Berichte 29.04.2018 | 09:34von Colin McGourty

Shamkir, R9: Carlsen schafft den Hattrick

Mit einem Remis nach nur 20 Minuten Spielzeit gegen Ding Liren hat Magnus Carlsen am gestrigen Samstag seinen dritten Titel beim Vugar Gashimov Memorial in Shamkir geholt. Der Chinese sicherte sich mit dem halben Punkt den zweiten Platz, während Sergey Karjakin nach acht Remis hintereinander Veselin Topalov die dritte Niederlage in Folge zufügte und Rang 3 erreichte. Der Bulgare hauchte dem Turnier mehr Leben ein als jeder andere Teilnehmer, und was war am Ende sein Lohn? Ein achter Platz.

Magnus gewinnt immer, wenn er nach Shamkir kommt | Foto: Turnierseite

Magnus Carlsen ging mit einem halben Punkt Vorsprung auf Ding Liren und den weißen Steinen in die Schlussrunde. Würde er mit der üblichen Strategie ein schnelles Remis ansteuern, um den Turniersieg abzusichern? Der israelische Großmeister Emil Sutovsky hoffte auf etwas Anderes (Übersetzung aus dem Russischen seines Facebook-Posts):

Ich wage eine Prognose. Carlsen wird Ding schlagen. In der Partie geht es ums Prinzip – Magnus wird es ohne Zweifel nicht gefallen, dass sein chinesischer Gegner nun schon 68 Partien unbesiegt ist. Der Weltmeister wird nicht den ersten Platz absichern, sondern kämpfen. Karjakin wird das ausnutzen und mit einem Sieg gegen den nachlassenden Topalov zu Ding aufschließen. Navara ist gegen Ende mit vier Niederlagen am Stück völlig eingebrochen, doch das wird sich nicht so sehr auswirken wie die unerschütterliche Friedfertigkeit Radjabovs. Es könnte jedoch ein amüsantes Ergebnis geben, mit Carlsen auf Platz 1 und den unbesiegten Karjakin und Radjabov auf dem geteilten 2.Platz. So hätten sie sogar noch was davon, dass sie nur Remis gespielt und sich ihre Kraft für den Schlussspurt aufgehoben haben.

Ein unvergesslicher Moment für das Kind, aber keine unvergessliche Partie | Foto: Turnierseite

In Wirklichkeit ging die Partie schnell zu Ende, und während der Weltmeister den Turniersieg absicherte, verzichtete Ding Liren zugunsten des sicheren zweiten Platzes darauf, Carlsen mit Schwarz herauszufordern. Alle Partien könnt ihr hier noch einmal nachspielen:

Und hier das Video mit der gestrigen Live-Übertragung:

Das schnelle Ende der Spitzenbegegnung schürte Spekulationen:

"Das war eine so ungewöhnlich 'professionelle' Vorstellung von Magnus, dass ich mich direkt frage, ob Ding Liren Teil seines Teams ist."

"Sie scheinen ein sehr gutes Verhältnis zu haben. Und die chinesischen Dateien zur Russischen Verteidigung müssen interessant sein."

Magnus lud Ding Liren einmal zu einem Trainingslager ein und suchte ihn sich als Gegner des letztjährigen Champions Showdown in St. Louis aus, aber man gewinnt nicht so viele Turniere wie er, wenn man nicht ab und zu praktische Entscheidungen trifft:

Magnus war selbst nicht begeistert:

Ich glaube, in diesem Turnier gab es keine Leistung von mir, die es in die Sammlung meiner besten Partien schaffen wird, aber das gestrige Duell mit Giri war immerhin eine hübsche Kampfpartie. Sie enthielt Fehler, war aber auch kompliziert. Das ist die einzige Partie, mit der ich mehr oder weniger zufrieden bin… Es gab viele ereignislose Remis. Normal wäre ich deswegen besorgt, aber irgendwann habe ich mir keine großen Gedanken mehr gemacht.

Der Turniergewinn fiel ihm gar nicht so leicht, wie es aussah:

Entscheidend war natürlich die siebte Runde gegen Topalov, der bis dahin geführt hatte. Schaut man auf das Endergebnis, ist der Abstand zwischen uns groß, aber es war keineswegs klar, dass ich diese Partie gewinnen würde. Auf meine drei Turniersiege in Folge hier in Shamkir bin ich sehr stolz, aber es ist auch immer ein wenig Zufall dabei. Man hat sein Schicksal in solchen Turnieren nicht immer in der Hand.


Magnus wurde zudem gefragt, ob er sich bereits auf das Match gegen Fabiano Caruana vorbereite:

Vor mir liegen viele interessante Turniere. Ding und ich nehmen ab 27.Mai am Altibox Norway Chess teil, das Turnier wird stark besetzt sein, und danach kommen weitere Turniere. Natürlich habe ich das Match im Hinterkopf, aber da wird es vorläufig auch bleiben.

Für Ding Liren markierte das Turnier in Shamkir einen weiteren Meilenstein auf seinem Weg an die Spitze. Mit einer Live-Elo von 2791,1 liegt er mittlerweile unter den Top 5 der Welt, und wenn seine ungeschlagene Serie anhält, wird er demnächst die 2800 knacken. Seinen 2.Platz sicherte er sich mit Siegen gegen David Navara und Rauf Mamedov, als seine beste Partie schätzte er aber das Duell mit Anish Giri ein, in der er den Gewinn ausließ.

Ding Liren überholte MVL in der Live-Elo-Liste | Foto: Turnierseite

Shakhriyar Mamedyarov ging sogar noch einen Schritt weiter als Ding Liren und bezeichnete seine einzige Niederlage gegen Veselin Topalov als seine beste Partie (“Ich spielte so gut wie ein Computer“). Mit seinem Sieg gegen David Navara kam er noch auf 50 Prozent, und bezeichnete sein Turnier „als schlecht, aber nicht sehr schlecht“. In der Schlussrunde traf er auf Rauf Mamedov, der nach seinem Einsteller gegen Ding Liren am Vortag nicht schlafen konnte. Die Partie Mamedov-Mamedyarov endete zwar nicht so schnell wie Carlsen-Ding Liren remis, ihr Ausgang stand aber nie infrage. Tatsächlich gab es bei den fünf Austragungen in Shamkir nur einen Sieg eines Aserbaidschaners gegen einen Landsmann: 2016 schlug Mamedyarov Eltaj Safarli.

Auch das letzte aserbaidschanische Duell endete remis | Foto: Turnierseite

Das Thema der vielen Remis in Shamkir lässt sich bei der Nachbetrachtung natürlich schwer vermeiden, und Mahir Mamedov, der Organisator des Turniers und Vize-Präsident des aserbaidschanischen Schachverbandes, vertrat im Gespräch mit Eteri Kublashvili eine klare Meinung:

Veranstarter Mahir Mamedov gefielen die vielen Remis überhaupt nicht  | Foto: Turnierseite

Wie man sieht, gab es dieses Jahr viele Remis: umkämpfte und weniger umkämpfte. Man kann sagen, dass es in einigen Partien klar war, dass sie remis ausgehen würden. In vielen Partien fehlte die Spannung, weil es gar keinen Kampf gab.

Das muss für den Veranstalter doch enttäuschend sein?

Natürlich ist das enttäuschend. Wir wollen uns nicht vorwerfen lassen, dass wir hier ein Turnier für Freunde veranstalten, die eine Ruhepause einlegen, Remis machen und wieder auseinandergehen. Ein Turnier im Gedenken an Vugar Gashimov verlangt geradezu Kampfgeist!

Zumal er mutiges Schach spielte!

Vugar war ein kompromissloser Spieler, daher sollte ein Turnier in seinem Gedenken voller Action sein. Das habe ich hier nicht gesehen, und ich weiß, wann gekämpft wird und wann nicht. Fast alle, auf die das zutrifft, haben das mittlerweile eingesehen. Enttäuschend ist es natürlich trotzdem.

Aber Magnus Carlsen enttäuschte nicht?

In den letzten Partien nicht, aber unterm Strich auch, da er das Turnier sehr mühelos gewann. Selbst mit einem lockeren Stil ist er dem Rest noch klar überlegen. Allerdings muss man einräumen, dass Sergey, Shakhriyar und Ding Liren nach Berlin müde waren…

Star unter den Remisschiebern war Teimour Radjabov, der seine 9 aus 9 gegen David Navara komplettierte, der zuvor viermal in Folge verloren hatte.

Lesen und weinen, Anish...

Teimour hat damit bei allen drei Austragungen in Shamkir, an denen er teilnahm, keine einzige Partie gewonnen. Zufrieden war er trotzdem, da "er die Figuren auf höchstem Niveau lange Zeit nicht mehr angefasst hatte".   

"Nach meiner Achterbahnfahrt in Palma de Mallorca hätte ich nicht geglaubt, dass ich neun Remis in Folge hinbekomme, aber das ist mir gelungen."

Bewunderung gab es vom Meister:

"Hoffte auf einen Turniersieg in Shamkir, aber am Ende spielte ich zu schwach. Glückwunsch an alle Sieger, vor allem Radjabov."

Für David Navara gab es bei -4 und keinem Sieg wenig Positives zu vermelden, aber der Tscheche erklärte sein Abschneiden vor allem damit, dass die Gegner stärker als sonst waren: 

In guter Form kann ich mit ihnen mithalten, aber in schlechter Form wird es schwierig, weil sie stärker als ich sind.

David Navara konnte wenigstens die fünfte Niederlage in Folge verhindern | Foto: Turnierseite

Giri meinte, seine Gegner habe eine Eröffnungsidee "verschwendet", die gegen einen schlechter vorbereiteten Gegner etwas gebracht hätte | Foto: Turnierseite

Wojtaszek-Giri war ein Theorieduell zweier Spieler, die am Ende dasselbe Ergebnis aufwiesen. Beide gewannen und verloren je eine Partie und spielten sieben Mal remis, und beide waren der Meinung, dass sie besser abschnitten, als sie spielten.

"Nicht sehr glücklich mit meinem Spiel, doch das Abschneiden war mit 50% und Platz 5 in Ordnung."

Bei der verbliebenen Partie Karjakin-Topalov lag Sutowsky mit seiner Einschätzung richtig. Nach acht Remis, die Karjakin jeweils mit einer Variante des Satzes "Ich spielte eine Remisvariante, aber sie ist nur remis, wenn der Gegner die Theorie kennt" kommentierte, gewann der Russe tatsächlich noch eine Partie. 

Auch die gelbe Krawatte half nicht | Foto: Turnierseite

Im Verlauf von nur drei Runden stürzte Topalov von Platz 1 auf Platz 8 ab und sprach von „einem totalen Einbruch am Ende“. Er meinte, ihm fehle die Praxis, er habe aber nach den verpassten Chancen zu Beginn auch kein besseres Ergebnis verdient. Weiterhin plant er nicht, wieder regelmäßig an großen Turnieren teilzunehmen:

Ich vermisse es nicht, sonst würde ich spielen. Ich trainiere auch nicht viel...

Die Partie war seltsam. Karjakin gelang es, die gegnerische Bauernstruktur zu zerstören und einen starken Angriff am Königsflügel zu entwickeln, doch Topalov verteidigte sich einfallsreich: 


18…b4! 19.fxe4 dxe4 20.Txe4 und Schwarz nahm die fünfte Reihe in Beschlag 20…Ta5! Schwarz konnte seinen König retten, hatte nach dem Damentausch aber zwei Bauern weniger: 


Die Stellung war überraschend schwer zu gewinnen, aber letztlich holte sich Karjakin den vollen Punkt.

Und hier der Endstand:

Magnus wird noch ein paar Tage in Shamkir bleiben und sich die Berge in der Gegend anschauen | Foto: Turnierseite

Damit ist das Turnier in Shamkir Chess beendet, doch es geht nahtlos weiter mit Spitzenschach. Am Sonntag findet bei der US-Meisterschaft die letzte Runde statt (Open | Frauen), von Sonntag bis Dienstag werden die letzten drei Runden der Schachbundesliga ausgetragen und am Dienstag beginnt die Russische Mannschaftsmeisterschaft.

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