Berichte 01.04.2019 | 10:55von Colin McGourty

Shamkir Chess, R1: Anand lässt Navara entwischen

Vishy Anand stand in Runde 1 des Gashimov Memorials in Shamkir vor dem Sieg gegen David Navara, übersah dann aber einen bildschönen Trick des Tschechen und musste sich mit dem Remis begnügen. Damit endeten alle fünf Partien der Auftaktrunde unentschieden, allerdings nicht ohne Kampf. Weltmeister Magnus Carlsen war gegen Teimour Radjabov in ernster Gefahr, während bei Giri-Topalov beide Kontrahenten gefährlich lebten. Karjakin-Ding Liren verlief scharf, aber kurz, und nur bei Grischuk-Mamedyarov passierte rein gar nichts.

David Navara gelang gegen Vishy Anand eine sensationelle Rettung | Foto: Turnierseite

Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass der brillante aserbaidschanische GM Vugar Gashimov aus dem Leben schied, und das Gedenkturnier zu seinen Ehren wird dieses Jahr zum sechsten Mal ausgetragen. 

Das Turnier begann nach einer Schweigeminute für Vugar Gashimov | Foto: Turnierseite

Die ersten fünf Austragungen in Shamkir wurden von Magnus Carlsen (2014, 2015 und 2018) und Shakhriyar Mamedyarov (2016 und 2017) gewonnen, wobei der Weltmeister bei all seinen Teilnahmen siegreich blieb. Alle Partien der 1.Runden, an der auch diese beiden beteiligt waren, könnt ihr hier nachspielen:

Giri schien von diesem Eröffnungsduell nicht sonderlich beeindruckt zu sein | Foto: Turnierseite

Zwei Partien waren praktisch vorbei, bevor sie richtig begonnen hatten, zumal der scheinbar spektakuläre Auftakt bei Karjakin-Ding Liren schlicht Theorie war. Ding Liren entschied sich für die gleiche Variante im Italienischen, mit der er gegen Maxime Vachier-Lagrave nach 100 ungeschlagenen Partien mal wieder verloren hatte. Dann spielte er aber 10…Sh7 wie gegen Jorden van Foreest, den er damit in Wijk aan Zee besiegen konnte. Im Unterschied zu dieser Partie spielte Ding dann aber nicht 16…Lxf3, sondern brachte mit 16…Te8 eine Neuerung:


Völlig überraschend kam dieser Zug jedoch nicht, wobei Karjakin meinte, „er habe sich darauf nicht sonderlich vorbereitet“. Weniger Vorbereitung reichte aber auch aus, und nach 17.Dd2 Lxf3 18.Lxf3 gxh4 19.Lf4 Df6 20.Lxh5 musste Ding Liren den genauesten Zug finden:


20…Dg7!, was weißes Lg4 verhindert, war die richtige Antwort, wobei “finden” vermutlich nicht der korrekte Ausdruck ist, da die Nummer 3 der Welt während der gesamten Partie praktisch nicht nachdachte. Die Partie endete nach 21.Lh6 Df6 22.Lf4 Dg7 23.Lh6 mit Zugwiederholung.

Karjakin startete mit einem lockeren Remis | Foto: Turnierseite

Ding Liren meinte nach der Partie, dass er dieses Jahr den FIDE Grand Prix auslasse, da er sich ganz auf die Grand Chess Tour konzentrieren wolle (dabei hilft ihm sicher, dass er sich vermutlich über die Elo-Zahl für das Kandidatenturnier 2020 qualifizieren wird).  Karjakin meinte, es sei hart, beide Turnierserien zu bestreiten, ergänzte aber:

Wenn man sich auf Schach konzentriert und keine Zeit für andere Dinge hat, kann sich das bei einigen Spielern durchaus positiv auswirken – ich hoffe, dass dies bei mir der Fall sein wird!

Alexander Grischuk präsentierte sich zu Beginn friedlich | Foto: Turnierseite 

Nachdem diese Partie sicher kein großer Aufreger war, war Grischuk-Mamedyarov geradezu langweilig. Im 17.Zug einer Berliner Verteidigung mit 5.Te1 machte Grischuk einen neuen Zug, der noch remislicher aussah als seine Vorgänger (nach denen alle 20 Beispielpartien remis endeten). Wie bei Carlsen-Karjakin in der 12.Matchpartie in New York, bei der immerhin die Turniersituation spannend war, passierte wenig und nach 37 Zügen wurde die Friedenspfeife geraucht.

Immerhin gab Grischuk wieder einen launigen Kommentar zum Besten, dem aber nicht alle zustimmten:

„Hammer: Ich bin sicher, dass alle Spieler aus der zweiten Reihe, die nicht zu einem solchen Turnier eingeladen werden, sich über Grischuks wohlverdiente Ruhe gefreut haben.“

„Grischuk: Es gab keine kritischen Momente, ich bin einfach nur froh über das Remis. Ich bin müde, das war es auch schon… Ich versuche mich während Turnieren zu erholen, je mehr ich bestreite, desto erholter bin ich.“ 

Dazu sollte man vermutlich sagen, dass Grischuk dies nicht ganz ernst meinen dürfte (wenn man etwa an seine Zeitnotschlachten denkt), doch wer sich an die Live-Übertragungen des Wettkampfs zwischen Carlsen-Caruana erinnert, weiß, dass er bei sich zu Hause auf viele Arten abgelenkt wird!

Magnus Carlsen musste sich in Runde 1 Lokalmatador Teimour Radjabov erwehren| Foto: Turnierseite 

In den anderen Partien wurde hart gekämpft, wobei Magnus Carlsen nach 15…d5!? gegen Teimour Radjabov in gewisser Gefahr schwebte:


Radjabov hatte das Gefühl, sein Gegner würde “überziehen”, und Carlsen stimmte zu, dass “d5 eindeutig zu ambitioniert” war. Der Weltmeister hatte die entstehende Stellung laut eigenen Angaben “komplett falsch eingeschätzt”, denn nach 16.Sxf6! Dxf6 sind die entstehenden hängenden Bauern erstaunlich schwach.

Immerhin war die Partie zweischneidig und hätte sich auch zu Gunsten von Schwarz entwickeln können, doch dann fand Radjabov das “sehr starke” 24.Lb3!

"Radjabov setzt Carlsen mit einem zeitweiligen Bauernopfer unter Druck!" 

Das Schlagen auf d3 ist nicht ratsam, da Schwarz nach zum Beispiel 25.Tad1 Lc4 26.Lxc4 dxc4 27.Dg4 Probleme auf der d-Linie bekäme, aber nach 24…Dd7 25.Dg3! ergriff Carlsen drastische Maßnahmen mit 25…d4!?


Hier verpasste Radjabov vermutlich seine Chance, da er mit Sxe5!? einen Massenabtausch einleitete und die Partie rasant im Remis mündete. Mit 26.Lc4! hätte er stattdessen Schwarz vor ernste Probleme stellen können, wobei 26…e4!? zu lebhaftem Figurenspiel führt.

Magnus hatte Zeit, einige Autogramme zu geben | Foto: Turnierseite 

Hinterher in der Presskonferenz war ein erleichterter Magnus gewohnt scharfsinnig. Auf die Frage, ob er enttäuscht sei, dass er fünfmal Schwarz und nur viermal Weiß hat, antwortete er:

Diese Frage ist nach der ersten Runde etwas seltsam, da nach ihr jeder viermal Weiß und Schwarz hat!

Sollte man das Format so verändern, dass alle Spieler gleich oft Schwarz und Weiß haben?

Ich glaube nicht, dass wir Schach noch ausgeglichener machen sollten, als es schon ist!

Auch als ums Heiraten ging, fiel ihm was Gutes ein…

“Wir werden sehen. Was das Leben auch bringt, es ist immer eine Reise. Aktuell bin ich jedenfalls mit dem Schachspiel verheiratet.“

Während diese Partie durchaus Potential für mehr Dramatik hatte, war bei Anand-Navara von Anfang Hochspannung geboten. Die tschechische Nummer 1 David Navara hat bereits mehrfach eingeräumt, dass er kein so komplettes Eröffnungsrepertoire wie die Weltspitze hat, und er bereute seine Entscheidung, den Sizilianischen Drachen zu spielen, direkt nach Vishys 7.f3. Der Zug stammt von Anands Landsmann Karthikeyan Murali, der unter anderem gegen Hikaru Nakamura in Gibraltar so gespielt hat. Navara aber wurde überrascht und dachte erst einmal 25 Minuten nach.

Topalov schaut sich Navara-Anand an | Foto: Turnierseite 

Schon nach 15 Zügen sah die Lage für Schwarz kritisch aus, und Anand bestätigte hinterher, dass er hier bereits zuversichtlich war, den ganzen Punkt einzustreichen. Dazu kam Navaras horrende Zeitnot - der Tscheche erklärte, er sei es nicht mehr gewohnt, (wie in Shamkir bis zum 61.Zug) ohne Zeitgutschrift zu spielen. Für die letzten acht Züge hatte er noch eine knappe Minute und die letzten fünf Züge musste er in 12 Sekunden aufs Brett schleudern, wodurch schon die physische Aufgabe, die Zeitkontrolle zu schaffen, enorm war.

Die Stellung war hochgradig taktisch und steckte voller Tricks für beide Spieler. Ein Vorbote der späteren dramatischen Ereignisse war Anands Zug 33.Ta4?


Nach 33…Tb1+! 34.Sxb1 Dxa4 schöpfte Schwarz neue Hoffnung, doch nachdem Navara mit einer Sekunde auf der Uhr die Zeitkontrolle geschafft hatte, zeigte der Computer wieder klare Verhältnisse an:

Je länger man auf die Stellung schaut, desto komplizierter wird sie aber. Hätte Anand allen potentiellen Schachgeboten entwischen wollen, hätte es, wie er meinte, eines Drahtseilakts bedurft. Stattdessen fiel er mit 40.De7? zum zweiten Mal auf den gleichen Trick (wie bei 35.De7) herein, denn es ging 41…Td1+!!


Der einzige Zug, der keine Figur verliert, ist 42.Sxd1, aber nach 42…Dd4+ hat Schwarz das, was GM Jonathan Tisdall “als nettes Weihnachtsbaum-Dauerschach” bezeichnete. Schach gibt einfach auf a1 oder g1 Schach und geht dann mit der Dame nach d4 zurück. Vishy schickte sich direkt ins Remis und ertrug heldenhaft die Pressekonferenz.

David Navara hatte allen Grund zum Lachen | Foto: Turnierseite 

Das war aber noch nicht alles!

"Ich liebe dich, Yan."

"Gut, dass Anish Giri in Shamkir mitspielt. Durch ihn kann man immer hoffen, dass es wenigstens eine Kampfpartie gibt." 

In der Spanisch-Partie zwischen Giri und Topalov war die zentrale Frage, ob es Anish Giri gelingen würde, seinen Raumvorteil gegen Veselin Topalov in einen vollen Punkt zu verwandeln. Der Niederländer räumte aber ein, dass er seinen Vorteil vergab, als er erst einmal die Zeitkontrolle schaffen wollte. Der Bauerntausch im 40.Zug erwies sich gar als gefährlich, da “die h-Linie Schwarz viele Möglichkeiten bietet, und er froh sein konnte, die Partie zu halten”. Wie knapp, zeigte sich nach dem Zug 45…g3:


Weiß hat als einzigen Zug 46.Sxf6!, und nach 46…Dh2+ 47.Kf1 Dh1+ 48.Dg1 Dh4 49.Dd4 endete die Partie remis durch Zugwiederholung.

Anish Giri und Veselin Topalov hatten nach der Partie beide gute Laune | Foto: Turnierseite 

Damit endeten alle Partien remis, aber Carlsen-Anand verspricht für Runde 2 vielleicht schon die erste Änderung. Nachdem es wegen der Einreiseprobleme von Ljubomir Ljubojević zum Auftakt keinen englischen Live-Kommentar gab, wird Arkadij Naiditsch am Montag vermutlich für ihn einspringen.

Seid live auf chess24 dabei, wenn um 13 Uhr die 2.Runde beginnt!

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