Berichte 06.08.2016 | 18:07von Colin McGourty

Sinquefield Cup, Runde 1: So mit erstem Sieg über Nakamura

Wesley So dankte nach seinem ersten Sieg im klassischen Schach über Hikaru Nakamura in der ersten Runde des Sinquefield Cups 2016 Gott und seinen Sekundanten (in dieser Reihenfolge). Er bekam an der Spitze Gesellschaft von Veselin Topalov, dessen Druckspiel gegen Peter Svidler belohnt wurde, nachdem der Versuch des Russen, ein Remis zu erzwingen, einfach eine Figur einstellte. Der Topgesetzte Maxime Vachier-Lagrave wurde beinahe von einem inspirierten Anish Giri bezwungen, aber dem Franzosen gelang es noch, mit einem rettenden taktischen Kniff das Remis zu sichern.

Wesley So musste beim Sinquefield Cup im Vorjahr leiden, aber dieses Jahr startete er gut ins Turnier | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour

Die erste Runde des Sinquefield Cups 2016 enttäuschte nicht und bot auf allen (bis auf eines) Brettern kämpferisches Schach:

Ding Liren ½-½ Levon Aronian  

Ding Liren, der über eine Wild card beim Turnier dabei ist, zog bei der Auslosung die Nummer Eins | Foto: Spectrum Studies 

Das war die Ausnahme - eine ereignisarme Partie, die nach 31 Zügen durch Stellungswiederholung beendet war. Der chinesische Spieler hatte die ganze Arbeit geleistet, wie er im Interview mit Maurice Ashley nach der Partie erklärte. Er brachte einen Dolmetscher mit, beantwortete aber ohne Hilfe in mehr oder weniger fließendem Englisch alle Fragen!

Ich bin während der Partie sehr aufgeregt. Meine Hand ist sehr kalt. Ich weiß nicht warum, aber ich habe letzte Nacht nicht sehr gut geschlafen. Vielleicht hatte ich nur etwas zu viel Stress. Heute hat er in der Partie die Eröffnung gut behandelt.

Obwohl Ding Liren während seiner Karriere ein 3,5 : 1,5-Ergebnis gegen Aronian erreicht hat, steht er mit einiger Unruhe dem Sinquefield Cup gegenüber:

Es wird für mich eine schwierige Prüfung - insbesondere deshalb, weil ich in den letzten Monaten nicht gut gespielt habe. Ich habe in China viele Wertungspunkte liegen gelassen, daher möchte ich hier mein Selbstvertrauen wieder aufbauen.

Levon Aronian hingegen hatte nie mangelndes Selbstvertrauen, und hatte kein Problem damit, mit Schwarz ein leichtes Remis gegen einen Spieler zu holen, gegen den er früher zu kämpfen hatte:

Ich spiele allgemein gerne aufregende Partien, aber wenn die Partien langweilig sind, beginnst du zu beten, dass das Ende schnell kommt. Daher war es ein Erfolg.

Er lieferte danach womöglich das Zitat des Tages, als Maurice fragte, ob Levon auf den amerikanischen Spielern "herumhacken" würde wie im Turnier 2015:

Ich hacke auf niemandem herum - ich bin wie ein Arzt, der auf seine Patienten wartet!

Doktor Aronian... | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour

Hier könnt ihr das Geschehen des Tages, inklusive aller Interviews, nochmal Revue passieren lassen:

Veselin Topalov 1-0 Peter Svidler

Topalov nahm die Rolle des Doktors an und diagnostizierte sogar Svidlers Problem als Jetlag - er sei "noch immer in Russland oder der Schweiz!" (mit Bezugnahme auf Peters jüngstes Match gegen Maxime Vachier-Lagrave in Biel). Veselin entschied sich in der Spanischen Partie für das Anti-Marshall-System und überraschte seinen Gegner mit dem seltenen Abtausch der hellfeldrigen Läufer auf e6. Svidler investierte eine Stunde in seine nächsten paar Züge, und obwohl es danach aussah, als ob er die meisten seiner Probleme lösen konnte, behielt der Bulgare einen lästigen Vorteil. 

Noch zwei Züge bis zur Katastrophe... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Der Höhepunkt der Partie war wie in ähnlichen Situationen ein bekannter Handlungsverlauf, als der Drang zu Vereinfachungen Svidler auf die falsche Bahn brachte:


Svidler: Ich dachte leider, dass 25. ... Tb4 einfach direkt zu einem forcierten Remis führt, aber es verliert stattdessen forciert. Da ist ein kleiner Unterschied!

Nach 26. Dc3! erkannte der siebenfache russische Meister seinen Fehler, aber es war schon zu spät. Er verfolgte mit 26. ... Sxd4 27. Dxb4 Se2+ 28. Kh1 weiterhin seinen Plan und gab auf, als sein Gegner nicht mit 28. Kh2? in die letzte Falle gegangen war, nach der Schwarz noch Remis erreicht:


Peter räumte ein, im Vorhinein 28. ... Sxc1 29. Db8+! übersehen zu haben, bzw. nimmt Weiß nach 29. ... Kh7 (29. ... Kh7 30. Dxc7+) nicht den c7-Bauern, sondern spielt 30. Db1+ und gewinnt den Springer (30. ... Sd3 wird mit 31. Se1! beantwortet).


Peter hätte hier den a5-Bauern nehmen können und mit zwei vereinzelten Bauern für die Figur weiterspielen können, aber das wäre ein ungleicher Kampf gewesen. Topalov blieb im Anschluss an die Partie auf dem Boden und wies darauf hin, dass er 2015 seine ersten beiden Begegnungen (eine gegen Carlsen!) gewonnen hatte, ehe er sein Turnier noch vermasselte, während sich Svidler fragte, worauf er sich eingelassen hatte:

Um mich einzuspielen habe ich in den ersten beiden Runden zweimal Schwarz, daher werde ich heute Abend und morgen genießen!

Die nächsten zwei Begegnungen, die wir näher betrachten, zeigen, dass selbst bei Spielern, die 20 Züge schwerblütiger Theorie herunterspulen, nicht immer mit einem friedlichen Ergebnis gerechnet werden kann.

Wesley So 1-0 Hikaru Nakamura

Waren Nakamura und Svidler in St. Louis durch die Pokémon-Jagd abgelenkt? | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour

So - Nakamura gelangten nach 17 Zügen zu dieser faszinierenden Stellung, und nur Nakamura hatte (etwas) über 30 Sekunden über einen Zug nachgedacht:


In einer Partie, in der die große Frage danach lautete, wo Schwarz daneben gegriffen hatte, verwies Hikaru auf diesen Moment:

Ich habe einfach darauf vergessen, meine Vorbereitung zu spielen. Ich vergaß darauf, im 17. Zug Sd5 zu spielen. Ich habe sie einfach vergessen, weil es ein langes Abspiel ist, das ich mir schon eine Weile nicht mehr angesehen hatte.

Nach 17. ... h6?! nahm Wesley mit 18. Txd7 Sxd7 19. Lxb6 endlich die Qualität und gewann in der Folge mit dem glatten und anspruchslosen, aber rücksichtslosen Stil, für den er bekannt wurde. Nakamura beklagte, dass er in jedem Zug fehlerhafte Berechnungen machte, aber selbst bei bestem Spiel war er in großen Schwierigkeiten. Der entscheidende Moment kam im 34. Zug:


Weiß kann schnell mit 34. axb5 axb5 35. Tc8 einen Bauern gewinnen, aber nach 35. ... d4! sind die schwarzen Hoffnungen auf die Errichtung einer Festung noch immer intakt. 34. a5! hingegen ließ Schwarz ins Schwimmen geraten, und Nakamura gab nach gerade vier weiteren Zügen auf.

Dieser Sieg verkleinerte die Distanz zwischen den US-Teamkollegen Nakamura und So mit einem Schlag von 20 Elopunkten auf weniger als zehn, und Wesley war in der Stimmung, Danke zu sagen:

Ich möchte Gott und meinen Sekundanten danken, dass mir bei diesem Sieg und auch bei der Vorbereitung dieses Abspiels geholfen haben.


Anish Giri ½-½ Maxime Vachier-Lagrave

Svidler gibt MVL und Giri vor Rundenbeginn ein paar Tipps | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour

Die vorherige Begegnung sah nach leicht gängiger Theorie aus, wenn man sie mit der Najdorf-Schlacht zwischen dem jüngsten Spieler aller Teilnehmer und der derzeitigen Nummer Zwei der Welt vergleicht. 23. Tg1 war der erste Zug, der MVL ernsthaft nachdenken ließ, und der aggressive Plan, mit dem er diesem Zug entgegenwirken wollte, führte beinahe zur Katastrophe. Nach 23. ... Dh4 24. Le2 Sf4 25. Ld1 f5 26. exf5 Lxf5 war es an der Zeit, dass Giri einen großartigen Zug entkorkte:


27. Ka1!! Dieser scheinbar unschuldige Königsschritt sieht nach nichts aus, aber wenn Weiß im nächsten Zug c3 spielen und sich konsolidieren kann, hat er riesigen strukturellen Vorteil. Und was passiert mit dem c2-Bauern? Maxime erklärte:

Ich entschied mich für diesen Plan, da ich klarerweise dachte, ich könne den Bauern auf c2 nehmen. Nachdem er [27. Ka1] gezogen hatte war klar, dass ich das nicht konnte. Ich musste mich wieder zusammennehmen und ich denke, dass ich die beste Möglichkeit gefunden habe, aber er hätte definitiv mehr Druck ausüben können.

Die Pointe ist, dass nach einem Generalabtausch auf c2 Weiß das atemberaubende 30. Da4! hat, und plötzlich ist der Turm angegriffen und es droht Matt auf e8.


Selbst wenn ihr womöglich denkt, dass Schwarz dieses Problem mit 30. ... Tc8 lösen kann, ist es nach 31. Dd7! das Matt auf g7, welches den Turm erobert.

Es gibt jedoch einen Grund, warum Maxime im Najdorf so gute Ergebnisse erzielt - er fühlt sich in komplexen, unausgeglichenen Stellungen ganz wie zuhause, und rettet bzw. gewinnt diese noch großteils, selbst wenn sie objektiv gesehen schlechter sind. Und obwohl er zugab, dass "es nie angenehm ist, etwas so Entscheidendes während einer Partie zu übersehen", konzentrierte er sich wieder, sorgte für Gegenspiel und fand schließlich selbst einen Kniff, mit dem das Remis forcierte - genau in dem Moment, als Anish endlich den richtigen Weg zum lang ersehnten Sieg gefunden zu haben schien. Maxime verriet, wie er es auf den zweiten Platz in der Weltrangliste geschafft hatte:

Meistens hat meine Eröffnungsvorbereitung besser funktioniert, daher habe ich Stellungen erreicht, in denen ich mich sehr angenehm fühlte, vor allem im Vergleich mit den Stellungen, die ich vor einem Jahr aufs Brett bekam. Es ist ebenso sehr hilfreich, wenn das Selbstvertrauen kommt, und du investierst weniger Zeit, um etwa deine Berechnungen zu überprüfen. Man kann die Stellungen tiefgehender analysieren und Zeitnot vermeiden.


Viswanathan Anand ½-½ Fabiano Caruana

Caruana und Anand spielten die längste Partie des Tages | Foto: Austin Fuller, Grand Chess Tour

Die längste Partie des Tages war eine faszinierende Schlacht. Anands ehemaliger Sekundant Rustam Kasimdzhanov arbeitet nun für Fabiano, und hatte zweifellos zur Entscheidung beigetragen, seinen alten Chef mit der Französischen Verteidigung zu überraschen:

Er hat mich ganz klar auf dem falschen Fuß erwischt. Ich wusste, dass er Französisch spielt - er hat es auch gegen mich gespielt - aber das war vor einigen Jahren.

Caruana bot an, in die messerscharfe Winawer-Variante zu gehen, aber Vishy war nicht darauf erpicht, die auf ihn wartende Überraschung zu entdecken und erklärte, dass in solchen Stellungen "man entweder die Sachen kennt oder nicht". Stattdessen wählte er die ruhige Abtausch-Variante, aber er fügte hinzu, dass er tatsächlich vor ein paar Tagen einige Partien in diesem Abspiel durchgesehen hatte. Fabiano war sich dieser Möglichkeit bewusst, als er frühzeitig in dieser Begegnung den Beichtstuhl aufsuchte und meinte, er sei sich nicht sicher, ob sein Gegner improvisiere.

Im folgenden Partieverlauf hatten beide Seiten ihre Trümpfe, und selbst von außen kam noch zusätzlich Spannung hinzu, als Wasser aus einer Klimaanlage auf das Brett zu tropfen begann. Fabiano gelangte wieder in seine übliche Zeitnot, womit jedes Ergebnis möglich war, doch er schaffte es bis zur Zeitkontrolle und hatte dann nur noch die Entscheidung zu treffen, sofort das Remis zu forcieren oder nicht. Fabiano, oder vielleicht war es sein Manager, war klar der Ansicht, dass die Entscheidung zum sofortigen Unentschieden die richtige war:


Die erste Partie beim #Sinquefield Cup endete remis. Fabianos bester Zug war 42. ... Dxg2!, was einen halben Punkt sichert.

Damit liegen nach der ersten Runde Topalov und So in Führung, aber wir haben bereits gesehen, dass das Fehlen von Magnus Carlsen der Spannung in St. Louis nicht schadet! 

Die beiden Führenden haben in der zweiten Runde Schwarz, genauer gesagt lauten die Begegnungen Caruana - Topalov und Ding Liren - So; letztere ist eine Neuauflage des auf vier Partien angesetzten Matches in China, das Ding Liren früher in diesem Jahr gewonnen hatte. Die übrigen drei Partien sind natürlich auch solche, die man lieber nicht versäumen will: MVL - Anand, Nakamura - Giri und Aronian - Svidler.

Für Schachmanager gibt es keine Kleidungsvorschriften! | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Die Live-Berichterstattung von der zweiten Runde des Sinquefield Cups beginnt am Samstag ab 20:00 Uhr, es kommentieren Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley! Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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