Berichte 09.08.2017 | 07:40von Colin McGourty

Sinquefield Cup 5: Magnus Carlsen und Vishy Anand zeigen wieder ihr weltmeisterliches Schach

‌‌Magnus Carlsen hätte seine Spitzenposition in der Weltrangliste mit einer Niederlage gegen Wesley So verlieren können. Dazu hätte der Verfolger Fabiano Caruana ebenfalls Vishy Anand am Sonntag in St. Louis schlagen müssen. Doch es sollte anders kommen, denn der vorherige und der amtierende Weltmeister schlugen ihre Gegner beide in 29 Zügen. Magnus wurde zwar in der Eröffnung überrascht, jedoch konnte er mit dem Gewinn eines Bauern in der Partie nach vorne schauen. Vishy gelang darüberhinaus ein wahrhaft brillianter Sieg. Die übrigen Begegnungen endeten nach interessantem Verlauf remis. Mitunter konnte Sergey Karjakin eine trostlose Stellung in der ihm eigenen Manier gegen Ian Nepomniachtchi verteidigen.

Magnus Carlsen in St. Louis. Er baut seinen Vorsprung als 1. in der Weltrangliste auf 20 Punkte aus.| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vor dem einzigen Ruhetag des Sinquefield Cups 2017 bekamen wir wieder einmal großartiges Schach zu sehen. In der angefügten Paarungsliste kannst du eine Partie auswählen, um sie nachzuspielen oder den Mauszeiger auf den Namen eines Spielers ziehen, um seine Resultate im Turnier einsehen zu können.

Schaue dir den gesamten Stream einschließlich der Interviews mit allen Spielern an:

                                        Anand 1-0 Caruana: Glorreiches Damenopfer

Anand ist offensichtlich erfreut über seinen Sieg| photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Zusammenfassung der 5. Runde kann nur mit der klassischen Angriffspartie des 47-jährigen mehrfachen Weltmeisters Vishy Anand beginnen. Er unterband die Ambitionen Fabiano Caruanas den 1. Platz in der Weltrangliste zu ergattern mit gnadenloser Bestrafung aller Fehler, als dieser die Schwierigkeiten am Brett von Magnus sah. Zu der Partie meint Vishy, sie beinhalte „eine Hölle aus einer Vielzahl an Berechnungen“. Um das Geschehen auf dem Brett besser verstehen zu können, bietet sich die Analyse von Jan Gustafsson hervorragend an:

Der Moment der Wahrheit ereignete sich nach 25.Dc3+:


Die Verteidigung um den König hat sich aufgelöst, aber nach 25…De5! hat Weiß keine stärkere Fortsetzung als mit 26.Txe2 Dxc3 27.Te8 Dd4+ 28.Tf2 Dxb4 29.f8=D+ Dxf8 30.Tfxf8 Txd3 in ein Endspiel überzuleiten, das zwar objektiv einer Gewinnstellung entsprechen mag, jedoch dem Schwarzen noch ausgezeichnete Chancen zum remisieren lässt.

Eine langweiligere Zugfolge zu der Caruana seine Bedenken geäußert hat, der Turmtausch sei "erzwungen". Im Vergleich zum Partieverlauf hat er aber diese Möglichkeit ausgelassen. Mit 32...Ld7 ließe sich der Turmtausch auch noch abwenden.

Vishy stellt im Nachhinein fest:

Ich laufe in dieses blutleere Endspiel hinein... Und alles was ich bekomme, ist dieses lausige T-Shirt!


Anstelle dessen beging Caruana, der mal von Vishy als “Rechenphänomen” bezeichnet wurde, einen entscheidenden Fehler mit: 25…Te5? Er hatte zwar die starke Option 26.h3 in Betracht gezogen (zu der Vishy anmerkte, sie sei ausreichend um von dem Turmzug abzusehen), aber den verrückten zerstörerischen Zug 26.Dd4!! völlig übersehen.

Wird die Dame geschlagen folgt ein Matt in 2 Zügen. Die endgültige Stärke dieser fantastischen Kombination zeigt sich jedoch nach den Zügen: 26…Dg5 27.Tc5!

Schlussendlich nahm Caruana die Dame mit 27...Txd4, gab sich aber nach 28.f8=D+ Kg6 29.Df7+ geschlagen.

Ein Einblick in die angeregte Diskussion | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Anstelle der Empfehlung von Büchern für das Mittelspiel, pries Vishy Partiesammlungen an, da sich feststellen ließe: “Das Schachspiel ist um einiges reichhaltiger als wir wissen“. Am Sonntag hatten wir in St. Louis das Privileg mehr von dieser Tiefe erleben zu dürfen.

Während Magnus einen Widersacher um den 1. Platz in der Weltrangliste verlieren sah, überzeugte er gegen Wesley So.

                            So 0-1 Carlsen: “Ich kann so nicht leben!”

Wesley wurde im Verlauf dieses Jahres als der stärkste Spieler der Welt angepriesen. Er muss aber noch zeigen, dass er sich gegen Carlsen durchsetzen kann. In vorangegangenen Begegnungen konnte Wesley lediglich zwei Mal im Schnellschach gegen Magnus gewinnen, wohingegen Magnus 3 zu 0 im klassischen Schach führt.

Ein guter Anfang nimmt für Wesley So ein böses Ende | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

In der Auseinandersetzung sah es zunächst gut aus für Wesley,  dessen Eröffnungswahl, die Schottische Partie (vielleicht durch die neue Video-Serie von Sopiko Guramishvili inspiriert!), den Weltmeister aus der Vorbereitung brachte (Möglicherweise hat dieser nur das Video von Sopiko gesehen, in der sie die Nebenvarianten mit  4…Lb4+ erklärt). Magnus lachte im Nachhinein und erklärte:

Ich bin nicht besonders stolz auf die erste Partiephase. Er hat mich mit Schottisch überrascht und ich dachte, "Ok, lass uns einfach mal etwas spielen und schauen wie es läuft"! Meine Stellung wahr vermutlich nicht besonders gut und ich übersah Le3 gefolgt von La4. Es ist vielleicht nicht so schlecht wie es scheint, zumindest aber ist es schwer für Weiß, etwas handfestes herauszuarbeiten. Weiß kann auf viele Arten einen Bauern gewinnen, ich erhalte aber immer ein wenig Gegenspiel.

Der Partieverlauf änderte sich nachdem Wesley 19.Lb4?! spielte und so den Bauern auf b2 opferte:


In der vorangegangenen Runde erlaubte sich Wesley einen Spaß mit seiner Ausführung: „Du opferst keinen Bauern ohne Gegenwert, es sei denn du heißt Nepomniachtchi!“ Folglich hatte Magnus Zweifel in Anbetracht der Spielweise seines Gegners:

Ich war von seinem schnellen Lf4 schockiert. Ich saß dann eine Weile da und fragte mich, was ich übersehen hatte. Ich enschied dann, dass ich damit nicht leben kann und auf b2 nehmen muss, um auf das Beste zu hoffen! vermutlich gab es nichts in der Stellung und danach leistete er nicht viel Widerstand.

Der ausschlaggebende Zug, der für Schwarz alles funktionieren lässt, kam nach 23.Dxd6:


23…De2! nutzt zum einen die Bedrohung des Springers auf f3, um der Fesselung zu entgehen und lässt Weiß zum anderen feststellen, dass etwas verkehrt gelaufen sein muss, wenn die Dame auf der zweiten Reihe eindringen kann. Dennoch ist es erstaunlich wie schnell die Partie endet. Erst fällt der Bauer auf a2 und dann, so scheint es, blufft Wesley, indem er eine weitere Figur in den „Angriff“ schmeißt, und so den Bauern auf c3 ebenfalls seinem Schicksal überlässt:

Auch Magnus bezeichnete die Spielweise als Bluff und der ansonsten so robuste Verteidiger Wesley So entschied sich zur Aufgabe.

So schnell hat Wesley So das letzte Mal vor einem Jahr in Bilbao gegen denselben Gegner verloren| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus fand die Aufgabe auch verfrüht, doch meinte er als großer Favorit mit Humor:

Die Aufgabe kam natürlich früh, aber er setzt mich auch nicht gerade Matt.

Magnus gestikuliert erfreut im Interview| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Im Anschluss sprach Magnus über die Niederlage gegen MVL am Vortag. Er gestand ein den „extrem guten“ Zug 46.Td2! gesehen zu haben, entschied sich aber für 46.Tg2? mit der Begründung er wäre „besser und hat mehr Stil“. Nach dem überzeugenden 48…Le2! von MVL änderte Magnus seine Meinung:

Als er Le2 zog dachte ich zuerst "Ok, das ist schlecht, aber es gibt keinen Grund zur Panik". Als ich aber weiter darüber nachdachte kam es wie ein Schock, dass ich kein Remis mehr habe. Das war vielleicht eher tragikomisch als alles andere.

Abgesehen von der einen falschen Kalkulation dachte Magnus nicht er hätte schlecht gespielt. Warum sollte er auch? Nakamura äußerte sich dazu nach seiner eigenen Partie: „Magnus war der einzige, bei dem ich das Gefühl hatte, er spiele gutes Schach“. Jetzt zeigt sich auch wieder die Qualität der Züge anhand der Lücke an der Spitze der Weltrangliste.

Die Lücke zwischen Platz 1 und 2 entspricht fast der Differenz zwischen Platz 2 und 10 | source: 2700chess

Nakamura wird als nächstes gegen Magnus spielen, aber nicht am Folgetag.

Magnus zeigte sich am freien Tag lässig.

Drei komplizierte Remisen

Yasser Seirawan teilte eine passende Anekdote zu den Remisen, in der es um eine Missachtung der im Schach unausgesprochenen Regeln im Mannschaftswettbewerb von ihm selber gegen den großen Michail Tal geht.

Die Paarung Karjakin-Nepomniachtchi schien nicht für ein Remis bestimmt gewesen zu sein. Erst zog Nepomniachtchi auf 1.e4 das selten gespielte 1…d6, und dann verwirrte Karjakin die Zuschauer mit 7.Le2, nachdem dieser bereits nach d3 entwickelt wurde:


Danach passierten nur noch verrückte Dinge. Der Zug war dem Nachziehenden völlig unbekannt und dennoch überlegte dieser keine drei Minuten für seinen nächsten Zug, ‌7...Lg4, der Karjakin zu einem 12-minütigen Nachdenken brachte, bevor er den Zug ‌8.Le3 ausführte.

Nepo verbraucht wieder kaum Bedenkzeit. Karjakin kann sich aber retten.| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fabiano Caruanas Sekundant Rustam Kasimdzhanov gab zu bedenken, Karjakin könnte in der Eröffnung derart überrascht worden sein, dass er scharfes Spiel vermeiden wollte und einen Zufallszug wählte, um Nepomniachtchi aus der Vorbereitung zu bringen.

Karjakin verteidigt seinen Zug wie folgt:

Der Zug ist eigentlich nicht so dumm. Ich habe aber dumm gespielt, und dann wirkt er dumm.

Er meinte weiter:

Mein Freund, der ein größer Eröffungskenner ist, empfahl diesen Zug. Er ist seriös, aber ich konnte mich nicht an den Plan des Zugs erinnern.

Wie du dir vorstellen kannst, bezeichnet dies gerade das Problem! Karjakin nahm an, der Zug nähme …e5 aus der Stellung. Er selbst hätte dann nach 7…Lg4 selbst 8.e5 spielen sollen. Stattdessen nahm die Initiative von Nepomniachtchi zu und sein Turm kontrollierte die d-Linie und den Königsflügel. So blieb Karjakin nur noch der Damenflügel, was aber nach 28…Kf6 nicht hätte reichen sollen. Nach 28…Kg8 folgte jedoch das ernsthaft erschreckende 29.b5!


Schwarz blieb nicht viel anderes übrig als 29…cxb5 auszuführen, was 30.Dxc7 Txc7 erlaubt. Beide Seiten mussten ihre Züge blitzen, sodass Karjakin erneut beweisen konnte, einer der besten Verteidiger der Welt zu sein, indem er das Endspiel hielt.

Peter Svidler: "Mir war nicht klar wie kompliziert es sein wird" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Zwar war dies eine verpasste Chance, aber Nepomniachtchi findet nach dem schlechten Start in den Sinquefield Cup 2017 wieder zurück. Sein nächster Gegner, Peter Svidler, teilte seine Frustration über das Auftreten von „the real slim shady“ mit:

Ich mag die Art und Weise, wie ich in den ersten beiden Runden gespielt habe. Als mein Gegner!

Peter Svidler selber wurde komplett von Hikaru Nakamura überrascht. Das erste Mal in seiner Karriere entschied sich Nakamura für 10…Sxe5 und nicht 10…dxe5 und spielte im Folgenden die Neuerung 11…Sed7. An diesem Tag wurde die Figurenentwicklung zweitrangig. Auf den ersten Blick, so scheint es, hat Peter etwas übersehen, als sich 23.Dd3 auf dem Brett ereignete:


Die Bauern auf a6 und h7 sind angegriffen, aber Nakamura merkte an: „Für gewöhnlich gibt Peter gerne Material für aktives Spiel“. Hier befindet der Nakamura allerdings, Peter versuche „etwas zu aktiv“ auf dem Schachfeld sein zu wollen. Dahingegen meinte Peter, „es fühlt sich an als sei ich komplett überspielt worden“, zusammenfassend gab es aber keinen Gewinnweg, den Nakamura ausgelassen hat.

Auch die letzte Begegnung ‌MVL - Aronian war alles andere als klar.

Levon Aronian wiederholte die Züge im Abspiel der Italienischen Partie aus seiner Partie gegen Karjakin in Runde 3. Maxime Vachier-Lagrave wich ab und so wurde auch diese Begegnung zu einer spannenden Auseinandersetzung.


Perplex von der Stellung kommentierte Maxime:

In der Partie war ich in Gefahr und daher sehr froh, den Zug 19. Ta3 gefunden zu haben. Keiner von uns konnte irgendetwas ziehen. Es war im Prinzip gegenseitiger Zugzwang.

Levon zeigt sich ebenso verwirrt und deutet die Situation als „gegenseitigen Zugzwang“. Er war nicht glücklich mit seiner Entscheidung 19…f5 auszuführen. Nach viel verbrauchter Bedenkzeit auf beiden Seiten wird die Partie heiß.

Es schien als könne Maxime seinen Springer mit ‌21.d4 sichern, jedoch wird...


21…Sxd4! 22.cxd4 Lxd4 23.Txb3 Txe5 24.Dc4 Txe1 25.Lxe1 zum Anfang einer Reihe komplizierter Figurentausche, die eventuell Weiß mit zwei Leichtfiguren gegenüber einem Turm verbleiben lassen.

Manchmal gewinnt Weiß derartige Stellungen, doch hielt Aronian die die Stellung ohne Probleme. Seine Spielweise hat ihn nicht begeistert, aber seine Stimmung hob sich nach dieser konfusen Partie mit der scherzhaften Bemerkung:

MVL reagierte bodenständig:

Das Unentschieden belässt Maxime in der alleinigen Führungsposition, aber die Sieger der 5. Runde, Magnus Carlsen und Vishy Anand, liegen lediglich mit einem halben Punkt Abstand zurück:


Nach dem ersehnten Ruhetag besteht kein Zweifel am Ehrgeiz von Magnus, der sicher versuchen wird, Nakamura mit den weißen Steinen zu besiegen und die Verfolgung des Erstplatzierten aufzunehmen.

‌Nicht verpassen! Du kannst hier auf chess24 um 20:00Uhr MEZ den weiteren Turnierverlauf verfolgen. Hierzu kannst du auch die kostenlosen Apps nutzen:

         

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