Berichte 07.04.2019 | 19:18von Colin McGourty

Shamkir Chess R6: Karjakin schlägt Anand

Sergey Karjakin blitzte die ersten 37 Züge seiner Vorbereitung und überspielte dann Vishy Anand in einem Endspiel. Damit holte er den Führenden Magnus Carlsen beim Shamkir Chess Turnier bei drei noch zu spielenden Runden ein. Ganze sechs Spieler sind mit 50% und einem Punkt Abstand hinter den beiden, unter anderem Veselin Topalov. Er gewann aufgrund eines Patzers von Shakhriyar Mamedyarov, der außer Form ist. Magnus Carlsen gab zu, gegen Ding Liren  "nur versucht zu haben, zu überleben", nachdem ihm die Eröffnung missglückt war. Er fand eine "sehr, sehr häßliche", aber ausreichende Lösung für seine Probleme.

Die Ankunft von Karjakins Familie in Shamkir zu Beginn der Runde gab ihm einen Schub | Foto: Turnierseite

Alle Partien vom Turnier in Shamkir kannst du nachspielen, indem du auf eine der folgenden Partien klickst:

Und hier gibt es den Live-Kommentar, der auch die Interviews mit den Spielern nach den Partien enthält:

Karjakin 1-0 Anand: Fabi hat viele Fragen zu beantworten

Radjabov beobachtet die Partie, die zur Partie der Runde werden sollte | Foto: Turnierseite

Vishy Anand wird sich mittlerweile wünschen, dass er sich nicht für die ‌10...Td8-Variante des abgelehnten Damengambits entschieden hätte, mit der Fabiano Caruana einmal Magnus Carlsen in der zweiten Partie ihres WM Matches in London überrascht hatte. Als Vishy es in der zweiten Runde gegen Magnus spielte, entschied sich der Weltmeister dazu, das zurückhaltende 11.Le2 zu wiederholen und gewann, auch wenn beide Spieler sich einig waren, dass das entstehende Endspiel ausgeglichen sein sollte. In Runde 6 spielte Sergey Karjakin jedoch das prinzipielle 11.Nd2, das Aronian zuletzt in einer Schnellschachpartie gegen Caruana bei den London Chess Classic nach dem WM-Match ausprobierte.

Auch wenn die Spieler eine etwas andere Zugfolge wählten, kamen sie schlussendlich in die exakt gleiche spektakuläre Variante, in der Schwarz ein langfristiges Figurenopfer bringt. Erst mit dem 31. Zug bekamen wir dann endlich einen neuen Zug:

chess24: 31.c5 ist schlussendlich die Neuerung in Karjakin-Anand! Aronian spielte 31.Txf4 vs. Caruana.

Sergey merkte an, dass die Hauptvariante des Computers keinen wirklich schocken würde, aber seine Vorbereitung fing hier gerade erst an, während er merkte, dass sein Gegner sich bereits zu sehr entspannte:

Vermutlich unterschätzte Vishy, dass Weiß hier immer noch weiterspielen kann und die Partie noch nicht vorbei ist.

Sergey hat die Stellung offensichtlich tief analysiert und merkte sofort, als der ehemalige Weltmeister damit anfing, seine Figuren auf schlechte Felder zu stellen. Er hatte das Gefühl, dass Vishy zwei wirklich Fehler in Folge machte, beginnend mit 36…Sc6?!:


Das erlaubte es Karjakin, seinen Spring zurück in die Partie zu bringen mittels 37.Sf3!, und dann 37…Tc8?!, wonach sich Schwarz in einer passiven Verteidigungsstellung nach 38.Te6 befand. Sergey schlug stattdessen 37...Tb8 vor, um den Turm anschließend aktiv auf b6 zu platzieren. 40…h5!? war ein anderer Zug, den er fragwürdig fand, und obwohl beide Spieler unsagbar viel Zeit auf der Uhr hatten, wurde es immer unangenehmer für Vishy, bis er einen Bauern im 52. Zug verlor und er entschloss, die Partie aufzugeben:

chess24: Sergey Karjakin holt den Führenden Magnus beim Shamkir Chess Turnier ein, nachdem Vishy Anand genug gesehen hat und die Partie in einem trostlosen Endspiel aufgab.

Vishy hat die Eigenheit, sein Leiden in solchen Stellungen schnell zu beenden. Dazu sagte Karjakin:

Es ist nicht vollkommen verloren, aber natürlich sollte es prinzipiell verloren sein... Ich hatte erwartet, dass er noch ein paar Züge spielt.

Der spanische Großmeister Pepe Cuenca schaut sich die Partie hier im Detail an:

Es war ein ganz wichtiger Sieg für Karjakin, weil er bis dahin vor der Runde mit Anand auf dem geteilten zweiten Platz gelegen hatte und er nun Magnus in der Führung eingeholt hat. Er hat exzellente Chancen, um den Turniersieg zu spielen, denn in der nächsten Runde spielt er gegen David Navara und hat dann in Runde 8 Weiß gegen Magnus.

Topalov 1-0 Mamedyarov: Wo ist Shak?

Nach einige Jahren, in denen Shakhriyar Mamedyarov stabil Leistungen über 2800 ablieferte, hatte er einen miserablen Start in das Jahr 2019. In 13 Partien in Wijk an Zee konnte er nicht eine einzige gewinnen und verlor zwei. Und jetzt hat er in Shamkir innerhalb von sechs Partien bereits zwei verloren, ohne einen Sieg zu erzielen. Sein einziger Sieg in einer klassischen Partie dieses Jahr war in der Bundesliga gegen Sam Shankland. 

Es wird wohl dieses Jahr nicht Mamedyarovs Jahr in Shamkir werden | Foto: Turnierseite

Es hätte natürlich ganz anders kommen können, wenn er seinen gewinnträchtigen Vorteil gegen Vishy Anand in Runde 3 verwertet hätte, doch stattdessen patzte er zweimal kurz vor Erreichen der Zeitkontrolle. Eine ähnliche Geschichte ereignete sich in Runde 6, nur dass es dieses Mal lediglich eines Aussetzers bedurfte, um die Partie gegen Veselin Topalov zu verlieren. 29…Qc5? war ein fataler Fehler (29…De7! und die Stellung ist ausgeglichen):


Shak hatte gesehen, dass 30.Tac1 in 30...Tc4! läuft, wonach Weiß gezwungen ist, die Dame aufzugeben (31.De2? scheitert natürlich an 31...Txc1), aber er übersah, dass nach 30…Tdc1!, wie in der Partie gespielte wurde, 30…Tc4 nun mit 31.Dd1! beantwortet wird, eine Option, die Weiß mit dem Turm auf d1 nicht hätte. Solch taktische Nuancen kann man natürlich leicht übersehen, aber Mamedyarov hatte noch über eine Stunde auf der Uhr, als er den Verlustzug spielte.

Topalov kam mit diesen Sieg sofort wieder zurück, nachdem er noch in der Runde zuvor gegen Alexander Grischuk vor dem Ruhetag verloren hatte, wonach er nun wieder bei 50% steht, zusammen mit fünf weiteren Spielern. Mamedyarov, der zweimalige Gewinner des Shamkir Chess Turniers und die Nr. 5 der Welt, ist zusammen mit Anish Giri, der Nr. 4 der Welt, geteilter Letzter!

Giris verbleibende Gegner sind die Nummern 1, 5 und 3 der Welt - keiner sagte, dass es ein Zuckerschlecken werden würde! | Foto: Turnierseite 

Die restlichen Partien am Samstag endeten in Shamkir remis, wobei Giri-Navara nie wirklich in Fahrt kam. David Navara sagte dazu, "der wichtigste Moment war, dass dieses Mal meine Vorbereitung gut war", auch wenn die Einschätzung der Eröffnung davon abhängte, ob Weiß im zwölften Zug sicher einen Bauern auf b7 verspeisen konnte:


Computer sind der Meinung, dass es möglich war, während nach 12.Se5 Db6 Schwarz bereits mehr als annehmbar stand, bis die Partie dann durch eine Zugwiederholung im 26. Zug remis endete.

Wie du sehen kannst, war die Partie anstrengend | Foto: Turnierseite

Alexander Grischuk beschrieb seine Stellung gegen Teimour Radjabov als “einfach super für Weiß” nach 15.Da4, aber in der Nachbetrachtung hätte er sich vielleicht damit beeilen sollen, seinen Bauern zurück zu kriegen, indem er zweimal auf c6 nimmt. Teimour ergriff sofort die Chance auf aktives Gegenspiel:


20…h5! und g5 sowie g4 folgten alsbald. Die Partie kam einen Thriller gleich, denn beide Spieler hatten nur noch 5 Minuten auf der Uhr und mussten noch 10 Züge bis zur Zeitkontrolle machen, als plötzlich die Stellung nach einer Reihe von Abtauschaktionen und schlussendlich einer Zugwiederholung exakt im 40. Zug versandete.

Lass dich nicht von Bildern täuschen. Der 78-jährige Schiedsrichter Faik Gasanov gab sein Bestes beim Fußball am Ruhetag!| Foto: Turnierseite

Einige Ausschnitte des Fußballs am Ruhetag kannst du hier sehen:

Und zuletzt gab es noch Ding Liren-Carlsen. Die chinesische Nummer 1 hat bereits fünf klassische Schachpartien gegen Magnus gespielt, die alle Remis endeten. Und bei ihrem Aufeinandertreffen im European Club Cup 2018 war Ding ganz nah dran am Sieg. Zuerst sah es in Shamkir 2019 so aus, als ob wir ein ödes Remis sehen werden, ähnlich wie in der letzten Runde des gleichen Turniers 2018. Aber Magnus sagte dazu im Anschluss:

Ich habe direkt nach der Eröffnung eine knifflige Stellung bekommen. Ich weiß nicht, was schief lief, aber es wurde ein wenig unangenehm. Ich glaube, die Gefahr dieser symmetrischen Stellung liegt darin, dass das eine Mehrtempo manchmal ein großer Faktor sein kann. Man sieht das ja auch häufig im Abtausch-Slawen - entweder ist es ein klares Remis, oder, wenn Schwarz das Remis nicht forcieren kann, dann ist es typischerweise ein wenig unangenehm. Wenn du die einzige offene Linie kontrollierst, dann stehst du gut.


Der Läufer von b4 kontrolliert das Feld b8 und der Bauer a7 ist in ständiger Gefahr. Wenn Schwarz zu passiver Verteidigung, bspw. mit 25...Ta8 gezwungen ist, konnte Magnus keinen Ausgleich entdecken. Aber er fand eine bessere Idee (eine, die er mit 23...Te8! vorbereitet hatte): 25…e5!

Ich habe nur versucht zu haben, zu überleben und ich war glücklich, diesen ...Te8-Zug schlussendlich gefunden zu haben. Offensichtlich ist es sehr, sehr hässlich, in eine Turmendspiel mit Minusbauer abzuwickeln, aber ich konnte einfach nicht sehen, was ich zu diesem Zeitpunkt sonst hätte tun können, und davon abgesehen glaube ich nicht, dass ich auf andere Weise Ausgleich erreichen kann.

Ding Liren stimmte zu, dass das Turmendspiel nach 26.dxe5 Lxe5 27.Lxe5 Txe5 nicht mehr als ein Remis ist, sodass er sich für 27.Td3 Lxf4 28.gxf4 entschied. Aber selbst wenn es hier noch praktische Chancen geben würde, wäre Magnus wohl der Letzte, gegen den man erwarten könnte, diese in einen vollen Punkt zu verwandeln. Die Partie endete dann nach 39 Zügen mit Remis.

chess24: Es sah für eine ganze Weile gefährlich für den Weltmeister aus, aber Ding Liren - Carlsen endet unentschieden!

Damit bleibt Sergey Karjakin Magnus' Hauptrivale. Das ist etwas, dass wir in klassischen Schach seit ihrem WM-Match in 2016 selten gesehen haben:







Runde 7 kann eine ganz wichtige Runde werden, denn Navara-Karjakin und Carlsen-Giri sind beides Partien, in denen die Führenden gute Chancen auf den Sieg haben. Magnus wird hoffen, dass diese Partie keine ist, in der Schwarz den ersten Zug macht... Schalt ein, die Action beginnt um 13:00 Uhr MEZ, live hier auf chess24!

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