Allgemein 02.08.2017 | 14:12von Colin McGourty

Sieben Fragen vor dem Sinquefield Cup 2017

Magnus Carlsen muss in der ersten Runde des Sinquefield Cup 2017, der heute in St. Louis beginnt, mit den schwarzen Steinen gegen Fabiano Caruana antreten. chess24 überträgt das Spektakel mit englischem und spanischem Live-Kommentar. Die wichtigste Frage lautet natürlich, ob der Weltmeister nach mehr als einem Jahr endlich wieder ein Turnier mit klassischer Bedenkzeit gewinnen kann. In unserer Vorschau auf das dritte Turnier der Grand Chess Tour 2017, bei der zehn der weltbesten Spieler um $300.000 kämpfen, stellen wir diese und sechs weitere Fragen. 

Magnus Carlsen, Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave bei ihrer Signierstunde vor dem Sinquefield Cup | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Eröffnungsfeier und Auslosung des Sinquefield Cup fand am Dienstagabend in der World Chess Hall of Fame von Saint Louis statt. Im Rahmen dessen wurde auch eine auf Schach bezogene Modeschau veranstaltet, bei der es $10.000 zu gewinnen gab.

Rex Sinquefield verteilt schon die ersten Preisgelder! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Richtig los geht es aber am heutigen Mittwoch. Beginnen wir mit den praktischen Fragen:   

1. Was müsst ihr wissen?

Der Sinquefield Cup ist ein vollrundiges Turnier mit zehn Spielern und klassischer Bedenkzeit: 100 Minuten für 40 Züge plus 60 Minuten für den Rest der Partie mit 30 Sekunden Zeitgutschrift pro Zug. Das Turnier findet von 2. bis 11. August im Chess Club and Scholastic Center von Saint Louis statt, die Partien beginnen um 13 Ortszeit, sprich 20 Uhr MESZ. Den englischen Live-Kommentar übernehmen bekannte Namen wie Yasser Seirawan, Jennifer Shahade, Cristian Chirila, Maurice Ashley, Varuzhan Akobian und Eric Hansen. Ivette Garcia und Alejandro Ramirez kommentieren auf Spanisch, und Jan Gustafsson wird die beiden letzten Runden auf Deutsch kommentieren.

Carlsen und seine Rivalen bei der Auslosung | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der Preisgeldfonds beträgt $300.000, davon gehen $75.000 an den Sieger. Außerdem können die regulären Tourteilnehmer (Peter Svidler hat den Freiplatz bekommen) bis zu 13 Grand-Chess-Tour-Punkte gewinnen. Dieses ist das dritte Turnier der Serie, die beiden ersten waren die Schnell- und Blitzturniere in Paris und Leuven, und danach folgen noch das Schnell- und Blitzturnier in St. Louis und die London Chess Classic. Der Sieger der Turnierserie erhält $100.000, der Zweite $50.000.

Die Paarungen sind bereits ausgelost, und ihr könnt sie euch mit Klick auf die Runde anschauen: 

2. Kann Magnus nach einem Jahr wieder ein Turnier mit normaler Bedenkzeit gewinnen?

Man kann es kaum glauben, aber es ist über ein Jahr her, dass Magnus Carlsen sein letztes Turnier mit normaler Bedenkzeit gewonnen hat – die Bilbao Masters, die am 23.Juli 2016 beendet wurden. Seitdem hat er seinen WM-Titel verteidigt und in den schnellen Disziplinen seine Überlegenheit demonstriert: erst wurde er geteilter Erster bei der Schnellschach- bzw. Blitz-WM, dann gewann er das Blitzturnier beim Altibox Norway Chess und dominierte in Paris und Leuven bei der Grand Chess Tour. Im Normalschach holten aber andere Spieler den Turniersieg beim Tata Steel Masters, beim GRENKE Chess Classic und beim Altibox Norway Chess. Das waren wir so nicht gewohnt!

Die Brille ist immer dabei! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das sieht nach göttlichem Beistand aus! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Natürlich ist es verführerisch, diese für einen Weltmeister schwachen Ergebnisse als kleine statistische Laune zu bezeichnen, doch Magnus selbst machte sich beim Norway Chess schon seine Gedanken:

Ich weiß, dass ich gut spielen kann, aber ich bin nicht sehr von meiner Fähigkeit überzeugt, Partien gewinnen zu können.

Schachlegende Garry Kasparov bezeichnete den Sinquefield Cup bei seinem Besuch in St. Louis, wo er das Match of the Millennials verfolgte, als "wichtigen Test":

Seine phänomenalen Auftritte in Paris und vor allem Leuven haben ihm sicher Auftrieb gegeben, doch dabei handelte es sich um Schnellschach und Blitz. Wir erlebten mit, wie er die besten Spieler vor allem im Blitz dominierte, doch jetzt muss er zeigen, dass er auch im Normalschach die Nase vorn hat. Bisher war es im Normalschach kein gutes Jahr für Magnus Carlsen, und St. Louis wird aus meiner Sicht ein wichtiger Test. Ist er wirklich noch der beste Spieler im klassischen Schach?

Wie ist es möglich, dass er in den schnellen Disziplinen so dominant ist und im Normalschach eine derartige Krise hat?

Die anderen Spitzenspieler investieren viel Zeit, um an ihrem Schach zu arbeiten, und im Normalschach ist es sehr schwer, in Vorteil zu kommen und diesen in der gesamten Partie zu behalten, zumal die anderen Spieler wissen, wie man Stellungen hält. Je kürzer die Bedenkzeit ist, desto größer ist Magnus‘ Vorteil, denn weniger Zeit führt automatisch zu geringerer Qualität der Züge, doch bei ihm ist die Einbuße am geringsten. Die Qualität seiner Züge beim Blitz kommt der in Normalpartien sehr nah, das ist enorm. Mit wenig Zeit auf der Uhr machen die anderen Spieler Fehler, und damit meine ich keine Einsteller, sondern positionelle Fehler oder Ungenauigkeiten, während Magnus in diesen Disziplinen extrem stark ist.

Der 21-jährige russische GM Daniil Dubov ging nach seinem Sieg bei der Qualifikation für die Russische Meisterschaft in einem Interview mit Dmitry Kryakvin sogar noch weiter:

Was Magnus betrifft, habe ich eine interessante Idee. Ich habe schon mit vielen darüber gesprochen, und nicht alle sind meiner Meinung. Bisher hat Carlsen immer relativ locker gewonnen, doch jetzt war er bei einigen Turnieren ziemlich erfolglos und gewann nur noch eins von dreien. Aus meiner Sicht hängt das mit folgendem Problem zusammen. Gegen die alte Generation von Spielern – Anand und Gelfand - kam er gut zurecht und beherrschte sie eindeutig. Dann überholte er noch Kramnik, und irgendwann spielten in den Supergroßmeisterturnieren nur noch Spieler mit, die gegen ihn kein Land sahen und eine Bilanz von -7 hatten!  

Und was ist jetzt anders?

Nun sind die Teilnehmerfelder von Supergroßmeisterturnieren jünger. Gegen So etwa hat er +1, und gegen Giri 50%. Magnus hat eine klar positive Bilanz gegen Nakamura, aber seit Neuestem verliert der auch nicht mehr gegen ihn. Der einzige sichere „Kunde“ ist MVL, der einfach nicht mit ihm zurecht kommt. Aronian hat den Spieß umgedreht und zuletzt einige Male gewonnen. Carlsen spielt einfach nicht mehr so oft gegen Leute, die mentale Probleme gegen ihn haben. Mir scheint es so zu sein, dass er nichts Außergewöhnliches an sich hat, wenn man sich nicht vor ihm fürchtet. Ich habe einmal Schnellschach und einmal Blitz gegen ihn gespielt. Sagen wir so: ich habe mich schon unwohler gefühlt, aber er spielt eben immer weiter. Er hat nichts Außergewöhnliches.  

Die ging nicht gut aus für Dubov...

Mutige Worte, aber es bedarf trotzdem eines mutigen Mannes, der dafür sorgt, dass Magnus vor Beginn eines Turniers nicht mehr Favorit ist. Allerdings steht die Nummer 1 der Welt seit Langem zum ersten Mal in der Beweispflicht. 

Magnus' Eltern und sein Trainer Peter Heine Nielsen sind mit ihm in St. Louis | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

3. Kann jemand Carlsen schlagen?

Diese Frage hat zwei Bedeutungen. Was die Grand Chess Tour betrifft, wird es zumindest in St. Louis schwierig. 


Nach Magnus‘ gutem Abschneiden in Paris und Leuven können ihn vorläufig nur Maxime Vachier-Lagrave und Wesley So im Gesamtstand der Grand Chess Tour überholen. Dazu müsste MVL aber das Turnier gewinnen, und Magnus dürfte höchstens Sechster werden. Allerdings gibt es Spieler wie Nakamura, die ein Turnier weniger gespielt haben.

Die wirklich interessante Frage aber ist, ob jemand Magnus nach sechs Jahren Nummer 1 in der Weltrangliste überholen kann:

Die aktuellen Zahlen der Teilnehmer des Sinquefield Cup | Quelle: 2700chess 

Mit jemand sind vor allem Wesley So, Fabiano Caruana oder Levon Aronian gemeint, die wie Carlsen durchaus Siegesanwärter sind. Magnus hat den Nachteil, dass er fünfmal mit Schwarz antreten muss, während Caruana und Aronian fünfmal Weiß haben (davon dreimal in den ersten vier Runden). Der schärfste Verfolger Wesley So hat ebenfalls fünfmal Schwarz.

Kann Wesley So als Erster den Sieg beim Sinquefield Cup wiederholen? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Startet Magnus wie üblich verhalten - und Schwarz in Runde 1 gegen Caruana wird hart - kann es interessant werden. 

4. Wird sich die potentielle Qualifikation für das Kandidatenturnier auf die Spieler auswirken? 

MVL will in St. Louis unter die ersten Zwei | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vor dem Start des Sinquefield Cup machte MVL sehr klar, wo seine Prioritäten liegen:

Am wichtigsten ist für mich, dass ich immer noch alle Chancen habe, mich über den FIDE Grand Prix für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Einige meiner Kollegen wie Aronian oder Nakamura haben diese Möglichkeit nicht mehr. Mir ist aber klar, dass ein sehr gutes Abschneiden beim letzten Turnier in Palma de Mallorca (im November) nötig sein könnte, um das Ticket zu lösen. Meine anderen sportlichen Ziel in den nächsten Monaten sind eindeutig der Weltcup in Tiflis (im September) und die Grand Chess Tour.

So und Caruana spielen beim Sinquefield Cup vielleicht auf Sicherheit, da ihre besten Chancen, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, in der Durchschnitts-Elo liegen, wo sie aktuell knapp vor Vladimir Kramnik liegen. Aronian, Nakamura, Anand, Svidler und Nepomniachtchi haben die besten Chancen, sich über den Weltcup für das Kandidatenturnier und dort für ein Match gegen Magnus Carlsen zu  qualifizieren. Alle Spieler, die am Sinquefield Cup teilnehmen, sind auch in Tiflis dabei, und womöglich begreifen sie St. Louis als gute Möglichkeit, sich warm zu spielen und Eröffnungen vorzubereiten. 

Hikaru Nakamura will normal immer gewinnen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wir werden sehen, aber Maxime nimmt das Turnier definitiv nicht auf die leichte Schulter.

Da ich in Paris und Leuven beim Schnellschach so schlecht abgeschnitten habe, habe ich in St. Louis große Ziele: mit einem der ersten beiden Plätze hätte ich vor dem Finale in London gute Aussichten in der Grand Chess Tour.


5. Was machen Anand und Aronian?   

Zwei der älteren Teilnehmer gaben zuletzte interessante Interviews. Vishy Anand sprach mit Susan Ninan von ESPN und stellte in den Raum:

Ich frage mich, warum jeder will, dass ich aufhöre.

Vishy Anand plant kein baldiges Karriereende | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vishy zog aus Roger Federers Wimbledonsieg Inspiration:

Ich versuche von ihm zu lernen. Leute wie Federer zeigen mir, dass ich noch mithalten kann.

Vishy mischte sich auch in die Debatte um Magnus Carlsen ein:

Irgendwas beeinträchtigt ihn. Diese Dominanz kann man allerdings nur sehr schwer aufrechterhalten. Womöglich hat es weniger mit ihm als mit seinen Rivalen zu tun. So funktioniert das nun mal, man treibt sich gegenseitig an, und am Ende weiß man nicht, ob die anderen besser geworden sind, oder er schlechter.

Levon spielt gegen seine Verlobte Arianne Caoili

Levon Aronian hingegen wurde im New Yorker von Sean Williams mit dem Artikel A chess master with an unpredictable style and the hopes of a nation porträtiert. Der Journalist schreibt dort:

Mit dreizehn Jahren verdiente er schon so viel, dass er seine Familie unterstützen konnte. Sie brauchten das Geld, und Aronian trieb dies nur an, gegen seine gut ausgebildeten und besser gekleideten Gegner aggressiv und unkonventionell vorzugehen. „Ich musste Ihnen den Arsch versohlen“, meinte Aronian und fügte hinzu: "Sie schauen dir in die Augen und wissen, dass du ein Barbar bist.“ Nach einer Pause meinte er noch, „Den Barbaren in mir gibt es immer noch – ich lasse beim Essen nichts übrig.“   

Probleme mit seinem Selbstvertrauen hatte Aronian noch nie!

Ich weiß, dass ich es verdient habe, einmal Weltmeister zu werden.

Levon zeigt auf ein Bild mit einem armenischen Weltmeister | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

6. Wann waren die Russen zuletzt Außenseiter?

Das ist vor allem eine rhetorische Frage, aber es ist schon eigenartig, dass Sergey Karjakin, Peter Svidler und Ian Nepomniachtchi am Ende der Setzliste rangieren, während die drei Amerikaner So, Caruana und Nakamura in der vorderen Hälfte liegen. So hat sich die Schachwelt verändert, wenngleich man berücksichtigen muss, dass Vladimir Kramnik und Alexander Grischuk nicht dabei sind.

Karjakin und Nepomniachtchi in St. Louis | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wie werden sie abschneiden? Sergey Karjakin hat Erfahrung im Gewinnen solcher Turniere, denn er siegte schon zweimal beim Norway Chess, doch zuletzt passierte etwas anderes Wichtiges in seinem Leben:

Die Geburt seines zweiten Sohnes war sicher nicht die optimale Vorbereitung, aber wir werden sehen, wie Sergey abschneidet!

chess24 ist ebenfalls in St. Louis, mit Peter Svidler | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Peter Svidler hat die Chance, seinen zweiten Platz vom Vorjahr zu verbessern. In Dortmund ließ er während des Live-Kommentars die Bemerkung fallen: „Abgesehen von meinem Spiel war es ein in jeder Hinsicht tolles Turnier.“

Ian Nepomniachtchi derweil ist eine Wundertüte. Durch seinen riskanten Stil ist bei ihm schlicht alles möglich, und man kann nicht vorhersehen, wie er abschneiden wird

7. Wo ist Kasparov?

Das Blitz- und Schnellturnier findet vom 14.-18. August, also erst drei Tage nach dem Sinquefield Cup statt – ihr müsst euch also noch ein wenig gedulden. Den kompletten Spielplan findet ihr hier.

Mehr war von Garry bisher nicht zu sehen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

So viel dazu! Die Live-Übertragung beginnt jeden Tag ab 20:00 Uhr live auf chess24

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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