Berichte 20.08.2018 | 11:20von Colin McGourty

Sinquefield Cup, R2: Magnus ringt Karjakin nieder

Magnus Carlsen hat beim Sinquefield Cup zu den beiden Führenden Shakhriyar Mamedyarov und Levon Aronian aufgeschlossen. Der Weltmeister besiegte nach fast sieben Stunden und 88 Zügen Sergey Karjakin, nachdem er zuvor in einer scheinbar harmlosen Stellung Druck aufgebaut hatte. Sein letzter WM-Herausforderer hatte lange alles im Griff, ehe er in Zeitnot die Partie einstellte. Vor diesem Drama sah es nach einer friedlichen Runde aus, da die anderen vier Partien recht schnell remis endeten.

Die WM-Revanche geriet zu einem dramatischen Duell| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien des Sinquefield Cup könnt ihr hier nachspielen:

Hier der siebenstündige Live-Stream, der am Ende richtig dramatisch wurde:

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Die Ruhe vor dem Sturm

Nach langen und komplizierten Kampfpartien in Runde 1 sah es so aus, als würden es die Spieler bewusst oder unbewusst leichter haben wollen, denn vier Partien endeten ohne größere Aufregungen recht schnell remis.    

Wesley So sucht beim Sinquefield Cup seine Form | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Hikaru Nakamura war der überragende Mann beim St. Louis Rapid & Blitz, doch mit der praktisch gesicherten Qualifikation für das Finale der Grand Chess Tour lässt er es beim Sinquefield Cup bisher locker angehen. In Runde 1 endete seine Partie gegen Vishy Anand nach 29 Zügen, weil der Schiedsrichter dies ohne Zugwiederholung in einer totremisen Stellung zuließ.

In Runde 2 änderte sich nicht viel, nur dass das Remis gegen Wesley So nach 31 Zügen mit Zugwiederholung herbeigeführt wurde. Wie es aussah, wollte So nach seiner Erstrundenniederlage erst einmal auf Nummer sicher gehen, denn die Variante im 4.Dc2-Nimzo-Inder, die er wählte, gilt nicht als sonderlich ambitioniert. Jan Gustafsson hat die Stellung nach 9…La6 im dritten Teil seines Repertoires gegen 1.d4 näher untersucht:


Laut Gustafsson ist 10.Da4 der beste weiße Versuch, in Vorteil zu kommen, während 10.Dc2 “den Schwarzen vor keine sonderlich großen Probleme stellt". Das zeigte sich auch in der Partie, die nach einigen thematischen Zügen komplett verflachte.

Nichts hält MVL davon ab, Najdorf zu spielen| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Die anderen Partien verliefen zumindest etwas lebhafter. Vishy Anand und sein Sekundant Grzegorz Gajewski entschieden sich, Maxime Vachier-Lagrave in einer seiner Lieblingsvarianten im Najdorf herauszufordern und bis 15.Ld3 die Züge aus der Partie Giri-MVL vom Grand Prix 2017 in Palma de Mallorca zu wiederholen. Genau eine Woche vorher war die Stellung auch in St. Louis bei Caruana-MVL Thema, wo der Franzose erst besser stand, Caruana aber später den Gewinn ausließ.

Vishy erklärte seine Entscheidung:

Er ist sehr verlässlich bzw. hartnäckig, was die Wahl dieser Variante betrifft. Dadurch hat man einen Ansatzpunkt, den wir ausnutzen wollten.

MVL wurde gefragt, ob er es persönliche nehme, dass niemand gegen ihn Najdorf vemeidet:

Sie nehmen es persönlich! Ich nicht. Ich wurde nun schon oft in dieser Variante auf die Probe gestellt, und das zu Recht, weil ich nie eine sichere Stellung bekommen habe… Ich verstehe, warum sie den Kampf suchen – man muss die gegnerischen Schwächen ausfindig machen!

MVL meinte, es sei “der überzeugendste Versuch, Ausgleich anzustreben” und fügte hinzu, “Natürlich wird es bald wieder jemand versuchen, aber…”

Die Partie endete leider etwas abrupt:


24.Lb4!? bereute Vishy eigenen Worten zufolge, da Schwarz sich nach 24…Lxb4 25.axb4 a5! befreien konnte und die Partie bald remis endete. Vishy schlug stattdessen 24.b4 vor mit der Hoffnung auf langfristigen Vorteil, doch MVL konterte, dass darauf 24…Tc8 25.Th3 Dc7 mit folgendem Dc7-c4 und Ld8-b6 stark aussehe.

Levon trickste Fabiano Caruana in der Eröffnung aus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Da es schwer ist, den anderen zu überraschen, versuchte es Fabiano Caruana gegen Levon Aronian mit dem gleichen Trick wie sein Gegner tags zuvor – seinen Kontrahenten bereits im 1.Zug zum Nachdenken zu bringen! 1.d4 hatte Fabiano bisher kaum gegen Levon gespielt. Sein Kommentar:

Ich denke, er war ein wenig überrascht und hat sich am Brett für Slawisch entschieden, daher entschied ich mich ebenfalls für eine Überraschung. 

Caruana folgte einer Variane, die er gegen MVL beim Weltcup 2013 gespielt hatte, variierte aber mit 5.g3 statt 5.Lg5. Das funktionierte aber nur bedingt für den WM-Herausforderer, da er im 10.Zug eine unliebsame Überraschung erlebte:


Fabiano erwartete 10…Ld5, doch stattdessen folgte das hübsche 10…c4!. Der Bauer kann nicht geschlagen werden, da nach axb5 der Turm auf a1 verloren geht, und beide Spieler waren sich in der Folge einig, dass Schwarz sogar besser steht. Letzlich endete die Partie aber ohne größere Aufregungen friedlich. Caruana war nicht gerade begeistert, was er in den beiden ersten Partien aus dem Anzugsvorteil gemacht hatte: “Gestern habe ich eine Chance verpasst, und heute ist es gut, dass ich eine leicht schlechtere Stellung gehalten habe.“ 

Fabiano ist bisher halbwegs zufrieden mit seinem Auftritt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Tags zuvor hatte er gegen Alexander Grischuk gespielt, der nach seinem Remis gegen Shakhriyar Mamedyarov herumwitzelte: “Gestern habe ich gegen die Nummer 2 in der Welt gespielt, und heute wieder!” Auf Twitter meldeten sich darauf einige Stimmen, dass er in diesem Turnier noch einmal gegen die Nummer 2 spielen könne – wenn Magnus einige Partien verliert.

Grischuk erklärte seine Gedanken in der Partie gegen Fabiano Caruana... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Grischuk blickte noch einmal auf die gerettete Partie am Tag zuvor zurück und merkte an, dass der absurde Zug 39…g6!? (“Ich will wirklich nicht auf h5 nehmen!”) eher aus  psychologischen als aus schachlichen Gründen der beste Zug der Partie war:

"Grischuk spricht über seine gestrige Partie gegen Caruana und bezeichnet g6 als besten Zug der Partie. Er erklärt, dass er den Bauern nach g5 bekommen wollte, aber Caruana en passant geschlagen hätte, wenn er sofort g5 gespielt hätte."

In Runde 2 versuchte Grischuk sein Glück gegen eine Variante der Französischen Verteidigung, die er bisher für wenig überzeugend gehalten hatte:

Ich meinen Notizen habe ich die Variante, glaube ich, als Witz festgehalten – sie sieht so ungünstig für Schwarz aus! In Wirklichkeit ist es aber keineswegs einfach für Weiß.

Maurice Ashley vermutete, dass Grischuk es nach der harten Partie tags zuvor ruhiger angehen wollte, aber der antwortete, “Ganz im Gegenteil, ich war so schnell unterwegs, dass ich kaum vom Gas konnte!” Im 19.Zug war der Höhepunkt errreicht:


Der Computer empfiehlt 19…e5! 20.Sxe5 Le6 für Mamedyarov, der für das Bauernopfer tolles Figurenspiel bekommen hätte. Nach weniger als vier Minuten spielte Shak aber 19…Ld7, wonach Grischuk nichts Besseres als Zugwiederholung mit 20.Sf6+ Kf8 21.Sh7+ hatte.

Magnus wie in alten Tagen

Magnus auf dem Weg in den St. Louis Chess Club | Foto: Spectrum Studios, Grand Chess Tour 

Als Magnus Carlsen an die Spitze des Weltschachs stürmte und die höchste Elo aller Zeiten errang, gewann er seine Partien oft auf eine bestimmte Art – er rang seine Gegner aus scheinbar harmlosen Stellung heraus nieder. Diese Art von Siegen ist in den letzten Jahren selten geworden. Zum Teil liegt es daran, dass seine Gegner jünger geworden sind und sich an seinen Stil gewöhnt haben – schließlich sind auch sie mit dem Plan vertraut, nach der Eröffnung mit einer „spielbaren Stellung“ zufrieden zu sein – doch regt sich auch gelegentlich der Verdacht, Carlsen hätte nicht mehr den Siegesdrang und die nötige Präzision, um solche Siege regelmäßig einzufahren. Im letzten WM-Kampf gegen Sergey Karjakin gelang ihm das nur einmal, nachdem er zuvor ein direktes Remis durch einen taktischen Trick zugelassen hatte.

Angesichts des anstehenden WM-Kampfs wäre es natürlich gut, wenn Magnus wieder an alte Zeiten anknüpfen könnte, und seine Partie gegen Karjakin in Runde 2 des Sinquefield Cup erinnerte zumindest an diese. Er räumte ein, dass die Partie zunächst nicht vielversprechend verlief: “Nach dem Damentausch hatte ich eigentlich keine großen Hoffnungen mehr”. Vielmehr erhielten diese im 37.Zug Nahrung, als die meisten Zuschauer die Partie schon abgeschrieben hatten:


37.Tfxd5! Lxd5 38.Txd5

Ich dachte, dass ich ein bisschen besser stehe und vielleicht an einer günstigen Stelle die Qualität geben kann. Danach spielte er ungenau, denn die Voraussetzungen für das Opfer waren ideal, da ich einen Bauern sofort zurückbekomme oder den Durchbruch g5 verwirklichen kann. 

Magnus stand bei der Zeitkontrolle nach 40 Zügen definitiv besser. Hinterher meinte er:

Die Stellung sollte remis sein, aber natürlich ist sie ziemlich unangenehm. Er hat sich eine Zeit lang gut verteidigt, dann spielte er ein wenig ungenau und ich bekam Gewinnchancen, doch mein Zug Lb6 war ziemlich schwach. Ich dachte, ich hätte den Gewinn vergeben, doch es war schon absehbar, dass wir bald nur noch mit Verzögerung spielen würden, was mich etwas nervös gemacht hat. Ich dachte mir, dass es sehr schwer sein würde, nichts einzustellen, und genau das ist passiert!

"Wer ist müder? Der Schiedsrichter oder die Spieler?"

Beide Spieler verpassten ihre Chancen – Magnus hätte etwa mit 59.e5! durchbrechen können, während Sergey Karjakin den weißen Turm mit 66…Td1 hätte abtauschen können. Einen Zug später stieg die Spannung ins Unermessliche, da Karjakin eine schwerwiegende Entscheidung traf:


Nachdem er drei seiner verbliebenen fünf Minuten investiert hatte, spielte Karjakin schließlich 67…g5+!, was seine Probleme objektiv lösen sollte, wobei Weiß immerhin einen Freibauern auf der e-Linie bekommt. Für das Remis hätte Schwarz einige taktische Züge finden müssen, die in Zeitnot natürlich keineswegs einfach zu entdecken waren. 

Hypnose? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ein Karjakin in Topform hätte sie vermutlich gefunden, doch in der Partie, in der er nur noch von den 10 Sekunden Verzögerung lebte, machte er einen fatalen Fehler: 


77…Kc6? war der Verlustzug, wie Carlsen mit erbarmungsloser Präzision demonstrierte: 78.Th6+! Kb5 79.Tb6+ Kc4


80.Txa6? würde den Gewinn wegen 80…Te1+ noch vergeben, doch an dieser Stelle hatte Carlsen den Zug 80.e6! und acht Züge später hatte dieser Bauer die Partie gewonnen.

Wer noch mehr über diese Partie erfahren möchte, sollte sich Niclas Huschenbeths Video anschauen:

Magnus blieb nach diesem Sieg auf dem Boden der Tatsachen:

Mit dem Sieg bin ich sehr zufrieden, und ich bin objektiv genug, um zu wissen, dass es schwer ist, perfekt zu spielen, wenn beide Spieler kaum noch Zeit haben. Mir ist klar, dass ich in der Partie Fehler gemacht habe, aber ich will mich nicht beschweren. Ich habe getan, was ich tun konnte, und manchmal reicht das und manchmal eben nicht.

Für Karjakin war es die zweite bittere Niederlage in Folge, worauf Svidler und Miroshnichenko darum baten, ihn nicht ins Studio einzuladen – nachdem er am Vortag bereits Rede und Antwort gestanden hatte.

Mit dem Sieg hat Magnus zu den beiden Führenden aufgeschlossen, während Karjakin das Tabellenende ziert:


Karjakin hat in der 3.Runde Weiß gegen Vishy Anand, während Carlsen mit Schwarz zum Spitzenduell gegen Levon Aronian antreten muss. Auch die Partie Mamedyarov-Caruana verspricht einen großartigen Schachabend.

Alle Partien könnt ihr wieder live auf chess24 verfolgen. Um 20 Uhr geht es los! 

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