Berichte 21.08.2018 | 13:23von Colin McGourty

Sinquefield Cup, R3: Grischuk besiegt Nakamura

Ein neuer Tag und wieder ein Marathon in St. Louis: nach 89 Zügen und über sechs Stunden gewann Alexander Grischuk gegen Hikaru Nakamura und teilt nun die Führung im Turnier mit drei anderen Spielern. Zwei der zuvor führenden Spieler, Levon Aronian und Magnus Carlsen, spielten ein generell ruhiges Remis. Unklar blieb dabei, ob eine von Levon verschmähte Abwicklung für ihn vorteilhaft gewesen wäre. Der andere des Führungstrios vor der Runde Shakhriyar Mamedyarov sagte, dass er und Fabiano Caruana in ihrem umkämpften Remis "wie Engines spielten". In den Remispartien MVL-So und Karjakin-Anand war das Gleichgewicht dagegen nie gefährdet.

Kurze aber lebhafte Analyse von Grischuk und Nakamura | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Du kannst alle Partien des Sinquefield Cup im Viewer unten nachspielen:

Und hier ist der Livekommentar des Tages, wieder fast 7 Stunden:

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Zunächst zu den Remisen - anfangs die beiden, die man sofort wieder vergessen kann.

MVL teilt die Führung im Turnier (noch?) nicht | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

MVL-So war ein Berliner Endspiel, aber diesmal konnte Maxime die Mauer nicht ansatzweise zum Einsturz bringen. Wesley sagte, dass er sich tags zuvor nicht ganz wohl fühlte, unter diesen Umständen hatte er gegen ein ungefährdetes Remis nichts einzuwenden.

Das dritte Remis für Anand, und das erste für Karjakin | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Bei Karjakin-Anand stand nach 15 Zügen ein schwarzer Bauer auf g2, allerdings in einer bekannten Stellung, die Anish Giri, Wei Yi und Viktor Korchnoi alle mit Schwarz Remis halten konnten. Vishy befand sich in guter Gesellschaft und konnte ohne Probleme Ausgleich erzielen, nach zuvor zwei Niederlagen war Remis auch für Sergey wohl ein gutes Ergebnis.

Oft eines der unterhaltsamsten Duelle in der Weltelite | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Im Mittelpunkt der Runde stand Aronian-Carlsen. Es begann vielversprechend, da Levon auch gegen diesen Gegner 1.e4 spielte. 

Der unterhaltsame Kommentar von LevAronian zu 1.e4: "Es ist riskant. Aber, wie man in Russland sagt, wer nichts riskiert trinkt auch keinen Champagner".

Mit 3.Bc4 wählte Lev Italienisch. Ein wichtiger Moment war, als Carlsen mit 17…d5!? von einer Partie Shankland-Sevian bei Millionaire Chess abwich:


Nach der Partie erschien Levon im russischen Studio. Peter Svidler sagte, dass er die Frage des Tages stellen muss - warum nun nicht 18.dxe5 ? Sie analysierten 18…Sxe4?!, wonach Weiß wohl schlichtweg einen gesunden Mehrbauern erhält, aber 18…Sxe5 19.Sd4 Tee8! ist offenbar OK für Schwarz.

Das war etwas überraschend, da Levon sicher mit Fragen zur Stellung nach 18.Sxe5 Sxe5 19.dxe5 Dxe5 20.exd5 cxd5!? rechnete:


Hier hatte Weiß 21.Lxa7 Dxe1+ 22.Txe1 Txe1 23.Kh2 Txa7 24.Dd2…


…und es ist nicht klar, wie leicht das für Schwarz zu spielen ist. Magnus meinte:

Ich machte mir keine grossen Sorgen. Vielleicht zu Unrecht, aber mein Gefühl war, dass ich, sobald ich meine Türme koordinieren kann, sogar einen Bauern geben kann.

Aronian äusserte sich Maurice gegenüber ähnlich:

Generell sollten derlei Stellungen für Schwarz OK sein, aber vielleicht hat Weiß hier doch etwas Vorteil. Ich hatte den Eindruck, dass Schwarz genug Zeit hat, um sich zu konsolidieren mit Remis. Aber nun, nachdem Ihr die Figuren bewegt, sieht es gut aus [für Weiß]! 

Diese "Kontroverse" ging auf Twitter weiter, Levon antwortete dem ukrainischen GM Mikhail Golubev:

‌Wie kann es sein, dass LevAronian nicht 21.Lxa7! spielte, ein naheliegender und guter Zug? Gegner haben einfach zu viel Angst vor Magnus Carlsen, er dominiert sie psychologisch. Sie können einfach nicht glauben, dass ihre Dame stärker sein kann als seine zwei Türme.

Lieber Mikhail, Du lässt Dich sehr wahrscheinlich von Einschätzungen schwacher Engines aufs Glatteis führen. Wenn Du die Stellung unvoreingenommen analysierst, wirst Du sehen, dass Schwarz mit zwei Türmen gegen die Dame mindestens Remis hält.

In der Partie kam 21.Tad1, Carlsens späteres Fazit:

Es war offensichtlich keine allzu aufregende Partie. Die kritischen Momente kamen wohl früh, und nach dem kleinen Geplänkel im Zentrum war es ziemlich ruhig. Er steht wohl nominell ein kleines bisschen besser, aber kann einfach keine Fortschritte erzielen.

Der Weltmeister beschwerte sich nach seinem Sieg in 6,5 Stunden gegen Karjakin nicht:

Gestern war ich wohl selbst nach der Runde etwas zu aufgeregt. Ich konnte kaum einschlafen, da ich immer noch an die Partie dachte. Es war gut, heute einen ruhigen Tag zu haben.

Mamedyarov verteidigte Platz 2 in der Weltrangliste | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Das vierte Remis Mamedyarov-Caruana war ein Kampf von Anfang bis Ende der Partie. Fabiano wählte im Damengambit das aggressive 5…b5. In der diesjährigen polnischen Meisterschaft spielte Radek Wojtaszek so gegen Grzegorz Gajewski (Remis), und verlor danach in derselben Variante mit Weiß gegen Jan-Krzysztof Duda.

Shak sagte, dass er zwar diesen Zug kannte, aber nicht wusste wie Weiß reagieren sollte. Das war allerdings kein Problem, da Fabi sich Sorgen machte bis 16.f4!?, was er als ”grosse Erleichterung" bezeichnete. Mamedyarov gab zu, dass er "völlig übersehen hatte", dass Caruana nach 16…Sd5 17.Sxd5 Lxd5 18.Dc3 nicht passiv spielen muss:


Nach 18…Tb5!, drohte Turmverdopplung auf der b-Linie und Bauerngewinn auf b2. Shak sagte, dass es nun für ihn nicht leicht zu spielen war, aber schnell kamen Vereinfachungen und nach 30 Zügen deutete sich Remis durch Stellungswiederholung an. Im letzten Moment wich Fabi ab und wurde dafür von seinem Gegner gelobt. Shak meinte, dass "bis zum Ende spielen" eine gute Vorbereitung auf das WM-Match gegen Carlsen ist.

Die Lage verschärfte sich, und nach 36.Tb3!? schien ein schwarzer Sieg möglich:


36…Ta2+ sieht interessant aus, und in der Partie gewann Caruana mit 36…Txb3 37.Dxb3 Dxh3 zunächst einen Bauern. Schwarz hat aber auch eigene Schwächen, und nach 38.Db8+ Kh7 39.Dc7 bekam Weiß den Bauern zurück. Da beide Könige anfällig standen, war Remis (nach 61 Zügen) ein logisches Ergebnis.

In der heutigen modernen Zeit lobte Mamedyarov sich selbst und seinen Gegner so:

Wir spielten beide wie Engines - sehr starke und sehr interessante Züge... Er spielte wie Houdini 8, aggressiv, ich bin Houdini 7!

Damit bleibt noch die Partie des Tages:

Nakamura-Grischuk 0-1: So nahe am Sieg, aber noch harte Arbeit

Auf Nakamura wartete ein langer harter Arbeitstag | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Alexander Grischuks Bedenkzeit-Einteilung ist legendär, das nächste Beispiel nach 12 Zügen in dieser Partie. Die Stellung nach 12.Se4 ist durchaus kompliziert, aber sie stand bereits etwa 70-mal auf dem Brett, auch auf höchstem Niveau. In seiner Videoserie Großmeisterrepertoire gegen Italienisch empfiehlt Jan Gustafsson 12…f5.


Jan erwähnte auch das von Grischuk gespielte 12…Te8 - am Brett keine schlechte Wahl, da auch Hikaru nun 18 Minuten nachdachte. Dann kam 13.Bg5, was Magnus Carlsen einmal im Rahmen der Grand Chess Tour in einer Blitzpartie gegen Levon Aronian gespielt hatte. Damals geschah später 17.d4!? - dieser Zug hat zwar auch seine Nachteile, aber vermeidet zumindest die chronische Schwäche des Bauern auf d3 nach Hikarus 17.c4.

Grischuk manövrierte geschickt mit seinen Figuren, und später wurde die Bedenkzeit beiderseits knapp. Schwarz fand das hübsche 39…c6!, und Hikaru musste nun mit noch 3 Minuten bis zum 40. Zug das kleinere Übel wählen:


Nach 40.Sxh5 cxd5 hätte Schwarz nicht nur eine beeindruckende Bauernphalanx auf der fünften Reihe, außerdem stünde der Sh5 nach 41.cxd5 f4 gefährlich im Abseits. Das war vielleicht dennoch besser als Nakamuras Entscheidung: nach 40.Sc3 Sf4 41.Df1 Sxd3 musste Weiß eine Ruine verwalten. Zur Verzweiflung der Kommentatoren brauchte Grischuk über eine halbe Stunde für seinen "offensichtlichen" 41. Zug…

‌Sieht total verloren aus - aber wie davon profitieren

Grischuk kann das gewinnen - außer wenn man ihm MEHR Bedenkzeit gibt

…und trotz des schwarzen Vorteils bahnte sich ein Zeitnotdrama wie tags zuvor an.

Es kam wie es vielleicht kommen musste: im Bestreben, nichts zu verderben, verpasste Grischuk einige klare Gewinnchancen (zum Beispiel 52…e4!), und dann hatte Weiß vielleicht eine Festung. Wie bei Carlsen-Karjakin reichte dann ein unaufmerksamer Moment, und Stunden harter Arbeit waren dahin:


Nach 68.Df1 überlebt Weiß wahrscheinlich, aber Nakamura wählte mit 68.Nf2? eine andere Verteidigungsaufstellung, und nach 68…Dh4! konnte er angesichts des drohenden Dg3+ nicht mehr beide Bauern auf f3 und h3 halten. 

Danach verwertete Grischuk seinen Vorteil ebenso gnadenlos wie tags zuvor Carlsen, Glanzzüge waren u.a. 76…f3! und 81…Kg5!


Man muss wahrlich einen kühlen Kopf bewahren, um zu sehen, dass Weiß nach 82.Lh4+ Kf4 83.Lxd8 trotz Mehrfigur gegen die schwarzen Bauern hilflos ist.

Grischuks und Nakamuras lange Rivalität geht zurück bis zu Online-Blitzduellen auf ICC, und diese Partie erinnerte an die letzte Runde von Tal Memorial 2010. Damals hatte Nakamura drei Mehrbauern und unzählbare Gewinnwege, bis zum Desaster im 84. Zug:


Nakamuras 84…Df3?? erlaubte 85.Sxe5+ Lxe5 86.Dxe5 und plötzlich war es todremis, die Partie endete im 90. Zug durch Dauerschach. Dadurch verpasste Nakamura den geteilten Turniersieg mit bekannten Namen: Aronian, Karjakin und Mamedyarov. Es war offensichtlich, wie schmerzhaft diese verpasste Chance nach 7 Stunden war:

Manchmal ist Remis genauso schlimm wie eine Niederlage | Foto: Anastasia Karlovich/Anna Burtasova, RCF

Acht Jahre danach in St. Louis hatte die Partie das logische Ergebnis, Schwarz gewann nach 89 Zügen. Aber Hikaru war nahe daran, die Partie zu retten, und wieder war es dann schmerzhaft:

Händedruck ohne Blickkontakt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ohne Worte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nach drei Runden haben damit vier Spieler 2/3:


In der vierten Runde am Dienstag hat Hikaru Schwarz gegen Caruana, Anand-Carlsen ist ein weiterer Klassiker. Chess24 überträgt live ab 13:00 Ortszeit (20:00 MESZ)!

Siehe auch:


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