Berichte 05.04.2019 | 08:49von Colin McGourty

Shamkir Chess, R5: Anand verbessert sich mit Sieg gegen Giri auf Platz 2

In der fünften Runde des Gashimov Memorials in Shamkir zeigte es Vishy Anand wieder einmal allen Zweiflern und holte sich mit einem Sieg gegen Anish Giri den zweiten Skalp eines Top-5-Spielers. Damit liegt er auf dem zweiten Platz und hat einen halben Punkt Vorsprung auf Ding Liren, der gegen David Navara verlor. Beim großen Duell zwischen Carlsen und Mamedyarov kam es zu einem umkämpften Remis, während Alexander Grischuk die Stärke des Läuferpaars nachwies und nach langem Kampf Veselin Topalov in die Knie zwang. Er fasste die Partie mit den Worten zusammen: „Im Grunde zeigt diese Partie, wie schwach die Menschen spielen.“

Kein Entkommen für Giri gegen Anand | Foto: Turnierseite

Alle bisherigen Partien aus Shamkir könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video mir der Live-Übertragung von Runde 5, die erneut von Arkadij Naiditsch kommentiert wurde:

Die einzige Partie, die wir in der Einleitung nicht erwähnt haben, ist Radjabov-Karjakin. In einem Katalanen gelang es dem Aseri zwar, Karjakin zu überraschen, das änderte aber nichts daran, dass Radjabov in Shamkir zum 22.Mal in Folge remis spielte. 

Karjakin wírkte entspannt | Foto: Turnierseite

In der Partie gab es durchaus einige interessante Momente, obwohl die Spieler in der Pressekonferenz alles taten, um jegliches Interesse im Keim zu ersticken. Nach dem Hinweis, die Partie des Tages erst einmal mit dem Computer überprüfen zu wollen, antworteten sie auf die Frage, welche Erwartungen sie mit den nächsten vier Runden verbinden:

Radjabov: Keine Erwartungen, ich spiele einfach Partie um Partie…

Karjakin: Ich möchte auch das Turnier zu Ende spielen. Ich werde einfach von Partie zu Partie schauen.

Wenig später war auch Carlsen-Mamedyarov beendet, aber diese Partie verlief deutlich lebhafter. Die Erwartungen an dieses Duell waren hoch, schließlich trafen die beiden einzigen bisherigen Sieger des Gashimov Memorials aufeinander - Magnus Carlsen 2014, 2015 und 2018 bzw. Shakhriyar Mamedyarov 2016 und 2017.

FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich führte den ersten Zug der 5. Runde aus | Foto: Turnierseite

Mamedyarov überraschte den Weltmeister mit der Tarrasch-Verteidigung (1.c4 e6 2.Sc3 d5 3.d4 c5 – oder mit 1.d4) und brachte diesen schon im 4.Zug zum Nachdenken. Magnus meinte hinterher, “Ich wurde von der Eröffnung überrascht, war aber nicht sonderlich enttäuscht, da ich eine spielbare Stellung bekam”. Allerdings war er mit einigen Zügen, die dem Schwarzen aktives Spiel ermöglichten, weniger zufrieden:


Hier wurde Mamedyarov mit 18…h5! 19.Sa4 h4 offensiv, und Arkadij Naiditsch merkte an, dass sich Magnus sich nicht besonders wohlfühlt, wenn er direkt angegriffen wird (aber wer tut das schon!?). Nach 24.De1 war die Spannung auf dem Siedepunkt:

"Der Computer zeigt immer 0,0 an, aber Carlsen-Mamedyarov ist ein faszinierender Kampf auf beiden Seiten des Bretts." 

Naiditsch wollte das Bauernopfer 24…g5!? 25.Dxb4 sehen, um der Dame den Schwenk auf die h-Linie zu ermöglichen. Danach hätte sich ein spannender Kampf entwickelt, in dem Schwarz immer ausreichende Kompensation, aber nicht mehr gehabt hätte. Die Partiefolge 24…hxg3 25.hxg3 Se4! dagegen erzwang Vereinfachungen. Schlägt Weiß den b-Bauern, folgt 26…Sxg3!, während Weiß nach 26.Sxe4 Lxe4 27.Lxe4 dxe4 28.Ta5! alles gedeckt hat und die Partie nach 37 Zügen remis endete.

Damit ist Magnus im Live-Rating wieder unter 2850 gerutscht, führt das Turnier am Ruhetag aber weiterhin an. War er zufrieden?

Es geht ein wenig auf und ab bei mir. Das Ergebnis ist sehr gut – ich liege zumindest geteilt in Führung. Heute bin ich aber nicht sehr zufrieden. Das Resultat ist in Ordnung, aber mein Schach war nicht besonders gut. Ich werde daher versuchen, mich am Ruhetag zu erholen und danach wieder anzugreifen. Der Zwischenstand ist gut für mich, daher kann ich mich nicht beschweren.

Magnus am ehesten auf den Fersen sind Karjakin, der in Runde 2 gegen Anish Giri gewann, und Vishy Anand, der denselben Gegner in Runde 5 besiegte.

Anand 1:0 Giri: Schnelle Eskalation

Sowohl nach Anand-Giri als auch nach Grischuk-Topalov stand der unterlegene Spieler in der Pressekonferenz Rede und Antwort | Foto: Turnierseite

Vishy Anand wählte mit 4.d3 die Anti-Berliner-Variante, war mit dem anfänglichen Verlauf aber nicht zufrieden:

Die Eröffnung ist nichts Besonderes. Objektiv ist die Stellung vermutlich ausgeglichen, weil das Läuferpaar die weißen Zentrumsbauern wohl aufwiegt, aber aus praktischer Sicht hat es Schwarz deutlich leichter, da Weiß überall aufpassen muss.

Beide Spieler hatten aber den Eindruck, dass sich das Kräfteverhältnis nach 20…Dh5?! (Giri schlug 20…h6 vor) verlagerte:


Giri meinte zu 21.Lc7!, “Ich hatte diesen sehr wichtigen Zug übersehen” der, wie er meinte, “Weiß sehr viel einbringt”. Vishy stimmte zu und merkte an, dass Schwarz nun nicht mehr das Feld d8 für seine Türme hat, während er selbst seinen Läufer nach b6 stellen kann, um d4 zu decken. Ein Fehler kommt jedoch selten allein, und nach 21.Td7 22.Lb6 Lb4?! stellte Giri fest, dass er 23.Se1! ebenfalls übersehen hatte: 


Man sieht es nicht sofort, aber beide Spieler hatten hier bereits den Eindruck, dass Schwarz auf Verlust steht, denn Weiß steht mit f2-f4-f5-e5 ein extrem gefährlicher Plan zur Verfügung. In der Partie spielte Giri nach f4 selbst f5, doch g4 erwies sich im richtigen Moment als kritisch. Schwarz hätte zwar noch mehr Widerstand leisten können, doch letztlich fand die Partie ihr logisches Ende:

Vishy meinte hinterher, “Ich war selbst ein wenig überrascht, wie gut ich auf einmal stand.“ Damit hat sich der Inder, der dieses Jahr 50 wird, aktuell durch Siege gegen die Nummer 4 und 5 der Welt auf Platz 6 in der Weltrangliste verbessert. Auf die Frage, wie lange man im Alter mithalten könne, verwies Vishy auf Spieler wie Vassily Ivanchuk und Boris Gelfand und scherzte über Vladimir Kramnik:

Vladdy hätte meines Erachtens durchaus noch weitermachen können. Mit ein bisschen weniger Optimismus wäre alles in Ordnung gewesen.

Die vermutlich größte Überraschung des Tages war aber sicher die Niederlage von Ding Liren. 

Navara 1-0 Ding Liren: Kein Grund sich zu entschuldigen

Grischuk verfolgt die Anfangsphase der Partie Navara-Ding Liren | Foto: Turnierseite

Nachdem Ding Lirens Serie von 100 Turnierpartien ohne Niederlage letztes Jahr von Maxime Vachier-Lagrave in Shenzhen beendete wurde, knüpfte der Chinese bis gestern nahtlos daran an:

"28 Partien ungeschlagen: die letzten drei Runden beim Shenzhen Masters 2018, alle dreizehn Partien beim Tata Steel, acht Partien bei der Mannschafts-WM 2019 und die ersten vier Runden in Shamkir."

Mit dieser Bilanz ging es ins Duell mit David Navara, bei dem die Anti-Meraner Variante zur Debatte stand, mit der bereits Anand im WM-Kampf 2008 zweimal Kramnik als Schwarzer bezwungen hatte. Vishy spielte damals 14…Lb7, während Ding 14…b4 zog:


An dieser Stelle entschied sich Navara für das seltener gespielte 15.Lf4 (15.Td1 führt zur Hauptvariante), und nach 22 Miinuten antwortete Ding Liren mit 15…h5!?.

Navara meinte hinterher, “h5 überraschte mich, und ich wurde sehr optimistisch - zu optimistisch!”, und tatsächlich erhöhte Liren seine Schlagzahl und fand einige Züge, die auch der Computer bevorzugt. Hätte er mit 20…Dc6 solide weitergespielt, hätte ihm vermutlich wenig passieren können, doch stattdessen ging er mit 20…Txa3!? gewisse Risiken ein:


Hier spielte Navara die kraftvolle Variante (“überraschenderweise funktioniert sie”, meinte er) 21.Dxa3! Lxa3 22.Txb6 Lxc1 23.Tc6! (der taktische Trick, auf dem alles basiert) 23…Lxf4 24.Tc8+ Ke7 25.Txh8 d3!


Taktische Tricks, die auf dem gefährlichen d-Bauern gründeten, hielten den Schwarzen zumindest vorläufig im Spiel, und Navara hatte den Eindruck, die Stellung sei relativ einfach remis. Es lässt sich nur schwer sagen, wo konkret Ding entscheidend fehlgriff - 34...Kd6!? statt 34...Kf8! erschwerte die Verteidigung und letztlich begab sich der Springer auf eine Reise, von der er nicht mehr zurückkehrte.

In der Schlussstellung käme 46.Te1 mit Gewinn des Springers, der kein Feld hat:

Nachdem er am Vortag noch den studienartigen Gewinn gegen Mamedyarov ausgelassen hatte, besiegte Navara nun einen vielleicht sogar noch stärkeren Gegner!

Mit Niederlagen muss Ding Liren nur selten klarkommen | Foto: Turnierseite

Zugleich feierte Navara seinen ersten Sieg überhaupt in Shamkir, nachdem er im Vorjahr fünf Remis und vier Niederlagen in Folge erzielt hatte. Er hätte also allen Grund gehabt, stolz zu sein, doch stattdessen spielte er wieder einmal seine Leistung herunter!

Ich hatte heute Glück, denn mein Gegner spielt normal besser, und er hat etwas übersehen. 

Er entschuldigte sich für eine Unterbrechung der Pressekonferenz davor (die so unwesentlich war, dass sie niemand bemerkt hatte) und meinte dann, nachdem er die Partie ausführlich erklärt hatte: "Verzeihung, dass ich so viel geredet habe!” Er ist und bleibt hoffnungslos bescheiden.

Damit bleibt eine Partie übrig:

Grischuk 1-0 Topalov: Schwache Menschen

Alexander Grischuk steht wieder bei 50 Prozent | Foto: Turnierseite

Alexander Grischuk meinte, er habe seinen Gegner kurz vor der Zeitkontrolle ausgetrickst, und tatsächlich war 40.b4! mit einer oder zwei Minuten auf der Uhr nicht einfach zu parieren:


40…Sd7? verliert auf der Stelle wegen 41.b5!, wonach die Dame nicht mehr den Bauern e6 decken kann. In der Partie konnte Schwarz mit 40…axb4 41.axb4 h5 42.Df4 Sd7 die direkten Schwierigkeiten vermeiden, musste sich nun aber mit schwach postierten Springern gegen das weiße Läuferpaar behaupten. Grischuk schätzte richtig ein, dass sein Vorteil nach 43.La6! größer war als nach dem direkten Bauerngewinn mit 43.Dc7, doch danach begann sein "Albtraum".

Er beklagte, er sei in der anschließenden Partiephase “völlig überspielt” worden, stellte aber klar, wie schwer solche Stellungen für Menschen zu spielen seien:

"Grischuk: "Ich glaube, kaum ein Mensch kann in dieser Stellung einen Computer als Weißer besiegen. Vielleicht Magnus in Bestform, oder Kasparov, als er jung war, und Botvinnik, weil er die Partie abbrechen konnte!"

Ihm schien, dass er seine Figuren irgendwann ziellos umherschob, doch genauso schwer, wie es für Weiß war, war es auch für Schwarz! Im Endeffekt erfüllte das Läuferpaar seine Aufgabe!

“Grischuk zeigte heute eine großartige Leistung, indem er die unglaubliche Stärke des Läuferpaars demonstrierte. Diese acht Stellungen erzählen die gesamte Geschichte der Partie Grischuk-Topalov‌.“

Alexander schlussfolgerte, “Im Grunde zeigt die Partie, wie schwach die Menschen spielen…“, aber sobald er sich von den sechseinhalb Stunden Schach erholt hat, wird er vielleicht erkennen, dass er gar nicht so schlecht gespielt hat!

Damit liegt Magnus Carlsen vier Runden vor Schluss allein in Führung, während sich das Feld hinter ihm neu sortiert hat. Anand und Ding Liren haben die Plätze getauscht, und Anish Giri findet sich nun allein auf dem letzten Platz wieder:


Nach dem heutigen Ruhetag gehen die Spieler ab Samstag in die letzten vier Runden. Der erste Höhepunkt dürfte dann die Partie Ding Liren-Carlsen sein! Alle Partien könnt ihr wieder ab 13:00 Uhr live auf chess24 verfolgen!

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