Berichte 19.12.2018 | 11:23von Colin McGourty

Sieben Erkenntnisse der Grand Chess Tour 2018

Hikaru Nakamura hat mit einem Sieg gegen Maxime Vachier-Lagrave in der letzten Blitzpartie der Grand Chess Tour 2018 die gesamte Turnierserie und damit auch die Siegprämie von $120.000 gewonnen. Der dritte Platz und die damit verbundene Qualifikation für die Grand Chess Tour 2019 gingen an Fabiano Caruana, der am Ende seines Aufenthalts in London doch noch etwas zu feiern hatte. Für Gesprächsstoff sorgte zudem, dass im Finale der Grand Chess Tour keine einzige Turnierpartie gewonnen wurde und Nakamura als späterer Gesamtsieger im Turnierschach -3 holte. Gawain Jones derweil zeigte, dass man auch bei längeren Bedenkzeiten Partien gewinnen kann und sicherte sich die Britische K.O.-Meisterschaft.

Hikaru Nakamura hat zum ersten Mal die Grand Chess Tour gewonnen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der London Chess Classic im Rahmen des Finales der Grand Chess Tour könnt ihr hier nachspielen:

Hier noch einmal die Bilder von der Live-Übertragung:

Und hier die Sequenz, während der Magnus Carlsen mit seinem Sekundantenteam das Finale verfolgte (Auszüge findet ihr hier):

Kommen wir nun aber zu den Erkenntnissen:

1. Hikaru Nakamura ist der verdiente Sieger

Nachdem Hikaru Nakamura in der letzten Blitzpartie Maxime Vachier-Lagraves Widerstand gebrochen hatte, hatte er einen der größten Erfolge seiner Karriere erzielt. Die schwarze Dame wurde erst über das ganze Brett gejagt und dann gefangen:

„Glückwunsch an Hikaru Nakamura, den Gewinner der London Chess Classic & und der Grand Chess Tour 2018. Der Schlüssel zum Erfolg ist offenbar, den Königsläufer sieben Mal zu ziehen! Schönes Finale.“

Damit krönte Nakamura eine brillante Schnellschach- und Blitzsaison, in der er in Paris und St. Louis Siege einfuhr und in Leuven mit einem Punkt Rückstand auf Platz 4 landete. Schon vor dem Finale hatte er die meisten Punkte geholt und nur eine Partie verloren – im Blitzen gegen Caruana:


Maxime Vachier-Lagrave hatte nach dem Halbfinale zwar Magnus Carlsen als Nummer 1 der Blitz-Weltrangliste abgelöst, gegen Nakamura jedoch “erreichte ich im  Blitzen nicht meine Normalform”.  MVL hatte am Ergebnis aber nichts auszusetzen, sondern lobte die Qualitäten seines Gegners in den schnellen Disziplinen. “Das ist seine Spezialdisziplin, in der er sein bestes Schach spielt”.

2. Keine gute Woche für das Turnierschach

Für das Turnierschach waren die letzten Wochen in London keine Werbung! Auf die zwölf Remis bei der WM folgten acht Remis beim Finale der Grand Chess Tour, wobei einige Partien konkrete Fragen hervorriefen: Nachdem Carlsen schon gegen Caruana in einer sehr gut spielbaren Stellung Remis angeboten hatte, um den Stichkampf zu erreichen, tat Levon Aronian ihm dies nach.

Die Spieler bereiteten sich ganz unterschiedlich auf die schnellen Disziplinen vor... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Grand Chess Tour hat sich aber längst vom Turnierschach abgewandt. 2018 blieb nur noch der Sinquefield Cup als “normale” Veranstaltung übrig und dort bekleckerten sich die vier Finalisten nicht gerade mit Ruhm. MVL remisierte alle neun Partien, was für die Qualifikation fürs Finale reichte. Auch Nakamura erzielte ein „ausreichendes“ Ergebnis, indem er drei Partien verlor, keine gewann und mit Sergey Karjakin auf dem geteilten letzten Platz landete. Seine Niederlage in der letzten Runde gegen Carlsen sorgte witzigerweise dafür, dass Aronian weniger Punkte erhielt und er statt des Armeniers als Führender nach London reiste!

Am Montag stand dann fest, dass ein Spieler die GCT gewonnen hatte, der keine einzige Turnierpartie gewinnen konnte. Nakamura ist Ende 2018 die Nummer 16 der Weltrangliste und stand in drei der vier Turnierpartien in London unter Druck. Am Ende spielte das aber alles keine Rolle – Zähigkeit und enorme Qualitäten in den schnellen Disziplinen sorgten im Kampf um den Titel für die Entscheidung.

Zum zweiten Mal in Folge landete Maxime Vachier-Lagrave auf Platz 2

3. Gawain Jones war ein Hoffnungsschimmer

Entgegen der eben beschriebenen Eindrücke ist es offenbar durchaus möglich, eine Turnierpartie zu gewinnen. Gawain Jones zeigte das gleich mehrfach, indem er in der Qualifikation Alan Merry und dann erst David Howell und Luke McShane im Finale bezwingen konnte. Durch die sechs Punkte für den Sieg in der Turnierpartie ging Jones mit großem Vorteil in die Partien mit kurzer Bedenkzeit und im Finale stellte er den Gesamtsieg praktisch schon in der ersten Schnellpartie sicher, die ihm mit dem nächsten Sieg einen Vorsprung von zehn Punkten einbrachte. Verdient sicherte er sich den ersten Platz und die Siegprämie von £15.000.

Luke McShane verlor drei Partien in Folge gegen Gawain Jones | Foto: Lennart Ootes, London Chess Classic

Im anderen Match endeten alle Partien remis, ehe Mickey Adams sich mit zwei Siegen in den beiden ersten Blitzpartien von David Howell absetzen konnte. Adams brauchte danach nur ein Remis, um den dritten Platz abzusichern, was ihm nach 115 Zügen auch gelang!

4. Fabiano Caruana verliert nicht jeden Stichkampf

Nach seiner Niederlage gegen Magnus Carlsen im WM-Kampf und gegen Hikaru Nakamura im Halbfinale der Grand Chess Tour konnte Fabiano Caruana vermutlich alles gebrauchen, nur nicht Levon Aronians Kommentar nach dem schnellen Remis in der letzten Turnierpartie:

Normal bin ich nicht der Typ, der mit Weiß auf ein schnelles Remis aus ist, aber da es sich um Match handelt, habe ich eine praktische Entscheidung getroffen. Immerhin ist meine Elo im Schnellschach und Blitz höher. Mathematisch dürfte die Entscheidung nicht schlecht sein.

Jan fragte Magnus Carlsen, ob es Fabiano ärgern würde, wenn er erneut verliert, oder ob er sich nur fürs Turnierschach interessiere: 

Ich glaube schon, dass es ihn ärgert, wenn er verliert, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn er heute wieder verliert, würde das bedeuten, dass er zwei Wochen am Stück beim Schnellschach und Blitz geschlagen wurde und keine einzige Turnierpartie gewonnen hat. Das muss ziemlich traurig sein, aber ich bin mir sicher, dass er darüber hinwegkommt, außerdem muss er heute nicht verlieren.

Am Ende ging Aronians Rechnung aber nicht auf, allerdings scheiterte er nur knapp. Caruana gewann die zweite Schnellpartie, doch dann verlor er die ersten beiden Blitzpartien, obwohl er dabei durchaus Remischancen hatte.

„Ein instruktiver Moment in diesem Turmendspiel: 72...Tg6, statt 72...Tg4, hätte vermutlich für das Remis gereicht.“

Er meinte, er sei “ziemlich demoralisiert” gewesen, doch in der nächsten Partie wendete sich das Blatt. Caruana: “Zum Glück wählte ich in der 3.Partie eine scharfe Variante und stand die ganze Zeit besser.” Präziser war aber vermutlich Aronians Einschätzung: “Nach der Eröffnung hatte ich Vorteil, machte dann aber einige schlechte Züge.“

Fabiano Caruana feierte zum Abschluss einen Sieg | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der letzten Partie musste Aronian unbedingt mit Schwarz gewinnen, um ein Stechen zu erzwingen, doch Caruana gewann erneut und sicherte sich den Gesamtsieg. Das war sicher nur ein kleiner Trost für die Niederlage bei der WM, doch immerhin konnte er das Jahr mit einem guten Abschluss beenden: „Ich bin auf den dritten Platz nicht sonderlich stolz, aber ich habe einen sehr starken Spieler geschlagen.“

Aronians Jahr wurde vor allem von seinem Einbruch beim Kandidatenturnier überschattet, hier sein Fazit:

Levon Aronian: "Es war ein schreckliches Jahr, aber es tut gut, hier zu sein. Ich hoffe, dass das nächste Jahr mir mehr Glück bringt.“

5. Die Spieler scheuen sich nicht mehr, ihre Eröffnungsideen beim Schnellschach oder Blitz zu “verbrennen“

Die vielleicht interessanteste Erkenntnis des Schlusstags war, dass die Spieler die schnellen Disziplinen sehr ernst nehmen und bereit sind, ihre besten Eröffnungsideen zu zeigen. In der ersten Schnellpartie zwischen Aronian und Caruana bekam man sogar einen Eindruck, welche Gefahr Carlsen in der 2.WM-Partie umschifft hatte:


Nach Caruanas seltenem Zug zeigte Carlsen eine menschliche Reaktion...

„Ein Journalist von NRK fragte Magnus Carlsen, was er dachte, als Fabiano Caruanas 10...Td8 aufs Brett kam. Seine Antwort: "Oh, in erster Linie, Scheiße." Dann gab er sein Wissen vom Match Karpov gegen Kortschnoi 1978 zum Besten. Selbst wenn man kein Fan von ihm ist, muss man ihn einfach mögen.“

Während der Weltmeister auf den normalen Zug 11.Sd2 verzichtete und stattdessen 11.Le2 spielte, ließ sich Aronian darauf ein. Die Spieler blitzten anschließend ihre Züge samt dem Figurenopfer 11…d4 12.Sb3 Db6 13.Sa4 Lb4+ 14.axb4 Dxb4+ 15.Sd2 herunter und hielten auch nach 21…b5! nicht inne:


An dieser Stelle musste Weiß die Figur zurückgeben, da 22.cxb5? Le6! zu Problemen geführt hätte. Spektakuläre Züge, aber beide Spieler hatten alles zu Hause vorbereitet und gesehen, dass die Stellung remis ist.

Das Theorieduell setzte sich in der zweiten Partie fort, als Aronian in der Anti-Berliner-Variante der Spanischen Eröffnung seinen “Fehler” aus der ersten Partie korrigierte und 10…Lf5 11.La3 e4 statt 10…a5 11.b5 e4 spielte, aber trotzdem schlecht stand und nach einigen Abenteuern verlor. 

Das interessanteste Theorieduell lieferten sich aber Maxime Vachier-Lagrave und Hikaru Nakamura. Jan Gustafsson hatte erwähnt, dass Etienne Bacrot nach dem Bundesliga-Wochenende schnell nach London reiste, um MVL als Sekundant zu unterstützen, doch Kris Littlejohn und Nakamura waren offenbar das besser eingespielte Team.

Hikaru und Kris waren ein perfektes Team | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der zweiten Schnellpartie entschied sich Nakamura in der Englischen Eröffnung für die gleiche Aufstellung, die zuletzt Laurent Fressinet beim Weltcup 2015 gegen Ian Nepomniachtchi gewählt hatte, wobei 11…cxd4 12.cxd4 Te8 neu war:


Nakamura spielte 13.Se5 und nach 13…Da5 14.Db3 war Carlsen von seiner Stellungsbehandlung beeindruckt, obwohl er die Partie am Ende nicht gewinnen konnte. MVL ist aber ein sturer Widersacher und brachte dieselbe Variante in der zweiten Blitzpartie erneut aufs Brett. Dieses Mal wich Nakamura mit 14.Sxc6 ab, holte aber nichts heraus. 

In der letzten Blitzpartie versuchte Nakamura dann 13.Tc1 und MVL stellte seine Dame wieder nach 13…Da5, aber ohne den Springer auf e5 als Angriffsziel wurde sie schnell selbst zur Zielscheibe. Nach 14.Db3 Sd7 15.Lb4! war die Damenjagd bereits in vollem Gange - das unrühmliche Ende habt ihr bereits gesehen!

MVLs Dame hat keine Felder mehr | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nakamura meinte hinterher: “Vor der letzten Partie fand ich diese Idee, die dann viel besser funktionierte, als ich das erwartet hätte.“

6. Das  neue Format war ein Erfolg, kann aber noch optimiert werden

Wie war das Finale der Grand Chess Tour 2018 unterm Strich? Grundsätzlich gut, zumal nur Spieler dabei waren, die das Turnier gewinnen konnten, doch ein größeres Feld, wie es bei den London Chess Classic üblich war, wäre vielleicht besser gewesen. Vielleicht fehlte auch nur der Weltmeister, der bei jedem Turnier den Unterschied ausmacht.

Dieselbe Bühne bei den London Chess Classic, aber ein neuer Format | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Verbesserungsvorschläge gäbe es viele: Man könnte zum Beispiel Turnierschach mit einer geringeren Bedenkzeit spielen, etwa mit 90 Minuten für 40 Züge und dann 30 Minuten für den Rest. Außerdem könnte man der Britischen K.O.-Meisterschaft, die am selben Ort stattfand, in der Live-Übertragung aber kaum vorkam, etwas mehr Beachtung schenken. Vielleicht wäre ein direktes K.O.-Format besser, bei dem es nicht automatisch auch noch zu Schnell- und Blitzpartien kommt.

Eure Vorschläge könnt ihr gern als Kommentar unter dem Artikel posten!

7. Die Grand Chess Tour wird 2019 größer

2019 wird auf jeden Fall ein gutes Jahr für die Grand Chess Tour. Michael Khodarkovsky kündigte während der Live-Übertragung an, dass die Turnierserie ausgebaut wird. Hinzu kommt eine neue Station mit Turnierschach in Kroatien und zwei zusätzliche Schnellschach- und Blitz-Events in Asien und Afrika – konkret sind dies Indien und die Elfenbeinküste.

Letztere ersetzen das St. Louis Rapid and Blitz, wodurch die Spieler nur noch zum Sinquefield Cup anreisen und sich nicht einen ganzen Monat in St. Louis aufhalten! Das Preisgeld wird auf $1,5 Millionen erhöht, die Anzahl vertraglich gebundener Spieler steigt von 9 auf 10 (falls nicht noch weitere Turniere dazu kommen) und die Veranstalter hoffen sicher, dass Carlsen nach seiner Titelverteidigung wieder dabei ist.

Bevor es 2019 weitergeht, finden aber zwischen den Jahren noch die Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaften in St. Petersburg statt. Carlsen ist wieder die Nummer 1 in allen Disziplinen, aber kann er auch wieder die “Triple Crown” holen? Ihr könnt es vom 26. bis 30.Dezember live auf chess24 mit erleben: Schnellschach OpenSchnellschach FrauenBlitz OpenBlitz Frauen  


Davor gibt es aber erst noch am Freitag das Debüt von Laurent Fressinet beim Banter Blitz. Ab 18 Uhr könnt ihr ihn herausfordern!

Weitere Links:


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