Berichte 13.08.2018 | 12:01von Colin McGourty

St. Louis Rapid & Blitz, Tag 2: Fehler passieren

Fabiano Caruana reichten beim St. Louis Rapid & Blitz drei Remis, um an einem zweiten Turniertag mit vielen wechselhaften Partieverläufen in Führung zu bleiben. Vishy Anand, Wesley So und Levon Aronian verloren jeweils Gewinnstellungen, während Alexander Grischuks Zeitnotschlachten nichts für schwache Nerven waren. Einen Sprung nach vorn machten Shakhriyar Mamedyarov und Hikaru Nakamura, die mit jeweils +1 in die Verfolgergruppe mit MVL und Sergey Karjakin vordrangen.

Levon Aronian stellte eine Partie ein, profitierte aber auch einmal von einem gegnerischen Fehler | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien des St. Louis Rapid & Blitz könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen:

Auch den Live-Kommentar von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley könnt ihr euch noch einmal ansehen:

Runde 4: Ruhe vor dem Sturm

Das große Duell in der ersten Runde des Tages war Nakamura-Caruana. Würde Fabiano Caruana seine Serie nach drei Siegen in Folge am Vortag fortsetzen oder würde Hikaru Nakamura seine persönliche Bilanz gegen Fabi nach drei Siegen bei der Grand Chess Tour in Paris ausbauen? Am Ende rissen beide Serien:

Einen Sieger fand nur die Partie MVL-Grischuk, in der der Franzose einmal mehr seine Endspielkünste demonstrierte und eine Stellung mit Mehrbauer zum Sieg führte. Hilfreich erwies sich dabei die gegnerische Zeiteinteilung, denn Alexander Grischuk hatte zeitweilig nur noch 13 Sekunden gegenüber den 11 Minuten seines Gegner auf der Uhr. Hikaru Nakamura spekulierte später, dass Grischuk sich nicht richtig auf das bei der Grand Chess Tour angewandte Delay eingestellt hatte, bei dem man immer in Zeitnot bleibt, wenn man erst einmal hineingeraten ist.

Keiner hat behauptet, Schach sei einfach | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aus einer schwierigen Stellung für Grischuk wurde eine verlorene, als nach 47…Sc3? das starke 48.Td6! kam:


Nach 48…Txe5 kommt 49.Ld4, doch nach 48…Txd6 49.exd6 zeigte sich, dass der Freibauer auf der d-Linie schwer zu halten ist. Die Partie ging weiter mit 49…Kf8 50.Ld4 Se4 und dem eleganten Gewinnzug 51.Lg7+!

Wird der Läufer geschlagen, ist der Bauer nach 52.d7 nicht mehr zu stoppen.

Mamedyarov bot einmal mehr unterhaltsames Schach | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Recht ruhige Remis gab es bei Karjakin-So und Dominguez-Anand, während bei Aronian-Mamedyarov ein exotisches Damenopfer aufs Brett kam:


14.Lxb5!? a6 15.Lxc6 Txb3 16.axb3 Schon bald konnte man die Stellung nicht mehr einschätzen…

…und Levon sah recht verstört aus, als er im St. Louis Chess Club herumspazierte:

Aronian räumte hinterher ein, dass die Partie ein wenig aus dem Ruder gelaufen war, doch die endete mit einem Remis durch Zugwiederholung.

Runde 5: Welch ein Durcheinander

Es war kurios, dass Mamedyarov direkt in der nächsten Runde in einer ganz ähnlichen Situation auf der anderen Seite des Bretts saß. Nakamura hatte gerade 18…Lg5 gespielt:


Dieses Mal gab Mamedyarov seine Dame: 19.Dxe8+!? Txe8 20.dxc6!? Lxc1 21.Le5 Txe5 22.Sxe5 La6 23.Td7! und nach einer Serie einziger Züge endete die Partie remis durch Zugwiederholung:

"Auch Remis können ansehnlich sein!"

Es sagt viel aus, dass dies die ruhigste Partie der Runde war! 

Aus Sicht von MVL |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fabiano Caruana erlebte einen recht ruhigen Tag, räumte aber ein, dass sein Duell mit Maxime Vachier-Lagrave “recht wild” verlief. Maxime spielten seinen geliebten Najdorf-Sizilianer und schien mit seinem Angriff am Damenflügel in Vorteil zu kommen, doch obwohl Fabiano meinte, er habe “vermutlich fast die ganze Partie auf Verlust gestanden”, bekam er “die ziemlich zufällige” Chance, auf Gewinn zu spielen:


Als Caruana bei seiner Königsstellung alles unter Kontrolle gebracht hatte, konnte er auf der anderen Seite des Bretts mit 41.h5! (41…Sxg5 verliert quasi auf der Stelle wegen 42.Df1 und einiger anderer Züge) und 42.Sxe4 im nächsten Zug die schwarzen Schwächen am Königsflügel angreifen. Stattdessen folgte am anderen Flügel 41.Sb1?! und die Variante mit dem anschließenden Sc3 hätte fast zu einem Desaster geführt. In der Stellung, in der die Spieler die Züge wiederholten, steht Schwarz vermutlich auf Gewinn, wenngleich MVL einige sehr schwierige Züge hätte finden müssen.

Caruana lag allerdings richtig, als er anmerkte, dass “in seinen Partien keine groben Fehler gemacht wurden”. Das galt nicht für alle Partien in Runde 5.

Grischuk hatte bereits mehr als 15 Minuten verbraucht, als er gegen Karjakin 18.Sd2?! spielte und damit von dem Zug 18.h5 abwich, der letztes Jahr beim Remis zwischen Giri-Harikrishna aufs Brett kam:


Obwohl Svidler anmerkte, dass Grischiks hoher Zeitverbrauch keineswegs zwangsläufig bedeutete, dass er sich in der Variante nicht auskannte, scheint der Zug dennoch ein Fehler zu sein, da Karjakin ein starkes Springermanöver auspackte, das 18.h5 verhindert hätte: 18…Sg6! 19.h5 Sf4. Wenige Züge später griff aber Karjakin fehl und vergab nicht nur seinen Vorteil, sondern landete nach dem Schlagen eines vergifteten Bauern in einer Verluststellung. Im 26.Zug hätte die Partie abrupt enden können:

"Grischuk hätte fast beweisen können, dass die Zeit bei Matt keine Rolle spielt, aber nach dem verpassten 26.Dd8!! tat sie es doch!"

26.Dd8!! hätte zu einem Matt in sieben Zügen geführt (gegen die Drohungen Dxf8+ und Dxf6+ gibt es keine Verteidigung), doch Grischuk fand den Zug nicht. Gewinnen hätte er die Partie aber auch danach noch können:


30.h6!, mit der Idee des Grundreihenmatts, gewinnt abermals. Aronian meinte, der Zug “ist viel einfacher als Dd8 zu finden” und Grischuk stimmte zu, da er ihn gesehen hatte! Er hatte aber nur noch ein oder zwei Sekunden auf der Uhr und dabei gesehen, dass 30.Td8 zum Remis führt. Jeder Überseher in der Variante mit 30.h6 wäre fatal gewesen, da Weiß einen Turm und zwei Bauern weniger hat.    

Wenn dein Gegner dir zeigt, wie du gewinnen konntest... 

Folgenschwerer waren die Fehler in den beiden anderen Partien der 5.Runde. Aronian steuerte gegen Vishy Anand auf eine Niederlage zu:

Ich wurde sukzessive überspielt. Vishy spielt diese Variante gegen mich und ich weiß, dass ich eine leicht passive, aber haltbare Stellung erreichen kann, doch jedes Mal entscheide ich mich für etwas anderes und gerate in riesige Probleme.

Allerdings ist es nicht ungefährlich, wenn man den Sieg vor Augen hat, oder wie Aronian meinte: "Vishy hat gesehen, dass er auf Gewinn steht, und dann offenbar die Konzentration verloren”. Hier die Stellung nach 36…Dh4:


Vishy hatte bereits einen Teil seines Vorteils eingebüßt, doch nach 37.Lxg6! hätte er immer noch gute Gewinnchancen. Stattdessen endete die Partie mit 37.Txg6+?! Kh8 38.g5? (der Verlustzug) 38…Dh2+ 39.Kf1 Dh1+ und Vishy gab auf, da der Turm auf e1 wegen Turmschachs auf e8 demnächst verloren geht.

So und Dominguez im Duell | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Niederlage von Wesley So war noch dramatischer. Wesley hätte die Partie mit guten Gewinnchancen nicht mehr verlieren können, wenn er im 43.Zug seinen Läufer gegen Leinier Dominguezs Springer getauscht hätte, doch dann folgte im 50.Zug die Katastrophe:


Die einzige schwarze Drohung in der Stellung war nicht allzu schwer zu sehen, doch 50.Kxf5?? ignorierte sie völlig. Nach 50…c3 holte sich Schwarz eine neue Dame, und Wesley musste aufgeben. Mit einfach 50.e6! hätte Weiß remis gehalten.

Runde 6: Schwarz ist okay!

Ein gewisser Garry Kasparov zeigte sich beeindruckt, dass Schwarz in der letzten Runde des Tages drei Partien gewinnen konnte:

Wesley So erholte sich schnell von seinem Patzer in der Runde zuvor und bezwang Vishy Anand mit den schwarzen Steinen in einer Italienischen Partie. Die anderen beiden Gewinnpartien verliefen dramatischer.

Maxime Vachier-Lagrave überraschte alle Zuschauer, als er bis 9.exf6 alle Züge aufs Brett schleuderte, nachdem Mamedyarov früh g5 gespielt hatte:


Mamedyarov vermutete hinterher, dass MVL einfach das starke 9…Se5! übersehen hatte, wonach Weiß nur noch wenig Auswahl hat. Shak meinte, er habe sich die Partie vor dem Kandidatenturnier angesehen und sei an dieser Stelle davon ausgegangen, die schwarze Stellung sei so gut, dass sie keiner weiteren Analyse bedarf.

MVL spielte weiter sehr schnell, und zeitweilig sah es auch so aus, als könnte er die Partie retten, doch der schwarze Vorteil war spätestens an dieser Stelle groß:


Hier spielte Shak 25…Ld5!, weil er gesehen hatte, dass er auf 26.Sxd5 das starke 26…Txd5!! spielen und nach 27.Txf8+ eine Figur geben konnte. Die schwarzen Mattdrohungen sind auch nach einigen Schachgeboten nicht zu parieren.

Aronian-Nakamura war ein weiterer Najdorf-Thriller, in dem der Amerikaner seine Stellung mochte:

Die schwarze Stellung ist viel thematischer und leichter zu spielen. Sobald Weiß etwas falsch macht, hat er große Probleme. 

Andererseits musste er zugeben, dass er “ein wenig Glück hatte”, da Schwarz nach 29…Tc4 geplatzt war:


Levon musste mit 30.c3! eine einzige gegnerische Idee unterbinden, wonach sein d-Bauer nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Stattdessen spielte er aber sofort 30.d7? und ließ 30…Tb4! zu, wonach die Drohungen gegen den weißen König den Schwarzen in Vorteil bringen. 31.Td3? (31.Sd2 war der beste von vielen schlechten Zügen) 31…Lf6+! 32.Kc1 Txe4!, und die Partie war im Grunde gelaufen, obwohl Aronian bis zum 48.Zug weiterkämpfte.

Remis endete die Partie Dominguez-Grischuk, in der der unaufhaltsame weiße Angriff schließlich aufgehalten wurde…

…und Karjakin-Caruana, wo Fabi sich erst Sorgen machte, dann aber keine größeren Probleme hatte. 

Fabis Sekundant Rustam Kasimdzhanov musste sich setzen... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Am Ende eines, wie Caruana hinterher meinte, “zwar nicht großartigen, aber zufriedenstellenden Tages", führte der WM-Herausforderer mit zwei Punkten Vorsprung auf ein vierköpfiges Verfolgerfeld:


Caruana trifft am letzten Schnellschachtag auf Dominguez, Anand und So, ehe am Dienstag und Mittwoch 18 Runden Blitzschach folgen.

Alle Partien könnt ihr live ab 20 Uhr auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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