Berichte 22.04.2018 | 13:20von Colin McGourty

Shamkir, R2-3: Warum immer Remis?

Magnus Carlsen spielte gegen David Navara und Rauf Mamedov bis zu blanken Königen aber konnte so nicht verhindern, dass alle 15 bisherigen Partien in Shamkir Remis endeten. Frustriert verweigerte der Weltmeister ein Interview nach der dritten Runde. Am ehesten konnte Veselin Topalov den Bann brechen, aber er verpasste sehr gute Chancen in Runde 2 und 3. Was ist los beim Gashimov Memorial? Ist Schach mit klassischer Bedenkzeit tot? Wir untersuchen einige Gründe für die vielen Remisen.

Wieder nur Remis für Magnus Carlsen, diesmal gegen Rauf Mamedov | Foto: Turnierseite

Anish Giri war nach Runde 2 des Gashimov Memorials in seinem Element…

…und in Runde 3 wiederum 10 halbe Punkte:

Was ist hier los? Nun, lasst uns sieben mögliche Gründe für die ganzen Remisen betrachten:

1. Kramniks später Rückzug

Weniger als zwei Wochen vor dem Beginn von Shamkir Chess kam die Mitteilung, dass Vladimir Kramnik abgesagt hat - als Grund nannte er Erschöpfung nach dem Berliner Kandidatenturnier. Das war ein harter Schlag, nicht nur weil damit die Nummer 4 der Weltrangliste fehlt. In den letzten Jahren war Kramnik der dynamischste Spieler in der Weltelite. Nicht grundlos bezeichnete Nigel Short ihn als "betrunkenen Maschinengewehr-Schützen".

Trotz allem, das auf dem Spiel stand, hatte er beim Kandidatenturnier 7 Entscheidungen in 14 Partien, zuvor beim Tata Steel Masters 8 in 13, und davor auf der Isle of Man 1 Remis in 9 Runden (OK, es war ein Open, aber das einzige Remis ausgerechnet gegen Lawrence Trent!). Letztes Jahr waren es in Shamkir 5 entschiedene Partien in 9 Runden, wenn er nun dabei wäre würde er sicher in den meisten seiner Partien kompromisslos auf Gewinn spielen.

Kramnik wurde 2017 Zweiter hinter Mamedyarov | Foto: Turnierseite

Stattdessen wurde er durch Radoslaw Wojtaszek ersetzt. Die polnische Nummer 1 ist ein extrem starker Spieler, wie er beim Sieg 2017 in Dortmund zeigte, aber nicht einer, der dieses Teilnehmerfeld "vernichten" will - zumal er kaum Zeit für die wünschenswerte spezielle Eröffnungsvorbereitung hatte.

2. Carlsen hat Ladehemmung

Große Erwartungen an Carlsen-Navara vor der Partie | Foto: Turnierseite

Bei seinen letzten Auftritten gewann Carlsen Shamkir Chess 2014 und 2015, nur 3 Remisen in 10 Partien im ersten und dann 4 in 9 im zweiten Turnier. 2015 war, selbst nach seinen Masstäben, ein Karrierehöhepunkt für den Norweger: ungeschlagene +5 mit Siegen gegen Mamedyarov, Caruana, MVL und Kramnik.

Dieses Jahr war allerdings bisher nur frustrierend. Fehlenden Siegeswillen kann man ihm nicht unterstellen - mit Schwarz Königsindisch/Grünfeld (gegen Mamedyarov) und Pirc (gegen Mamedov)…

‌Anish Giri ist offenbar gelangweilt - übertrieben scharfes Spiel im Pirc

…und er gab alles, bis zu nackten Königen gegen Navara and Mamedov…

…aber bisher wurde er dafür nicht belohnt. Es lag vor allem daran, dass seine Gegner gut spielten, aber seine Frustration war offensichtlich: nach der dritten Runde fehlte Magnus bei der vertraglich vereinbarten Pressekonferenz nach der Partie (Kramnik machte in Shamkir einmal dasselbe, 2015 nach einer schmerzhaften Niederlage gegen Mamedyarov, und entschuldigte sich später). Zugegebenermassen waren die langen Interviews von Ljubomir Ljubojevic eine Zumutung für alle Beteiligten. Auf die seltsame Frage nach dem möglichen negativen Einfluss technischer Geräte auf unser Leben sagte der Weltmeister nur "Heute habe ich kein Interesse daran, die Probleme der Welt zu lösen!".

Natürlich interessiert er sich für Schach, und für niemand wäre es überraschend, wenn er irgendwann Partien gewinnt. Die gute Nachricht aus St. Louis ist dabei, dass die Elolücke zwischen ihm und Caruana (zwischenzeitlich nach Siegen Caruanas und Remisen von Carlsen nur noch 15 Punkte) nun wieder 23 Punkte beträgt - Caruana überzog und verlor in St. Louis gegen Zviad Izoria. Mamedyarov ist derzeit wieder Nummer 2 der Live-Eloliste.

3. Zeitkontrolle und Sofia-Regeln

Inkrement erst ab dem 61. Zug wie bei Shamkir Chess ist heutzutage sehr ungewöhnlich. Es kann zu Fehlern in Zeitnot führen (2017 beendete ein Desaster in Zeitnot Wesley Sos ungeschlagene Serie von fast 70 Partien), aber diesmal scheint es, als ob die Spieler vorsichtig agieren und Zeitnot vermeiden wollen. 60 zusätzliche Minuten nach dem 40. Zug bedeuten, dass Spieler einen vorhandenen Remisweg wahrscheinlich finden können.

Manchmal wird auch suggeriert, dass Sofia-Regeln - hier Remisverbot vor dem 40. Zug - Spieler eher zu plausiblen Stellungswiederholungen motivieren, damit sie eine tote Stellung nicht stundenlang weiterspielen müssen. Aber derlei Regeln gibt es inzwischen fast überall, und mit denselben Regeln gab es bei früheren Auflagen von Shamkir Chess keine Remisseuche.

4. Topalov lässt seine Beute entwischen

Topalov war immer einer der aggressivsten Schachspieler | Foto: Turnierseite

Veselin Topalov, der inaktivste Spieler der Weltelite, hätte diese Diskussionen ganz alleine beendet, wenn er Chancen in Runde 2 und 3 genutzt hätte. Erst hatte Anish Giri einen, wie er während der Partie dachte, "genialen Einfall" und spielte schnell 30…a4?


Leider zwang er Topalov damit dazu, die Widerlegung zu finden: 31.bxa4 Tb4 32.Tb1!, diesen Zug hatte Giri übersehen, und nach 32…Dxc4 33.Txb4 Txb4 34.Dxb4 Da2+ 35.Db2 Dxa4+ war das Ergebnis schwarzer "Brillianz" eine Qualität weniger ohne klare Kompensation. Einige Züge später vergab Topalov allerdings seinen Vorteil:


Er spielte 38.Dd5?!, mit nach 38…Sg5! plötzlich technischen Problemen, und kurz danach war der Sieg dahin. Richtig war 38.h4!, was den Springerausflug verhindert. Topalov befürchtete vielleicht 38…Sc5, aber nach 39.Td8+ Kh7 40.Dg8+ Kg6 41.h5+! Kxh5 42.Dxg7 hat Schwarz kein Dauerschach und Weiß gewinnt.

Ding Liren entwischte wieder einmal | Foto: Turnierseite

Die Partie gegen Ding Liren verlief ähnlich, die dramatischen Momente dabei paradoxerweise nach der Zeitkontrolle mit reichlich Bedenkzeit für beide Spieler. Liren entschied sich für 41.Nxe6? (stattdessen war 41.Sxe4 richtig) 41…fxe6 42.Lf1?


Hier gewinnt 42…Sg4! und die weisse Stellung bricht zusammen, dafür musste man allerdings einen trickreichen Damenrückzug nach 43.f3 sehen:

‌Wird Topalov den Remisfluch mit dem siegreichen 42...Sg4! beenden - er muss sehen, dass 43.f3 nach 43...Db8! verliert

Topalov sagte nach der Partie, dass er dies gesehen hatte, aber sich Sorgen machte wegen 44.Db2 Dxg3+ 45.Dg2:


45…Qe1! war hier vernichtend. Der andere Grund, warum er es nicht fand, war dabei, dass er dachte, nach 42…Sxf2? 43.Kxf2 Se4+ ebenfalls zu gewinnen. Dabei hatte er den "Computerzug" 44.Ke2! unterschätzt. Dafür brauchte Liren 20 Minuten und rettete so ein Remis.

5. Anish Giri und Ding Liren sind Remiskünstler

Ironischerweise sind gerade die zwei Spieler, die alles taten, um gegen Topalov zu verlieren, "berühmt" für ihre Ergebnisse in Kandidatenturnieren. 2016 remisierte Giri alle 14 Partien, dieses Jahr in Berlin scheiterte Ding Liren mit 13 Remisen knapp. Dabei waren beide Spieler in diesen Turnieren an Partien beteiligt, die nur durch eine Art Wunder Remis endeten - vielleicht hat der Fluch nun Shamkir erreicht?

Giri beobachtet seinen Rivalen | Foto: Turnierseite

Eine weniger übernatürliche Erklärung ist vielleicht, dass einige Spieler – Mamedyarov und Radjabov, Mamedyarov und Karjakin – gut befreundet sind und gerne gegeneinander Remis spielen, es sei denn viel steht auf dem Spiel.

6. Schach mit klassischer Bedenkzeit ist tot

Immer wenn in einem Turnier viele Partien Remis enden - zum Beispiel beim London Chess Classic im Dezember 2017 - gibt es Klagen zur Situation mit klassischer Bedenkzeit und Vorschläge, dies durch Schnellschach und/oder Chess960 zu ersetzen. Dieses Mal wieder:

Aber was sagen diese Leute zum fantastischen Kampfschach dieses Jahr bei Tata Steel, Kandidatenturnier und GRENKE Chess Classic?

Meine eigene Meinung ist, dass Schach mit klassischer Bedenkzeit immer noch bei weitem nicht erschöpft ist - selbst die besten Schachspieler (u.a. Capablanca) unterschätzen, wie vielfältig Schach ist. Es gibt mehr mögliche Schachpartien als Atome im Universum, das ist nicht nur eine witzige aber bedeutungslose Tatsache. Wir sehen es auf chess24, da jede in einer Partie analysierte Stellung (auch von Usern eingegebene Züge, die nicht gespielt wurden) gespeichert wird, damit man sie nicht erneut analysieren muss. Bei zig Millionen gespeicherten Stellungen sollte man meinen, dass man für die Analyse neuer Partien kaum Rechenkraft braucht, aber es ist wie ein Wassertropfen im Ozean. Auf jedem Niveau verlässt fast jede Partie nach 5-25 Zügen die "Theorie", oft können Elitespieler ihre Gegner schon nach wenigen Zügen überraschen. Es gibt keinen dringenden Grund, mit Chess960 unendliche weitere Möglichkeiten hinzu zu fügen.

Fünf Partien gleichzeitig folgen ist bereits einer der Gründe, warum Schach für Zuschauer eine viel grössere Herausforderung ist als viele andere Sportarten | Foto: Turnierseite

Etwas Schnell- und Blitzschach ist sicher gut, aber die Lösung ist es wohl auch nicht. Schachfans und Spitzenspieler nehmen Schnell- und Blitzschach wohl immer noch nicht allzu ernst. Außerdem ist es viel schwieriger für Zuschauer zu folgen und zu verstehen. Schach ist bekannterweise schwer, und selbst Großmeister können kaum mehrere Blitzpartien gleichzeitig verfolgen, das gilt erst recht für typische Zuschauer. Ich vermute, das ist ein Grund, warum WM-Matches immer noch das grösste Publikum anziehen. Auch wenn einige sie manchmal als "langweilig" bezeichnen, können Schachfans neben dem menschlichen Drama auch den Gehalt der Partien einigermassen erfassen.

7. Es passiert eben

Natürlich ist diese letzte Erklärung rein statistisch. Zwischen etwa gleichwertigen Spielern ist Remis ein übliches Ergebnis, und dann gibt es manchmal lange Remisserien - wie auch viele entschiedene Partien in Serie. Zuletzt dominierte im Match Stockfish-Houdini insgesamt Stockfish und gewann mit 59:41 überzeugend. Zu einem Zeitpunkt gab es im Match 7 Entscheidungen in 9 Partien, zu anderen Zeitpunkten endeten 17 bzw. 14 Partien in Serie remis. Es gehört beim Schach dazu.

Jedenfalls kein Grund zur Sorge - in Runde 4 trifft Anish Giri auf Ding Liren Shamkir-Liveübertragung auf chess24 ab 13:00 MESZ

Siehe auch:


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