich verändert…

Es ist nicht so, dass Volodya nicht mehr am Schach arbeitet, aber er hat endlich etwas erkannt: er spielt so gut Schach, dass er nicht jede Partie in der Eröffnung gewinnen muss. Er kann einfach die Figuren entwickeln und die Leute überspielen.

Wie es Carlsen so oft macht…

Ja, während Volodya das Schach damals stark als mathematisches Puzzle aufgefasst hat, für das es eine Lösung geben muss. Für mich ist der neue Kramnik eine Art Vorbild. Ich würde auch sehr gerne etwas an mir ändern, weiß aber nicht wie. Und ich bewundere ihn sehr, weil er sein ganzes Leben lang auf eine Weise am Schach gearbeitet hat und dann mit ungefähr 40 beschlossen hat, dass sie ihm nicht mehr gefällt und es sogar geschafft hat, sich zu verändern. Das ist für mich eine überirdische Leistung!

Du versuchst aber auch, deine Herangehensweise zu verändern. Vor ein paar Jahren hast du zum Beispiel zugegeben, dass du angefangen hast, dich häufiger zu zwingen um den Sieg zu kämpfen…

Ja, das war eine wichtige Schlussfolgerung, die ich aus Turnieren gezogen habe, in denen ich zu sehr von Gedanken wie "Ich darf diese Partie nicht verlieren" belastet wurde.

Wenn man unsere Schule und die westliche vergleicht, hat man generell den Eindruck, dass wir ab dem Juniorenschach sehr stark aufs Ergebnis fokussiert sind. Stimmt das?

Ich verallgemeinere wirklich nicht gerne, aber Nakamura, Caruana – sie alle wurden mit amerikanischen offenen Turnieren groß, wo nur die ersten zwei oder drei Preise von Bedeutung sind. Daher kämpft man in diesen Turnieren in jeder Partie um den Sieg und nimmt das in seine zukünftige Karriere mit, während ich zum Beispiel sehr schnell angefangen habe, in Elite-Doppelrundenturnieren zu spielen, wo es eine etwas entspanntere Atmosphäre gibt… Wenn man in der Eröffnung eine langweilige Stellung bekommen, bietet man ein Remis an und geht nach Hause. Und das muss man später natürlich überwinden. In dieser Hinsicht bin ich sehr dankbar für das Auftreten der Sofia-Regeln, die diese Option einfach ausgeschlossen haben. Ich hatte tatsächlich unglaublich viele kurze Remis, aber gleichzeitig stimmte ich sehr viel häufiger einem Remis zu, als dass ich es anbot. Das bedeutet, dass ich immer bereit war weiterzuspielen, aber wenn jemand mir ein Remis anbot, wäre ein Ablehnen unangenehm gewesen. Ich habe eine gute Beziehung zu allen und in den meisten Fällen waren es meine Freunde…

Es gibt die Ansicht, dass es Peter Svidler im Kampf um die Krone an Härte fehlt, an einem "Killerinstinkt". Im Gegensatz zu Karjakin und Carlsen zum Beispiel.

Tatsächlich liefen die Dinge für mich gegen die beiden gar nicht schlecht. Ich könnte zweifellos härter sein, aber ich denke nicht, dass das mein Hauptproblem ist. Carlsen spielt einfach besseres Schach als ich. Aber die Hauptsache ist, dass ich mehr arbeiten kann und sollte als ich es tue.

Und warum funktioniert das nicht?

Die Sache ist: es ist sehr schwer für mich, alleine zu arbeiten und Menschen, mit denen ich gerne zusammenarbeite, haben eigene Karrieren. Wir finden eine Art gemeinsames Fenster, treffen uns und schauen uns ein, zwei Stellungen an, aber im Laufe der Jahre wird es immer schwerer, so ein Fenster zu finden. Maxim Matlakov und ich verstehen uns zum Beispiel sehr gut, unsere Arbeit bringt uns viele Vorteile, aber er hat eine eigene ernsthafte Karriere und ich kann meinen Kalender nicht an seinen anpassen. Im Allgemeinen würde es im Alter von 40 Jahren nicht schaden, unabhängig zu arbeiten, aber es funktioniert nicht sehr gut, weil es immer Ablenkungen gibt.

Was für welche, wenn das kein Geheimnis ist?

Oh, die Liste ist endlos. Verschiedene Kartenspiele, Filme. Familie und Kinder stehen natürlich nicht an letzter Stelle.

Und ihr dachtet, Svidler streamt nur seine Schachpartien...

Apropos deine Kinder. Deine Zwillinge sind nicht zu Schachspielern geworden. Bist du froh darüber?

Alles in allem, ja. Wenn sie ein Talent dafür gezeigt hätten, hätten wir ihnen natürlich nicht im Weg gestanden, aber keiner der beiden zeigte ein besonderes Talent dafür. Und dann muss man auch berücksichtigen, dass es unmöglich für meine Kinder ist, anonym zu lernen. Leute hätten ständig auf sie gezeigt und geflüstert. Brauchen sie das wirklich?

Und hattest du jemals das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn du selbst nicht Schachprofi geworden wärest, sondern etwas anderes?

Nein. Es ist schwer für mich, mir ein anderes Universum vorzustellen, in dem ich nicht Schach spiele, obwohl ich zweifellos etwas anderes gefunden hätte.

In was hast du deinen Hochschulabschluss gemacht?

Ich habe im ersten Jahr aufgehört. Ich studierte VWL an der Staatlichen Universität von St. Petersburg. Es war eine besondere Abteilung, an der Schachspieler studieren konnten, aber diese Textbücher zu lesen machte mich depressiv. Ich kratzte mich am Kopf und sagte "Nein". Ich wollte kein Volkswirt werden - warum sollte ich mir das alles also antun? In gewisser Hinsicht ist es schade, weil ich mir eine Art lebensverändernde Erfahrung vorenthalten habe. Vielleicht hätten sie mir beigebracht, ein bisschen zu arbeiten, wenn ich die ganzen fünf Jahre gemacht hätte, aber zu der Zeit war klar, dass ich Schachprofi werden würde und ich fand, dass keine Hochschulausbildung brauchte. Und das Beispiel meiner Zeitgenossen – Vasily Yemelin, Vadik Zvjaginsev, mit denen ich auf Augenhöhe spielte, zeigt, dass ich Recht hatte. Sie machten ausgezeichnete Abschlüsse an seriösen Institutionen, aber das bremste ihre Weiterentwicklung im Schach. Wenn man etwas ernsthaft studiert, muss man eine Pause in der Schachkarriere machen und das sind die wertvollen Jahre, in denen man Dinge wie ein Schwamm aufsaugt und sich explosiv weiterentwickelt.

Nachdem er nicht VWL studierte, muss Peter letztlich seinen Lebensunterhalt damit verdienen, dass er chess24-Tassen signiert...

Es gibt zur Zeit einen Boom im Juniorenschach, immer mehr Kinder melden sich zum Schachunterricht an. Hast du das Gefühl, dass das Interesse am Spiel wächst?

Es stimmt tatsächlich, dass Schach zur Zeit in Russland sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich verstehe nicht genau, wie die Verbindung funktioniert, aber die Aufmerksamkeit, die dem Spitzensport gewidmet wird, führt tatsächlich zu mehr Interesse an der Basis. Es ist klar, dass der Entwicklung des Juniorenschach viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird und wir fangen wieder einmal an, ein paar Juniorenmeisterschaften zu gewinnen. Schließlich gab es eine Zeit, in der die Situation katastrophal war für ein Land mit solchen Traditionen, insbesondere wenn man sie mit dem aktuellen Boom in Indien oder im Iran vergleicht. Sie entwickeln sich dort auf fantastische Art und das iranische Team wird 2018 vermutlich bei der Schacholympiade bereits um Medaillen kämpfen.

Du bist als Teil der russischen Mannschaft fünfmaliger Olympiasieger, aber alle Siege wurden bis 2002 erzielt, als Kasparov noch in der Aufstellung war. Dann hörte das alles auf. Warum?

Es hängt nicht direkt mit Garry Kimovich zusammen. Es waren Siege für die Schachschule der UdSSR, aber es war bereits klar, dass der Prozess, der mit der Aufteilung des Landes begann, die Schacholympiade unvergleichlich schwerer machen würde, dass die Republiken, die vorher Talente lieferten für das Team der UdSSR, nun ernsthafte Rivalen werden würden - wie es zum Beispiel mit Armenien passiert ist.

Trotzdem ist die russische Mannschaft immer der Elo-Favorit, verliert aber immer. Vielleicht stimmt etwas nicht an der Herangehensweise?

Nein. Wir sind es alle etwas leid, diese Frage immer wieder zu beantworten. Sie starren uns alle an und sagen: "Ihr hasst euch doch bestimmt alle"? Nein, wir verstehen uns wunderbar innerhalb des Teams - manchmal ist die Atmosphäre freundschaftlich, manchmal einfach neutral, aber nie schlechter. Es gibt andere Gründe. Erstens ist die Führerschaft bereits ungeklärt, obwohl Russland von den Ratings her der Favorit ist. Bei der letzten Olympiade war der Abstand zwischen uns und dem US-Team rein symbolisch. Der Ball wird immer runder und bald ist er komplett rund. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Favorit auch ein- oder zweimal gewinnen kann. Es ist klar, dass es bereits eine Art Fluch geworden ist, die uns belastet. Mit jeder neuen Olympiade wollen wir mehr und mehr gewinnen und das führt dazu, dass die Leute angespannt werden und Angst haben, etwas falsch zu machen. Ich weiß von mir selbst, dass die Notwendigkeit, das bestmögliche Schach zu spielen, einen kontraproduktiven Einfluss auf mich hat. Es läuft besser für mich, wenn ich so frei wie möglich spiele, während dieser interne Druck auf die russischen Spieler immer weiter wächst. Es gibt nur ein Gegenmittel. Trotzdem ein Turnier zu gewinnen - und sich zu entspannen. 

Auf der anderen Seite hat die St. Petersburger Mannschaft "des ehernen Reiters" die russische Meisterschaft zum ersten Mal seit langer Zeit gewonnen…

Um ehrlich zu sein, ist die Russische Mannschaftsmeisterschaft in letzter Zeit eine Art Lokalturnier geworden. Natürlich ist es immer angenehm, gegen die Starmannschaft Sibirien zu gewinnen, aber der Club legt mehr Wert auf den Europapokal, wo wir Zweiter wurden. Das war auch nicht schlecht, aber wir hatten eine echte Chance auf den Sieg…

Und ist es für dich im Allgemeinen angenehmer, in Einzelturnieren oder in Mannschaftsturnieren zu spielen?

Natürlich ist es einfacher, alleine zu spielen, aber für den St. Petersburger Club zu spielen macht Spaß - ein etabliertes Team, gute Beziehungen, interne Clubtraditionen. Mannschaftstreffen finden in einer sehr warmen und freundschaftlichen Atmosphäre statt, insbesondere bei der russischen Meisterschaft in Sotschi. Dort haben wir unsere alten Frauen (babushkas) vor Ort, denen wir Früchte, Gemüse und Muntermacher abkaufen… Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut ihr hausgemachter Granatapfelwein ist!

Auf welchen deiner zahlreichen Titel legst du am meisten Wert?

Der Sieg im Weltpokal bleibt an erster Stelle und natürlich die sieben Titel bei der Russischen Meisterschaft. Der unvergesslichste ist immer der erste, aber ich sehe sie als eine Art Set.

Willst du einen achten erreichen?

Ja, aber im Moment funktioniert das nicht ganz. Dieses Jahr finde ich, dass ich eine wunderbare Chance verpasst habe. Niemand hat besonders gut gespielt und im Laufe von vier Runden hatte ich immer gute Stellungen, aber keine davon gewonnen. Das hat mich einfach umgebracht!

Peter gewann seine erste Partie in der Russischen Meisterschaft 2016 gegen Ernesto Inarkiev... und beendete die restlichen acht mit Remis! | Foto: A. Ziler

Du bist dieses Jahr 40 geworden. Bemerkst du Anzeichen des Alterns oder Probleme mit Berechnungen?

Meine Karriere ist natürlich näher an ihrem Ende als an ihrem Anfang - es wäre Quatsch das zu leugnen. Wir haben zwei Fahnenträger, Gelfand und Anand, die auf die 50 zugehen, aber sie sind dennoch Ausnahmen. Ich bemerke einige Sachen, die mit dem Alter zusammenhängen, und ich habe angefangen, öfter Fehler zu machen. Fehler, die einfach nicht rational erklärt werden können, treten nun nicht mehr einmal pro Jahr, sondern in jedem dritten Turnier auf. Aber im Schach gibt es klare, objektive Kriterin. Es gibt die Ratingliste und ich bin in den Top 20 - das bedeutet, dass ich noch nicht schlecht spiele. In mancher Hinsicht bin ich sogar stärker geworden. Mit mehr Erfahrung versteht man mehr und ich habe ein besseres Gespür für manche Dinge. Außerdem spiele ich unvertraute Stellungen ganz gut, was immer meine Stärke war. Daher ist es für mich einfacher, meine Herangehensweise an die Eröffnung zu variieren und anzupassen. Natürlich sehe ich keinen Grund, mit dem Schachspielen aufzuhören. So ein Moment ist nicht nur noch nicht aufgetreten, sondern wird das auch morgen nicht tun. Dennoch muss ich natürlich über dieses Thema nachdenken und als Kommentator zu arbeiten ist ein offensichtlicher Plan B. 

Und siehst du dich in der Rolle eines Trainers?

Ich weiß nicht genau, was ich für ein Trainer wäre. Ich bin vor allem ein praktischer Spieler und praktische Fähigkeiten sind der nächsten Generation sehr schwer zu vermitteln. Mark Dvoretsky zum Beispiel, der kürzlich gestorben ist, hatte ein klar aufgestelltes Bild in seinem Kopf davon, wie man am Schach arbeiten muss. Aktuell habe ich das nicht. Ich habe eine Vorstellung davon, was für mich persönlich funktioniert, sodass ich 25 Jahre lang auf einem relativ hohen Niveau gespielt habe, aber diese Vorstellung ist nicht geordnet, sondern etwas, was ich selbst nur auf einem instinktiven Level verstehe. Was das potentiellen Schülern nützen würde, weiß ich noch nicht genau.

Und die letzte Frage: wie hat dich das Schach weitergebildet? Welche Charakterzüge verdankst du dem Spiel?

Manchmal muss ich Eltern beraten, die darüber nachdenken, ob es eine passende Beschäftigung für ihr Kind ist, und ich sage immer, dass Schach dabei hilft, die Seiten des Charakters zu entwickeln, die man in einem Vakuum nicht so leicht entwickeln kann - Verantwortung für ihre Entscheidungen und die Fähigkeit, Niederlagen zu überwinden. Mental ist ein Schachspieler von einem jungen Alter an bereit zu kämpfen, und das ist sehr wichtig.

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