Berichte 15.08.2018 | 13:23von Colin McGourty

St. Louis Rapid & Blitz, Tag 4: MVL holt auf

Shakhriyar Mamedyarov haute frustriert auf den Tisch, als er gegen Hikaru Nakamura seine Gewinnstellung verdarb und so zuließ, dass er und sein Gegner beim St.Louis Rapid & Blitz vor dem Schlusstag weiterhin gemeinsam an der Spitze liegen. Auch Fabiano Caruana behielt seinen dritten Platz, doch Maxime Vachier-Lagrave hat dank eines brillanten Tagesergebnisses von 7 aus 9 und einer Elo-Leistung von über 3.000+ den Rückstand auf die Führenden auf zwei Punkte verkürzt.

MVL meinte, er habe versucht, "das Maximum aus seinen Partien herauszuholen" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien vom St. Louis Rapid & Blitz könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die gesamte Live-Übertragung des ersten Blitzschachtages: 

Natürlich ist es unmöglich, alle 45 Blitzpartien zusammenzufassen (geschweige denn alle live zu verfolgen!), daher konzentrieren wir uns hier auf die wichtigsten Geschichten des Tages:

1. Mamedyarov und Nakamura weiter gleichauf

Holpriger Start für Nakamura | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Shakhriyar Mamedyarov und Hikaru Nakamura lagen nach dem Schnellschach gemeinsam auf dem ersten Platz, aber nach der ersten Blitzrunde war das Duo gesprengt. Nakamura wurde von Sergey Karjakin niedergerungen (“Ich habe die Gefahr nicht rechtzeitig gespürt und konnte sie dann nicht mehr abwenden“), während Mamedyarov gegen Grischuk remisierte und womöglich mehr hätte herausholen können:

"Welchen bekannten taktischen Trick hat Mamedyarov in Zeitnot übersehen?" 

Es muss aber gesagt werden, dass 46…Te1+! zwar gewinnt, aber keineswegs trivial. Nach 47.Txe1 Dxd5 bekommt Weiß mit 48.c8=D eine neue Dame, und nach 48…Dxd6 gewinnt Schwarz nur, weil seine beiden Freibauern am Damenflügel nicht zu stoppen sind.

Wie lange würde Shak allein in Führung bleiben? Genau eine Runde, da er im Anschluss gegen Dominguez remisierte und Nakamura mit einem Sieg gegen So sofort zurückschlug. Dieses Muster setzte sich fort und zeigte sich auch in den beiden Endresultaten:


Nur in Runde 6 erzielten die beiden Spieler dasselbe Ergebnis, und daher wechselte die Führung ständig. Nakamura räumte ein, dass es kein einfacher Tag war:

Ich liege nach einem Tag, an dem ich nicht mein bestes Schach gespielt habe, auf dem geteilten ersten Platz - mehr kann man nicht erwarten.

Mamedyarov dagegen präsentierte sich annähernd in Topform und kombinierte Angriffslust mit der technischen Präzision, die er sich laut Peter Svidler in den letzten Jahren angeeignet hat. Svidler kommentierte Shaks beeindruckenden Sieg gegen Fabiano Caruana:

Mamedyarov hätte sogar sechs Partien am Stück gewinnen können, wenn er gegen MVL kühlen Kopf bewahrt hätte:


32.f5? verdarb einen stabilen Vorteil, und Schwarz gewann in der Folge einen Bauern und die Partie.

Das war aber noch gar nichts gegen das, was sich in der bisher wichtigsten Partie des Turniers zwischen Nakamura und Mamedyarov abspielte:

Die Kurzfassung im Video erzählt aber nicht die ganze Geschichte! Nakamura hatte vor der Partie einen halben Punkt Rückstand und war daher in Kampfesstimmung. Shak gehört nicht zu denjenigen, die eine solche Einladung ausschlagen, und so kam es zu einem extrem komplizierten Mittelspiel, in dem der Vorteil hin und her wog und Shak schließlich besser stand. Ein paar genauer Konsolidierungszüge hätte es noch bedurft, doch dann verließ ihn für einen Moment die Konzentration:


Auf 37…e4?? folgte ein Zug, den nicht nur Hikaru Nakamura gefunden hätte: 38.Dxd3! Mamedyarov haute wütend auf den Tisch, ehe er sich entschuldigte und aufgab:

Und hier das Ganze noch einmal als Video:

Nakamura sprach später von einem “absurden Geschenk”, das dafür gesorgt hatte, dass er mit einem halben Punkt Vorsprung und nicht mit anderthalb Punkten Rückstand in die letzte Runde des Tages ging. Doch der hielt erneut nicht lang. Nakamura hatte gegen MVL recht klaren Vorteil, entschied sich aber für die sichere Variante und remisierte, während Mamedyarov in 20 Zügen Vishy Anand auseinandernahm:


20.Sxd5! und Schwarz gab auf, da er aufgrund seiner schlechten Königsstellung nicht nur einen Bauern verliert. Und wieder lagen Mamedyarov und Nakamura gemeinsam an der Spitze.

Nakamura hatte die Chance, MVL zu schlagen und allein in Führung zu bleiben | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

2. MVL holt auf

Die beiden Führenden holten +1, aber der eindeutige Star des Tages war Maxime Vachier-Lagrave, der +5 mit einer Elo-Leistung von 3005 holte und dabei vier Schwarzpartien gewann:


Der Franzose zeigte meisterhaftes Blitzschach mit wenigen Fehlern und schnellem, aber genauem Spiel. Die Schlussstellung gegen Karjakin, die MVL den dritten Sieg in Folge einbrachte, fasste das Schach des Mannes des Tages prächtig zusammen:

Er meinte dazu:

Von Anfang an spürte ich, dass meine Hände die richtigen Züge ausführten, und das hilft! 

in Gefahr schwebte er laut eigenen Angaben nur gegen Leinier Dominguez:


Er spielte mit 17…0-0?! einen Zug, “für den er vom Schach ausgeschlossen und gesperrt werden sollte… ich rochierte in einen Angriff mit vier Figuren gegen keine".

Definitiv der Mann des Tages! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Er gewann die Partie aber sogar noch, und sein einziges Problem an diesem Tag war, dass er beim Schnellschach die letzten drei Partien verloren und daher einen Vierpunkterückstand aufzuholen hatte. Dieser ist nun auf zwei Punkte geschmolzen, aber wenn Nakamura oder Mamedyarov einen guten Tag erwischt, braucht es einen weiteren Sahnetag, um noch in den Kampf um den Sieg einzugreifen.

3. Aronian und Caruana halten Schritt

Was haben wir denn da? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Die beiden einzigen anderen Spieler, die noch eine realistische Siegchance haben, sind Fabiano Caruana und Levon Aronian. Ihre direkte Begegnung war die Partie mit dem größten Auf und Ab, doch ansonsten verlief der Tag der beiden sehr unterschiedlich. Caruana war immer in Action und begann den Tag mit einem doppelten Springerangriff gegen Wesley So:

Danach verlor er drei der vier nächsten Partien, beendete den Tag aber mit zwei Siegen und behauptete seinen dritten Gesamtrang mit 1,5 Punkten Rückstand.

Levon derweil blieb die ersten acht Runden ungeschlagen und bezwang dabei die beiden Führenden Mamedyarov and Nakamura. In beiden Partien kam er früh in Vorteil und verwertete diesen souverän … bis auf einen Ausrutscher! Nakamura sprach hinterher von “der Qual, die Partie zu Ende spielen zu müssen”, doch diese Qual hätte nach 67.exf6?? in Triumph umschlagen können (beide Spieler waren in Zeitnot):


In der Tat hätte Nakamura hier mit 67…Dxf5+ den Springer schlagen können, wonach die Partie vermutlich remis ausgegangen wäre. Stattdessen war nach 67…Dc7+?? 68.Sfd6 alles wieder im Lot und Nakamura gab drei Züge später auf. 

Der einzige Makel an diesem Tag war Aronians Niederlage gegen Grischuk. Und damit kommen wir zu…  

4. Grischuk kommt in Fahrt

Grischuk wird auch beim Sinquefield Cup dabei sein | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Alexander Grischuk ist dreifacher Blitz-Weltmeister und ein Spieler, der im Gegensatz zu seinen Kollegen so großes Vertrauen in die schnellen Disziplinen hat, dass er eine Neuerung lieber beim Schnell- als beim Turnierschach ausprobiert. Insofern kam es überraschend, dass er in St.Louis fünfzehn Partien in Folge nicht gewinnen konnte. Die 15.Partie verlief dabei fast komisch, als er gegen Vishy Anand spielte, der zuletzt in Runde 1 gewonnen hatte.

In einem Najdorf-Sizilianer schien Grischuk endlich auf der Siegerstraße, als er den tödlichen Schlag fand:


18…Lxe4! Die Pointe ist, dass auf 19.fxe4? das starke 19…Sxe4 folgt, und der Springer auf c3 kann wegen Da2+ und Matt nicht ziehen. Vishy spielte 19.Kb2, und in guter Form hätte Grischuk sicher den Angriff fortgesetzt und auf c2 geschlagen (egal mit welcher Leichtfigur). Stattdessen “sicherte” er den Bauerngewinn mit 19…Lb7?! ab, wonach Anand zu einem letztlich siegreichen Bauernsturm am Königsflügel ansetzte. Hier die Schlussstellung:


In der nächsten Partie jedoch lächelte Fortuna doch noch Grischuk zu. Nachdem er Caruana erst überspielt hatte, ließ er einen schönen Gewinnzug zu, bei dem der Amerikaner die Zeit überschritt:

Der g-Bauer ist nicht zu halten, da der Springer alle wichtigen Felder deckt, doch Fabi schaffte es nicht, rechtzeitig 49...Sc3! auszuführen. Er meinte später, er habe den Zug zwar schnell gesehen, wollte aber „unterbewusst alle gegnerischen Züge überprüfen“. Manchmal erweisen sich positive Gewohnheiten als fatal! 

In der nächsten Runde stand Grischuk dann gegen Dominguez schlechter, gewann die Partie aber noch – welch schöne Schlussstellung!

Das Beste hob er sich aber für den Schluss auf, als er den elf Runden lang unbesiegten Aronian schlagen konnte. Grischuk kann nicht mehr im Kampf um den Sieg eingreifen, aber immerhin liegt er nun auf dem 8.Platz.

5. Ein Tag zum Vergessen

Die restlichen Spieler hatten wenig Grund zur Freude. Sergey Karjakin schien auf einem guten Weg, als er erst Hikaru Nakamura und dann Vishy Anand besiegte, doch nach drei Remis in Folge begann das Desaster:

"Das englische Wörterbuch kennt kein Wort, dass die Schwere dieses Fehlers auch nur annähernd wiedergibt."

50...Th4+ war ein Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte - die letzten drei Runden verlor er ebenfalls, davon die letzte Partie in Remisstellung.

Endlich ein Sieg auf Zeit... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wesley So war in diesem Fall der Profiteur, doch das war der einzige Sieg des Tages für den bislang noch Führenden der Grand Chess Tour. Er verlor erst gegen Caruana und Nakamura und rutschte anschließend durch Niederlagen gegen Dominguez und Mamedyarov auf den vorletzten Platz ab.

Dies war gleichzeitig der einzige Sieg von Leinier Dominguez, der ebenfalls vier Partien verlor, während sich Vishy Anand nach zwei Niederlagen zu Beginn mit fünf Remis und einem Sieg stabilisieren konnte. Dann folgte aber die erwähnte Niederlage gegen Mamedyarov, durch die er auf den letzten Platz abrutschte:


Wem drückst du die Daumen? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Eine Runde steht beim St. Louis Rapid & Blitz noch aus. Seid wieder live auf chess24 dabei, wenn es um 20:00 Uhr losgeht!

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