Berichte 17.08.2017 | 18:01von Colin McGourty

St. Louis, Rapid & Blitz (3): Levon führt und Kasparov leidet

Levon Aronian führt mit einem Punkt. Im Rapid hat er zwei seiner Partien am letzten Tag für sich entscheiden können. Diese knappe Führung nimmt er nun in die 18 Runden des Blitzturniers mit. Außer ihm konnte auch David Navara zwei Partien gewinnen. Mit einem brillianten Trick gelang diesem sogar ein Sieg gegen Garry Kasparov, der zunächst strategisch dominierte und dann den Faden verlor. Garrys ereignisreicher Tag brachte auch ihm immerhin einen Sieg gegen Le Quang Liem ein, der mit sechs Minuten Restbedenkzeit plump einen Turm einstellte. Caruana konnte Kasparov in der letzten Runde ebenfalls besiegen. Zusammen mit Vishy Anand hat sich Kasparov aber geschworen zu zeigen, dass "Blitz auch für ältere Herren" geeignet ist.

Kasparov verliert gegen Navara die Kontrolle über das Spiel. | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wir haben 45 Partien gesehen. 90 werden in den nächsten zwei Tagen folgen. Wenn du noch einmal einen Blick auf die Partien der letzten Tage werfen möchtest, hast du dazu über die Tabelle die Gelegenheit. Klicke auf ein Ergebnis, um die Partie einzusehen. Schiebe den Mauszeiger über einen Namen, um seine bisherigen Resultate einzusehen.

Garrys Auftritt nimmt dramatische Formen an!

Nur entschiedene Partien am dritten Tag seiner Rückkehr. | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour

Alle Augen sind auch am Mittwoch noch auf Garry Kasparov gerichtet. Es scheint sogar ein wenig, als wollten die anderen Spieler, dass wir uns auf ihn und seine Partien besonders konzentrieren. Bis auf den überzeugenden Sieg von Levon Aronian gegen Sergey Karjakin gab es in Runde 7 drei solide Remisen. Aronian konnte aber mit unauffälliger, fast carlsengleicher, und trotzdem überwältigender Spielweise seine Partie aus einem Klassischen Spanier heraus für sich entscheiden.

Das Ritual zur gegenseitigen Wertschätzung - der Händedruck vor dem Partiebeginn | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der Begegnung Kasparov-Navara war schon im Vorfeld klar, hier wird nicht mit stumpfen Holzschwertern gekämpft. Kasparov konnte noch keinen seinen Gegner bezwingen und wird es gegen Navara probieren, der mit einem Sieg, einem Remis und vier Niederlagen die bisher anfälligste Spielanlage vorweist. Es war der altbekannte Kasparov, den wir erleben durften. Aus der Caro-Kann Eröffnung heraus opferte er im neunten Zug einen Bauern, hinterließ eine brüchige Bauernstruktur und entwickelte dafür schnell seine Figuren. Die Stellung nach 22.Td1! war eine Lehrbuchstellung für Strategie im Schachspiel:


Das Bauernopfer hat dem Springer ein schönes Feld auf f4 beschert. Der Läufer wiederum ist hinter den Bauern eingeklemmt und von dem Springer bedroht. Der Bauernvorstoß nach e6 liegt auch immer in der Luft. Garry kann in den darauf folgenden zehn Zügen seine Stellung zusätzlich verbessern. Danach passiert ihm aber eine Ungenauigkeit nach der anderen. Der Versuch der Bauernumwandlung wird in Folge zu einem Albtraum. 34.Sd3 war bereits ein ernsthafter Fehler, doch das entscheidende Vergehen begang er im 37. Zug:


Kasparov hätte hier im Normalfall den König nach c3 gestellt. Der Gewinnplan mit c7 und der Überführung des Springers nach b6 oder e7 wäre ihm für gewöhnlich auch nicht schwer gefallen. Die dann unausweichliche Bauernumwandlung zur Dame wäre der gradlinige Partiegewinn gewesen. Stattdessen spielte der Ex-Weltmeister 37.Ke3? und ließ 37...Tc2 zu. Die Stellung ist womöglich weiterhin gewinnbar, aber die Durchführung des Plans ist erheblich komplizierter geworden.

Magnus Carlsen, der alles genau beobachtet, twitterte später:

‌"Brutal... Wenn die Uhr heruntertickt und die Herzfrequenz ansteigt, fliegt das natürliche Gespür aus dem Fenster"

Nach 38.e6?! h3 39.Sb4 folgt ein weiterer Nachteil des Königszugs nach e3:


39…f4+! befreite letztlich den Läufer. Der Bauer kann nicht geschlagen werden und nun ist Schwarz am Drücker.

David Navara weitete seine Augen während der Berechnung einer Variante. Dann löste er den Blick von den Figuren und fixierte seinen furchteinflößenden Gegner. Garry hätte die Züger wiederholen können, doch führte er den verhängnisvollen "Gewinnzug" 49.Sc6+? aus:


49…Kd6 50.Dd7# ist ein hübsches Matt, doch Navara reagierte mit einem noch schöneren Zug: 49…Dxc6+!!, ein Damenopfer, das Garry so sehr schockierte, dass er sich etwas Zeit für 50.Dxc6 nahm. Navara beendete die Kombination mit 50…Td6! und der Rückeroberung der Dame. Noch maßgeblicher ist aber die Blockade des e-Bauern und der freie Weg des f-Bauern zum Umwandlungsfeld. Kasparov gab sich geschlagen.

‌"Kasparov war so über den Gewinnzug von Navara schockiert, dass er sich aus der Bildfläche streckte!"

Einen aufregenden Videoauszug haben wir hier für dich:

In Bildern...

Was machte David Navara nach einem der brilliantesten Momente seiner Karriere? Er machte, was er jede Runde machte, er stellte die Figuren wieder in der Grundstellung auf! In der anschließenden Pressekonferenz zeigte er sich ebenfalls gewohnt demütig. Maurice Ashley fragte ihn, ob er eine derartige Wendung erwartet hätte:

Ok, Ich hatte es nicht erwartet, natürlich nicht, aber ich wollte weiter kämpfen. Seit meiner Kindheit bin ich schlecht in Eröffnungen, daher bin ich es gewohnt schlechtere Stellungen zu spielen. Ok, auf diesem Spielniveau klappt das meistens nicht, doch von Zeit zu Zeit kann so manch einer eine schlechte Stellung halten.

Wie fühlte es sich an Kasparov zu schlagen?

Es ist ein gutes Gefühl, natürlich, besonders weil ich so schlecht angefangen habe. Trotzdem ist es Schnellschach und mein Erfolg sollte nicht überbewertet werden. Die besten Spieler machen im Schnellschach öfter fehler als gewöhnlich.

Du kannst dir die gesamte Pressekonferenz und die Übertragung hier ansehen:

Die beiden Spieler aus der betrachteten Begegnung sind auch in den entschiedenen Partien der achten Runde involviert gewesen. David wurde von Leinier Dominguez wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geführt. Im Gegensatz zu Kasparov machte dieser nämlich keine Fehler dabei, seinen Vorteil gewinnbringend umzusetzen:


37…Txb6! und Weiß hat eine Figur weniger, denn auf 38.Dxb6 folgt 38…Ld4!, was sowohl die Dame in Beschuss nimmt, als auch auf f2 Matt droht. Nach 38.Dxf7 strauchelte Navara noch bis zu dem 45. Zug bevor er sich geschlagen gab. Die Niederlage konnte er gegen Le Quang Liem wettmachen, denn dieser verpasste das Remis durch Zugwiederholung, übersah die Gewinnchance und verlor schließlich mit Weiß. Mag sich unschön anfühlen, doch es kam an diesem Tag noch schlimmer für Liem...

Le Quang Liem begann mit einem Remis gegen Anand, doch begab sich danach in immer größere Schwierigkeiten| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In Runde acht war Garry Kasparov der Gegner von Le Quang Liem. Letztgenannter konnte wohl das Leiden nicht mit ansehen, das einer der großartigsten Schachspieler aller Zeiten kurz vorher ertragen musste. Le Quang Liem stand über weite Strecken etwas besser. Sein Vorteil löste sich zwar auf, aber er hatte einen Zeitvorsprung von sechs Minuten. Garry war auf der Uhr fast bei zehn Sekunden Restbedenkzeit angelangt, als Liem einen Fehler machte, der wohl sonst nur im Modus Blitz vorkommt. Nach wohl etwas nachlässigem nachdenken zog er 40…Te8??


Wie im Umgang mit einem unerfahrenen Schüler zeigte Kasparov den Fehler zunächst per Handzeichen. Er bot damit aber nicht die Zurücknahme des Zuges an. Er führte den vorher gezeigten Zug 41.Lxe8 aus und kann daher nun seinen ersten Sieg im Turnier verzeichnen.

"Es gibt im Schach einen großen Glücksanteil. Irgendwie bekommen die besten Spieler das meiste davon ab."

"Garry gewinnt eine Partie und Zeus fängt an zu applaudieren. Gewaltige Donner schlagen plötzlich rund um den Schachclub ein!"


Ohne Beweis ist es nie passiert, deshalb führen wir ihn an:

Levon Aronian meinte mal, die ungerechtfertigsten Siege seien die erfreulichsten. Wenn das stimmt, hat Kasparov in der neunten Runde von Caruana einen beachtlichen Stimmungsdämpfer bekommen.

"Mit dem Blick eines Tony Soprano"

Aronian gab sein Urteil zu der zurückgekehrten Legende ab:

Er spielte besonders in der letzten Partie sehr passiv. Schachlich ist er immer noch etwas schüchtern! Er macht nicht die offensichtlichsten Züge. Er versucht zu viel Kontrolle zu behalten, was meist nicht zu den besten Ergebnissen führt. Im Blitz wird er sich freimachen können und gute Partien gewinnen.

Caruana schaute sich wohl etwas von Anand ab und ging in den 3.Lb5 Sizilianer:

"Ich denke Kasparov hasst 3.Lb5+. Ich tue es. Jeder, der Schach liebt, tut das.

Er gab später zu verstehen, die Partie sein “komplett in Ordnung” für Kasparov gewesen, bis er 31…a5!? zog:


Fabiano erklärte, “…plötzlich sah ich einen Weg in das Endspiel übergehen zu können”, und nach 32.f5! g5 33.De6+ Dxe6 34.fxe6+ Kxe6 35.bxa5 wurde die Stellung kritisch:


Das Endspiel sieht sehr gefährlich aus. Ich war mir nicht sicher was er machen sollte. Vielleicht sollte er schnellstmöglich mit Kd5-c6 auf die andere Seite wechseln. Das sieht allerdings sehr unangenehm aus, denn der b-Bauer und die beiden Bauern auf dem Königsflügel werden schwer zu halten sein. Sein Läufer ist an sie gebunden, daher gibt es auch kein Gegenspiel. Ich ziehe einfach meinen König nach vorne. Zu allem Übel hat er noch wenig Zeit.

Caruana, der zunächst zwei Remis erzielt hatte und meinte, er spiele das beste Schach in den drei Tagen, erreichte den schließlich den Sieg.

‌"Kasparov verliert die zweite Partie an diesem Tag. Diesmal gegen Caruana."

Das Ergebnis bringt ihn aufwärts zur Teilung des zweiten Platzes mit Hikaru Nakamura. Kasparov befindet sich mit niemand geringerem als Vishy Anand (und David Navara) am Tabellenende.

"Ist Schnellschach der Spielmodus der jungen Leute? Kasparov und Anand sind fürs erste punktgleich. Aronian liegt in Führung!"

Garry gibt noch nicht auf!

"Dann müssen wir eben morgen zeigen, dass Blitz für ältere Leute gedacht ist!"


                                                            Der Kampf um Platz 1

Die ersten beiden Runden sind unter den favourisierten Spielern dieses Turniers ziemlich friedlich ausgegangen. Sie haben womöglich eine annehmbare Ausgangslage für die Blitzrunden angestrebt. In Runde 9 sollte es aber anders laufen:

"Ein brutales Finale vor 18 Runden Blitz!"

Sergey Karjakin gelang sein zweiter Sieg im Turnier gegen Anand:


Obwohl die Partie einwandfrei gespielt wurde, war noch geanues Spiel gefordert: 37.Dc6! war ein klarer Gewinnzug! – der Springer kann nicht ziehen, ohne dabei Txh6 gefolgt von Mattkombinationen zuzulassen.

Zwei Siege und ein Remis für Aronian. Vor dem Blitzturnier liegt er in Führung. | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wieder spielt Levon Aronian seinen Gegner, diesmal ist es Leinier Dominguez, in einem Turmendspiel mit Schwarz aus der Spanischen Eröffnung heraus aus. Ian Nepomniachtchi musste dem zufolge seine Partie gewinnen, um mit Aronian gleichziehen zu können. Fast klappte das sogar! Er opferte eine Figur in der Stellung nachdem Nakamura 34.Sd6 gezogen hatte:


Die Partie ging weiter mit 34…Sxc4 35.Sxb7 Se3 36.Tg1 f5 und Schwarz verblieb mit zwei Bauern und harmonierenden Figuren für die Qualität. Die begebenheiten auf dem Brett waren danach völlig unklar und äußerst kompliziert. Nepomniachtchi zielte aber auf den Partiegewinn ab und überging dabei die Möglichkeit zu einem sicheren Remis. Das Stellungsbild wandelte sich zu seinen Ungunsten und er musste sich im 89. Zug geschlagen geben.

Vor dieser Runde war Nepo der letzte unbesiegte Teilnehmer.| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fröhlich war er danach nicht:

"Schon witzig: Ich gewann die Partien, die bis zum Ende unklar waren und in allen anderen übersah ich weit mehr als 10 Kombinationen."

Nakamura freute sich unterdessen über seinen Tagesverlauf und katapultierte Nepo zurück auf den zweiten Platz. Mit Blick auf das kommende Blitzturnier fürchtete er sich vor Le Quang Liem und Dominguez, die mal Weltmeister im Blitzschach waren. Zudem ist noch ein Weltmeister aller Spielklassen im Teilnehmerfeld:

Manche Spieler wie Kasparov werden im Blitzschach schneller ziehen. Hätte er im Schnellschach zügiger gezogen, hätte er wohl etwas öfter gewonnen.

Der Tabellenführer ist jedoch Levon Aronian. Im Interview kam es zu einem interessanten Austausch:

Maurice Ashley: Das Schnellschach ist vorbei. In diesem Abschnitt hast du gewonnen, das ist noch nicht der Turniersieg, aber...

Levon Aronian: Was!? Ich dachte es sei vorbei!?

"Ich dachte es sei vorbei!?" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aber nein, neun Runden Blitz am Donnerstag und am Freitag werden folgen. Aronian fasst das gewaltige Marathon-Turnier in St. Louis mit einem positiven Blick nach vorne zusammen:

Ich habe eine fürchterliche Wertungszahl im Blitz. Das Turnier hat lange angedauert und nun startet die spaßige Zeit.

Um seine Wertungszahl wieder verbessern zu können bekommt Aronian Schwarz gegen Nakamura in der ersten Runde. Kasparov hat Wei gegen Karjakin. Verpasse die Live-Aufnahme nicht!

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