Interviews 06.07.2018 | 21:54von Colin McGourty

Svidler: “Ich werde nicht aufhören zu kommentieren"

Peter Svidler teilte beim Gideon Japhet Cup in Jerusalem den zweiten Platz mit Vassily Ivanchuk, Boris Gelfand und Georg Meier, und konnte als einziger gegen den Sieger Ian Nepomniachtchi gewinnen. Kurz nach diesem Sieg sprach er mit Emil Sutovsky über eine Reihe Themen: Kommentar mit Jan Gustafsson, der Einfluss von Computern, Prognosen zu Carlsen-Caruana, die Fussball-WM, die Olympiade 2038... und vieles mehr! Du kannst Dir das Video unten anschauen, und wir haben auch ein Transkript mit einigen Höhepunkten.

Svidler mit im Hintergrund der Felsendom in Jerusalem | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Das Gideon Japhet Memorial in Jerusalem ist vorbei, und seit unserem Zwischenbericht nach vier Runden hat sich eigentlich wenig getan. Arkadij Naiditsch gewann noch eine Partie, diesmal ausnahmsweise ungefährdet, und beendete das Turnier mit zwei Remisen. Damit gewann er mit 6/7, ein halber Punkt vor Mariya Muzychuk und vier israelischen Spielern.

Arkadij Naiditsch bekommt den Pokal vom Organisator Gilad Japhet | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Ian Nepomniachtchi gewann ebenfalls den Pokal, am letzten Tag gewann er als einziger eine Partie, zuvor wurde die Turniertabelle jedoch durcheinander gewürfelt.

Ein Pokal auch für Ian Nepomniachtchi | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Am dritten Tag gewann Boris Gelfand beide Partien gegen Svidler, und am vorletzten Tag brach das Chaos aus. Georg Meier besiegte die zuvor ungeschlagene Anna Muzychuk 2:0, Vassily Ivanchuk gewann beim 2:0 gegen Gelfand seine ersten Partien, und auch Svidler war nahe an einem 2:0 gegen den führenden Nepomniachtchi. Am Ende gewann er nur eine Partie. Erstaunlicherweise wiederholte Nepo die Variante, in der Peter am ersten Tag gegen Anna grosse Probleme hatte.

Ein Gruppenfoto nach einem offenbar sehr freundschaftlichen Schachfestival | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Dies ist der Endstand (klicke auf eine Partie, um sie mit Computeranalyse nachzuspielen):

Nun aber zum Interview, kurz nach Svidlers Sieg gegen den späteren Turniersieger:

Peter redete auch über Bücher, Musik, das russische Team bei der Schacholympiade und mehr, aber wir bringen nun einige Höhepunkte. Das erste Thema ergab sich, nachdem Emil Sutovsky die in Vorstellungsgesprächen berüchtigte Frage stellte: "Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?".


Über Schachkommentar

Peter Svidler: Ich werde nicht aufhören zu kommentieren. Ich denke, die Leute hören sich das gerne an... und mir macht es selbst Spass. Das ist eine recht gute Kombination, wenn etwas das Du gerne machst tatsächlich auch anderen gefällt.

Emil Sutovsky: Es macht Dir anscheinend sichtbar Spass, wenn Du zusammen mit Jan Gustafsson kommentierst…

Ja, meine Zusammenarbeit mit Jan spielt eine wichtige Rolle dabei, dass ich Kommentar ernst nehme. Nochmals, ich mag Schach, ich rede gerne über Schach, aber die fast grenzenlose Freiheit die wir haben - Schimpftiraden, willkürliche Dinge besprechen, die uns gerade einfallen, allerlei Dummheiten - das wäre in einem anderen strengeren Format nicht möglich. Die Umgebung bei chess24 erlaubt es uns, auf eine Art zu kommentieren, die uns gefällt. Ich habe auch anderswo kommentiert, auch mit anderen Kollegen, und auch das tat ich gerne - wie gesagt, das Thema Schach interessiert mich immer noch. Aber vor allem mit Gusti ist es der für mich ideale Setup. Ich denke, wir haben auch schachlich viel zu bieten - es ist nicht ohne Inhalte wenn wir tatsächlich mal über Schach reden - aber die Freiheit, alles mögliche zu besprechen ist ein Hauptgrund, warum ich es oft mache. Eigentlich so oft wie es geht. Heutzutage machen wir es für fast alle Topturniere, bei denen ich nicht selbst mitspiele - das ist jedenfalls der Plan. Manchmal geht es aus terminlichen Gründen nicht, aber wann immer wir Zeit haben machen wir es.

Als Aufwärmer für Biel war das Turnier für Svidler gemischt, aber nur er konnte sein Mini-Match gegen den Sieger auf dem Weg zu Platz 2 gewinnen | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Über den Einfluss der Computer

Vor allem gehören Urteile wie "mit Initiative" oder "mit Angriff" der Vergangenheit an. Das gibt es praktisch nicht mehr - es hiesse, dass wir einfach faul sind! Ziemlich im Zusammenhang damit steht, dass die Maschine sehr, sehr überzeugend und ohne mit der Wimper zu zucken viele Stellungen halten kann, zu denen ich vor 20 Jahren gesagt hätte "ich werde mattsetzen". Sobald man zum 105. Mal mit dem Kopf gegen diese Wand gerannt ist versteht man, dass es so nicht geht: es gibt eine Antwort. Wenn die Stellung konkret genug ist mit taktischen Motiven, gewinnt der eine oder der andere oder es ist Remis. Außer es ist so kompliziert und so unwahrscheinlich, diese Stellung jemals auf dem Brett zu bekommen, dann kannst Du vielleicht sagen, OK, das wird nie passieren, ich höre auf. Aber wenn Du damit rechnest, das auf dem Brett zu bekommen, irgendwann in Deiner Karriere, dann musst Du weitermachen, denn Du musst die Antwort kennen.

Die Verteidigungskünste, die die Maschine uns allen demonstriert, das hat sich vor allem geändert, seit ich mich Schach angefangen habe. Traurigerweise gehen wir nun alle davon aus, dass man die Stellung schwer misshandeln muss um grosse Probleme zu haben. Dafür muss man wirklich fürchterliche Dinge tun.


Wer gewinnt die Olympiade 2038?

Ich vermute Indien... "Iran" wäre eine interessante Antwort. Aber ich denke, dass sie zwar noch stärker werden und um Medaillen kämpfen können, derlei Dinge, aber um die Olympiade zu gewinnen: ich weiss nicht, ob 20 Jahre dafür ausreichen. Aber Indien, absolut. Diese Generation, und wohl auch die Generation danach, angesichts ihrer Einwohnerzahl, das wird ein sehr interessantes Team sobald sie etwas reifer werden. All diese heute 12, 13, 14-jährigen Kids, sie sind noch nicht soweit, aber sie sind es in drei oder vier Jahren. Ich denke nicht, dass die derzeitigen Schachgrossmächte verschwinden werden, aber Indien sollte sich in die Unterhaltung einmischen.


Wer wird Fussball-Weltmeister?

Ich vermute Frankreich oder Brasilien [Interview vor dem Viertelfinale!]... es wäre sehr cool, wenn der Titel nach Hause kommt, aber daran glaube ich nicht!

"Nach Hause" bedeutet natürlich England, nicht etwa Russland! | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook 

Wer gewinnt das WM-Match Carlsen-Caruana? 

Ich denke, dass Magnus als Favorit beginnt, aber ich erwarte auch ein sehr interessantes Match. Es wird garantiert nicht einseitig verlaufen.

Und es wird nicht der Catenaccio, den wir bei Karjakin-Carlsen sahen?

Nein, ich denke es wird recht anders, denn ich erwarte, dass Fabi aktiv auf Gewinn spielen wird. Sergey gewann natürlich eine Partie, nachdem sich diese Möglichkeit ergab, aber seine Strategie war dennoch offensichtlich defensiv. Es ist unwahrscheinlich, dass Fabi ähnlich agieren wird. Er kann hoch verlieren, wenn es am Anfang furchtbar läuft. Aber für die Zuschauer wird es wohl viel interessanter, und ich rechne mit einem knappen Ergebnis.

Vassily Ivanchuk rechnet auch mit einem interessanten Match:


Es wird ein sehr interessanter Kampf, hoffentlich auch mit interessanten Partien. Caruana wirkt in der Eröffnung sehr gut vorbereitet. Es wird nicht einfach für Carlsen, das Match zu gewinnen.

Dieses Interview war viel kürzer, siehe unten:

Peter Svidler wird am 22. Juli wieder ins Geschehen eingreifen, dann beginnt das zehnründige Accentus GM-Turnier des Schachfestivals Biel. Seine fünf Gegner sind recht stark: Magnus Carlsen, Shakhriyar Mamedyarov, Maxime Vachier-Lagrave, David Navara und Nico Georgiadis. Davor beginnt bereits am 14. Juli das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund (Kramnik, Giri, Nepomniachtchi, Wojtaszek, Duda, Nisipeanu, Kovalev, Meier).

Siehe auch:


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