Berichte 28.08.2018 | 11:49von Colin McGourty

Sinquefield Cup, R9: Carlsen, Caruana und Aronian teilen den ersten Platz

Nach einem Spannungsbogen, den so sicher niemand erwartet hätte, haben Fabiano Caruana, Magnus Carlsen und Levon Aronian jeweils zum zweiten Mal den Sinquefield Cup gewonnen. Der Weltmeister stemmte sich gegen ein Losverfahren, bei dem der Spieler ermittelt werden sollte, der nicht in den Stichkampf einzieht. Zuvor hatte er Hikaru Nakamura in 97 Zügen niedergerungen, während Aronian zockte und schließlich einen brillanten Sieg gegen Alexander Grischuk in dessen Zeitnot feierte. Wesley So zeigte bei seinem Remis gegen Fabiano Caruana keinerlei Ambitionen, qualifizierte sich aber dennoch für einen Stichkampf gegen den selben Gegner, bei dem der vierte Teilnehmer neben Nakamura, Aronian und MVL des Finales der Grand Chess Tour in London ermittelt wird.

Nicht alle Superhelden tragen Umhänge... manche aber schon! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien des Sinquefield Cup könnt ihr hier mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Und hier noch einmal die gesamte Live-Übertragung mit den Kommentaren von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley:

Ruhiger Auftaht: So ½-½ Caruana

Es sollte eine großartige Schlussrunde mit einer Menge Dramatik werden, doch das US-amerikanische Duell zwischen So und Caruana war nur dafür gut, die Ausgangslage dafür zu schaffen. Am Tag zuvor hatte Wesley So noch auf Maurice Ashleys Frage, ob er sich wirklich qualifizieren wolle, mit den Worten geantwortet: „Ich muss einfach All-In gehen, wenn ich nach London fahren will.“ Genauso überraschend wie diese Aussage kam, schien So von der gegnerischen Wahl der Russischen Verteidigung überrascht zu sein, obwohl das sicher die kleinste Überraschung war.

Wesley So und Fabiano Caruana werden am Dienstag noch einmal aufeinandertreffen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

So entschied sich für das seltene Abspiel mit 4.Sd3, das er als “recht interessant” bezeichnete, stand nach 20 Zügen aber leicht schlechter und nach 35 Zügen war das Remis unterschriftsreif. Dieses Resultat bedeutete, dass Caruana zumindest geteilter Erster war, aber noch war unklar, was letztlich dabei herauskommen würde. Seine Enttäuschung über die gegnerische Ambitionslosigkeit äußerte sich mit leichtem Sarkasmus:

Gestern hat er noch gesagt, er würde All-In gehen, daher habe ich in etwa das erwartet, was er jetzt gespielt hat! Das war eine derart langweilige Partie, in der nichts passiert ist. Ich dachte eigentlich, er würde etwas anderes spielen, da er eigentlich gewinnen musste, aber er wollte heute definitiv kein Schach spielen.

Wesley derweil büßte in St. Louis seine Führungsposition in der Grand Chess Tour durch zwei schwache Turniere ein. Er meinte, „Ich muss wieder an die guten Zeiten anknüpfen – ich muss mich besser konzentrieren und entschlossener werden.“ Zu diesem Zeitpunkt schien er keine Hoffnungen mehr zu haben, in London dabei zu sein.

Durch dieses Resultat war klar, dass die Spieler mit einem halben Punkt Rückstand wussten, dass sie gewinnen mussten, um mit Caruana gleichzuziehen. Die lebhafteste Partie lieferten sich zwei direkte Konkurrenten:

Levon zockt und gewinnt: Aronian 1:0 Grischuk

Grischuk, dahinter sein Sekundant Vlad Tkachiev, auf dem Weg in den Spielsaal | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Mangelnde Ambitionen kann man den Spielern bei diesem Duell sicher nicht vorwerfen. Aronians Fazit:

Mein Vorteil vor der Partie war, dass mein Gegner deutlich mehr als ich auf einen Sieg angewiesen war. Meine Strategie war, dass ich eine normale Partie spiele und wenn sie remis ausgeht, ist es okay, aber dann wurde ich zu euphorisch.

Levon verbrauchte 29 Minuten für seinen 9.Zug, und als die Partie mit 10.f3 in unbekannten Gewässern mündete, versank Grischuk 42 Minuten lang ins Nachdenken, was sogar für seine Verhältnisse viel war. 

Einer der tiefgründigsten Schachspieler überhaupt | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Der Russe spielte zunächst stark und offerierte im 14.Zug ein Qualitätsopfer (das abgelehnt wurde), doch plötzlich wurde die Bedenkzeit zu einem wichtigen Faktor, als Aronian im 18.Zug eine weitreichende Entscheidung traf:


"Aronians geniales Turmopfer unterstreicht, wie schwer es ist, sich unter Druck fehlerlos zu verteidigen."

Levon hatte im Turnierverlauf schon einmal über Champagner philosophiert:

"Aronian über 1.e4: Das ist riskant, aber wie sagt man in Russland: Wer nichts riskiert, trinkt auch keinen Champagner." 

Und nun meinte er:

Ich dachte, dass die Partie nach 18.Tf4 vermutlich im Gleichgewicht wäre, doch 18.Txf7 sah wie ein Zug aus, der funktionieren könnte, da er die Dynamik der Partie völlig verändert und die Stellung für einen Gegner in Zeitnot sehr unangenehm sein kann. Diese Entscheidung war sehr riskant, aber wie ich bereits erwähnte… es geht um die Abteilung Champagner. Ich musste etwas tun, da ich Champagner mag!

Eine tolle Partie! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Aronian hatte hier 36 Minuten auf der Uhr, während Grischuk nur noch 16 hatte und drei Minuten überlegte, wie er schlagen sollte. Verständlich, denn der richtige Weg war alles andere als klar. Aronian meinte hinterher zu Peter Svidler, dass er 18…Dxf7 erwartet habe, doch Grischuk blieb seinem Stil treu und spielte das bessere, aber auch riskantere 18…Kxf7! Hätte Grischuk nach 19.Tf1+ Lf5 20.g4 g6 21.Dc1 das starke 21…Te6! gespielt, wäre er womöglich der gewesen, der Champagner trinkt, doch in der Partie lief alles für Weiß nach Plan, indem er einen Läufer nach e5 brachte und seinen König nach e3 stellte. 

Dagegen leistete sich Grischuk mit dem plausiblen  29…Td8? einen Fehlgriff (29…b5 oder 29…Te8 und Schwarz hält sich):

Schwarz hoffte zweifellos darauf, sich mit Td7 oder Dd7 zu verteidigen, doch Aronian packte 30.De7! aus, wonach es plötzlich keine Möglichkeit mehr gab, die Dame aus ihrer dominanten Stellung zu vertreiben (30…Dd7?? 31.Tf8+!). Die armenische Nummer 1 kommentierte:

Natürlich ist es sehr angenehm, eine Stellung zu haben, in der der Gegner seine Stellung nicht verbessern kann, und in der Tat bin ich sehr froh, dass mein Opfer so gut funktioniert hat. Wie Larsen immer sagte, “Wenn du Risiken eingehst, wirst du mal gewinnen und mal verlieren, aber du wirst dich nur an die Siege erinnern!”

Angesichts der schwarzen Lähmung war die einzige Frage, ob Aronian den entscheidenden Hieb finden würde. Das gelang ihm mit dem eleganten Vormarsch des h-Bauern: 30…b5 31.h4! a5 32.h5! Tg5 33.Tf633…Txe5 war ein schlauer Verwirrungsversuch, doch Grischuk wurde mit 34.Tg6+! und Matt im nächsten Zug zum zweiten Mal unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Partie war vorbei:

Lob gab es dafür genug:

Aronian hatte das Turnier beendet, wie er es begonnen hatte, und meinte:

Es ist gut, ein Turnier mit je einem Sieg zu beginnen und zu beenden, doch das soll es noch nicht gewesen sein. Ich bin sehr froh, aber hungrig auf mehr.

Dabei dachte er an den Stichkampf, der zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall stattfinden sollte. Die Spielernamen waren noch nicht sicher, aber es sah alles nach Caruana-Aronian aus. Shakhriyar Mamedyarov derweil verteidigte sich eindrucksvoll gegen Vishy Anand, hatte im Verlauf des Remis in 59 Zügen aber nie eine reelle Chance, den für den geteilten ersten Platz nötigen Sieg einzufahren.

Shak blieb in St.Louis unbesiegt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nun war die Frage, ob Carlsen gegen Nakamura gewinnen würde…

Wie in alten Zeiten: Carlsen 1-0 Nakamura

Für Hikaru Nakamura ging es in der Schlussrunde um recht wenig. Er hatte die Qualifikation für das Finale der Grand Chess Tour bereits geschafft, und es war unwahrscheinlich, dass er gegen den Weltmeister mit Schwarz ein miserables Turnier noch retten konnte. Immerhin ging es für ihn um die Ehre und die Bestätigung, dass er die zwölf Niederlagen gegen den Weltmeister nach zuletzt einem Sieg und sechs Remis nach wie vor gut überwunden hatte.

Hikaru spielte zunächst schnell in einer Stellung, die Magnus so zusammenfasste, “Die Variante ist sehr solide, aber auch ein wenig traurig für Schwarz”. Nakamuras passive Verteidigung wurde mit 25.Lxh6! auf die Probe gestellt: 

Nun war genaue Verteidigung gefragt, und Nakamura zeigte sich auf der Höhe. Beginnend mit 25…Te8! löste er seine Probleme, so dass Magnus hinterher zugab, dass er “keine großen Hoffnungen hatte”. Er spielte aber weiter, weil er einen Sieg brauchte.

Der Umschwung kam im 55.Zug:


Magnus meinte, dass er keine Chancen mehr gehabt hätte, wenn Nakamura die Damen auf dem Brett gelassen hätte (etwa mit 55…Kh7), doch nach 55…Df7?! 56.Da2! Dxa2 57.Txa2 gab es zumindest ein wenig Grund für Optimismus. Dennoch hätte Nakamura Hikaru das Remis mit dem “sehr einfachen” 57…g5! 58.Kg3 Kg7 59.Kg4 Kg6 60.g3 Tb1! 61.Txa7 Tg1 ansteuern können, wie Carlsen hinterher Peter Svidler mitteilte:


Stattdessen folgte in der Partie 57…Kh7 58.Ta6 Kg6 59.h4 Kh5 und Magnus meinte, dass sein Gegner hier schon “die Qual der Wahl hatte… Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass Weiß hier auf Gewinn steht, aber Schwarz muss bereits einige Entscheidungen treffen”.

Es lief nicht gut für Nakamura, dessen 62…g5?! Weiß einen Freibauern auf h5 ermöglichte und dessen 66…a5?! stark nach Verzweiflung aussah. Nach der Partie meinte Carlsen allerdings zu Svidler, dass er an dieser Stelle befürchtet habe, der König könnte wegen der 50-Züge-Regel nicht rechtzeitig nach b8 kommen:


Dieses Angst erwies sich jedoch als unbegründet, denn der König landete im 85.Zug auf b8:


Magnus hatte alles, was folgte, vorausberechnet, überraschend war aber, dass Nakamura offenbar erst ganz zum Schluss erkannte, dass er auf Verlust steht. In der Schlussstellung jedenfalls durchlief er alle Phasen des Schmerzes, als er nur einen legalen Zug zur Verfügung hatte. 

Probleme über Probleme | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Der letzte Zug der Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Aufgabe! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nakamuras 13.Niederlage gegen den Weltmeister | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wo war der entscheidende Fehler? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Das Gewinnmanöver war Carlsen bekannt:

Die Idee, sich mit dem König hinter den Bauern zu verstecken, ist bekannt. Lustig ist, dass die Stellung am Ende materiell ausgeglichen ist und es gar nicht so schlecht für ihn aussieht – zum Zeitpunkt der Aufgabe hat er sogar einen Bauern mehr, aber der spielt keine Rolle!

Nach 97…Kg8 98.Te7 kann Schwarz nur mit 98…Ta8 ein schnelles Matt verhindern, aber nach 99.Kxf6 fallen alle schwarzen Bauern und Weiß gewinnt mit seinen verbundenen Freibauern leicht.

Ein bemerkenswerter Abschluss für Magnus, der mit diesem Sieg und dem gegen Sergey Karjakin wieder einmal seine alten Stärken zeigte:

Das ist großartig, denn es macht den Unterschied zwischen einem mittelmäßigen und einem guten Turnier aus. Am Ende habe ich sogar etwas Elo gewonnen und bin auf dem geteilten ersten Platz gelandet, was ein großer Unterschied zu dem vierten oder fünften Platz ist, den ich nach einem Remis belegt hätte.

Als Maxime Vachier-Lagrave gegen Sergey Karjakin den Sieg verpasst hatte und sich nach 119 Zügen wegen Patt ins Remis schicken musste, war das Rundenturnier des Sinquefield Cup 2018 mit drei Spielern an der Spitze beendet:

Damit war das Drama aber noch nicht vorbei. Gemäß den Turnierregeln sollte es einen Stichkampf um den ersten Platz geben, doch obwohl dieser auf Dienstag angesetzt war, an dem genug Zeit zur Verfügung gestanden hätte, waren dafür nur „die beiden bestplatzierten Spieler“ vorgesehen. Bestimmt wurden diese durch: 1. Direktes Ergebnis 2. Anzahl der Sieger 3. Anzahl der Schwarzpartien. Bei allen drei Kriterien lagen die Spieler gleichauf, sodass der Spieler, der nicht am Stichkampf teilnehmen sollte, absurderweise durch ein Losverfahren bestimmt werden sollte: Der Spieler, der den schwarzen Bauern aus dem Hut zieht, hätte keine Chance mehr gehabt, um den Turniersieg zu kämpfen.  

Der Weltmeister hatte anderes im Sinn und meinte gegenüber Svidler:

Meine grundsätzliche Haltung ist, dass ich keinen Stichkampf mit zwei Spielern bestreiten werde - das ist einfach zu absurd - daher müssen wir eine andere Lösung finden. 

Zum ersten Mal seit seiner Premiere 2013 gewinnt Magnus Carlsen den Sinquefield Cup | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wenig später kam es zu einer Diskussion mit Turnierleiter Tony Rich, in der Magnus vorschlug, entweder einen Stichkampf mit drei Spielern auszutragen oder alle drei Spieler zu Siegern zu erklären. 

"Carlsen und Aronian verhandeln über den Ausgang des Sinquefield Cup"

Levon Aronian war zu einem Stichkampf bereit, aber alle drei Spieler hätten zustimmen müssen.  Fabiano Caruana lehnte aber nach einem Telefonat ab, wodurch der Sinquefield Cup ohne Stichkampf und mit drei Siegern endete.

Im Internet folgten wilde Diskussionen, wobei die einen argumentierten, die Spieler hätten einen Vertrag unterschrieben, während andere meinten, diesen könne man bei solch merkwürdigen Regeln durchaus brechen.

Anish Giri brachte es mal wieder auf den Punkt 

Das Ganze erinnerte an die Situation beim Kandidatenturnier 2013 in London, wo sich fast alle einig waren, dass es ein Fehler war, den Herausforderer aufgrund der Wertung und nicht in einem Stichkampf zu ermitteln. Dennoch blieb dieses Regelwerk auch 2014, 2016 und 2018 bei dem vermutlich wichtigsten Schachturnier überhaupt gültig.

Noch ist das zweiwöchige Schachfestival in St. Louis aber nicht vorbei. Ein Grund, warum Caruana einem Stichkampf nicht zustimmte, ist sicher, dass er sowieso einen austragen muss – er muss zwei Schnellpartien mit 25+10 Minuten gegen Wesley So spielen, um den vierten Finalisten der Grand Chess Tour in London zu ermitteln:


Ironischerweise sorgte Nakamura mit seiner bitteren Niederlage dafür, dass er in London die Nummer 1 der Setzliste ist (ansonsten wäre er hinter Aronian gelandet) und Wesley So noch eine Qualifikationschance hat (andernfalls wäre Caruana automatisch qualifiziert gewesen). Den Stichkampf könnt ihr euch am Dienstag live ab 20 Uhr auf chess24 ansehen!

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