Berichte 19.08.2018 | 15:21von Colin McGourty

Sinquefield Cup, R1: Aronian & Mamedyarov führen

Nach einem überzeugenden Sieg gegen Wesley So am ersten Tag des Sinquefield Cup 2018 in St. Louis ist Shakhriyar Mamedyarov wieder Nummer 2 der (Live-)Weltrangliste. Levon Aronian erreichte ein bescheideneres Ziel und ist wieder in der top10. Er gab zu, dass sein bisher schlechtes Jahr der Grund für die Entscheidung war, "etwas Neues zu versuchen" und 1.e4! zu spielen. Es funktionierte wunderbar, er konnte Sergey Karjakins Berliner Mauer langsam einreissen. Es gab beinahe einen dritten Sieger, aber in mehr als sechs Stunden konnte Fabiano Caruana die Verteidigung von Alexander Grischuk nicht überwinden. Die beiden verbleibenden Partien endeten ebenfalls Remis.

Die Jungens aus dem Kaukasus, Levon Aronian und Shakhriyar Mamedyarov, mit perfektem Start ins Turnier | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Du kannst alle Partien des Sinquefield Cups im Viewer unten nachspielen (und die Paarungen betrachten):

Und Du kannst Dir 6,5 Stunden Livekommentar nochmals anhören:

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MVL-Carlsen 1/2: Keine Wiederholung des Vorjahres

Vor der Runde konzentrierte sich die Aufmerksamkeit vor allem auf MVL-Carlsen. Ein Grund war, dass Maxime durch einen dramatischen Sieg gegen Magnus Carlsen letztendlich den Sinquefield Cup 2018 gewonnen hatte.

Magnus und MVL koordinieren ihre Truppen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Auch dieses Jahr schien es eine spektakuläre Partie, nachdem Magnus in einem 2…Nc6 Sizilianer dann 4…g6!? spielte. Offenbar ist der experimentierfreudige Peruaner Julio-Granda der elostärkste Spieler, der diesen riskanten Zug zuvor versuchte. Maxime war bereits auf sich alleine gestellt, aber spielte recht schnell 5.h4:

‌Im Zweifelsfall h4!

Wieder einmal zeigte sich, wie unerschöpflich Schach ist: zwei der weltbesten Spieler hatten nach fünf Zügen eine fast neue Stellung auf dem Brett. Ein scharfer Kampf schien sich anzubahnen, aber dieser optische Eindruck täuschte etwas. Maximes Kommentar zu diesem Zug: "Ich konnte langsamer spielen, aber auch so wurde es eine recht langsame Partie...". Magnus teilte diese Einschätzung:

Nein, ich denke 5.h4 war ein sehr positioneller Zug. Er wird die Stellung nach h6 geschlossen halten... für mich war h4 absolut kein aggressiver Zug.

Bald sah es für Weiß vielversprechend aus, selbst aus Sicht eines ehemaligen Carlsen-Sekundanten…

‌Wirklich schlechte Eröffnung für Magnus. Remis wäre mit diesen Feldern d5 und f5 ein Erfolg.

…aber überraschenderweise stand wenig später Schwarz besser. Beide Spieler bezeichneten die Stellung nach 16…axb5 als kritischen Moment der Partie:


Sie untersuchten 17.Ta6!? und danach Varianten wie 17…bxc4 18.Txc6 Lxd5 19.exd5 cxd3 20.Sf5! c4!. Es sieht nicht nach klarem Vorteil aus, dabei war klar, dass nach der “Konzession” (MVL) 17.Lb3!? nur Schwarz besser stehen konnte. Magnus:

So wie er spielte, wird er immer etwas schlechter stehen. Eine wirklich traurige Stellung für ihn, aber dabei ist es wohl recht remislich. Ich sehe nicht, wie ich Fortschritte machen kann.

Dann kam der hübsche optische Höhepunkt der Partie:


30…Txf3 31.Dxf3 Txf3 32.Kxf3, aber an diese Festung glaubte selbst Magnus - wenig später Stellungswiederholung und Remis. Beide Spieler waren sich einig, dass es selbst dann ausgeglichen bliebe, wenn Schwarz irgendwie die Qualität (Turm gegen Springer) gewinnen sollte.

Danach erwähnte Maurice Ashley die Kuriosität, dass alle fünf bisherigen Sieger des Sinquefield Cup in der ersten Runde gewonnen hatten. Aber Magnus war davon kaum beeindruckt:

Absolut keine Probleme mit Schwarz - das ist ein ermutigendes Zeichen. Ich bin zufrieden und bereit, den Fluch zu brechen, wenn es denn einen Fluch gibt. 

Das andere Kurzremis der Runde war Nakamura-Anand, Hikaru Nakamura spielte im abgelehnten Damengambit eine Neuerung im 14. Zug. Allzu giftig schien es nicht, Vishy Anand reagierte geschickt. Nachdem er mit 21…d4 seinen isolierten Damenbauern abtauschen konnte wusste er, dass er die Lage unter Kontrolle hatte. Am bemerkenswertesten an dieser Partie war, dass Vishy Anand erstmals den Beichtstuhl (confessional booth) aufsuchte!

Der Erste gegen den Letzten des Schnell- und Blitzturniers, aber ein solider Beginn für Vishy | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Mamedyarov-So 1-0: Shaks Aufstieg geht weiter

Shakhriyar Mamedyarov hat seit inzwischen über einem Jahr einen Lauf, und dieser ging weiter. Zuvor hatte er in Biel vor Magnus gewonnen, und war nur einige Züge gegen Hikaru Nakamura entfernt vom nächsten Turniersieg bei St. Louis Rapid and Blitz. In der ersten Runde des Sinquefield Cup traf er nun auf den Sieger 2016 Wesley So, aber es wirkte einfach:


Im Nachhinein war dies ein kritischer Moment. Mamedyarov hatte mit dem Bauernvorstoss h4-h5 (ein Thema des Tages!) die schwarze Struktur beschädigt, aber noch war nichts Schlimmes passiert. Hier (oder einen Zug zuvor) konnte Wesley ...Dxc5 spielen, aber stattdessen trennte er sich von seinem schwarzfeldrigen Läufer, um Damentausch zu forcieren: 14…Lxc3?! 15.Dxc3 Dxc3 16.Txc3 Sxc5. Gegen den früheren kompromisslosen Angriffsspieler Shak wäre das vielleicht eine gute Idee, aber die heutige Version ist auch im damenlosen Mittelspiel (Semi-Endspiel?) sehr stark: nach 17.Se5! hatte Schwarz Probleme. Wesley lamentierte:

Den Plan Se5 nebst f2-f4 hatte ich einfach total unterschätzt. 

Im Interview mit Maurice beschwerte er sich mehrfach darüber, wie "unangenehm" das Endspiel dann war. Wesleys Versuche, Verwicklungen zu erzeugen, führten nur dazu, dass Shak einige Tempi gewann bevor er seinen f-Bauern einsetzte:

‌Mamedyarov offenbar wieder in Topform!

Mamedyarov forcierte dann Vereinfachungen zu einem besseren Turmendspiel, für diese Entscheidung kann man ihn kaum kritisieren. Auf den ersten Blick dachte der Weltmeister, dass Weiß gewinnt:

‌Carlsen über Sos Stellung gegen Mamedyarov: "Wahrscheinlich ist es einfach verloren"

Aber genau in diesem Moment konnte 36…Kh6! statt 36…a5? offenbar Remis halten:

In der Partie konnte Mamedyarov seinen Vorteil sicher verwerten, auch wenn 44.Td7! statt 44.Th8+ vielleicht eine halbe Stunde eingespart hätte.

Eine trostlose Stellung für Wesley So | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nach diesem Sieg hat Shak seine bisher höchste Live-Elo 2821.7, der siebtbeste Wert aller Zeiten. Er ist nun auch Nummer 2 knapp vor Caruana - aber wie Du siehst, kann sich das jede Runde ändern:

Positionswechsel an der Spitze der Live-Eloliste | Quelle: 2700chess

Für Wesley war es ein weiterer harter Schlag nach einer schweren Woche. Er versuchte, die Fassung zu behalten:

‌Was nun nach einer schweren Woche für Wesley So? "Ich habe wirklich kaum Optionen. Das ist mein Beruf, meine Karriere, also muss ich weiter kämpfen..."

Aronian-Karjakin 1-0: Sieg gegen die Berliner Mauer

Nach St. Louis Rapid and Blitz fragten wir uns, ob Levon Aronian nur im Schnell- und Blitzschach 1.e4 spielt, und mit klassischer Bedenkzeit wieder sein bevorzugtes 1.d4 oder 1.c4. Die Antwort lautet offenbar "nein", und das ist eine gute Nachricht für Schachfans!

Aronian darüber, warum er zu 1.e4 wechselte: "Der Grund ist wohl, dass mein Jahr bisher recht furchtbar ist, also kann es kaum schlimmer werden! Dann kann ich auch etwas Neues versuchen, um mich selbst zu pushen zu mehr Begeisterung für das Spiel.

Am Samstag schien es dann allerdings nicht besonders aufregend, da Sergey Karjakin das Berliner Endspiel wählte - genau der Grund, warum sich viele Spitzenspieler von Bobby Fischers “Best by Test” Zug verabschiedeten. Nach MVLs Siegen gegen die Berliner Mauer letzte Woche im Schnell- und Blitzschach wurde er von Peter Svidler mit der Frage konfrontiert, wieviel Spass Versuche machen, diese Eröffnung zu widerlegen. Die Antwort der französischen Nummer 1:

Mir macht es nicht so viel Spass, aber aus Erfahrung weiss ich, dass es meinen Gegnern noch weniger Spass macht!

Levon erklärte, dass er diese Eröffnung oft mit Schwarz spielte und von Erfahrungen auf der weissen Seite profitieren kann. Dieses Projekt ist im Gange:

Ich habe immer noch nicht geschafft, diese Stellung aus weisser Sicht zu verstehen. Aber heute bot wohl leichte Hoffnungsschimmer!

Kibitze beim Berliner Endspiel | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Diese lange Einleitung soll die übliche Berliner Frage vermeiden, ab wann genau es für Schwarz bergab ging. Aus der Eröffnung heraus schien es, dass Schwarz sich verteidigen kann. Keiner der beiden Spieler (Karjakin erschien beim russischen Livekommentar) konnte einen klaren Wendepunkt nennen. Sergey gab dabei zu, dass er die Gefahren unterschätzt hatte. Auf jeden Fall sah es nach der Zeitkontrolle für Schwarz düster aus: 


41.f4! Th8 42.Sf3 gxf4 43.Txf4 Sf8 44.Txh4 Txh4 45.Sxh4 - Schwarz steht passiv und kämpft gegen eine 3-1 Bauernmehrheit am Königsflügel. Weiß schien auf dem Weg zu einem leichten Sieg, bis der "Verteidigungsminister" 52…g5! spielte:


Levon haderte mit sich selbst:

Ich dachte, dass die Stellung schlichtweg total einfach gewonnen ist, jeder Zug reicht, und dann nach g5 dachte ich, Mann, was habe ich getan!? Ich dachte ständig über mich selbst, ein Patzer wie ich gehört... muss geschützt werden. Nicht viele Spieler können diese Partie misshandeln!

Es gab etwas Hoffnung für Sergey Karjakin, aber am Ende war alle Mühe vergeblich | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Er grübelte nun 40 Minuten (60 Minuten Zugabe nach 40 Zügen war hilfreich). Leider (aus Sergeys Sicht) fand er dann einen offenbar klaren Gewinnweg, ab 53.Lxc5 Ke6 54.Ld4 Lg2 55.h4! band Aronian Schwarz an den Königsflügel und verschaffte sich einen weiteren Freibauern auf der a-Linie. Siegbringend war dann, dass der weisse König diesen unterstützte. Ein hübscher Sieg, der Levon enorm motivierte: 

Aronian: Nach einem wirklich schrecklichen Turnier [St. Louis Rapid & Blitz] ist es wohl wichtig, Selbstvertrauen zurück zu gewinnen.

Ashley: Hast Du das geschafft?

Aronian: Ja ich bin bereit. [Yes, I’m ready.]

Sein einziges Problem: um diese wunderschöne Statistik nicht zu verderben, sollte er dieses Jahr wohl am Ende Platz 6 belegen!

Die kuriose Statistik des Tages :)

Caruana-Grischuk 1/2: Schach ist schwer

Caruana - Grischuk war die längste Partie des Tages, wobei die Spieler ihre Bedenkzeit komplett nutzten | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Die längste Partie des Tages dauerte über sechs Stunden und war dabei womöglich noch komplizierter und schwerer zu verstehen. In einem Italiener entstanden früh Komplikationen, als Alexander Grischuk Fabiano Caruana mit 11…Sf6 verdutzte. Der für den WM-Herausforderer verlockende Zug war sicher 12.Sg5, auch im russischen Livekommentar erwähnt:

‌Svidler vermutet, dass Caruana zuerst dachte "12.Sg5!? gewinnt", und nun untersucht, warum das nicht der Fall ist

So spielten die starken Großmeister Sergei Movsesian und Konstantin Landa und gewannen ihre Partien nach jeweils 12…Sxd5 13.Sxh7! und nun 13…Sb6? (Max Illingworth) bzw. 13…Sf4? (Vadim Milov). Es gibt allerdings einen viel besseren Zug, bereits 2009 zeigte David Howell die brilliante Lösung 13…Tf4!! (die Möglichkeit ...Th4 rettet Schwarz):


Ob Levon diese Partie kannte oder es – als trickreicher Spieler – selbst fand, jedenfalls erwähnte er diesen Zug (in einer Partie seiner Kollegen!) im Beichtstuhl:

Ich dachte, dass Yasser das mögliche weisse Opfer begeistert. Nur für ihn: es funktioniert nicht wirklich!

In seiner Liveshow auf Spanisch sagte unser Kommentator David Martinez, dass er die Stellung nach 12.Sg5 seinen Schülern (u.a. die spanische Nummer 2 David Anton) zu Trainingszwecken zeigt.

Fabi spielte dann 12.a5 und bereute, dass er danach auf das starke 16.b3!, 17.c4, 18.b4 verzichtete. Stattdessen übernahm Grischuk das Kommando, bis er in Zeitnot eine zwar auf den ersten Blick logische, dabei jedoch zumindest gefährliche Entscheidung traf:


30…Lxb6?! 31.axb6 ruiniert scheinbar die weisse Struktur, selbst Caruana meinte "kaum vorstellbar, dass Weiß besser steht". Es stellte sich jedoch heraus, dass der Bauer auf b6 keine Schwäche ist, zumal nachdem ein weisser Turm auf c7 erschien. Schwarz hatte bald eine wirklich schreckliche Stellung:


Es war dabei auch für Weiß nicht einfach, und in diesem Moment hatte Fabi den Eindruck, dass er all seine Gewinnchancen vergab. Er kommentierte "etwas subtiles sollte hier gewinnen" und schlug 45.Ld4 vor. In der Partie verschwanden nach 45.f4?! gxf4 46.Lxf4 Ke8 47.Lxh6 Lg4 die Bauern am Königsflügel, was die schwarze Aufgabe wesentlich erleichterte. Wenn einer der beiden Spieler am Ende noch Gewinnversuche unternehmen konnte, dann war es gar Grischuk.

(Bisher) kein Grund zu 'Hall of Shame' für Grischuk | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Damit führen nach der ersten Runde des Sinquefield Cup Mamedyarov und Aronian, während So und Karjakin den letzten Platz teilen. Die zweite Runde - Schwarz gegen Carlsen - wird für Karjakin keinesfalls leichter, wobei Du auch die anderen Partien nicht verpassen solltest:

Chess24 überträgt live ab 13:00 Ortszeit (20:00 MESZ)!

Siehe auch:


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