Berichte 09.08.2017 | 20:07von Colin McGourty

Sinquefield Cup, Runde 6: Lev zerlegt So, Naka hält gegen Magnus

Levon Aronian gelang in der sechsten Runde des Sinquefield Cups als einzigem ein Sieg, womit er einem außer Form agierenden Wesley So eine zweite Niederlage in Folge zufügte. Damit blieb Maxime Vachier-Lagrave weiterhin in Führung - er geriet im Najdorf-Sizilianer erneut in eine Eröffnungsfalle (dieses Mal gegen Caruana) und musste um sein Leben kämpfen, konnte die Partie jedoch halten. Die längste Partie des Tages war ein packendes Duell zwischen Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura, in dem der Weltmeister sich selbst als "extrem schlampig" bezeichnete, da er in einem Turmendspiel einige knifflige Gewinnwege übersehen hatte. Jan Gustafsson hat diese Partie für uns analysiert.

Den lebhaftesten Gedankenaustausch gab es nach der längsten Partie des Tages | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der sechsten Runde wurde nur eine Begegnung entschieden, aber zwei der Remisen boten großartige Kämpfe. Ihr könnt das ganze Geschehen mit dem Selektor unterhalb nachspielen - klickt auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse nachzuspielen, oder bewegt den Mauszeiger über einen Spielernamen, um dessen Ergebnisse anzuzeigen:

Aronian 1 - 0 So: “Du musst h4 spielen, wann immer du kannst!”

Aronian führt die letzten Züge einer glanzvollen Siegpartie aus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach einem Jahr, in dem er beinahe nichts falsch machen konnte, ist bei Wesley So nun der Wurm drin. Wir haben nach seiner Niederlage gegen Carlsen in der fünften Runde bereits erwähnt, dass er im klassischen Schach schon seit über einem Jahr nicht mehr schlimm verloren hatte - und mussten nur einen Tag auf eine Niederlage warten, die, sofern überhaupt, noch schlimmer war. Wesley spielte eine Eröffnungsvariante, mit der Aronian gegen Veselin Topalov verloren hatte. Levon kommentierte:

Ich denke, dass ich selbst diese Idee mit Schwarz - auf c3 zu schlagen und sich einfach langsam zu entwickeln - erfunden habe... aber ich bin kein großer Anhänger davon!

Es wäre jedoch hart, der Eröffnung die Schuld zu geben, da die Dinge nur im Mittelspiel schlecht liefen. Levon stand Sos Entscheidung sehr kritisch gegenüber, den Läufer im 19. Zug abzutauschen:


19. ... Lxe4 20. fxe4 und Levon bekam die halboffene f-Linie und eine drohende Masse an Zentrumsbauern. Oder wie er es formulierte, "gestattete es mir die einzige Sache, die ich kann - angreifen! Das ist nicht sehr schlau." Wesley spielte schnell in einer Stellung, in der er bereits kurz davor stand, strategisch auf Verlust zu stehen, und der Springer auf a5 nie mehr ins Geschehen eingreifen kann. Aronian nannte 24. ... Tb7 "eine sehr, sehr seltsame Entscheidung", und zwei Züge später war er mit 26. h4 schon zum Spiel auf Sieg bereit:


Er sollte später witzeln: "Du musst h4 spielen, wann immer du kannst!":

Willkommen zurück in den 2800, @LevAronian

Wesley zog weiterhin schnell und hielt sich an Aronians Pläne, in dem er 26. ... Dxh4 27. Dxe5 spielte, da nach dem Tausch eines Randbauern keine Möglichkeit mehr bestand, die weißen Zentrumsbauern aufzuhalten. 27. ... De7?! (27. ... Te7!) war ein Fehler, und das Beantworten von 28. Dg3 mit 28. ... Dc5 nach elf Minuten Nachdenkpause bedeutete bereits das Ende der Partie:


Levon fragte sich: "Was würde der große Vishy machen?" und spielte schließlich 29. Tf6!!, einen vernichtenden Zug in einer Stellung, in der Weiß zumindest kein weiteres Material mehr für den Angriff opfern musste. Weiß stehen bereits mehrere Gewinnwege offen, und die Partie wurde mit 29. ... h5 30. Th6! Dc3 31. Txh5 (einfaches Schach...) 31. ... g6 32. e5! fortgesetzt:


Ein schöner Mehrzweckzug, nach dem Wesley aufgab. Der Bauer schneidet die Dame von der Verteidigung gegen ein potentielles Matt auf h8 ab, der Läufer ist endlich entfesselt und kann g6 ins Visier nehmen, und die Bauern können noch weiter vorrücken. Wie Levon anmerkte, hatte er nach 32. ... Dxd3 mehrere Gewinnwege:

Ich kann sogar 33. Th3 spielen, wenn ich ein großer Sadist bin!

Es gibt keine Verteidigung gegen Dh4 und die Mattdrohung, während bei Schwarz noch hinzukommt, dass beide Türme ungedeckt sind. Ein wahrhaft überwältigender Sieg.

Levon Aronian war gut gelaunt, während Wesley einen zweiten Tag in Folge nicht zur anschließenden Pressekonferenz erschien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hier könnt ihr euch die ganze Sendung zur sechsten Runde noch einmal ansehen, in der Levon auch über seine Partie spricht:

Durch dieses Ergebnis ergaben sich an der Spitze der Weltrangliste große Chancen:

Aronian ist jetzt Vierter, So fällt auf den sechsten Platz zurück, wodurch sich Kramniks Chancen auf eine Qualifikation für das Kandidatenturnier nach Wertungszahl steigern!

Anand sieht verwirrt aus, aber vermutlich ging es hier nicht um seine eigene Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die übrigen Begegnungen endeten unentschieden, aber zu zwei davon muss noch ein bisschen gesagt werden. Vishy Anand "konsolidierte" seinen fantastischen Sieg in der vorangegangenen Runde mit einem mühelosen Schwarzremis gegen Sergey Karjakin. Der Russe sagte, er "war nicht sicher, ob es [mit Schwarz] so einfach auszugleichen ist", doch Vishy zeigte gerne, wie das ging, und meinte:

Ein schnelles Remis mit Schwarz gegen Sergey ist klarerweise kein schlechtes Ergebnis.

Anstatt einer anschließenden Partiebesprechung... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nepomniachtchi - Svidler wurde von den übrigen Vorgängen in den Hintergrund gedrängt, und keiner der Spieler kam zu einem anschließenden Interview mit Maurice Ashley. Dieses Mal hatte Svidler in einer Spanischen Partie Schwarz und musste sich mit seinen Dämonen auseinander setzen. Er gestattete Weiß, einen Bauernkeil am Damenflügel zu errichten - in der Vorrunde hatte er das gegen Nakamura wegen der traumatischen Weise, wie er in der ersten Runde gegen Karjakin verloren hatte, noch vermieden. Nepo spielte mit seiner üblichen Geschwindigkeit und konnte einen Bauern nach b7 vorrücken, allerdings konnte Peter ihn noch rechtzeitig neutralisieren. Die Partie mündete schließlich in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und endete remis.

Die übrigen beiden Partien waren jedoch Krimis:

Carlsen 1/2 - 1/2 Nakamura:  Einer kam durch

Magnus wird in Kürze seinen Lieblingsklienten quälen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus Carlsen führt nach Siegen in klassischen Partien gegen Hikaru Nakamura zwar mit 12:1, aber die letzte entschiedene Partie gewann der US-Starspieler - der letzte Sieg Carlsens im klassischen Schach stammt von den London Chess Classic 2015. Am Dienstag war in St. Louis jedoch klar, dass Magnus seinen "Kunden" in einer Partie wieder zurück haben wollte, in der es anfangs nach 16. Lb5 schlecht für Nakamura aussah:


Magnus sagte:

Er muss diese Idee mit Lb5 unterschätzt haben, da er über 50 Minuten lang nachdachte, aber ich schätze, dass er eine gute Lösung gefunden hat.

16. ... Ld7 17. Dxd5 Le6! war der erste Zug in einer Serie beeindruckender, aber nicht standardmäßiger Ideen, mit denen sich Nakamura über Wasser halten konnte. Die Partie verlief wild, und die folgende Stellung fiel wegen der vielen angegriffenen Figuren ins Auge:

Ein paar Figuren hängen :)

Und natürlich wurde auch geschossen!

In den nächsten zehn Zügen wurde stets geschlagen: 20. ... fxe4 21. Lxe7 Lxc1 22. Lxb7 Lxe3 23. Lxf8 Txf8 24. fxe3 exf3 25. Lxf3, und Weiß hatte ein Endspiel mit Mehrbauern erreicht. 

Beide Spieler sollten sich später beklagen, wie sie es spielten. Hikaru meinte: "Ich bin in diesem Turmendspiel sorglos geworden", während Carlsen sein Nichtspielen der kritischen Varianten als "extrem schlampig" bezeichnete. Es gab Momente, in denen die Menschen die Gewinne erraten konnten...

Ich mag Magnus' g5 nicht. 42. h5!? (Smeets) oder 41. Kg5 sahen weit gefährlicher aus.

... was auch vom Rechner bestätigt wurde:

Carlsen hat schon wieder das Matt in 26 übersehen, und g5 statt h5 gespielt. Mein Tipp lautet, dass er noch eine Chance bekommen wird.

Magnus hatte damit zu kämpfen, einige seiner Entscheidungen zu erklären, und schließlich bekam Nakamura einen schmalen Pfad zum Remis, den er sofort einschlug. Er fasste zusammen: "wenigstens konnte ich mich ganz zum Schluss sehr gut verteidigen, als ich dazu gezwungen war!"

Nach 94 Zügen und sechs Stunden hatte Nakamura seinen Aufschwung gegen den Weltmeister fortgesetzt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Jan Gustafsson führt uns durch diese sechsstündige Partie:

Die übrige Punkteteilung war schnell beendet, verlief aber dramatisch und war für den Zwischenstand wichtig:

Caruana ½ - ½ MVL: Ein weiterer Rückschlag für Najdorf

Es war nicht schwer vorherzusagen, dass dieser Kampf mit der schärfsten Eröffnung geführt wurde: dem Najdorf-Sizilianer | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Maxime Vachier-Lagrave hatte das Schicksal womöglich herausgefordert, als er nach der zweiten Runde Folgendes über Najdorf sagte:

Ich fühle mich in dieser Art Stellung so souverän. Natürlich besteht ein gewisses Risiko, in eine Vorbereitung zu geraten, und das ist gegen diese Leute in diesem Jahr schon ein paar Mal passiert, aber irgendwie konnte ich mich etwas konsolidieren und versuchte, konzentrierter zu sein, und ich bin mir sicher, jegliche Frage am Brett beantworten zu können. Ich verfüge über sehr viel Erfahrung und weiß, wo ich nach den Dynamiken suchen muss.

In der sechsten Runde spielte er es erneut; in einer Stellung, die er schon gegen Caruana, Nakamura, Giri, Grischuk, Naiditsch und Solak gehabt hatte (und in der in 77 Partien jeweils 10. Lf2 gefolgt war), entkorkte Fabiano Caruana 10. Dd3!?


Er erklärte später, dass dieser Zug Rustam Kasimdzanov von einem Norweger empfohlen worden war, und Tarjei J. Svensen stand bereit, um den Namen  bekanntzugeben, den die meisten von uns während der Live-Sendung nicht klar verstanden hatten!    

Caruana zollt seinem "norwegischen Freund", Großmeister Torbjørn R. Hansen, Carlsens erstem Trainer, Anerkennung für die Neuerung!

Maxime verriet später im Beichtstuhl, wie unangenehm diese Überraschung war. Er dachte 21 Minuten lang nach, bevor er zum Schluss kam, dass das Schlagen des b2-Bauern und das Öffnen dieser besonderen Büchse Pandoras viel zu riskant sei. Was diese Neuerung jedoch so knifflig macht - und Fabiano gefiel -, war, dass die natürlichste Alternative 10. ... Sbd7 nicht besonders gut war. Nach 11. 0-0-0 war klar, dass Fabiano Blut sehen wollte.

Ein weiteres heilloses Durcheinander! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Doch hier rückte MVLs Gefühl für die Dynamiken solcher Stellungen wieder in den Vordergrund, und er bekämpfte Feuer mit Feuer, bzw. 11. ... g5!?

Nach Zügen wie diesen hofft ein Teil von mir darauf, dass MVL das Kandidatenturnier gewinnt und Carlsen herausfordert.

Dadurch musste auch Fabiano endlich selbst nachdenken, und obwohl Maxime später im Beichtstuhl erklärte, er sei "noch nicht über den Berg," bekam er Spiel nach seinen Bedingungen. Fabiano kommentierte:

Maxime ist in diesen sehr dynamischen Stellungen besonders gut. Selbst wenn du Vorteil bekommst ist es nicht so einfach, ihn zu besiegen.

Caruana schien einen Fehler zu machen, als er sich selbst einen Bauern schlug, aber dadurch den Damentausch zuließ:


23. Txg4!? Txg4 24. Lxg4 Dg5 25. Dxg5 Sxg5 26. Lf3. Schwarz konnte bald den Turm auf die h-Linie überführen, und der ganze weiße Vorteil war verschwunden.

Maxime Vachier-Lagraves Lohn für diese neueste Darbietung Entfesselungskunst war die Tabellenspitze drei Runden vor Schluss:


Er fühlt, dass er für den Titelgewinn noch eine weitere Partie gewinnen muss, hat aber noch zweimal Weiß: zuerst gegen Karjakin in der siebenten Runde, danach gegen Nepomniachtchi in der Schlussrunde; aber auch die Schwarzpartie gegen Anand in der achten Runde kann ein schwieriger Test werden.

Kann jemand MVL vom größten Turniererfolg seiner Karriere abhalten? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Von den Verfolgern haben Carlsen und Aronian in der siebenten Runde Schwarz gegen Svidler und Nakamura, während Anand mit Weiß gegen Nepomniachtchi spielt. Er könnte diese Partie als beste Chance sehen, um noch um den Turniersieg mitzuspielen. Bei So - Caruana wird Wesley eine dritte Niederlage in Folge verhindern wollen, aber Fabiano ist einer der gefährlichsten Schwarzspieler.

Hier geht es direkt zur siebenten Runde, Partiebeginn ist um 20:00 Uhr MEZ! Ihr könnt bei allen Partien auch über unsere kostenlosen Apps zusehen:

         

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