Berichte 28.04.2018 | 07:01von Colin McGourty

Shamkir, R8: Carlsen steht nach Sieg über Giri kurz vor dem Turniersieg

Magnus Carlsen hat in der Vorschlussrunde des Gashimov Memorial 2018 Anish Giri besiegt und braucht in der letzten Runde nur noch ein Remis mit Weiß gegen Ding Liren, um das Turnier zum dritten Mal zu gewinnen. Die chinesische Nummer 1 derweil profitierte von einem groben Fehler Rauf Mamedovs, während Veselin Topalovs Hoffnungen auf den Turniersieg durch eine Niederlage gegen Radek Wojtaszek zerstoben. Völlig außer Tritt ist David Navara, der gegen Shakhriyar Mamedyarov seine vierte Niederlage in Folge hinnehmen musste. Nur in der Remispartie Radjabov-Karjakin passierte nichts Nennenswertes.

Vugar Gashimovs Vater eröffnet die Partie Giri-Carlsen | Foto: Turnierseite

Nach ruhigem Verlauf ging in Runde 8 des Turniers in Shamkir die Post ab:

Alle Partien des Tages samt Live-Kommentar und weiteren "unvergesslichen" Pressekonferenzen könnt ihr hier anschauen:

Carlsen überholt Giri

Jahrelang hatte Giri gegen Carlsen eine positive Bilanz, doch nun hat der Weltmeister den Spieß umgedreht | Foto: Turnierseite 

Es hat sieben Jahre und zwanzig Turnierparten gedauert, aber nun hat Magnus Carlsen endlich eine positive Bilanz gegen seinen großen Twitter-Rivalen Anish Giri erreicht. Die niederländische Nummer 1 betrachtet seine Eröffnungsvorbereitung als Hauptwaffe gegen den Weltmeister, aber dieses Mal ließ sie ihn im Stich. Carlsen hatte am Vortag gegen Topalov schon als Weißer in einem Engländer mit 1.c4 e5 gewonnen, und nun saß er in der gleichen Variante auf der anderen Seite des Bretts. Bis 8…a5, einem alten Zug, der zuletzt bei Nepomniachtchi 1-0 Aronian beim Grand Prix in Genf 2017 aufs Brett kam, verlief die Partie ziemlich normal. Danach geschahen aber seltsame Dinge, denn die Spieler folgten zwar sieben Züge lang dieser Partie, doch Giri verbrauchte dafür eine Stunde (Magnus dachte einmal im 12.Zug länger nach). Giri kannte die Partie, meinte aber:

Ich wusste nicht mehr, was ich geplant hatte - ich glaube nicht, dass ich dieser Partie folgen wollte. Ohne Vorbereitung sollte man die Variante nicht ansteuern!

Für einmal wurde Giri vom Weltmeister in der Eröffnung überrascht | Foto: Turnierseite

Magnus stimmte zu:

Aus praktischer Sicht würden die meisten Spieler hier Schwarz bevorzugen.

Dies ist die Stellung nach 15…e4:


Nepomniachtchi spielte hier 16.Tb1, doch Giri konnte sich gut genug an die Partie erinnern, um zu wissen, dass die Sache dadurch nicht unbedingt einfacher wurde – bis Nepos Sieg feststand, kam es zu verrückten Verwicklungen. Hier ein Beispiel:


Giri entschied sich stattdessen für die Neuerung 16.Kh1, die absolut spielbar zu sein scheint. Nach 16…Dd7 sehen die Computer Weiß sogar leicht im Vorteil, wenn er 17.g4!? findet, doch Giri spielte stattdessen 17.Tb1 und landete bald in einer Stellung, die zwar gefährlich aussah, laut Magnus aber „eher hässlich als schlecht“ war. Das weitere Geschehen verlief extrem undurchsichtig, doch Giri hielt seine Stellung zusammen und wurde laut eigenen Angaben sogar so optimistisch, dass er glaubte, nicht nur ums Überleben kämpfen zu müssen. Nach der Partie wies er auf 36.d5!? hin (der Computer gibt ihm recht), konnte in Zeitnot aber nicht alles durchrechnen. Ironischerweise wendete er direkt nach der Zeitkontrolle, als er wieder frische Zeit hatte, 29 Minuten für den Zug 41.Th3? auf, der mehr oder weniger direkt verliert:


Magnus brauchte nicht lange, um die Zugfolge 41…Dd5+! 42.Kg1 De4 32.Db4 Tf6 zu finden, nach der Giri aufgab. Die weiße Stellung war allerdings sehr schwierig – 41.Th3 war teilweise auch ein Verteidigungszug, da Anish gesehen hatte, dass seine erste Eingebung 41.Td3 an 41…Dd5+ 42.Kg1 scheitert:


42…Tf1+! 43.Kxf1 Dh1+ 44.Ke2 Dxh2+ gewinnt die Dame.

Mehr zu dieser Partie erfahrt ihr in Niclas Huschenbeths Videoanalyse:

Damit hat Carlsen eine Bilanz von +1 gegen Giri, und nur noch ein paar Top-Spieler können nun eine positive oder ausgeglichene Bilanz gegen den Weltmeister aufweisen:

Im Jahr seiner Titelverteidigung läuft es gut für den Weltmeister!

In der Pressekonferenz wurde es etwas ungemütlich, als Ljubomir Ljubojević seine Frage des Tages zum Thema Fake News stellte:

Ich kann nur meine Antwort von früher wiederholen: Es ist nach einer Partie extrem schwierig, sich zu den Problemen zu äußern, die derzeit auf der Welt Thema sind. Ich bin zwar sicher, dass die Schachfans und andere Leute an unserer Meinung zu diesen Themen interessiert sind, aber dies ist sicher nicht der Ort, um die perfekte Antwort zu bekommen.

Ljubos Welt, in der wir leben! | Foto: Turnierseite

Ljubo ließ nicht locker, zumal diese Pressekonferenz durchaus einige interessante Zitate hervorbrachte. Als das Thema wieder Schach hieß, erklärte Magnus, warum er auf einmal wieder Partien gewinnt:

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sich die Qualität meines Spiels verändert hat. Es ist vermutlich immer noch recht mittelmäßig, aber immerhin bekomme ich nun einige Chancen. So läuft es manchmal. Die anderen werden müde und machen mehr Fehler, während ich mich nur auf mich konzentrieren kann.

Giris Antwort zum Thema Fake News lautete, dass er vermutlich von niemandem gemobbt werde, außer: „Der fieseste Typ ist in meinem Fall Magnus, aber ich komme damit klar!“

Die Frage, ob AlphaZero etwas an der Einstellung zum Schach ändern werde, beantwortete Carlsen so:

Aus meiner Sicht glauben die Fans, die gelegentlich zuschauen, wegen Stockfish und anderen Engines schon länger, dass wir keine Ahnung vom Schach haben.


Unaufhaltsame Kraft trifft auf unbewegliches Objekt?

Hätte Ding Liren gegen Rauf Mamedov remis gespielt, hätte er in der letzten einen Schwarzsieg gegen Magnus Carlsen gebraucht, um noch einen Stichkampf um den Turniersieg zu erringen. Nach seinem Sieg hat sich im Grunde nicht viel geändert – er muss weiterhin gewinnen, aber es wird keinen Stichkampf mehr geben. Carlsen holt den Turniersieg, wenn er gewinnt oder remis spielt, während Ding Liren mit einem Sieg seinen ersten Shamkir-Titel gewinnt.

Seit 68 Partien ungeschlagen und die Nummer 5 der Welt - es läuft für Ding Liren! | Foto: Turnierseite

Ding hatte in dieser Partie Glück, da er zwar die gesamte Partie Druck ausübte, aber erst in einer vermutlichen Remisstellung durch einen schrecklichen Einsteller zum vollen Punkt kam. Mamedov meinte hinterher, Niederlagen hätten einen Tag nach seinem Geburtstag, also am 27.April, eine lange Tradition. An der Notation könnt ihr erkennen, dass er für den Verlustzug am wenigsten Bedenkzeit in der gesamten Partie aufwandte: 


37…Kf6 hält vermutlich remis, aber 37…Kh6?? verlor wegen 38.Kg3! Material. Nach 38…Tfxf2 39.Th8+ Kg5 40.h4+ Kf6 41.Tf8+ geht der Turm auf f2 verloren. In der Partie gab Mamedov nach 38…Tf6 39.h4 g5 40.Th8+ Kg6 41.Tg8+ Kf5 42.Txg5+ auf:

Dieses Mal ging der Turm nach 42…Ke6 43.Te5+ Kd6 44.Ta6+ verloren.

"Schach ist kein einfaches Spiel. Spiel nicht zu schnell, denk aber auch nicht zu lange nach..."

Die einzige langweilige Partie war Radjabov ½-½ Karjakin, an der vermutlich nur die Statistiker ihre Freude haben. Beide Spieler haben in Shamkir bisher sämtliche Partien remisiert, nachdem Sergey Karjakin bei der ersten Austragung des Shamkir Chess alle zehn Partien remisiert hatte und Teimour Rajdabov nunmehr den unerreichten Rekord anstrebt, bei allen drei Teilnahmen am Gashimov Memorial keine einzige Partie gewonnen zu haben.

Nach den Turbulenzen von Berlin spielt Sergey Karjakin ein sehr ruhiges Turnier | Foto: Turnierseite

Wie im Vorjahr gelang es Radek Wojtaszek, in der vorletzten Runde auf 50 Prozent zu kommen. 2017 schlug er Mamedyarov mit den weißen Steinen, während er dieses Jahr Veselin Topalovs Ambitionen auf den Turniersieg einen endgültigen Dämpfer versetzte. Wojtaszek meinte “er habe Angst gehabt, noch einmal Sizilianisch zu spielen” (seine Niederlage gegen Magnus musste er mit dieser Eröffnung hinnehmen) und wechselte stattdessen zum Spanier. Das funktionierte perfekt! 

Radek Wojtaszek wurde als letzter Spieler eingeladen, schlägt sich aber gut | Foto: Turnierseite

Veselin kannte die neueste Theorie nicht, und nach 23…e4! stand Schwarz schon klar besser: 


Wenig später drang Schwarz in die weiße Stellung ein, und die Partie ähnelte in ihrem weiteren Verlauf verblüffend dem leichten Sieg, den Ding Liren am Vortag gegen Navara erzielt hatte. Nach seinem starken Start liegt Topalov nun wie fünf andere Spieler wieder bei 50 Prozent. 

Nach gutem Start scheint dem Turniersenior ein wenig die Puste auszugehen | Foto: Turnierseite

Damit bleibt nur die Partie Mamedyarov-Navara übrig, die ebenfalls zeigte, dass die Spieler allmählich müde werden. Shakhriyar wollte “eine interessante Partie spielen”, und sein Wunsch erfüllte sich. In einer messerscharfen Variante im Grünfeld-Inder wiederholte er eine Neuerung aus dem Kandidatenturnier und trieb seinen h-Bauern nach vorn.

David Navara erlebt derzeit schwierige Zeiten | Foto: Turnierseite

Shak konnte sich nicht mehr an die Details erinnern, und in besserer Form hätte Navara womöglich die Initiative übernommen. So endete die Partie in einem schwierigen Endspiel, in dem der Tscheche mit 23…Le7? einen schweren Fehler beging:


24.Txh7! gewann einfach einen Bauern, da 24…Kxh7 an der Gabel 25.Sg5+! scheitert. Nach 24…Tb8?! hätte Mamedyarov direkt mit 25.Sd5! gewinnen können, doch nach 25.Tc7!? erledigte er diese Aufgabe dank gegnerischer Mithilfe auch. David Navara hat nun vier Partien in Folge verloren und ist vermutlich froh, dass es maximal fünf werden können. In der letzten Runde hat er Weiß gegen Radjabov.

So steht es vor der Schlussrunde, die eine Stunde früher beginnt:  


Um den Turniersieg geht es nur noch bei Carlsen-Ding Liren, da kein Spieler beide einholen kann. Sofern Ding Liren nicht mit Schwarz gewinnt, hat Magnus zum dritten Mal das Turnier gewonnen. Vermutlich gibt es ein recht schnelles Remis, auch wenn Ding Liren derzeit einen echten Lauf hat!

Vergesst nicht, euch die Schlussrunde des Shamkir Chess ab 12 Uhr anzuschauen!

Weitere Links:


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