Berichte 08.04.2019 | 10:57von Colin McGourty

Shamkir Chess, R7: Carlsen gelingt Glanzpartie gegen Giri

Magnus Carlsen hat nach einer brillanten Partie gegen Anish Giri in der 7.Runde die Führung beim Gashimov Memorial in Shamkir übernommen. In einer scheinbar ruhigen Stellung opferte der Weltmeister einen Bauern für Angriff, der sich schnell als durchschlagend erwies. Giri gelang es zwar, eine Kurzpartie zu vermeiden, doch bevor er im Endspiel verloren hätte, überschritt er die Zeit. Die anderen vier Partien endeten recht ereignislos remis, womit die Partie Karjakin-Carlsen am heutigen Montag von vorentscheidender Bedeutung ist.

Magnus Carlsen ist so langsam wieder der Spieler, der ihm vor drei bis vier Jahren so gut gefallen hat! | Foto: Turnierseite

Alle Partien des Gashimov Memorials in Shamkir könnt ihr nachspielen:

Und hier das Video von Live-Übertragung mit allen Spielerinterviews. Evgeny Miroshnichenko hat nach seiner Ankunft in Shamkir mittlerweile das Mikrofon von Arkadij Naiditsch übernommen und wird die restlichen Runden live kommentieren:

Carlsen 1-0 Giri: Die Partie des Jahres?

Es hat fünf Jahre gedauert, bis Magnus seine negative Bilanz gegen Giri korrigieren konnte, aber mit zwei Gewinnpartien bei den letzten beiden Austragungen von Shamkir Chess liegt er nun mit 3:1 Siegen vorn | Foto: Turnierseite

Historisch gesehen, zählt Anish Giri zu den härtesten Gegnern von Magnus Carlsen, daher dürfte dessen Sieg gegen die niederländische Nummer 1 besonders schön für ihn gewesen sein. In der Eröffnung deutete allerdings noch nichts auf die Dramatik hin, die sich später entwickeln sollte. Magnus spielte Englisch (1.c4), und beide Spieler waren sich einig, dass Giris Entscheidung, im 14.Zug die Springer abzutauschen, völlig normal aussieht. 16.Dh5 war das erste Anzeichen, dass Weiß in dieser Partie ernsthafte Ambitionen haben könnte, und nach 16…c6 ging plötzlich die Post ab:


17.f4! war eine unliebsame Überraschung für Giri, dessen Zug 15…Lc5-d6 sich gegen einen anderen Vorstoß gerichtet hatte:

Im Nachhinein war Ld6 kontraproduktiv. Ich bereitete mich auf d4 vor, und dann kam f4!

Danach ging alles ganz schnell. Angesichts der weiteren Entwicklungen hätte Giri lieber 17…f5 gespielt, doch es folgte 17…exf4 und nach 18.gxf4 traf er eine fatale Entscheidung:

“Magnus Carlsens 17.f4!! exf4 18.gxf4! gegen Anish Giri war ein grandioses Konzept, bei dem er das Schlagen eines Zentrumsbauern mit Schach zuließ, um überlegenes Figurenspiel und starken Königsangriff zu bekommen. Hier entsteht eine klassische Kurzpartie.“

Giri akzeptierte mit 18…Dxe3+ das Bauernopfer und merkte an, “Ich habe gesehen, dass das vermutlich nicht funktioniert, aber die Verzweiflung war an dieser Stelle schon groß“. Zur Überraschung der Spieler behauptet der Computer allerdings, dass für Schwarz nach 18…Kh7! alles in Ordnung ist, während Giri die Stellung “als strategisch verloren” einstufte.

Magnus spielte 19.Kh1, und ein französischer GM, der die Partie verfolgte, sah Parallelen zu Carlsens schönem Sieg gegen Richard Rapport in Wijk aan Zee zu Beginn dieses Jahres.   

„Genau, stell deinen Läufer nach c3, opfere den e-Bauern, öffne die g-Linie und setz Matt. Hab's verstanden.“

Der Unterschied zu der damaligen Partie ist allerdings, dass Carlsen damals den e-Bauern eingestellt und eine unfreiwillige Glanzpartie gespielt hatte, mit der er nicht zufrieden sein konnte. Dieses Mal geschah alles mit voller Absicht, und 19…Td8 war bereits der Verlustzug. Mit dem hässlichen 19…f6! hätte Schwarz tatsächlich noch einige Überlebenschancen gehabt, doch nach 20.Tce1 Dc5 21.f5! in der Partie konnte Giri nur noch auf die Gnade seines Kontrahenten hoffen:

"Magnus schleudert den Gewinnzug 21.f5! aufs Brett."

Nun ist es für 21…f6 zu spät, da darauf entscheidend 22.Lxf6! folgen würde. In der Partie folgte 21…Lf8 22.Le4 Td5 (Giri wollte wenigstens kämpfen!) 23.Tf3 b5 24.Tg1 Ta7 25.Lf6!

“Mittlerweile kann Giri sich nur noch aussuchen, wie er untergehen will!”

Wenn Schwarz nichts macht, erhöht Weiß einfach den Druck auf der g-Linie, daher Giri spielte 25…g6. Hier hätte Magnus bereits entscheidend mit 26.Dxg6+! durchbrechen können, doch stattdessen spielte er bereits nach 18 Sekunden 26.Dh3, wonach Giri nur noch 3 Minuten auf der Uhr hatte (Carlsen hatte 28). Nach 26…Td6 hatte der Weltmeister zum letzten Mal die Chance, die Partie mit einem taktischen Schlag zu gewinnen:


Magnus meinte hinterher, dass er 27.d4! zum Laufen bekommen wollte – was auch tatsächlich funktioniert hätte! – räumte aber ein, “Ich konnte nicht alle Varianten berechnen”. Dabei hätte er tatsächlich leicht fehlgreifen können. Zum Beispiel nach 27.d4 Txd4 28.fxg6 Txe4:


Wie ihr seht, gewinnt hier nur 29.Dxc8! sicher die Partie, während das plausible Schlagen mit Schach auf f7 den Gewinn womöglich vergibt.

In der Partie entschied sich Magnus für eine laut Giri “recht prosaische” Variante mit Damentausch, die Carlsen sogar als „extrem prosaisch“ bezeichnete: 27.Dh4 Txf6 28.Dxf6 Le7 29.Dxc6 Dxc6 30.Lxc6 Kg7 31.fxg6 fxg6 32.d4:


Weiß hat eine glatte Qualität mehr, einen Freibauern und eine sichere Königsstellung, doch mit mehr Bedenkzeit hätte Giri vielleicht einen Zug wie 32…Lf6! gefunden und seinen Gegner wenigstens vor ein paar technische Probleme gestellt – wobei Carlsens Technik durchaus für einen weißen Sieg gesprochen hätte. Stattdessen spielte Anish mit weniger als einer Minute auf der Uhr pseudoaktive Züge, die das Ende beschleunigten: 32…a4?! 33.d5! b4?! 34.Le8! (ein Zug, der mit d5 vorbereitet werden musste, damit Schwarz nicht Lb7 hat) 34…Lg5 (es gibt keine andere Wahl, da 34…g5 an 35.Rf7+! scheitert) 35.h4 und die Partie war entschieden, obwohl es Giri gelang, noch vier weitere Züge zu machen, bevor er die Zeit überschritt:

„Magnus Carlsen gewinnt auf Zeit gegen Anish Giri nach einer brillanten, wenn nicht gar fehlerlosen Partie, in der er sein ganzes Können zeigte!“

Der spanische Großmeister Pepe Cuenca hat die Partie auf Englisch für euch analysiert!

Nachdem es zu Beginn des Jahres noch so aussah, als ob Magnus womöglich den ersten Platz in der Weltrangliste einbüßen könnte, liegt er nun mit 2853,1 genau 36,7 Elo-Punkte vor Fabiano Caruana.

In Shamkir liegt Magnus nun einen halben Punkt vor Karjakin und 1,5 Punkte vor dem restlichen Feld, wodurch ihn bei zwei abschließenden Remis nur noch Karjakin überholen kann. Da die beiden in der 8.Runde gegeneinander spielen (Karjakin hat Weiß) hat der Russe allerdings sein Schicksal in der eigenen Hand!

Nichts lenkt von der Partie des Tages ab

Die anderen Partien der 7. Runde in Shamkir verblassten im Vergleich zu dieser Glanzpartie. Anand-Grischuk war als erste Partie beendet, nachdem der Russe mit seiner Neuerung im 15.Zug einer Anti-Berliner-Verteidigung (15…Sc5 statt 15…Sf6, was Karjakin, Harikrishna und Giri gespielt hatten) das Remis erzwang.

Diese Partie konnte beiden Kontrahenten nicht die gute Laune verderben | Foto: Turnierseite

Navara-Karjakin war aus tabellarischer Sicht eine wichtige Partie, doch zum Pech von Sergey Karjakin konnte David Navara ein Bauernopfer bringen, das zwar “nichts Besonderes war, dafür aber recht neu”. Die Partie war voller kleiner taktischer Tricks:


Hier zum Beispiel sieht es so aus, als könnte Schwarz eine Figur gewinnen, doch auf 17…Dxb5 18.Dxb5 Txb5 folgt 19.Lc6! Stattdessen spielte Karjakin 17…Sxe5 18.Lf4 Lf6, wonach der Computer mit 19.Sd6! lässig den Bauern auf b2 opfert. In der Partie wurde nach 19.Sc3 Lb7! bald die Friedenspfeife geraucht.

Auf dem Papier sah es so aus, als könnte Karjakin den ersten Platz angreifen, doch Navara hatte alles im Griff| Foto: Turnierseite

Radjabov-Topalov war eine komplizierte und zeitweilig spektakuläre Schottisch-Partie, doch offenbar kann nichts und niemand Radjabovs Remisserie in Shamkir stoppen, die mittlerweile schon 24 Partien umfasst. Seit seinem Sieg gegen Carlsen 2014 hat er sogar 39 Partien hintereinander nicht dort gewonnen.

Radjabov vermeidet es, Topalovs Sakko anzuschauen | Foto: Turnierseite

Mamedyarov-Ding Liren war die längste Partie des Tages. Mamedyarov überraschte Ding bereits nach sechs Zügen mit einer Eröffnungsvariante, die er sonst nur in Blitzpartien gespielt hatte.

Ding Liren ist einer der Spieler mit 50%, die nur noch geringe Chancen auf den Turniersieg haben  | Foto: Turnierseite

Die Spieler waren sich hinsichtlich der Stellungsbewertung uneins, doch gerade als es so aussah, als ob die Stellung in ein langweiliges Remisendspiel münden würde, erwachte sie noch einmal zum Leben. Das Ende war studienartig:


Weiß würde verlieren, wenn er nicht 37.g4! hxg3 38.h4! Kd5 39.Kf3 Kc6 40.Kxg3 a5 41.bxa5 b4 hätte: 


Erneut hat es Weiß eilig! 42.h5! gxh5 43.f5 und beide Spieler holten sich eine neue Dame. Selbst am Ende gab es noch Nuancen:

Mamedyarov erklärte hinterher, dass er bei einem Damentausch auf b5 verliert, während Dxc5 remis ist. Am Ende wurden die Züge wiederholt. Mamedyarov meinte zudem, dass es auch für einen Schachprofi wie ihn schwer sei, sich von der verlorenen Gewinnstellung gegen Anand in Runde 3 zu erholen. Er bezeichnete diese Partie als „eine der interessantesten in meinem Leben“.

Trotz seines recht schwachen Abschneidens hat Mamedyarov immer noch viele Fans | Foto: Turnierseite

Mamedyarov ist aber nicht Letzter, da Giri sogar -3 hat, während Magnus Carlsen kurz vor dem Turniersieg steht:


Die interessanteste Partie der vorletzten Runde ist natürlich Karjakin-Carlsen. Mit einem Remis hat der Weltmeister einen Stichkampf um den Turniersieg sicher, daher müsste Karjakin eigentlich auf Gewinn spielen (in der letzten Runde hat er gegen Mamedyarov Schwarz). Wird er es auch tun?

Die Antwort erfahrt ihr ab 13:00 Uhr live auf chess24!

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