Interviews 08.01.2015 | 18:05von Svenja Huckle

Spassky: "Ich sehe Schach immer noch mit den Augen eines Kindes"

Zwei Weltmeister - Boris Spassky und Viswanathan Anand | Foto: Anastasia Karlovich, Sotschi 2014 Webseite

Der zehnte Schachweltmeister stellte sich zu Beginn eines eingehenden Interviews neulich selbst vor: "Ich bin Spassky Boris Vasilievich, ein Rentner. Ich bin im Endspiel meines Lebens." Es war jedoch ein bemerkenswertes Leben und der 77-Jährige hat sich offensichtlich viel von seiner alten Energie bewahrt. Er war in Topform, als er über Themen wie das Carlsen-Anand-Match, darüber, was Schach für ihn bedeutet, sowie über seine Aufeinandertreffen mit Bobby Fischer sprach.

Boris Spassky war beim jüngsten Weltmeisterschaftsmatch in Sotschi Ehrengast und ihm gefiel, was er da sah. Das war der Ausgangspunkt für sein Interview mit Anatoly Samokhvalov in R-Sport, aus dem wir ausführliche Ausschnitte untenstehend übersetzt haben:


Wenn ich mein Leben nochmal beginnen würde…

Boris Spassky: Sotschi hat einen guten Eindruck auf mich gemacht. Ich bin froh, dass ich Krasnaja Poljana besuchen konnte, obwohl ich den Olympischen Geist nicht mehr fühlte. Ich sah, wie sich die Gegend entwickelt hatte. Zu meiner Zeit war Krasnaja Poljana eine Bushaltestelle mit einem Bach, ein paar Steinen und einigen kleinen Bäumen, aber heute ist es eine kleine Stadt. Wenn ich mein Leben noch einmal beginnen würde, hätte ich nichts dagegen, das in Krasnaja Poljana zu tun.

Die Weltmeisterschaftskommentatoren Sopiko Guramishvili, Peter Svidler und Sergey Shipov besichtigten Krasnaja Poljana an einem der Erholungstage - mehr Infos hier

Anatoly Samokhvalov: Und was ist mit Leningrad?

Nicht Leningrad, sondern Petrograd. Ich akzeptiere das Wort 'Leningrad' einfach nicht, da ich die Geschichte der Stadt kenne. Es ist nicht Lenins Stadt, sondern Peters Stadt. Es ist meine Heimat.

Aber Petrograd? Nicht St. Petersburg?

St. Petersburg war die Hauptstadt des mächtigsten Staates der Welt, aber dann wurde diese Hauptstadt zu einem regionalen Industriezentrum. Wenn man den Weg der Geschichte verfolgt, ändert sich auch unser Eindruck der Stadt. Meine Geburtsstadt ist Petrograd.

Hätten Sie sich trotzdem dem Schach zugewendet, wenn Ihr Leben in Krasnaja Poljana begonnen hätte?

Wäre ich ein Schachspieler geworden?

Ja, oder einer der berühmten Bienenzüchter von Krasnaja Poljana?

Das bleibt ein Geheimnis, aber Sport wäre nicht an mir vorbeigegangen. Ich machte auch Leichtathletik und spielte Tennis und Bridge, aber jetzt wird Poker immer beliebter, oder?

Ja. Das interessiert Sie nicht?

Poker? Nein.

Boris Spassky bei der Schlusszeremonie des Weltmeisterschaftsmatches 2014 | Foto: Anastasia Karlovich, Sotschi 2014 Webseite

Sie spielten vermutlich Préférence?

Ich mochte Préférence nicht. Ein oberflächliches Spiel.

Aber es wird als intellektuell angesehen.

Je oberflächlicher, desto intellektueller (lacht). Es gibt viele oberflächliche Kalkulationen bei Préférence. Das ist nichts für mich.

Jeder Sport verändert sich im Laufe der Zeit, wird schneller, höher, stärker. Unterliegt Schach denselben Trends?

Auch Schach verändert sich, aber in einer etwas unverständlichen Weise. Computer sind im Schach aufgetaucht und haben alles auf den Kopf gestellt.

Der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen hat den Ruf, ein vorbildlicher Schachspieler zu sein, der am Brett alles richtig macht und die Partien lange laufen lässt. Hat Schach aufgrund dessen etwas verloren?

Carlsen ist ein dickköpfiges Kind. Im Allgemeinen waren die nötigen Eigenschaften eines Schachspielers immer dieselben, wobei die Liebe zum Schach an erster Stelle steht. Außerdem sollte es auf natürliche, leidenschaftliche Art geliebt werden, so wie Leute Kunst, Gemälde und Musik lieben. Diese Leidenschaft füllt dich aus und durchströmt dich. Ich sehe Schach immer noch mit den Augen eines Kindes.

Und was sehen Sie?

Einen Fluss, mit seiner Strömung und seinem Flussbett, und den allmählichen Strom.

Und Sie stehen am Ufer?

Nein, ich bin schon drin, in diesem Fluss.

Für mich ist Schach ein einziger Prozess und unterscheidet sich letztlich nicht stark vom Leben selbst.

Also war das Carlsen-Anand-Match ein Fest für Sie?

Ja, ich freute mich, beiden zuzusehen. Natürlich war da viel Psychologie in diesem Match. Zweifellos war da auch etwas Anderes, etwas Verstecktes, von dem wir nichts wissen, denn viele unterschiedliche Interessen und verschiedene Kräfte waren an dem Prozess beteiligt. Aber das ist nichts, was ich wissen kann.

Denken Sie, dass das Match einen solchen politischen Hintergrund hatte wie das Spassky-Fischer-Aufeinandertreffen in Rejkjavik im Jahr 1972?

Jedes Match hat etwas Mystisches. Das Match in Rejkjavik stach hervor, da es während des Kalten Krieges stattfand.

Auch heute gibt es Echos davon, nur sind unsere Spieler nicht in der Arena.

In Sotschi konnte ich vor allem Schach-Schießpulver riechen, während sowohl Kinder als auch ehrwürdige Senioren zuschauten. Sie müssen mich aber nicht an das Match gegen Fischer erinnern, denn das ist hier drin (zeigt auf seinen Kopf), in meinem Speichermodul.

Bei welchen Partien gab es das meiste Schießpulver?

Ein Bild von Spassky in Soviet Life im Februar 1969 - im weiteren Verlauf des Jahres schlug er Petrosjan und wurde der 10. Weltmeister. Diesen Titel behielt er bis 1972 | Foto: Wikipedia

Da gab es besondere Matches, so wie meines gegen Fischer. Es fiel in eine Zeit, genau wie das Botvinnik-Smyslov-Match, als das Publikum geteilt war. Ich erinnere mich auch an das Estrada Theater und das Podium, auf dem Petrosjan und ich spielten. Ich erinnere mich an die Assistenten. Ich war selbst ein Assistent, als ich 8-9 Jahre alt war. Ich zeigte die Züge, nahm die Partien auf und manchmal wendeten sich die Spieler an mich mit der Bitte, ihnen die Züge zu zeigen. Und ich beeilte mich, das zu tun, und freute mich, dass meine Hilfe benötigt wurde. Ich verdiente damit auch Geld, zehn Rubel am Tag. Ich weiß noch, dass mein Trainer Tolusch mich oft während einer Partie anschrie: "Hey, Junge, hier sind drei Rubel – bring mir eine Packung 'Kazbeks'". Und ich rannte schnell los, um den Auftrag des Meisters zu erfüllen.

Dann schlugen Sie Tolusch.

Als ich stark wurde, natürlich.

Und Sie haben ihn nicht gebeten, Ihnen eine Packung 'Kazbeks' zu bringen?

Nein. Ich rauchte, aber ich musste ihn gar nicht fragen...

Schach und die Politik

Man sagt, Sport steht über der Politik, aber damals spielte die Politik eine wichtige Rolle.

Damals diente Schach der Politik. Die Politik setzte es herab.

Haben Sie Widerstand dagegen geleistet?

Für mich blieb Schach immer ein Spiel.

Ich war kein sehr unterwürfiger Schachspieler, vom sowjetischen Standpunkt aus.

Sie haben immer versucht, zu betonen, dass Sie absichtlich rebellisch waren?

Ich mochte es nicht und mag es immer noch nicht, das zu betonen – so liefen die Dinge nun mal im Leben.

Wie haben Sie es geschafft, dem Einfluss der Ideologie zu entkommen, und es zu vermeiden, Parteibriefe gegen irgendjemanden zu unterschreiben?

Das hing vom Allmächtigen ab. Ich habe nichts Besonderes versucht. Sie schlugen vor, dass ich unterschreibe, und ich weigerte mich.

Erzählten Sie Parteibeamten auch vom Allmächtigen?

Ich erklärte ihnen die Dinge völlig objektiv: um etwas zu unterschreiben, muss man sehr vertraut mit dem Thema sein, aber niemand war daran interessiert, mich damit vertraut zu machen.

Aber was ist mit dem berühmten Satz aus diesen Jahren, "Ich habe es nicht gelesen, aber ich verurteile es"?

Ich kann nicht über diejenigen richten, die nach diesem Prinzip leben. Ich war nie Mitglied in einer Partei.

Spassky konnte der Politik in Sotschi nicht vollständig entkommen - hier nimmt er an der Fotogelegenheit mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach der Schlusszeremonie teil | Foto: Anastasia Karlovich, Sotschi 2014 Webseite

Viktor Tikhonov, der kürzlich verstarb, erzählte seinen Kollegen von seinem ständigen Kampf mit der politischen Abteilung. Eine Niederlage, und man hätte ihn weggefegt, aber er verlor nicht. Sie hatten ein ähnliches Arrangement. Hat die Niederlage gegen Fischer all das verändert?

Nach Rejkjavik konnte mir das Sportkomitee nicht verzeihen, dass ich die Chance ablehnte, den Weltmeisterschaftstitel zu behalten. Dafür hätte ich einfach nur das Match verlassen müssen. Es wäre völlig gerechtfertigt gewesen, sogar der FIDE-Präsident Max Euwe sagte zu mir: "Lieber Boris, du kannst das Match jederzeit beenden. Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst, geh nach Moskau oder woanders hin, aber erhole dich und denk nach". Ich antwortete: "Danke für den guten Rat, Max, aber ich tue es auf meine Art".

Euwe war auch ein Weltmeister.

Er war ein Nationalheld in Holland, nachdem er es zum Schachland Nummer Eins gemacht hatte, indem er Aljechin im Weltmeisterschaftsmatch schlug.

Warum gönnten Sie sich in Rejkjavik keine Pause?

Ich denke, dass ich aus Dummheit so handelte. Es war unklug von mir, diese Spannung aufrechtzuerhalten. Fischer hatte seine Strategie in diesem psychologischen Krieg, und ich hatte meine. Ich war bereit, bis zu einem gewissen Moment Zugeständnisse zu machen. Ich konnte sehen, dass er Probleme hatte…

Aber wir waren zwei Don Quijotes, jeder mit seinen eigenen, völlig unterschiedlichen Windmühlen.

Er war mit einer Sache in seinem Leben beschäftigt, während ich in etwas Anderes verwickelt war. Ich kämpfte mit dem Sportkomitee der UdSSR, mit dem ich nicht übereinstimmte, während er mit der Fernsehfirma Fox verhandelte, die ihn filmten. Fischer beschwerte sich, dass die Kamera sehr laut war, und er unter diesen Bedingungen kein Schach spielen wollte.

Was waren Ihre Streitthemen mit dem Sportkomitee?

Das Übliche. Im sowjetischen System war eine Person Staatseigentum - ein Rädchen im Getriebe, das sie so einsetzen konnten, wie sie wollten.

Standen Sie in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Fischer?

Ich hatte eine freundschaftliche Beziehung zu Bobby. Wir hatten bei unseren Aufeinandertreffen immer Spaß.

Kann man Schachspieler aus verschiedenen Ären überhaupt miteinander vergleichen?

Es ist sehr schwer. Jedem das Seine. Jeder sollte seine Rolle kennen. Schachspieler sind eine schwierige Gruppe und größtenteils egozentrisch, egoistisch und individualistisch. Jeder hat seine eigene Sicht auf die Welt und geht seinen eigenen Weg als Einzelgänger. Jeder Weltmeister hatte einen solchen oder einen ähnlichen Hintergrund.

Ihnen gefiel der Konflikt zwischen Garry Kasparov und Anatoly Karpov nicht?

Es gab viel rüdes Benehmen und Schmutz zwischen ihnen. Kurz vor seinem Tod erinnerte mich Petrosian, als er das Verhalten von Kasparov und Karpov verfolgte, an unsere 'Probleme'. "Erinnerst du dich daran," sagte er zu mir, "als wir unseren Matchvertrag auf der Fensterbank des 'Sofia'-Restaurants unterschrieben? Wir brauchten eine Minute zum Unterschreiben, diskutierten nicht und stritten über nichts." "Ich erinnere mich daran, Tigran Vartanovich", sagte ich. Wie Sie sehen können, ließ der Mann, nicht lange bevor er diese Welt verließ, bereits die Vergangenheit Revue passieren.

Aufeinandertreffen mit Bobby Fischer

Machten Sie sich keine Sorgen, als Sie 1992 zum Match mit Fischer in Jugoslawien anreisten? Sie waren ein Bürger Frankreichs, das Sanktionen gegen den Balkanstaat unterstützte.

Nein, ich machte mir keine Sorgen. Ich sah das Match als Freudenfest. Fischer war aufgetaucht, es gab keinen Verantwortungsdruck und der Preisfonds war gut. Ich konnte mir eine Rente sichern und hatte die riesige Freude, meine sowjetischen Freunde Nikitin und Balashov als Sekundanten einladen zu können.

Versuchte Frankreich Sie zu überreden, nicht anzutreten?

Frankreich, wie die USA, war während der Jugoslawienkrise auch rechtlich darin verwickelt. Es verkauften nämlich viele französische Geschäftsmänner Waffen während des Jugoslawienkriegs, was nicht erlaubt war. Als die Frage der Besteuerung aufkam, musste ich schließlich den besten Anwalt des Landes finden, jemanden, der sich genau mit solchen Themen auskannte.

Spassky-Fischer im "Match des Jahrhunderts" 1972 - sie spielten 20 Jahre später unter ganz anderen Umständen nochmal gegeneinander | Foto: oldhistoricphotos

Sprachen Sie danach mit Fischer?

Ich blieb immer mit ihm in Kontakt - wir schrieben einander. Als er ausgeraubt wurde... oder wie kann man das ausdrücken? Ein Typ, mit dem Fischer zu tun gehabt hatte, stellte die Wohnung, in der Bobby lebte, und seine Besitztümer zum Verkauf. Ich versuchte sogar, unsere Korrespondenz zu kaufen, schaffte es aber nicht. Es war sehr interessant.

Ich schrieb ihm einmal vor dem Korchnoi-Karpov-Match: "Bobby, Campomanes hat mir einen guten Finanzdeal angeboten, um das Match zu kommentieren". Fischer antwortete: "Lass dich unter keinen Umständen mit so unsauberen Leuten ein! Bleibe ihnen so fern, wie du kannst, denn dein Name ist bedeutend mehr wert als das Entgelt, das du erhalten wirst".

Fischer war von Natur aus ein harter Gewerkschaftsführer.

Ich glaube, im Jahr 1987 organisierte ein amerikanischer Schauspieler mit Wurzeln in Odessa ein Schachturnier in den USA und lud mich dazu ein. An Bahnhof in Los Angeles sollte ich Bobby treffen. Er lebte in Pasadena, was im Grunde ein Fischerdorf nicht weit weg von Hollywood war. Ich stieg aus, in T-Shirt und Tennishosen. Ich spielte jeden Tag Tennis und hatte beschlossen, mich für den Trip nicht umzuziehen. Ich spürte, dass jemand mich beobachtete und drehte mich um - Fischer. Er rief sofort: "Heey! Du bist ja gut in Form!" Natürlich, antwortete ich, und warum nicht, ich bin gut in Form. Wir begrüßten einander.

Bobby fraß sich jeden Tag in billigen Chinarestaurants voll und musste viel laufen, um den Bauch wieder loszuwerden. Er lief kilometerweit und einmal verhaftete ihn dabei die Polizei. Eine Bank war kurz zuvor ausgeraubt worden und die Polizei hielt Bobby für den Räuber. Danach veröffentlichte er eine dünne Broschüre mit dem Titel Ich wurde in einem Pasadena-Gefängnis gefoltert!

Folterten sie ihn denn wirklich?

Nein, natürlich nicht. Sie haben ihm offensichtlich etwas Angst gemacht, und ich nehme an, dass er darauf mit seinem üblichen Repertoire reagierte - mit der Empfehlung, sie sollten zum Teufel gehen. Dann erkannten sie, dass er einfach ein verrückter Schachspieler war. Er stellte sich immer vor, dass jedwede auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit eine Handlung war, die nur darauf abzielte, ihn einzufangen.


Siehe auch:


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