Berichte 02.04.2019 | 12:34von Colin McGourty

Shamkir Chess, R2: Carlsen schlägt Anand

Magnus Carlsen hat Vishy Anand beim Gashimov Memorial in Shamkir zum zweiten Mal in Folge bezwungen und hat damit die erste Duftmarke einer interessanten 2.Runde gesetzt. Am 1.April lieferten sich ausgerechnet Anish Giri und Sergey Karjakin ein wildes Gemetzel, an dessen Ende der Russe den vollen Punkt davontrug. Den dritten Sieg errang Ding Liren nach einem taktischen Schlag gegen Alexander Grischuk. Derweil überstand David Navara erneut einen katastrophalen Eröffnungsverlauf, dieses Mal gegen Veselin Topalov, während bei Mamedyarov-Radjabov das erwartet langweilige Remis aufs Brett kam.

Anand stellte gegen Carlsen eine Partie, die ganz nach Remis aussah | Foto: Turnierseite

Alle Partien vom Shamkir Chess 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video mit der Live-Übertragung und dem Kommentar von Arkadij Naiditsch:

Erneut ein schlechter Tag von Vishy

Die Spieler bekamen beim ersten Zug ein wenig Hilfe! | Foto: Turnierseite

Beim Duell des Tages Carlsen-Anand wählte der Inder im Abgelehnten Damengambit die Variante mit 10…Td8, die auch Fabiano Caruana in der 2.Partie des letztjährigen WM-Kampfs gespielt hatte.

Damals dachte Magnus 17 Minuten nach, bevor er das sichere 11.Le2 spielte, und genau diesen Zug wählte er nun wieder. Zwischenzeitlich probierte Levon Aronian beim Finale der Grand Chess Tour in London gegen Caruana 11.Sd2 aus, doch auch dort kam der Amerikaner mit mutigem Spiel zum Remis.

Magnus wich als Erster ab, indem er 11…Se4 mit 12.cxd5 statt 12.0-0 beantwortete, doch schon bald deutete alles auf ein Remis hin. Magnus meinte, “Ich war mir durchaus bewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt wenig hatte”:

"Naiditsch: "In dieser Stellung stecken nicht genug Ressourcen für Carlsen, um auf Gewinn zu spielen." 

Hier beging Vishy jedoch den ersten von drei Fehlern, wie er hinterher einräumte. Statt dem "ziemlich lockeren Remis" (Anand) mit 25…Dc5! spielte er 25…Dc3?! Magnus teilte die Einschätzung seines Gegners:

25…Dc3 ist wirklich schlecht. Durch diesen Zug ist die Stellung nicht mehr ausgeglichen, sondern ich kann Druck ausüben.

26.Dxc3 Txc3 27.a5! Txb1 28.Txb1 Tc5?! Der nächste Fehler – Anand: “28…Ta3 hält immer noch recht leicht remis”. 29.a6 g6? Der letzte klare Fehler – 29…Lc8! war nicht schön, aber die beste Chance.


Nach 30.Tb7! zeigte Magnus Carlsen, warum man diese Stellung nicht gegen ihn auf dem Brett haben möchte, und gewann sicher.

GM Pepe Cuenca hat die Partie auf Englisch für euch analysiert.

Vishy Anand war nach dem verpassten Gewinn in der ersten Runde verständlicherweise nicht sonderlich erpicht, zu viel Zeit in der Pressekonferenz zu verbringen, und bat darum, diese nach einigen kurzen Kommentaren verlassen zu dürfen. Das wurde ihm gewährt, und natürlich hatte auch Carlsen nichts daran auszusetzen.

Aus meiner Sicht hat er sich absolut normal verhalten… Und abgesehen davon, werde ich sicher keine Vorträge über das vorzeitige Verlassen von Pressekonferenzen halten!

Magnus musste die Pressekonferenz nach einigen Minuten allein bestreiten | Foto: Turnierseite

Carlsen hat sich mit diesem Sieg auf Elo 2847,9 im Live-Rating verbessert und damit über 30 Punkte Vorsprung auf Fabiano Caruana. Hier seine Antwort auf die Frage, was er von der Bedenkzeitregelung in Shamkir hält (keine Zeitgutschrift vor dem 61.Zug):

Ich halte es beim Turnierschach generell für gut, wenn es keine Zeitgutschrift gibt, da man dadurch seine Zeit besser einteilen muss und sich nicht auf die Bonussekunden verlassen kann… Mir gefällt diese Veränderung.


Keine Aprilscherze

Karjakin stand nach der Eröffnung sehr schlecht, verteidigte sich dann aber nicht nur | Foto: Turnierseite

Einen Sieger gab es auch bei Giri-Karjakin, wo sich zwei als vorsichtig verschriene Spieler einen Schlagabtausch lieferten. Anish Giri zeigte als Erster die Zähne, als er im Italienischen 10.d4!? auspackte:


Sergey Karjakin ärgerte sich hinterher, dass er diesem “natürlichen und menschlichen Zug” nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte, die Neuerung wird aber auch vom Computer nicht angezeigt (zumindest bei niedriger Rechentiefe). Karjakin dachte in der Folge lange nach, zog im ungünstigsten Moment d4 und gab hinterher zu, dass er nach 17.Ta3! eine neue Partie spielen wollte. Nach 20 Zügen bekam er aber eine zweite Chance:


Hier ging 20.Lxh6!! gxh6 21.Sh4! gefolgt von 22.Tg3+ und 23.Dh5. 

"Giri über die attraktive Möglichkeit 20.Lxh6: Ich hätte diesen Zug stärker in Betracht ziehen sollen."

Giri hatte die letzten drei Züge dieser Variante geplant, doch nach 20.Sh4?! kam 20…De8!, worauf ihm klar wurde, dass sein e-Bauer den Angriff hemmt (21.Tg3 scheitert an 21…Txe5!). Der Unterschied zur Opfervariante besteht darin, dass der Turm mit Schach nach g3 kommt und Weiß ein wichtiges Tempo gewinnt.

Im folgenden Gemetzel stand Karjakin erst besser und konnte dann nach zwischenzeitlichem Ausgleich die Partie gewinnen, da Giri einen Fehler zu viel beging:


Der weiße Angriff sieht stark aus, und jeder Königszug verliert, doch Schwarz hat 30…Tg7, bzw. den sogar noch besseren Partiezug 30…Dxg6! 31.Dxg6+ Tg7, wonach die Dame wegen 32…Tg2+ und Matt in drei Zügen nicht wegziehen kann. Nach dem erzwungenen 32.Dxg7+ war die weiße Stellung eine Ruine, und Giri gab bald auf.

Ding Liren schlägt Grischuk

Wenn Ding Liren regelmäßig Spieler wie Grischuk schlägt, gibt es für ihn keine Grenze nach oben | Foto: Turnierseite

Die Nummer 3 der Welt Ding Liren spielte die Neuerung 11.Sf1 und wich damit von 11.Lf4 ab, was Levon Aronian gegen Grischuk in Kandidatenturnier von Berlin gespielt hatte. Grischuk verbrauchte gleich viel Zeit, war dann aber “sehr zufrieden”, als er 18…Dc7 spielen konnte. Seine Freude währte zumindest bis 19.f4!, was er mit dem Rückzug 19…Sd7?! beantwortete (er glaubte nicht an 19…Sg4, obwohl der Zug taktisch zu funktionieren scheint):


20.Lxh5! kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Pointe ist, dass der Läufer auf h3 nach 20…gxh5 21.Dxh5 keine Felder hat!

Kein leichter Tag für Grischuk! | Foto: Turnierseite

Grischuk überging den Rückschlag mit 20…c4, räumte aber ein, “ich stand total auf Verlust und hätte dann fast noch Glück gehabt”. Trotz horrender Zeitnot konnte er fast ausgleichen, doch am Ende gewann Ding Liren nach anhaltendem Druck studienartig:


Grischuk merkte hinterher zu Recht an, dass die Stellung ohne den Turm auf f3 remis wäre, da er dann Dauerschach mit 49…Dh5+ gehabt hätte, aber es gibt keine gute Möglichkeit, den Turm loszuwerden. Nach 49…Txf5 war seine Stellung trotz einer letzten Chance nach 60 Zügen verloren:


Arkadij Naiditschs erste Wahl war 60.Kg6, doch Grischuk hatte gesehen, dass er danach Dauerschach hat. Zu seinem Pech fand Ding Liren das richtige 60.g4!, und nach 60…Dxg4+ kann Weiß beginnend mit 61.Kg6 mattsetzen, während er nach 60…Sxg4 mit Schach den Springer gewinnt. Grischuk musste schließlich nach 77 Zügen aufgeben.

Zwei unterschiedliche Remis

David Navara auf dem Weg ins Spiellokal | Foto: Turnierseite

Die beiden übrigen Partien endeten remis, doch bei Topalov-Navara hätte Veselin Topalov durchaus gewinnen können. David Navara lief zum zweiten Mal in Folge in die gegnerische Vorbereitung und meinte: “Das war ziemlich dämlich – Schon nach 6 Zügen wusste ich die Theorie nicht mehr!” Überrascht hatte ihn 6.Dg4 im Caro-Kann, obwohl er immerhin wusste, dass Adhiban darüber etwas im New in Chess-Jahrbuch veröffentlicht hatte.


Wieder bekam er ernsthafte Stellungs- und Zeitprobleme, doch erneut schaffte er wie gegen Vishy das Remis - dieses Mal nach 55 Zügen.

Mamedyarov-Radjabov war definitiv kein Thriller | Foto: Turnierseite

Mamedyarov-Radjabov endete angesichts der Vorgeschichte wenig überraschend remis:

Statistikfans haben vielleicht gemerkt, dass Radjabov nun in Shamkir 19 Partien in Folge remis gespielt hat und sogar 34 Partien sieglos ist, seit er 2014 Magnus Carlsen schlug. Der Turnierveranstalter Mahir Mamedov hatte Eteri Kublashvili nach der letztjährigen Austragung Folgendes gesagt:

Wie man sieht, gab es dieses Jahr viele Remis: umkämpfte und weniger umkämpfte. Man kann sagen, dass es in einigen Partien klar war, dass sie remis ausgehen würden. In vielen Partien fehlte die Spannung, weil es gar keinen Kampf gab.

Das muss für den Veranstalter doch enttäuschend sein?

Natürlich ist das enttäuschend. Wir wollen uns nicht vorwerfen lassen, dass wir hier ein Turnier für Freunde veranstalten, die eine Ruhepause einlegen, Remis machen und wieder auseinandergehen. Ein Turnier im Gedenken an Vugar Gashimov verlangt geradezu Kampfgeist!

Teimour Radjabov verteidigte die Spieler, die seiner Meinung nach die Regeln nur in ihrem Sinne auslegen | Foto: Turnierseite

Emil Sutovsky kommentierte das Remis zwischen Grischuk-Mamedyarov in der 1.Runde so:

Ein Remis in einem Rundenturnier, das in einer Stunde aufs Brett geschustert wird, ist gleichbedeutend mit einem Verrat am Zuschauer. Natürlich ist der Weiße dafür zu rügen.

Als Radjabov zu seiner Meinung von diesem Statement gefragt wurde, meinte er:

So etwas sollte in einem vorsichtigeren Ton formuliert werden. Zunächst muss man sich klarmachen, wie die Regeln sind…

Magnus Carlsen, Ding Liren und Sergey Karjakin jedenfalls führen das Feld in Shamkir zunächst an, und in Runde 3 kommt es mit Navara-Carlsen, Karjakin-Topalov und Anand-Mamedyarov zu interessanten Begegnungen. Wie immer könnt ihr diese ab 13:00 Uhr live auf chess24 verfolgen!

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