Berichte 03.04.2019 | 11:02von Colin McGourty

Shamkir Chess, R3: Magnus übernimmt die Führung

Mit einem Sieg gegen David Navara in der 3. Runde des Gashimov Memorials hat Magnus Carlsen die alleinige Führung übernommen und sich auf eine Elo-Zahl verbessert, die er zuletzt vor dem WM-Kampf gegen Sergey Karjakin 2016 hatte. Bei Vishy Anand sah es lange so aus, als würde sich seine Lange weiter verschlimmern, doch dann gelang es ihm, Shakhriyar Mamedyarov mit einem Trick aufs Glatteis zu führen und dank eines weiteren Fehlers kurz vor der Zeitkontrolle eine Gewinnstellung zu erreichen. Die drei anderen Partien endeten remis, wobei Grischuk-Giri und Karjakin-Topalov interessante Duelle waren.

Magnus scheint auch beim klassischen Schach wieder ganz der Alte zu sein | Foto: Turnierseite

Alle Partien aus Shamkir könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung mit Arkadij Naiditsch, der die Partien live kommentiert hat:

Navara 0-1 Carlsen: London lässt grüßen

David Navara hat in Shamkir zwei schwierige Stellungen heil überstanden, aber beim dritten Mal ging es schief | Foto: Turnierseite

Magnus Carlsens Gegner in Shamkir sind offenbar scharf darauf herauszufinden, wie die Vorbereitung des Weltmeisters beim WM-Match gegen Fabiano Caruana im Detail ausgesehen hat. In Runde 2 übernahm Vishy Anand Caruanas Überraschungswaffe aus der 2.Partie, und in Runde 3 entschied sich David Navara für den Sveshnikov-Sizilianer, der in der 8. und 10.Partie für hochinteressante Partien gesorgt hatte:


In dieser Stellung spielte Fabi erst das selten gespielte 12.Ld2 und probierte es dann in der 10.Partie mit der Neuerung 12.b4, die zur zweischneidigsten Partie des gesamten Wettkampfs führte.

In Shamkir entschied sich Navara für die Hauptvariante mit 12.Kh1, die Carlsen für das Match gegen Caruana natürlich auch gründlich vorbereitet hatte. Und wenig später kam auch schon die Neuerung 13…a5 aufs Brett:

Beide Spieler zogen recht schnell, bis David Navara plötzlich 41 Minuten für 16.Ta3!? überlegte (und damit an das 17-minütige Nachdenken von Caruana vor dem selben Turmzug in London erinnerte) und Magnus wiederum 32 Minuten für seine Antwort investierte. Eine hochinteressante zweischneidige Partie schien sich anzubahnen, doch dann spielte Navara 18.Te3? und wurde bestraft mit 18…g5!

"Offenbar hat Magnus seine Version des Königsinders entwickelt. Erst halten die Computer wenig davon, doch dann überspielt er seine Gegner regelmäßig mit einem Bauernsturm am Königsflügel." 

Navara räumte hinterher ein, dass er bei seinem Turmzug etwas übersehen hatte, denn 19.Txe7 scheitert an 19…gxf4! (nicht 19…Dxe7? 20.Lxd6! und Weiß steht auf Gewinn), weil der Turm auf e7 kein Rückzugsfeld hat. Somit war 20.Te6 mit Qualitätsverlust erzwungen, was er hinterher so kommentierte: “Schwarz steht technisch auf Gewinn, aber ich habe versucht, Widerstand zu leisten.“ Laut Computer wäre die Stellung nach 19.Tg3! fast ausgeglichen gewesen. Die Spieler hatten diesen Zug wie Arkadij Naiditsch wegen 19…Se4 verworfen, doch nach 20.Le3 oder 20.Ld3 hat Weiß deutlich mehr Kompensation als in der Partie.

David Navara hatte dann aber das Problem, dass er diese Stellung gegen “den größten Endspielkünstler aller Zeiten” verteidigen musste…

…und versuchte sein Glück mit dem Vorstoß 24.g4:


Die weiße Stellung war nicht leicht zu knacken, und erst nach der ersten Zeitkontrolle fand Magnus einen klaren Gewinnweg. Am Ende hatte Navara wieder nur noch Sekunden auf der Uhr, als der Weltmeister alles genau ausgerechnet hatte:


57…Txd5+! 58.Kxd5 h2 wonach Navara in klarer Verluststellung offenbar die Zeit überschritt. Schwarz zieht mit Schach ein, und Navara erhob sich einmal mehr, um seinem Gegner zu gratulieren:

Carlsen baute seine ungeschlagene Serie damit auf 44 Partien aus (laut Tarjei Svensen ein neuer persönlicher Rekord) und verbesserte sich auf 2851,4 Elo im Live-Rating. Damit liegt er 35 Punkte vor Caruana, und nur Garry Kasparov (2856,7) und Magnus selbst (2889,2!) haben jemals eine höhere Zahl erreicht:

"12 aktive Spieler haben schon einmal eine Elo über 2800 erreicht. Hier ihre aktuellen Zahlen."

Angesichts dessen, dass der Weltmeister meist eher langsam in ein Turnier startet, ist ihm noch einiges zuzutrauen.

Anand 1-0 Mamedyarov: Überraschendes Comeback

Grischuk schaut bei Anand-Mamedyarov zu | Foto: Turnierseite

Vishy Anand verpasste gegen Navara in Runde 1 den Sieg und musste danach gegen Carlsen eine böse Niederlage einstecken, und auch gestern sah es nicht gut aus, da der Ex-Weltmeister nach eigenen Worten gegen Mamedyarov "einfach auf Verlust" stand:


“Ich spiele nur auf eine Falle,” meinte Vishy, und wenn Shak diese gesehen hätte, hätte er vermutlich 35…S6h5 gespielt und den Sack zugemacht. So aber rannte er in 35…Se4? 36.Lxe4! dxe4 37.Se5! Sd3 38.Dh8+! 

"Anand zaubert einen berühmten taktischen Trick aufs Brett, während Mamedyarov seine Stellung in Zeitnot komplett verdirbt." 

Vishy hat sich vor vier Jahren in einem Interview ausführlich zu diesen Damenopfer geäußert, das Aljechin 1937 Euwe gegen übersah und Petrosian 1966 gegen Spassky und Anand selbst 2009 gegen Leko aufs Brett brachten.  Nach 38…Kxh8 39.Sxf7+ Kh7 40.Sxd6 hatte Vishy keine Probleme mehr, doch es kam sogar noch besser. Mit Sekunden auf der Uhr schleuderte Mamedyarov einen der schlechtesten Züge aufs Brett: 40…Ld7?


Das ermöglichte 41.Sxe4! mit Bauerngewinn. Spielt Schwarz nun 41…Sxb4, sieht man, warum der Läuferzug so schlecht war, denn mit der Springergabel 42.Sf6+ kann Weiß den Läufer gewinnen. In der Partie versuchte Mamedyarov 41…Lf5, aber nach dem genauen Zug 42.Sg5+! gewann Vishy ohne größere Probleme die Partie.

“Ich hatte einfach nur Glück, dass mein letzter Trick funktioniert hat” meinte er hinterher. GM Pepe Cuenca hat die Partie (auf Englisch) ausführlich analysiert:

Drei Remis

Erneut verliefen die drei Remispartien sehr unterschiedlich. Karjakin-Topalov war eine interessante und zweischneidige Italienisch-Partie, in der keiner der beiden Kontrahenten etwas Entscheidendes erreichen konnte. Folgerichtig war nach 32 Zügen Schluss. 

Was für ein Sakko! | Foto: Turnierseite

Bei Radjabov-Ding Liren kam das Marshall-Gambit aufs Brett, in dem Teimour Radjabov mal wieder nachzuweisen versuchte, dass Schwarz in diesem Endspiel genau wissen muss, was zu tun ist, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Die ersten 27 Züge waren schon bei Radjabov-Aronian, Tata Steel 2015 aufs Brett gekommen und bis 30…g5 hatten die Spieler bei Nakamura-Aronian, Gibraltar 2005 schon die gleichen Züge gespielt. Auch diese Partien endeten remis, doch in Shamkir spielten die beiden Kontrahenten mit mehr Bedenkzeit auf der Uhr als zu Beginn der Partie, bis nur noch die nackten Könige auf dem Brett standen.

Ding Liren weiß meist ganz genau, was er tut | Foto: Turnierseite

Grischuk-Giri derweil schien interessant zu werden:

"Ist 10.g4 eine Neuerung? Grischuk: Der Zug ist ein Witz."

Alexander Grischuk erklärte ausführlich, dass Weiß nach seiner Neuerung nicht besser, aber auch nicht schlechter steht. Anish Giri war nicht der Einzige, der sich wunderte, dass Grischuk nach der normalen Zugfolge 10…cxd4 11.cxd4 dxc4 21 Minuten nachdachte, ehe er sich zu 12.Lxc4 entschloss. 12.h4!?, was auch Naiditsch favorisierte, schein Schwarz vor größere Probleme zu stellen. Weiß hatte aber weiterhin Vorteil, bis er bei 16.Sxg5 die schwarze Antwort 16…Qf5 übersah:


Grischuk meinte, ihm sei entgangen, dass Schwarz nicht nur auf a5, sondern auch auf b5 Schach geben könne, denn nach 17.e4 Da5+ 18.Kf1 hat Schwarz 18…Db5+ und die Partie endete durch Zugwiederholung remis.

Grischuk zeigte sich in Bestform, als er gefragt wurde, warum er sich nicht an den sozialen Medien beteilige:

Ich kann mir vorstellen, dass ich mal einen Twitter-Account oder etwas Ähnliches habe, doch im Allgemeinen mag ich das Zeug nicht. Egal wo man heutzutage auftaucht, macht jemand ein Foto, stellt es auf Instagram und jeder weiß, wo du dich rumtreibst und was du machst. Das hasse ich einfach! Grundsätzlich gibt es in der modernen Welt wenig, das ich mag. Okay, es ist gut, dass es elektronische Tickets, GPS und einige andere nette Sachen gibt, aber im Grunde gefällt mir die Richtung, in die sich die Welt entwickelt, nicht.  

Völlig klar, welches Foto auf Instagram landet! | Foto: Turnierseite

Später fügte er hinzu:

Man könnte das als ein Prinzip von mir bezeichnen, aber wenn man mir genug Geld gibt, habe ich andere Prinzipien!

Und hier der Stand nach der dritten Runde:


In Runde 4 trifft der Weltmeister auf den stets kompromisslosen Topalov, während Mamedyarov-Navara und Ding Liren-Anand ebenfalls interessante Partien versprechen. Einmal mehr könnt ihr ab 13:00 Uhr alle Partien live auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 7327317762
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options