Berichte 07.08.2017 | 11:13von Colin McGourty

Sinquefield Cup, Runde 4: MVL schlägt Carlsen in spannender Partie

Maxime Vachier-Lagrave liegt beim Sinquefield Cup 2017 alleine in Führung, nachdem er Magnus Carlsen in einer Partie bezwingen konnte, in der es auf und ab ging - Garry Kasparov bezeichnete es als "großartiges Kampfschach". Jan Gustafsson hat diese Schlacht für uns analysiert. Der einzige weitere Sieg des Tages hätte kaum unterschiedlicher sein können: Ian Nepomniachtchi spielte wie gewohnt halsbrecherisch schnell, überfuhr damit jedoch Hikaru Nakamura einfach. In den drei unentschiedenen Begegnungen gab es jeweils etwas zu genießen, wie etwa bei Levon Aronian, der gegen Vishy Anand bereits nach zehn Zügen einen weißen Bauern nach h6 vorpreschen ließ.

Gemischte Gefühle nach einer wunderbar aufregenden Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ihr könnt alle Partien der vierten (und früheren) Runde des Sinquefield Cups nachspielen, indem ihr im Selektor unterhalb auf ein Ergebnis klickt. Wenn ihr den Mauszeiger über einen Spielernamen bewegt, werden euch dessen Ergebnisse angezeigt:

Ihr könnt auch die ganze Sendung aus St. Louis mit Jennifer Shahade, Yasser Seirawan und Maurice Ashley hier noch einmal sehen:

Carlsen 0 - 1 MVL: Ein Meisterwerk Carlsens wird zu einem Wunder MVLs

Lasst die Partie des Tages beginnen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Beide Spieler kamen in guter Form und kampfbereit zu dieser Partie - der Damentausch im sechsten Zug konnte niemanden täuschen. Die Spieler folgten tatsächlich der 31-zügigen Siegpartie Teimour Radjabovs über Peter Svidler vom Grand Prix in Genf, bis Maxime mit 9. ... Lg6 von Peters 9. ... Le6 abwich. Wir bekamen schon bald eine unglaublich komplizierte und ungewöhnliche Mittelspiel-Stellung, die die Spieler ebenso verwirrte wie die Fans. 

Die Zuschauer wurden am Samstag nicht enttäuscht | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour  

Maxime kam nach der Zeitkontrolle zum Beichtstuhl und sprach einige Worte, die er beinahe noch bereut hätte:

Ich wäre überrascht, wenn Magnus weiß, wer besser steht, aber ich sicherlich nicht.

Doch gerade um diesen Zeitpunkt schaltete der Weltmeister einen Gang höher und nutzte aus, dass sich Maxime treiben ließ; er erreichte scheinbar entscheidenden Vorteil. Doch gerade, als die letzten Nägel in MVLs Sarg geschlagen wurden...

Wenn MVL das hält, ist es ein Wunder.

... gab Magnus den Gewinn im 46. Zug aus der Hand (46. ... Tg2? statt 46. ... Td2!) und spielte danach mit 48. Tf3? einen Zug, der die Partie so gut einstellte. Es folgte 48. ... Le2!


Maxime sollte später sagen:

Es ist für Magnus lächerlich, dass es nach 48. ... Le2! kein Remis gibt.

Der Franzose stand überall besser, da Magnus bald bemerkte, dass sein beabsichtigtes 49. Te3 die Partie nicht gewinnt:

Nach dem Handschlag...

MVL: "Du hast f4 übersehen?"

Magnus: "Ja. Ich dachte, Tf3 wäre entscheidend."

Sollte Weiß nach 49. ... f4! 50. Txe2 spielen, folgt darauf 50. ... Sc1+! Diese Springer sind eine knifflige Sache, trotz aller grausamen Worte, die MVL über sie gesagt hatte! Er sollte diese Partie gewinnen, die schließlich zu einem Endspiel wurde, in dem ein Springer gegen einen Läufer kämpfte, und in dem es einige haarsträubende Momente und brillante Berechnungen gab. 

In Carlsens Alpträumen spielt Maxime Vachier-Lagrave die Rolle eines hartnäckigen Schurken in einem schlechten Film von Luc Besson.

Plötzlich war es Magnus, der sich wand | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wir alle kennen dieses Gefühl | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

In dieser Partie gab es so viele kritische Momente, dass sie ohne Videoanalyse nicht richtig besprochen werden konnte - dieses Mal sogar auf Grund der großen Nachfrage!

@GMJanGustafsson Wach auf und erstelle ein Video, in dem erklärt wird, was zur Hölle sich in dieser Partie abgespielt hat.

Werde ich machen, muss aber zuerst acht Stunden schlafen, ins Studio gehen, herausfinden, was zur Hölle passiert ist, aufnehmen und dann hochladen. Gebt mir 12 Stunden.

Und hier ist das Ergebnis:

Nach Maximes Sieg gab es jede Menge Reaktionen:

Ein großer Sieg für MVL! Kaum eine perfekte Partie, aber man darf großartiges Kampfschach nicht zu harsch beurteilen.

Ein herzzerreißendes Ergebnis für Magnus, aber eine enorm spannende Partie für die Fans. Gratulation an @Vachier_Lagrave!

Ein herzlicher und wohlverdienter Glückwunsch von Mr. Sinquefield persönlich

Carlsen hat das verloren! Sehr schmerzhafte Niederlage!

Ihr könnt MVLs eigenen Worten im Interview mit Maurice Ashley nach der Partie lauschen. Er verwies darauf, dass beim Gewinn des Endspiels nichts Intuitives war - es war reine Berechnung!

Bis zu diesen atemberaubenden letzten Stunden wurden wir mit relativ kurzen, aber schönen Partien unterhalten. Hikaru Nakamura wird seine Begegnung mit Ian Nepomniachtchi schnell vergessen wollen:

Nepomniachtchi 1 - 0 Nakamura: Revanche  

Svidler und Caruana behalten Nepomniachtchi - Nakamura im Auge | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ian Nepomniachtchi musste für seine rücksichtslose Geschwindigkeit, mit der er seine ersten beiden Partien verloren hatte, einiges an Kritik einstecken - Wesley So witzelte sogar: "Wenn du einen Bauern opferst, machst du es nicht ohne Grund, es sei denn, du bist Nepomniachtchi!" In der vierten Runde bekamen wir jedoch zu sehen, was passiert, wenn er schnell und gut spielt! Natürlich war es hilfreich, dass er in einer Stellung mit einem Damenbauern-Isolani gut vorbereitet war; nur Nakamuras 15. ... De7 stellte eine Überraschung dar, weil sich dieser Zug nicht in seinen Aufzeichnungen befand. Diese Überraschung führte dazu, dass Ian beinahe drei Minuten lang an einem Zug nachdachte... und es war erstaunlich, wie schnell die Dinge für Nakamura auseinander fielen, als Nepo das von ihm als "provokativ" bezeichnete 18. Tc5 spielte:


Nakamura schluckte den Köder und versuchte, den Turm mit 18. ... a5 19. Db1 axb4 20. axb4 b6?! 21. Tcc1 g6? zu unterminieren. Doch plötzlich war es an der Zeit für den entscheidenden Schlag:


22. La6! gewann einfach eine Qualität (22. ... Ta8 23. Txc6! Txa6 24. Ld6!), und obwohl Nakamuras nach 22 Minuten gespieltes 22. ... Sxb4 einen Bauern zurückeroberte, war das nur vorübergehend. Nepo kam sehr locker zum Sieg und brauchte (knapp) etwas über eine Minute Zeit für seine letzten zehn Züge. Das war Nepos erster Sieg im klassischen Schach über Naka, und war auch eine Art Vergeltung: im Weltcup 2015 scheiterte Nepomniachtchi mit einem Einspruch, nachdem er eine Armageddon-Partie verloren hatte, in der Nakamura mit beiden Händen rochierte:

Mit beiden Händen zu rochieren zeigt großes Können im Leben #angewidert

Vielleicht hatten die Spieler diesen Vorfall schon lange vergessen, vielleicht aber auch nicht 

Levon Aronian war in kämpferischer Stimmung | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour  

Die übrigen Begegnungen endeten Remis, allerdings nicht ohne unterhaltsame Momente. Levon Aronian elektrisierte zu Beginn, als er gegen Vishy Anand seinen h-Bauern bis zum zehnten Zug bis nach h6 vorgezogen hatte:


Es war großartige Schachkunst, aber Vishy blieb skeptisch - "h6 und Sg5 war nicht die beeindruckendste Sache, die mir einfiel" -, und betonte, wie sicher sich sein König fühlte, indem er auf den Königsflügel rochierte. Aronian gab (buchstäblich) zu, dass es Teil eines Tests war, um herauszufinden, ob das neue Gerücht, Läufer seien stärker als Springer, auch stimmte:

Es spricht sich herum.

Er kam zum Schluss, dass die beste Eigenschaft seiner Läufer die Defensive war:

Sie waren gut darin sicherzustellen, dass mein Gegner nicht versuchen wird, mich zu schlagen und den Bauern auf h6 zu nehmen - wenn er das macht, habe ich immer Gegenspiel mit meinen Läufern. Sie sind gut, wenn du Material verlierst!

Levon bezeichnete seinen Bauern auf h6 als "eine Schwäche und eine Stärke", aber er räumte ein, dass er eine Weile suchen musste, um die Stärke zu finden:

Die einzige Stärke ist, das er sicherstellt, dass Weiß das Feld g4 für die Dame zur Verfügung hat.

Vishy hatte viel nachzudenken, aber er stand eher besser | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Gegen Vishy ist es gefährlich, Theorien zu Läufer gegen Springer auszuprobieren, da der indische Ex-Weltmeister für sein Spiel mit den Springern berühmt ist. Er führte mit 21. ... Sb4 beide in die Schlacht, und er meinte zu diesem Zug: "Wenn Levon Sb4 spielen hätte können, hätte er viel mehr gegrinst!" Nach der Partie fuhr Vishy damit fort, die möglichen akrobatischen Manöver seiner Springer aufzuzeigen, darunter auch der dreiste Plan, das scheinbar lächerliche Feld a1 zu besetzen:


Doch leider war sich Levon der Gefahr durchaus bewusst, und entschied, einen Springer zu vertreiben und abzutauschen, wonach die Spieler die Züge wiederholten und im 27. Zug Frieden schlossen.

Peter Svidler: "Ich bleibe, im Geiste, immer noch ein Angriffsspieler" | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour 

Auch in den anderen Partien blieben schöne Momente in potentiellen Abspielen verborgen. Peter Svidler und seine bereits berühmten "Skypefreunde" hatten die Idee, einer Partie zwischen Najer und Vitiugov von der russischen Mannschafts-Meisterschaft zu folgen - Peter beklagte sich jedoch, dass er nicht so viel Arbeit auf andere mögliche Varianten verwendet hätte, sofern er gewusst hätte, dass Wesley So gewillt war, dieser Partie zu folgen. Die Partien wichen im 16. Zug von einander ab:


Hier hatte Vitiugov das mittelmäßige 16. ... Sxe3 gespielt, während sich Wesley für das schrille 16. ... Sxd4! entschied. Nach 17. Lxd4 Lxd4 18. Sxd4 gewinnt Weiß wegen 18. ... Sc5! keine Figur, während in der Partie nach 18. Sxe4 viele Figuren abgetauscht wurden. 

Wesley So behielt mit erfinderischer Verteidigung die Ruhe | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Das Material wurde ernsthaft reduziert, aber Peter wurde nach einem Bauernopfer wegen einiger wunderschöner Angriffsoptionen aufgeregt und meinte: "Ich bleibe, im Geiste, immer noch ein Angriffsspieler":


Hier spielte Wesley jedoch etwas, was er als "coolen Zug" bezeichnete: 25. ... Dg8!, und plötzlich hat Schwarz alles gedeckt. Er dachte darüber nach, auf mehr zu spielen, aber er konnte nichts Besseres finden, als mit 26. Sd7 Tf7 27. Se7 Tff8 27. Sd7 usw. die Züge zu wiederholen und in die Punkteteilung einzuwilligen.

Eine dynamisch ausgeglichene Partie, mit zusätzlicher Spannung durch die Uhr | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Und schließlich gab es in der Partie Caruana - Karjakin schon früh einen dramatischen Moment, als Sergey Karjakin 10. ... e4!? spielte:


Er dachte fast 23 Minuten lang über diesen Zug nach, und Fabiano ließ sich für seinen Antwortzug ebenfalls 28 Minuten lang Zeit, obwohl er meinte, noch immer in seiner Vorbereitung zu sein und wusste, dass beide Schlagzüge möglich seien. Nach 11. dxe4!? dachte Sergey wiederum 28 Minuten lang nach, um 11. ... Se5 zu spielen, weshalb sich beide Spieler später in echter Zeitnot wiederfanden. Die Stellung war allerdings bereits derart vereinfacht, dass niemand viel zu befürchten hatte. Nach massenhaften Abtauschen war die Partie verflacht, nach 31 Zügen stand das Remis fest.

Im Kontrollraum... | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour 

Insgesamt betrachtet bedeutete das, dass wir beim Sinquefield Cup einen neuen Tabellenführer haben, und auch Platz Zwei ist mit Fabiano Caruana nur von einem Spieler belegt:


Fabiano ist ebenso Zweiter auf der Live-Weltrangliste, und nach Magnus' Niederlage hat sich der Abstand zwischen Caruana mit 2810,8 und Carlsen mit 2820,1 auf gerade einmal 9,3 Punkte verringert. Damit kann Fabi am Ruhetag am Montag bereits Nummer Eins der Weltrangliste sein - doch dafür muss er Vishy Anand mit Schwarz besiegen, während Magnus mit Schwarz gegen Wesley So verlieren muss. Das ist viel verlangt, aber es sind schon seltsamere Dinge passiert!

Kann Magnus diese Krise wie üblich überstehen, oder wird es einem Rivalen gelingen, vor dem Ende des Turniers Platz Eins in der Weltrangliste zu erobern? | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour 

Die große Partie für den Zwischenstand im Sinquefield Cup wird MVL - Aronian, und Aronian war bereits in guter Form, als er nach den bisherigen Begegnungen gefragt wurde:

Aronian zu seinen Partien gegen MVL: "In den Partien, die er gewonnen hat, habe ich meiner Meinung nach einzügige Fehler gemacht, die von mir gewonnen Partien war positionelle Meisterwerke"

Es sieht nach einer weiteren großartigen Runde aus - hier geht es zur fünften Runde. Ihr könnt bei allen Partien auch über unsere kostenlosen Apps zusehen:

         

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