Berichte 20.04.2018 | 10:13von Colin McGourty

Shamkir, R1: Mamedyarov-Carlsen remis

Donnerstag endete der große Showdown beim Gashimov Memorial zwischen den zweimaligen Siegern Magnus Carlsen und Shakhriyar Mamedyarov anti-klimaktisch: nach einer scharfen Eröffnung wurden viele Figuren abgetauscht, es verflachte zum unvermeidlichen Remis. Die vier anderen Partien endeten ebenfalls Remis und waren dabei härter umkämpft. Vor allem in der sechsstündigen Partie Ding Liren-Wojtaszek war die chinesische Nummer 1 sehr nahe am Sieg, aber dann wurde er wieder Opfer seines Remisfluchs im Kandidatenturnier.

Alle Aufmerksamkeit für Mamedyarov-Carlsen zu Beginn des 5. Gashimov Memorials in Shamkir, Aserbaidschan | Foto: Turnierseite

Im Viewer unten findest Du die Paarungen von Shamkir Chess und kannst alle bisherigen Partien nachspielen:

Vor allem nach dem Rückzug von Vladimir Kramnik wollten alle in Shamkir vor allem eine Partie sehen, bereits in der ersten Runde war es soweit: Der Weltranglistenerste Magnus Carlsen traf auf die Nummer 2 in der offiziellen Liste Shakhriyar Mamedyarov, diese beiden Spieler hatten auch die vier bisherigen Auflagen des Turniers gewonnen. In der Pressekonferenz vor dem Turnier bezeichnete Magnus Shak als seinen Hauptrivalen "nach sowohl Elo als auch aktueller Form". Weniger politisch korrekt lokalen Fans gegenüber war seine Antwort auf die Frage, ob er während dem Kandidatenturnier jemals mit dem stärksten Azeri als Sieger und damit WM-Herausforderer rechnete:

‌Dachtest Du zu einem gewissen Zeitpunkt, dass Mamedyarov das Kandidatenturnier gewinnt und so Dein Herausforderer wird?

Carlsen: "Ehrlich gesagt dachte ich immer, dass Caruana gewinnen wird"

In Shamkir gewann Magnus die zwei Turniere 2014 und 2015, in denen beide mitspielten, und alle drei Partien gegen Mamedyarov [die erste Auflage war doppelrundig mit sechs Spielern]. Nun schien Mamedyarov wiederum gefährdet, nachdem Carlsen ihn in der Eröffnung überraschte.

Vladimir Fedoseev ist Mamedyarovs Sekundant | Foto: Turnierseite

Team Magnus besteht aus seinem Papa und Peter Heine Nielsen | Foto: Turnierseite

Das frühe 5…Sc6 in einem g3-Königsinder (statt zunächst 5…d6) war ein scharfer Versuch, zuletzt spielte so Peter Svidler gegen Alexander Grischuk beim Tal Memorial. Peter verdarb in dieser Partie eine Gewinnstellung, Magnus wich ab mit 8…e5 - ebenfalls scharf und zuvor von Angriffsspielern wie Baadur Jobava und Emil Sutovsky gespielt:


Leider wurde daraus direkt eine leblose Stellung. Nach 11 Minuten verzichtete Shak darauf, die gegnerische Vorbereitung nach der Hauptvariante 9.Nxd5 (so spielte Kirill Stupak vor kurzem und besiegte Sutovsky bei der Europameisterschaft) oder 9.Bg5 zu testen. Stattdessen wählte er die sichere Staubsauger-Variante 9.Sxe5 Sxc3 10.Sxc6 Sxd1 11.Sxd8 Txd8 12.Txd1 Txd4 13.Le3 Txd1+ 14.Txd1. Fast alle Figuren waren vom Brett verschwunden, aber die Spieler durften erst nach dem 40. Zug Remis vereinbaren. Generell sollte ein ruhiges Endspiel den Weltmeister bevorzugen, aber Magnus gab zu, dass er etwas unvorsichtig war:

Ich dachte, dass es auf lange Sicht vielleicht interessant wird und übersah 17.f4!, wonach ich vielleicht etwas schlechter stehe.

Magnus hat in den ersten vier Runden Schwarz gegen alle drei Azeris | Foto: Turnierseite

Es blieb allerdings undramatisch. Durch dieses Remis konnte Mamedyarov vorübergehend Platz 2 auf der Live-Eloliste mit Caruana teilen (einige Stunden später wurde Fabi durch einen Sieg wieder alleiniger Zweiter). Ob einer dieser Spieler Shamkir Chess zum dritten Mal gewinnt liegt nun daran, wie sie gegen die anderen Teilnehmer abschneiden.

Veselin Topalov wird bei einem seiner inzwischen seltenen Auftritte am Schachbrett von Silvio Danailov begleitet | Foto: Turnierseite

Die anderen Partien waren alle unterhaltsam, sogar das Berliner Endspiel in Topalov-Radjabov wurde lebendig. Bis 18.Sd4 folgte Veselin Topalov seinem Erzrivalen Vladimir Kramnik gegen Sergey Karjakin beim vor kurzem beendeten Kandidatenturnier (Kramnik spielte 18.Lg5 und hatte gewisse Gewinnchancen). Topalovs Stellung sah ebenfalls vielversprechend aus, aber am Ende hatte Weiß nur Dauerschach. 

Beim Kandidatenturnier half Giri Kramnik gegen Karjakin - nun spielte er gegen Karjakin | Foto: Turnierseite

Anish Giri spielte die 4.Dc2-Variante gegen Nimzo-Indisch und bezeichnete Sergey Karjakins 10…Sc6 als "etwas selten”:

Es ist eine theoretische Variante, aber leider war meine Vorbereitung hier etwas schludrig, ich hatte Details nicht parat.

In seiner Videoserie 4.Qc2 against the Nimzo-Indian [nur auf Englisch verfügbar] sagt Jan Gustafsson:

10…Sc6 ist für Schwarz spielbar, aber wird ein seltener Zug bleiben. Praktisch jeder und sein Hund spielt hier 10...Qa5, das ist der kritische Test.

Die Partie folgte Jans Empfehlungen, bis Anish nach 13…Dxd4 24 Minuten grübelte:


Hier empfiehlt Jan 14.Se2 Dxc5 15.Le4 mit leichtem weissem Vorteil, da der derzeit auf e8 stehende schwarze König nirgendwo sicher stehen wird. Giri entschied sich letztendlich für 14.Sf3!? Dxc5 15.0-0 und bald verbrauchten beide Spieler in einer extrem komplizierten Stellung viel Bedenkzeit. Giri wurde von 20…Da6!? überrascht und meinte dazu “Ich rechnete damit, dass Sergey lange nachdenkt, aber er machte sehr schnell [nach 8 Minuten] einen schlechten Zug". Aber wenn das ein Fehler war, gab Giri kurz danach das Kompliment zurück:


Er spielte 22.De3!? aber nach 22…Db6 23.Df4+ Dd6 24.De3 endte die Partie mit Remis durch Stellungswiederholung. Anish sagte, dass er direkt nach seinem Damenzug sah, dass Schwarz nach 22.Sb5! ernsthafte Probleme hätte, aber es war zu spät - er konnte diese Stellung nicht nochmals erreichen.

Dennis Khismatullin ist Karjakins Sekundant in Shamkir | Foto: Turnierseite

Nach der Partie sagte Giri, dass er nach der Geburt seines Kindes nun wieder mehr an seinem Schach arbeitet und beichtete “Die letzten beiden Jahre war ich wohl nicht so gut vorbereitet wie zuvor üblich”. Auf den Vorschlag von Ljubomir Ljubojevic, dass sportliche Fitness ein Grund für Carlsens Erfolge ist, meinte Sergey “Er gewinnt nicht, weil er in anderen Sportarten gut ist, er ist ein guter Schachspieler!”

David Navara zeigte gegen Rauf Mamedov stürmische Eröffnungsvorbereitung | Foto: Turnierseite

Die spektakulärste Partie des Tages war Navara-Mamedov, in der sizilianischen Drachenvariante opferte der Tscheche ohne zu zögern einen Läufer:


17.Lxf7+! - Navara hatte das Gefühl, dass er danach irgendwann ungenau spielte, aber es scheint, dass beide Spieler diese sehr scharfe Stellung präzise behandelten. Es folgte 17…Kxf7 18.Dg3 Lg7 19.fxg6+ hxg6 20.Lg5 Sc6:


21.Txf6+! Lxf6 22.Tf1 Sxd4 23.Lxf6 Dxf6 24.Txf6+ Kxf6 25.Dh4+ mit leichtem weissem Vorteil, aber dennoch scheint Remis ein gerechtes Ergebnis. Der Livekommentar ist kaum verfügbar, aber hier zeigt David einen Teil seiner Partie: 

Damit bleibt noch Ding Liren-Wojtaszek, in dieser Partie überraschte die chinesische Nummer 1 die polnische Nummer 1 im 9. Zug. Danach baute er eine Stellung auf, zu der Radek seine Strategie beschrieb mit "weiter spielen und beten".

Radek Wojtaszek wurde in der ersten Runde von Shamkir Chess 2017 83 Züge lang gequält, es war also zumindest keine neue Erfahrung für ihn | Foto: Turnierseite

Sowohl Menschen sahen Probleme für Schwarz…

Ding-Wojtaszek mag wie eine Festung aussehen, aber hier ist Schwarz in Zugzwang! (...Kd8 Lh7-g8 und nach ...Kf8 entscheidet der Schwenk zum Königsflügel Da1/a2)

…als auch der Sesse-Supercomputer:


Hier zahlte sich dann aus, dass Wojtaszek zäh und hartnäckig blieb: statt des siegbringenden 49.Ke2 spielte Ding Liren 49.Ke3 (ein Fragezeichen für diesen Zug wäre nach sechs Stunden in einem so trickreichen Endspiel streng). Nach 49…Dd8! konnte Schwarz einen Läufer und am Ende drei Bauern hergeben und hatte Dauerschach:

Erinnerungen an Berlin? Ding Liren war in einem extrem komplizierten Endspiel sehr nahe am Sieg gegen Wojtaszek, aber muss sich nun Remis akzeptieren

Immerhin ein hübsches studienartiges Ende der Partie

Die Partie zeigte wieder einmal, wie stark Ding Liren inzwischen ist (10 Elopunkte Rückstand auf top5), aber wird der Remisfluch aus dem Berliner Kandidatenturnier weitergehen?

Fast, aber Ding Liren konnte seinem Gegner nicht den Gnadenstoss versetzen | Foto: Turnierseite

In der zweiten Runde hat der Chinese Schwarz gegen Karjakin, Höhepunkt des Tages wird wohl Carlsen-Navara. Magnus will sicher mit Weiß gewinnen, und David Navara ist ein kämpferisch eingestellter Spieler, der sich selten vor einem Gegner versteckt.

Wiederum Shamkir-Liveübertragung ab 13:00 MESZ

Siehe auch:


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