Interviews 18.12.2015 | 13:09von Colin McGourty

Skvortsov über die Notwendigkeit, die Bedenkzeit zu verkürzen

Der Organisator der Zürich Chess Challenge Oleg Skvortsov gab kürzlich bekannt, dass bei seinem Turnier 2016 die Bedenkzeit auf 40 Minuten plus 10 Sekunden Zeitgutschrift pro Zug verkürzt werde. Bei der nächsten Austragung nehmen Anand, Kramnik, Nakamura, Aronian, Giri und Shirov teil. In einem Interview geht er näher auf die Notwendigkeit einer „neuen klassischen“ Bedenkzeit ein und schlägt eine radikale Reform des WM-Zyklus vor.

Oleg Skvortsov und seine Frau Natalia Shevando unterhalten sich während der Schlussfeier der Zürich Chess Challenge 2015 mit Vladimir Kramnik und Sergey Karjakin | Foto: ruchess.ru

Die Zürich Chess Challenge 2016 wird ein kurzes Vergnügen. Sie beginnt mit der Eröffnungsfeier und einem Blitzturnier zur Ermittlung der Farbverteilung am Freitag, den 12.Februar. Weiter geht es mit zwei Partien mit „neuer klassischer“ Bedenkzeit am Samstag und Sonntag, ehe das Turnier mit der Schlussrunde und einem Blitzturnier am Montag endet. Die Besetzung ist auch nächstes Jahr beeindruckend, Alexei Shirov ist der einzige Teilnehmer, der nicht zu den Top Ten der Welt gehört (Rating gemäß Elo-Liste vom Dezember):

1.    Viswanathan Anand, Indien, 2796, Nr. 3 der Welt

2.    Vladimir Kramnik, Russland, 2796, Nr. 4 der Welt

3.    Hikaru Nakamura, USA, 2793, Nr. 5 der Welt

4.    Levon Aronian, Armenien, 2788, Nr. 6 der Welt

5.    Anish Giri, Niederlande, 2784, Nr. 8 der Welt

6.    Alexei Shirov, Lettland, 2676, Nr. 65 der Welt

In einem Interview mit Vladimir Barsky, das auf der Website des Russischen Schachverbandes publiziert wurde, erklärt Skvortsov, warum er und der Präsident des Züricher Schachclubs, Christian Issler, sich für die Einführung einer kürzeren Bedenkzeit entschieden (Interview in gekürzter Form):


Oleg Skvortsov: Zum ersten Mal diskutierten wir diese Idee vor anderthalb Jahren direkt nach dem Turnierende mit Christian Issler. Viele Fans teilten uns mit, dass es sehr ermüdend sei, sich sechs bis sieben Stunden im Turniersaal aufzuhalten. Die Zuschauer gehen rein und raus und verpassen so manchmal die wichtigsten Momente der Partien bzw. erleben nicht mit, wie sich die Dramatik entwickelt. Schau dir zum Beispiel ein Tennismatch an, das seit der Einführung des Tiebreaks im fünften Satz meist nur zwei bis drei Stunden dauert.

Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen Tennis und Schach, doch die meisten Spiele in ATP-Turnieren dauern maximal drei Sätze. Beim Mixed hat man sogar den dritten Satz abgeschafft und den sogenannten „Champions-Tiebreak“ eingeführt. 2015 wurden erstmals Turniere ausgetragen, bei denen die Sätze nicht auf sechs, sondern nur vier Spiele gingen. Bislang handelt sich nur um Schaukämpfe, aber Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und andere führende Tennisspieler nahmen daran teil.

Schachfans im Savoy Hotel während der Austragung im Jahr 2015 | Foto: Eteri Kublashvili, Offizielle Website

Natürlich sind die Bedingungen für die Zuschauer im Savoy Hotel sehr komfortabel, aber generell trifft dies für Schachfans seltener zu als für Anhänger anderer Sportarten. Will man über die Stellung reden, muss man den Turniersaal verlassen.

Vladimir Barsky: Kürzlich fand in Baku der Weltcup statt. Viele sagten zu mir: Schade, dass alle Wettkämpfe im Schnellschach entschieden wurden – es gab so viele Fehler…

Man kann das auch anders sehen. Vielleicht lag es nicht am Schnellschach, sondern daran, dass die Spieler einen ganzen Monat lang spielen mussten! Bei einer oder zwei Wochen wären solche Fehler sicher nicht so häufig vorgekommen. Was kann man von einem Spieler erwarten, der einen ganz Monat lang ohne Pause Schach spielen muss und dabei sogar noch verschiedene Bedenkzeiten zur Verfügung hat? Da kommt es nicht überraschend, wenn jemand in einer entscheidenden Partie einen Turm einstellt.

Mir geht diese Idee schon lange durch den Kopf: Wir müssen die Bedenkzeit beim Schach verkürzen. Das ist die entscheidende Maßnahme! Issler und ich haben uns mit einem offenen Brief an den FIDE-Präsidenten gewandt, darin steht unter anderem: „Wir beantragen, dass die FIDE auch Partie mit einer Bedenkzeit von mindestens 40 oder 60 Minuten mit einer Zeitgutschrift von 30 Sekunden ab dem 1.Zug als klassische Partie anerkennt. Wir schlagen vor, diese Regel für Spieler aller Spielstärken einzuführen. Damit würde die Attraktivität des Schachs steigen und Turniere mit der Weltklasse bekämen mehr Aufmerksamkeit.“

Nakamura gewann vor Anand die Zürich Chess Challenge 2015, während Kramnik Dritter wurde | Foto: Eteri Kublashvili, Offizielle Website

Unser Vorschlag verhindert nicht, dass Schachpartien mehrere Stunden dauern. Es geht nur darum, den Rahmen einer klassischen Schachpartie um Partien mit einer Dauer von 2 bis 3 Stunden zu erweitern. Möchte jemand ein Turnier mit dieser Bedenkzeit und normaler Elo-Auswertung abhalten, sollte man ihn nicht daran hindern. Schach ist dann für Sponsoren, das Fernsehen und das Internet attraktiver.  

Wie du dich sicher erinnern kannst, schlug Kirsan Ilyumzhinov Mitte der 1990er vor, die Bedenkzeit auf 90 Minuten für 40 Züge und plus 30 Minuten für den Rest der Partie zu ändern, und erntete dafür eine Menge Kritik. Heutzutage aber unterscheiden Schachspieler nicht mehr zwischen dieser Regel und der Sieben-Stunden-Regel, sondern bezeichnen beides als „klassisches Schach“.

Wie reagierte die FIDE auf euren Vorschlag?

Es gab keine Reaktion.

Du sagst, dir kam diese Idee während des Züricher Turniers, aber es war doch auch mit alter Bedenkzeitregelung ein voller Erfolg. Warum muss man etwas ändern?

Während der Zürich Chess Challenge 2014 wurde zum ersten Mal ein Vertrag zwischen einem Schachturnierveranstalter und einem Fernsehsender abgeschlossen. Und als Issler und ich uns mit den Fernsehleuten, Kommentatoren, Experten und Zuschauern unterhielten, kamen wir zu dem Schluss, dass es während der Übertragung oft Pausen geben würde, die man nicht füllen konnte. Worüber zum Beispiel soll man reden, wenn in den Partien eine halbe Stunde nichts passiert? Oder wenn am Ende der Runde nur noch eine Partie läuft und ein Großmeister ewig über eine Stellung nachdenkt, an der alle Zuschauer längst das Interesse verloren haben? Das ist langweilig!

Jan Gustafsson hielt Anands Sieg gegen Nakamura für die Partie des Turniers 2015

Warum willst du den Rahmen der Bedenkzeit des klassischen Schachs erweitern? Eine Stunde Bedenkzeit passt doch perfekt zum Schnellschach.

Für mich dauern Schnellschachpartien maximal 30 Minuten pro Spielern, während ernsthafte Partien ab 1 Stunde beginnen – nennen wir es “neues klassisches Schach”. Die Logik ist immer die gleiche: Schnellschach dauert zwei- bis dreimal so lange wie Blitz, und Klassisches Schach zwei- bis dreimal so lange wie Schnellschach.

Wie kamen wir auf die Bedenkzeitregelung von 40 Minuten plus 10 Sekunden pro Zug? Gemäß FIDE-Regeln werden diese Partien für die Schnellschach-Elo ausgewertet. Hätten wir die Bedenkzeit noch ein wenig erhöht, wären die Partien gar nicht ausgewertet worden. Die FIDE wertet die Partien von Spieler mit hoher Elozahl bei einer Bedenkzeit von etwa einer Stunde gar nicht aus, damit hätten wir den Spielern aber mehr Zeit zum Nachdenken gegeben.

Oleg Skvortsov - ein Mann, der das Schach verändern möchte | Foto: ruchess.ru

Wie haben die Großmeister auf das neue Format reagiert?

Sie finden es interessant und wollen es ausprobieren. Trotz der neuen Regel wollten verdammt viele Spieler am Turnier teilnehmen.

Habt ihr den Weltmeister eingeladen?

Nein.

Welches Turnier aus dem normalen FIDE-Kalender würdest du gern austragen?

Keins. Meiner Meinung nach sollte der WM-Zyklus verändert werden.  

Warum?

In einem Interview mit der TASS sagte ich im Dezember 2014: “Schach muss reformiert werden, und das nächste Jahr wird entscheidend sein. Vielleicht müssen wir neue Superturniere erfinden, so etwas wie den Grand Slam. Eines würde zum Beispiel in Moskau ausgetragen, einige in Europa, eines in den USA und eines in einem arabischen Land. Das Entscheidende ist, dass die Turniere eine gemeinsame Idee und ein gemeinsames Punktesystem haben sowie ausgewertet werden.“

Das erwies sich als richtig: die Idee wurde von Kasparov übernommen, indem er die Grand Chess Tour ankündigte.

Diese Turnierserie ist gerade zu Ende gegangen. Wie sind deine Eindrücke?

Wir können bei anderer Gelegenheit gern über die Turnierserie als Ganzes, das Punktesystem und die Vergabe der Startplätze reden, aber das Ende des Turniers in London war deprimierend. „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss…“ Wie konnte man einen der Teilnehmer nur dazu zwingen, drei harte Partien zu spielen, und ihn dann direkt im Anschluss gegen einen ausgeruhten Weltmeister antreten lassen? In diesem Fall wäre es besser gewesen, ein Mini-Turnier mit drei Spielern abzuhalten, damit alle dieselben Voraussetzungen haben.

Magnus Carlsen wartete in London auf seine Chance | Foto: Ray Morris-Hill

Kommen wir zur Vergabe des Weltmeistertitels zurück: Neben der Grand Chess Tour gibt es auch noch den FIDE Grand Prix. Diese beiden Turnierserien ähneln sich stark, auch die teilnehmenden Spieler überschneiden sich stark. Ist das aktuelle System zur Ermittlung des Weltmeisters zu langwierig?

Ja, und es ist außerdem unklar: Bekommen wir nächstes Jahr einen FIDE-Weltmeister oder einen Agon-Weltmeister?

Was sollte man beibehalten und was sollte man ändern?

Zunächst würde ich bei allen Turnieren die Bedenkzeit senken. Wie ich bereits sagte, brauchen wir eine Turnierserie, deren Gewinner gegen den Weltmeister antritt. Man könnte den Weltmeister auch in einem abschließenden Turnier mit sechs bis acht Qualifikanten ermitteln. Oder man könnte einen Wettkampf zwischen den beiden bestplatzierten Spielern der Turnierserie anstatt eines Rundenturniers austragen.

Ein Wettkampf mit wie vielen Partien? 12 bis 16?

Es könnten auch 24 sein, wie bei Karpov und Kasparov. Mit der neuen Bedenkzeit könnten zwei Partien pro Tag gespielt werden, wodurch der gesamte Wettkampf maximal zwei bis zweieinhalb Wochen dauern würde.

Und der Weltcup?

Die Turnierserie könnte alle möglichen Formate enthalten: K-O-Turniere, Rundenturnier, Open-Turniere. Die Organisatoren sollten das selbst entscheiden können. Man muss einfach nur den Turnierplan festlegen: zum Beispiel sollte ein Turnier nicht länger als zwei Wochen dauern, damit noch genug Zeit für die anderen Turniere bleibt. Mit der „neuen klassischen“ Bedenkzeit kann man Turniere deutlich schneller absolvieren.

Sollen Turniere auch mit verschiedener Bedenkzeit abgehalten werden?

Ja, innerhalb der Grenzen des klassischen Schachs: von einer Stunde pro Partie bis dreieinhalb. Generell sollte man den Veranstaltern keine zu harten Bedingungen stellen: Für Fragen, wie viele Spieler daran teilnehmen, welche Turnierform man wählt oder wie hoch der Preisgeldfonds ist, braucht man Flexibilität.

Bei wie vielen Turnieren sollten die Teilnehmer der Serie mitspielen?

Die Spieler können an allen Turnieren teilnehmen, um die notwendigen Punkte zu sammeln. Zwar sollten unterschiedlich viele Punkte pro Turnier vergeben werden, aber die Anzahl der Turnierteilnahmen sollte nicht beschränkt werden.

Du bist auch der Meinung, dass es dem modernen Schach an Persönlichkeiten fehlt. Einige Großmeister sind mittlerweile recht beliebte Werbefiguren. Siehst du einen Fortschritt?

Ich denke nicht. Dazu das jüngste Beispiel. Einige Tage vor dem Beginn des Londoner Turniers gab es auf eBay eine Auktion, bei der man ersteigern konnte, in einem Team mit Carlsen zu spielen (wobei die Spieler dann abwechselnd ziehen). Das Mindestgebot betrug £3.000, und man konnte für £25.000 direkt zuschlagen. Drei Stunden vor Ende der Auktion gab es noch kein einziges Gebot!

Diesen Screenshot veröffentlichten wir bereits in unserem Vorbericht auf die London Chess Classic | Bild: Chess Pro-Biz Cup

Welche Schachspieler haben das Zeug zur Berühmtheit?

Auf diese Frage habe ich derzeit keine Antwort.

Was hältst du vom Fischer-Schach?

Aus meiner Sicht ist das eine Sackgasse, diese Variante wird sich vermutlich nicht durchsetzen. Die Ausgangsstellung ist meist unharmonisch.

Was hältst du von dem Turnierformat, das Bronstein vorschlug? Er regte an, dass die Großmeister gleichzeitig mehrere Partien gegeneinander austragen.

Das wäre vor allem eine Show. Meines Erachtens sollte die klassische Form erhalten bleiben, denn sie ist das Fundament des Schachspiels. Man sollte einfach nur Partien mit kürzerer Bedenkzeit zulassen, ohne ins Schnellschach zu wechseln.


Was denkt ihr über die neue Bedenkzeit von etwa einer Stunde pro Spieler für die gesamte Partie? Handelt es sich dabei noch um klassisches Schach, und ist das sogar die Zukunft des Schachs? Sollte man so auch die Weltmeisterschaft austragen? Teilt uns mit der Kommentarfunktion eure Meinung mit!

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