Berichte 24.04.2018 | 11:12von Colin McGourty

Shamkir, R4-5: Siege für Topalov und Carlsen

Veselin Topalov hat beim Gashimov Memorial vor dem ersten Ruhetag die alleinige Führung übernommen. Der bulgarische Ex-Weltmeister beendete die Remisflut in Shamkir mit zwei Siegen in Folge gegen Shakhriyar Mamedyarov und David Navara. Allerdings kann er sich an der Spitze nicht sicher fühlen, da mittlerweile auch Magnus Carlsen aus den Startlöchern gekommen ist. Sowohl die Eröffnungswahl des Weltmeisters als auch seine Spielweise bei seinem Sieg gegen Radek Wojtaszek waren eine Hommage an Vugar Gashimov.

Nach frustrierenden Remis und Dissonanzen auf der Pressekonferenz zeigte Magnus Carlsen in Runde 5 seine alte Stärke | Foto: Turnierseite

Alle Partien vom Shamkir Chess könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis oder die Runde mit Computeranalyse nachspielen:

Runde 4: Topalov beendet die Durststrecke

Nach 15 Remis in den ersten drei Runden bot auch der Auftakt der vierten Runde in Shamkir wenig Verheißungsvolles:

Magnus Carlsen scherzte, “Wir liegen beide in Führung, wo ist das Problem?”, während Teimour Radjabov meinte, er habe gegen den Weltmeister mit Schwarz besser abgeschnitten und könne schon wegen der Bedeutung der Elo-Punkte nicht einfach dem Publikum eine Show bieten: "Erst unterhält man das Publikum und dann bekommt man keine Turniereinladungen mehr!”

Eine der berühmten Pressekonferenzen beim Shamkir Chess | Foto: Turnierseite

Als die Diskussionen zur Partie beendet waren, wurde es wieder absurd, denn Ljubomir Ljubojević, der vor 35 Jahren die Nummer 3 der Welt hinter Garry Kasparov und Anatoly Karpov war, redete über Raubüberfälle auf Straßen und die Frage, ob die Spieler sich mit Martial Arts dagegen verteidigen:  

Schließlich wurde Magnus gefragt, warum er am Vortag nach seinem Remis gegen Rauf Mamedov der Pressekonferenz fern geblieben sei. Anstatt eine diplomatische Antwort zu geben, packte er den Stier bei den Hörnern:

Offen gestanden war ich nach der Partie ein wenig müde und enttäuscht, und da die Pressekonferenzen sich bisher immer so lange hingezogen haben, war jeder Gedanke an etwas anderes besser, als nach einer schwierigen Partie noch einmal Sitzfleisch beweisen zu müssen. Das ist meine vielleicht allzu ehrliche Antwort!

Zum Teil wurde Magnus für seine Intervention Arroganz vorgeworfen, doch wies er auf ein Problem hin, dass jeder bestätigen dürfte, der die Pressekonferenzen verfolgt hat. Als Weltmeister kann er sich das erlauben, wie auch Lokalmatador Radjabov, der zustimmte und meinte, man könne die Spieler nach einem kurzen Remis zwar „quälen“ (die Pressekonferenz dauerte länger als die Partie), doch sei eine Straffung unterm Strich sicher besser.

Die Spieler waren nach ihrer kurzen Partie gut gelaunt| Foto: Turnierseite

Das war aber noch nicht alles! Später fragte Ljubo nicht nur nach Raubüberfällen, sondern ob die Spieler Schachstudien mögen, und in Runde 5 brachte er das Thema auf, ob die Spieler auch an einem Turnier teilnehmen würden, bei dem das Preisgeld in Bitcoins bezahlt wird:

Radjabov erwies sich als Experte, während Mamedyarov eine Antwort gab, die eines Aseris würdig ist: "Ich spiele am liebsten für Öl!"   

Giri schaut bei Karjakin-Navara zu | Foto: Turnierseite

Zurück zu Runde 4, während der Carlsen und Radjabov bei der Pressekonferenz lachen mussten, als sie sahen, dass bei Karjakin-Navara ein remisliches Läuferendspiel auf dem Brett war. Zum ersten Mal wurde in dieser Partie im 38.Zug ernsthaft nachgedacht, allerdings gab David Navara hinterher zu, dass seine Lage gefährlicher war, als es aussah. Erst am Morgen der Partie hatte er in einer langen Theorievariante im Caro-Kann eine gefährliche Verstärkung für Weiß gesehen. Diese Entdeckung wollte er nach der Partie mit seinem Sekundanten teilen, doch das war gar nicht mehr nötig, da alles aufs Brett kam!

Topalov-Mamedyarov war ein harter Kampf, bei dem kaum jemand durchblickte | Foto: Turnierseite

Dann war es aber endlich mit der Remisserie vorbei. Shakhriyar Mamedyarov schien in einem offenen Spanier auf einem guten Weg, als er Veselin Topalovs heftigen Angriff abwehren konnte:


Nach 25…Lxe6! 26.fxe6 Txe6 hatte Schwarz zeitweilig vier Bauern für die Figur, doch es blieb sehr kompliziert. 29…b4! wäre vermutlich der Weg zum Sieg für Schwarz gewesen, doch Shak hatte übersehen, dass nach 30.Ld8 Db5 31.Sg5 h6 32.Df2...


...32…T6e7! gegangen wäre.

In der Partie ging der Vorteil nach 29…Te4 fast unmerklich auf Weiß über, und nach dem Damentausch stellte Mamedyarov mit nur noch zwei Bauern für die Figur nach 42 Zügen die Uhr ab. Schon am nächsten Tag scherzte der Aseri aber wieder: „Diese Situation ist nicht einfach – mit einem Sieg bist du Erster, mit einer Niederlage Letzter!“ Zweifellos aber ein verdienter Sieg für Topalov, der gegen Anish Giri und Ding Liren klare Gewinnstellungen ausgelassen hatte!

Ljubos Frage nach den Studien passte zu Giri-Ding Liren geradezu perfekt| Foto: Turnierseite

In der längsten Partie des Tages schien sich Ding Lirens Hartnäckigkeit auszuzahlen, doch dann verpasste er, wie gegen Wojtaszek in Runde 1, am Ende einen studienartigen Gewinn:

Laut Tablebases setzt Schwarz mit 64…a6 oder 64…Ka3 in 28 Zügen Matt, während der weiße f-Bauer nach 64…Kc5 65.Ke5 unterstützt vom König vorrücken und das Remis recht leicht erzwingen kann. Eine weitere verpasste Chance des Chinesen, der dennoch wenig Grund zur Beschwerde hat – seine letzte Niederlage in einer Turnierpartie musste er am 9.August 2017 in seinem vierrundigen Wettkampf gegen Giri hinnehmen.

Wojtaszek-Mamedov endete ebenfalls remis, obwohl Rauf Mamedov fast die gesamte Partie über als Schwarzer Druck ausübte.

Runde 5: Carlsen schließt auf

Carlsen-Wojtaszek erfüllte die Erwartungen | Foto: Turnierseite

Nach seinen vier Remis zum Auftakt hätte sich Carlsen kaum einen besseren Gegner als Radek Wojtaszek wünschen können. Die polnische Nummer 1 besiegte den Weltmeister zwar 2015 beimn Tata Steel, doch die vier Partien davor hatte alle der Norweger gewonnen. In einem Interview nach dem Sieg gegen Wojtaszek bei der Schacholympiade in Tromsø meinte er:

Entscheidend ist, dass Wojtaszek mehrmals Anands Sekundant war. Seine Hauptstärken liegen in der Eröffnung, und er spielt in komplizierten Stellungen besser als in offenen. Aus diesem Grund strebte ich eine eher geschlossenere und wenig erforschte Variante an.

Die Eröffnung könnte aber auch eine Hommage an den tragisch jung verstorbenen Vugar Gashimov (1986-2014) gewesen sein, zu dessen Ehren das Turnier abgehalten wird. Carlsens erste Züge 1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4 Sc6 folgten einer Variante, in der Gashimov seine bekanntesten Partien spielte (ihr könnt sie mit einem Klick auf die Datenbank in der Live-Übertragung aufrufen - hier sind sie sortiert nach Elo-Schnitt der Gegner):



An dieser Stelle spielte Magnus nicht das normale 5.Lb5, das Gashimov immer spielte, sondern die Fast-Neuerung 5.Dd2!?, die zu einer völlig neuen Stellung nach 5…Sf6 6.b3!? führte – ein weiterer Beleg, dass Schach keineswegs erschöpft ist!

Wojtaszek hatte vor der Partie mit einer Überraschung gerechnet, aber das brachte ihm nichts, da er sich mit dem etwas merkwürdigen Plan 9…h5!? und 11…h4!? selbst in Schwierigkeiten brachte.


Er meinte, “Als ich h5-h4 spielte, wurde mir klar, dass dies kein guter Tag werden würde”, und Magnus bestätigte dies: “Offen gestanden war ich sehr entspannt, da sich diese Stellung fast von alleine gewinnt." Schon bald lag ein starker Zug in der Luft:

Dieses Mal musste Carlsen sich ärgern:

Meine Intuition sagte mir, dass 17.Sd5 gewinnt, aber ich konnte die Varianten nicht bis zum Ende durchrechnen. Ich hielt den Zug nicht für nötig und dachte, ich kann prosaisch gewinnen, aber das ist natürlich keine gute Einstellung.  

Das gespielte 17.g4! war aber auch sehr stark – auf dem Screenshot hat Sesse die anderen Züge noch nicht en detail analysiert, zeigt danach aber auch einen Vorteil von etwa zwei Bauern an.

Eine Partie, die einige Autogramme wert war | Foto: Turnierseite

Beim nächsten Mal war 20.g4?! allerdings nicht mehr so stark und löste berechtigte Selbstkritik aus, da Wojtaszek nach 20…Sd4! auf einmal wieder alle Chancen hatte:


Der Springerzug öffnet die c-Linie und Schwarz droht, auf b3 oder c2 zu schlagen, und den Springer auf c3 zurückzugewinnen. Weiß muss vorsichtig sein, was Carlsen mit 21.Te3 auch war, dabei aber die Antwort 21…Kf8! übersehen hatte. Da Wojtaszek aber bereits in Zeitnot verkehrte, konnte er in der Folge keinen so hartnäckigen Widerstand mehr leisten. Sein Zug 25…Te5? (25…Dc5! 26.Dg3 e5!) ermöglichte 26.e5!, und die Partie war im höheren Sinne schon vor seinem Rechenfehler 27…Th1? gelaufen.


Nach 28.Txh1 Lxh1 29.Th2! kann der Läufer wegen des schnellen Matts nach Th8+ und Dg5+ nicht zurückgezogen werden, während der letzte taktische Trick 29…Txe5 an 30.Th8+ Ke7 31.Da7+ scheiterte. Wojtaszek verkürzte seine Leiden durch die Aufgabe:

Ruhige Remis gab es bei Mamedyarov-Giri und Mamedov-Karjakin, ein Remis mit schwarzen Vorteilen erbrachte Ding Liren-Radjabov, und Veselin Topalov zeigte wieder einmal sein Können!

Veselin Topalov bleibt alleine in Führung | Foto: Turnierseite

Die Partie verlief nach vertrauten Mustern, denn er gab gegen David Navara einen Bauern für unklare Kompensation. Der Tscheche schien alles unter Kontrolle zu haben, doch dann verlor er mehr oder weniger unmerklich den Faden. Hinterher meinte er, er habe bei 27.a3 das schwarze 27…Txd1+ übersehen und 29.Sf1?! sei ein Fehler gewesen, den Schwarz wenige Züge später schon entscheidend ausnutzte:


34…a5! knackte den weißen Damenflügel, und obwohl Navara mit dem Rest der Partie unzufrieden war, machte er danach offenbar nicht mehr viel falsch. Veselin Topalovs Fähigkeit, in scheinbar ruhigen Stellungen Dynamik zu erzeugen, erinnert uns an seine goldenen Zeiten vor gut zehn Jahren, als er die Nummer 1 der Welt war.

Das erfolgreiche Duo | Foto: Turnierseite

Vor dem Ruhetag sieht die Tabelle so aus:


Sergey Karjakin scheint sich auf einen ruhigen Tag einzustellen.

Vielleicht spielt er am Ruhetag ja auch mit Magnus Carlsen Fußball, wobei Anish Giri jedoch eher nicht dabei sein wird:

"Giri meint, er werde am Ruhetag keinen Sport treiben. 'Seit Magnus erwachsen ist, kann man nicht mehr in Ruhe Sport treiben, und es ist außerdem zu gefährlich.' "

Karjakin-Carlsen ist das Aufwärmprogramm für Carlsen-Topalov in Runde 7, was die womöglich turnierentscheidende Partie sein könnte. Am Mittwoch könnt ihr ab 13 Uhr die nächsten Partien des Shamkir Chess verfolgen! 

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