Berichte 10.04.2019 | 11:17von Colin McGourty

Shamkir Chess, R9: Carlsen setzt seinem Turnier mit Sieg gegen Grischuk die Krone auf

Magnus Carlsen hat mit einem Sieg gegen Alexander Grischuk den Schlusspunkt unter ein perfektes Gashimov Memorial gesetzt und mit 7 aus 9 bzw. einer Elo-Leistung von 2990 höchste Maßstäbe gesetzt. Hinter ihm landeten Ding Liren und Sergey Karjakin mit zwei Punkten Rückstand auf dem geteilten 2. Platz. Grischuk meinte nach der Partie, sein Gegner habe bei seiner dritten Glanzpartie in Folge “unheimlich gut” gespielt. Mit seiner neuen Live-Elo von 2860,8 befindet sich Carlsen in Regionen, die vor ihm noch nie jemand erreicht hat, und kann seinem persönlichen Bestwert von 2889,2 vielleicht schon kommende Woche bei  den GRENKE Chess Classic näherkommen.

Weltmeister Magnus Carlsen bekam vom Turnier-Organisator und FIDE-Vize-Präsidenten Mahir Mammadov bereits zum vierten Mal den Siegerpokal überreicht | Foto: Turnierseite

Alle Partien vom Shamkir Chess 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video mit der Live-Übertragung der Schlussrunde mit dem Kommentar von Evgeny Miroshnichenko und allen Interviews mit den Spielern:

Paradoxie am Schlusstag

Ding Liren begnügte sich am Schlusstag mit einem schnellen Remis und wurde am Ende dank besserer Wertung Zweiter | Foto: Turnierseite

Nachdem Magnus Carlsen bereits eine Runde vor Schluss als Sieger feststand, konnte man Ding Liren die besten Chancen auf den 2.Platz einräumen, da er gegen einen enttäuschenden Anish Giri die weißen Steine hatte. 20 Minuten nach Rundenbeginn saßen die Spieler aber bereits nach einem Kurzremis in der Pressekonferenz, in der  Ding einräumte, dass er nach seiner siebenstündigen Gewinnpartie gegen Veselin Topalov am Tag zuvor nicht mehr in Kampfesstimmung war. Giri derweil hatte in Shamkir genug gesehen:

Nach der Partie habe ich zu ihm gesagt, dass ich meinen letzten Platz absichern wollte. Heute war nicht der Tag für mein Comeback!

Giri kann sich bereits in einer Woche bei den Shenzhen Masters in China rehabilitieren, wo er auf Ding, Yu Yangyi, Jakovenko, Harikrishna und Rapport trifft. Vor seiner Abreise fasste er die kommenden Ereignisse der Schlussrunde in Shamkir aber noch perfekt zusammen:

Die Paradoxie der heutigen Schlussrunde könnte sein, dass nur noch der Spieler in Kampfeslaune ist, der eigentlich gar nicht mehr kämpfen muss. Magnus wird der einzige sein, der wirklich auf Sieg spielt!

Wie von Giri vorhergesagt, endete auch Mamedyarov-Karjakin schnell remis, und obwohl bei Anand-Topalov und Navara-Radjabov etwas mehr gekämpft wurde, endeten die beiden Partien nach 31 bzw. 40 Zügen ebenfalls remis. Damit war die Bühne frei für die One-Man-Show.

David Navara war bescheiden wie immer, als er meinte, "Ich habe es nicht verdient, hier zu spielen, da es stärkere Spieler auf der Welt wie Vladislav Artemiev gibt", landete aber vor Giri und Mamedyarov | Foto: Turnierseite

Magnus in "herausragender" Form

Supergroßmeisterturniere kann man auf verschiedene Arten gewinnen. Im Vorjahr gewann Carlsen ebenfalls in Shamkir, doch damals endeten in den ersten drei Runden alle Partien remis. Am Ende gewann Magnus drei Partien gegen Wojtaszek, Topalov und Giri, doch keine davon hinterließ einen bleibenden Eindruck. In der letzten Runde einigte er sich in einer ereignislosen Partie auf ein Remis mit dem zweitplatzierten Ding Liren. Ein Jahr später bezeichnete Teimour Radjabov Carlsens Leistung als “herausragendes, absolut einzigartiges Schach”, und das sagte er, während die Partie Carlsen-Grischuk noch lief.

Alexander Grischuk war Carlsens drittes Opfer in Folge | Foto: Turnierseite

Der Weltmeister zeigte seinen Kampfeswillen mit dem Anti-Berlin-Zug 4.d3, anstatt in einer anderen Variante ein schnelles Remis anzusteuern.

„Von den vielen bewundernswerten Eigenschaften von Magnus Carlsen übertrifft sein Arbeitsethos alles. Er stand gestern bereits als Sieger fest und hatte schon mehrere „Glanzpartien“ gezeigt. Und trotzdem kämpft er in der letzten Runde weiter und behandelt jede Partie so, als ginge es um seinen WM-Titel.“ 

Die Partie verließ im 8.Zug die gewohnten Bahnen, wobei Carlsen hinterher meinte, dass “noch nicht viel passiert sei“. Beide Spieler bezeichneten 16…b5!? als großen Wendepunkt der Partie und Grischuk sah darin schon fast den entscheidenden Fehler: “Ich glaube, ich habe nur einen sehr schlechten Zug gemacht.”


Ein zunächst sehr hartes Urteil, da der Computer diesen Zug auf niedriger Rechentiefe favorisiert, doch die Partie zeigte eindrucksvoll, welche Schwächen er hervorrief – bis zur Schlussstellung, in der der Bauer auf a6 fällt.

Grischuk stand in der Pressekonferenz Rede und Antwort | Foto: Turnierseite

Grischuk hatte 17.Sb3! unterschätzt und verbrauchte 27 Minuten für den Versuch, eine gute Antwort zu finden, doch im Nachhinein funktionierte 17…Lxb3 18.Lxb3 Sg4!? einfach nicht. Magnus bezeichnete 28…c5?! als letzten Fehlgriff:

28…c5 verliert wegen 29.Le3 mehr oder weniger schon. Nach anderen Zügen ist die Stellung schwierig, aber vermutlich noch zu halten. 


Zum dritten Mal in Folge konnte Magnus ein starkes Bauernopfer bringen: 29…exf4 30.gxf4! Txe4. Laut Computer war 31.Lb1!? eine leichte Ungenauigkeit Magnus, denn nach 31…Te7 32.Tfe1 hatte Schwarz seine letzte Chance, in der Partie zu bleiben:


32…Sb8!, wonach der Springer im nächsten Zug nach c6 kommt, scheint alles zusammenzuhalten, obwohl Weiß dank des Läuferpaars auf jeden Fall weiterhin besser steht.  Stattdessen probierte Grischuk, der wie seine beiden Vorgänger ebenfalls in Zeitnot verkehrte, das mutige 32…f5?! 33.Lxf5 Sf6?! 34.Kf3! Sd5 (34…Sh5 scheitert an 35.Lxc5!), wurde aber von 35.Td2! unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt:

Hinterher meinte Grischuk:

Ich finde, Magnus hat heute unheimlich gut gespielt, denn mir war das alles nicht klar. Ich hielt es für schlecht, aber ich weiß es nicht, es gab Fesselungen und Gegenfesselungen und Mattnetze, und manchmal steht Schwarz gut und manchmal Weiß. Selbst nach 34…Sd5 dachte ich, dass ich zwar Probleme habe, aber 35.Td2 kam für mich völlig überraschend. Nach Td2 stehe ich klar schlechter, aber zum Beispiel nach Ld2, Schlagen auf e2 und Sc7 ist nicht viel los.

Grischuk verbrauchte seine restliche Bedenkzeit für 35…Td8 36.Le4 Ted7 37.Ted1 Sf6 38.Txd7 Sxd7 39.Td6 und gab dann mit 20 Sekunden auf der Uhr auf.

Auch Karjakin hatte nach 39 Zügen mit 21 Sekunden, während Giri bei der Ausführung seines 38.Zuges die Zeit überschritt!

Der spanische GM Pepe Cuenca hat sich die Partie genauer angesehen (auf Englisch):

Unterm Strich krönte dieser Sieg eine überragende Leistung des Weltmeisters:


Es ist schon eine Weile her, dass er eine ähnliche gute Elo-Leistung erzielte:

Am ehesten kann das Ergebnis vom Shamkir Chess 2015 mithalten, denn auch damals holte Carlsen +5 und besiegte einige große Namen: MVL, Mamedyarov, Kramnik, Caruana und Mamedov. Damals folgte aber Vishy Anand mit nur einem Punkt Rückstand, während der Abstand dieses Mal 2 Punkte betrug:

2015 verbesserte sich Magnus in Shamkir auf eine Elo von 2863, während er ein Jahr zuvor am selben Ort seinen Elo-Rekord von 2889,2 mit einem Sieg gegen Hikaru Nakamura aufgestellt hatte. Diese Bestleistung ist auch weiterhin der Weltrekord!


Beim GRENKE Chess Classic, das am 20. April (Karsamstag) beginnt, geht der Weltmeister aber noch mit einer offiziellen Elo von 2845 an den Start. Gegen eine weitere Verbesserung werden Spieler wie Fabiano Caruana, Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian aber sicher etwas einwenden wollen:


Jan Gustafsson wird dann nach seinem Auslug nach Thailand gemeinsam mit Peter Leko live aus Karlsruhe bzw. Baden-Baden kommentieren.

Bis dahin darf Carlsen sich aber im Ruhm eines wirklich großartigen Turniers sonnen. Bei der Schlussfeier meinte er: „Das war eines der besten Turniere, das ich je gespielt habe, sowohl vom Ergebnis als auch von der Qualität meines Spiels.“

Was braucht man, um an der Spitze zu bleiben und immer besser zu werden? Der Mann hat es vor zehn Tagen selbst gesagt: „Man muss mit dem Spiel verheiratet sein.“ 

Radjabov bezeichnete es als Privileg, an so einem Turnier teilnehmen zu dürfen, doch es ist auch ein Privileg, ein solches Turnier zu verfolgen und darüber zu schreiben. Wir hoffen, die Berichterstattung hat euch gefallen und ihr seid auch bei den nächsten Turnieren hautnah dabei.

Weitere Links:


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