Berichte 04.04.2019 | 11:58von Colin McGourty

Shamkir Chess, R4: Mamedyarov entkommt

David Navara verpasste im 70. Zug ein Matt in 27 in seinem Aufeinandertreffen mit Shakhriyar Mamedyarov. Die Partie war dann auch diejenige der vierten Runde des Gashimov Memorials in Shamkir, die am nächsten an ein entschiedenes Ergebnis herankam, auch wenn Ding Liren gegen Vishy Anand ganz schön in den Seilen hing, nachdem die aggressive Eröffnungswahl der chinesischen Nummer 1 nach hinten los ging. Anderweitig lag die Hauptkuriosität darin, dass die Partien Karjakin-Grischuk und Topalov-Carlsen beinahe in der exakt gleichen Stellung endeten. Nur ein Zug unterschied sie zum Schluss. Magnus beschrieb es als "ein wenig enttäuschend", dass es dazu nicht kam. 

Mamedyarov-Navara wurde am Ende die mit Abstand längste und umkämpfteste Partie der Runde | Foto: Turnierseite

Alle Partien des Gashimov Memorials 2019 in Shamkir kannst du nachspielen, indem du auf eine der folgenden Partien klickst:

Und hier findest du den Kommentar von Arkadij Naiditsch, der auch die Pressekonferenzen aller Spieler nach den Partien enthält:

Identische Remis-Zwillinge

Giri besucht Carlsen-Topalov | Foto: Turnierseite

Manchmal ist es besser, keine Hoffnungen zu haben - denn dann werden sie auch nicht enttäuscht! Topalov-Carlsen schien wie eine gute Chance auf einen spannenden Kampf:

Tarjei J. Svensen: Wenn Topalov und Carlsen gegeneinander spielen, gibt es zumeist entschiedene Partien. Die Remisquote nach 24 Partien beträgt nur 41%.

Leider wurde Topalov in der Eröffnung ein wenig überrascht und entschied sich deshalb für einen "kleinen Versuch", der sofort im Nichts versandete:


Schwarz hat ein paar Probleme - zum Beispiel kann er den b8-Springer nicht bewegen, ohne dass es auf d7 eine Gabel gibt - aber Magnus spielte schnell 15…Te8, und nach 16.Tac1 Sc6 17.Sxc6 Dxc6 18.Dxc6 bxc6 19.Txc6 Te2 bekam er seinen Bauern zurück und die Stellung war ein einfaches Remis. Er sagte dazu:

So viel gibt es eigentlich nicht zu sagen, lediglich, dass Te8 ein wichtiger Zug ist, denke ich, und danach ist es einfaches ein totes Remis.

Karjakin-Grischuk ging noch schneller zu Ende, wobei sich Karjakin für das seltene 13.e4 entschied und dann 14.Qb4:


Grischuk kommentierte das wie folgt:

Ich hatte ein wenig Glück, weil das die Variante ist, die ich mir vor der Partie gegen Ding Liren angeschaut habe. Laut Theorie ist sie sehr remislich, weshalb ich sie zuerst nicht wirklich angesehen habe, mich dann aber doch entschied, sie vor der Partie zu prüfen. Dieses Db4 gab es in einer Partie, vielleicht ist es auch eine Neuerung, und der Zug ist ziemlich unangenehm für Schwarz. Ich habe lediglich einen klaren Weg zum Ausgleich gefunden, überall sonst steht Schwarz schlechter.

Grischuk zitierte ein paar Tipps von Botvinnik nach der Partie | Foto: Turnierseite

Diese eine Partie gab es tatsächlich, nämlich Caruana-Svidler vom World Cup 2011, eine klassische Partie, in der Peter nach 23 Zügen ein Remis erreichte - und er im Anschluss erst das Schnellschach-Match und dann den World Cup gewann. In Shamkir spielte Grischuk 14…dxe4 15.Lxe4, wählte dann aber 15…e5 statt Svidler’s 15…Le6. Er merkte an, dass später 21…Dc4 ein wichtiger Zug war, in dessen Folge nicht mehr viel los war, bevor  die Partie mit Remis nach 32 Zügen endete.

Zur unweigerliche Frage nach dem Umgang mit schnellen Remisen sagte Grischuk, dass man eine "unnatürliche Motivation für Spieler" einführen könnte, wie 5 Punkte für einen Sieg, er aber die Remisen an sich nicht als das Problem sieht: 

Ich denke, es ist schlecht, wenn du Kurzremis an Kurzremis reihst. Aber wenn du ein, zwei oder drei kurze Remis machst, ist das vollkommen in Ordnung, denke ich. Sogar Botvinnik sagte einmal, dass du nicht versuchen sollst, in jeder Partie dein Maximum zu geben, sondern man solle sein Maximum im Turnier oder gar im Jahr oder der Saison geben.

In diesem Fall haben wir zumindest eine lustige Situation aufgrund der fast identischen Endstellungen der Partien bekommen:

Magnus fiel das während der Partie auf und kommentierte:

Ich war am Ende ein wenig enttäuscht, denn ich wollte die gleiche Endstellung haben!

Alles, was es dazu gebraucht hätte, wäre, dass Topalov statt 32.Kf3 mit 32.Tg1 Züge und Stellung wiederholt hätte. 

Giri ½-½ Radjabov: Auf der Suche nach einem Durchkommen    

Es ist nicht einfach, Teimour Radjabov zu schlagen | Foto: Turnierseite

Das andere relativ ruhige Remis war ein dennoch spannungsgeladener Kampf in Giri-Radjabov, denn die Frage war immer, ob Anish Giri einen Durchbruch organisieren konnte, der die passive schwarze Stellung zum Einsturz bringt:


Zum Beispiel war hier 22.Sxb5!? spielbar (Giri wählte dann doch 22.h4), doch die Frage in all diesen Stellungen war, ob Weiß für die geopferte Figur mehr als volle Kompensation kriegen würde. Computeranalysen legen den Schluss nahe, dass das nicht so ist, aber auf der Pressekonferenz hatten die beiden einen Dialog über dieses Thema: 

Radjabov: Das einzige, was mich hier glücklich machte, war, dass ich wusste, dass die Stellung im Prinzip ok ist, zumindest auf Basis der Computerbewertung.

Giri: Die Computer werden sich verändern, aber die Stellung bleibt die selbe!

Anish hatte das Gefühl, dass Computer irgendwann hier einen Weg finden werden. Schaust du zu, AlphaZero? 

Ding Liren-Anand: Nicht jedes g2-g4 ist gut

Ding Liren's frühes g4 funktionierte nicht so gut | Foto: Turnierseite

Vishy Anands Achterbahnfahrt geht in Shamkir weiter, denn seine vierte Partie hatte einen faszinierenden Start:

Jaideep Unudurti: Ein interessantes Gedankenspiel, das sich in Ding-Anand abspielt. Weiß blitzte seine Züge bis zum aggressiven g4, wofür er ungefähr 10 Minuten brauchte, um es zu ziehen. Ist es also Vorbereitung oder doch am Brett gefunden? Im Gegenzug dachte Anand 2 Minuten nach und versuchte Lb4 - erinnert er sich an seine Vorbereitung oder ist das ebenfalls am Brett ausgedacht?

Diese Fragen würden unbeantwortet bleiben, denn Vishy war noch nie ein großer Fan davon, Eröffnungsgeheimnisse zu teilen. Er entschied sich, die erste Phase der Partie in der Nachbesprechung auf der Pressekonferenz zu überspringen. Dennoch ist es klar, dass das Nehmen des g-Bauern noch unattraktiver als sonst ist, denn Schwarz bekommt nicht einmal dynamische Kompensation dafür, weil Weiß den Bauern auf h7 schlicht zurückgewinnen kann.

Es schien so, als ob Vishy besser aus der Eröffnung gekommen wäre, denn mit Zug 19 war Weiß in echter Gefahr:


Der Plan des Computers besteht in dem starken 19...Tad8 mit der Idee, mittels c5 das weiße Zentrum aufzubrechen, da 20.0-0-0 aufgrund von 20...Ld3 nicht möglich ist. Schwarz steht hier auf Gewinn. In der Partie war der weiße König nach 19…Ld3 20.Dd1 b5 und einem Bauerntausch im Zentrum gefangen, aber die Struktur um ihn herum war zumindest solide. Ding Liren fand sogar Gegenspiel mit 25.g6, was ihm zumindest zusicherte, dass im Folgenden Schwarz vorsichtig sein musste:


Es war ein weiteres Beispiel dafür, warum es so schwer ist, Ding Liren zu schlagen. Und auch wenn in der Schlussstellung die Computer Vishys Stellung präferieren, folgerte Vishy, dass es "schwierig war, irgendetwas konstruktives" zu unternehmen, sodass er die Züge wiederholte.

Vishy scheint zurück in der Spur zu sein, nachdem er gegen Magnus verloren hatte | Foto: Turnierseite

Mamedyarov ½-½ Navara: Alle Turmendspiele sind remis

Auch wenn er bereits im letzten Jahr mitspielte, steht David Navara immer noch vor seinem ersten Sieg in Shamkir. Gegen Mamedyarov war er aber schon nah dran in Runde 4 | Foto: Turnierseite

Das war ein echter Kampf zwischen zwei Spielern, die bei -1 stehen und alles daran setzen, diese Situation zu ändern. Schau dir doch mal die Partieanalyse von GM Pepe Cuenca an:

Shakhriyar Mamedyarov war bereit zu zocken:


24.f3!? gxh4 25.fxe4 Lxe4 öffnete die Stellung rund um den schwarzen König auf Kosten eines Bauern, aber nach 26.Df2 De7 (nicht etwa 26…Lxb1 27.Dxf7+ und Weiß gewinnt) hatte Schwarz alles gedeckt, und als die Damen alsbald getauscht wurden, war es nur die Frage, ob David Navara das Turmendspiel mit Mehrbauer gewinnen konnte.

Er fand Idee um Idee, aber die schlussendlich klarste Chance kam nach dem Fehler 70.Kh1 (70.Kf1 hält das Remis):

chess24: Mamedyarov "übersieht" ein Matt in 49... der Kampf geht nach bereits 5,5 Stunden noch weiter!

Die Tablebases verraten uns, dass das schnellste Matt sogar in 27 Zügen möglich ist. Wie du sehen kannst, hatte Navara nur knapp über eine Minute auf der Uhr zu diesem Zeitpunkt, und 70…Rg7 ließ den Gewinn aus der Hand entwischen. Er musste 70…Rg8! spielen, und danach hätte er 71.e7 f2 72.Te6+ Kf3 73.Tf6+ Kg3 74.Tf8 sehen müssen, wobei er hier einen Gewinn hat:


Nach der Partie fand er, dass 74…Rh8 "nicht ein Zug ist, den du typischerweise mit wenig Bedenkzeit findest". 74...Tg4 funktioniert ebenfalls, weil der weiße König in der Ecke des Brettes schnell mattgesetzt werden kann.

Es ist interessant zu sehen, was den Unterschied gemacht hätte, hätte Navara 70…Rg8 gespielt und die Partie dann genau so weiter gegangen wäre wie in der Partie. Hier ist die Stellung nach 77.h6, aber mit dem schwarzen Turm auf g8 statt g7:


Der Gewinnzug ist 77...Kf4, aber das konnte Navara mit einem Turm auf g7 natürlich nicht spielen und er musste stattdessen 77...Tg1 ziehen. Auch wenn Weiß die Alternative 75.e7 gespielt hätte, liegt der Unterschied darin, dass der Turm von g7 ziehen müsste, da er auf e7 schlagen muss, während man mit dem Turm auf g8 schlicht ein Tempo mehr für den gewinnenden Königszug hat. Turmendspiele sind schon hart!

Nach diesen epischen 85 Zügen ist Schwarz gegen Carlsen sicher nicht das, was Mamedyarov braucht! | Foto: Turnierseite

Damit bleibt die Tabelle unverändert, außer dass jedem ein halber Punkt hinzugefügt wurde (das Remis kostete Magnus 1.4 Elo Punkte, aber zumindest ist sein Live-Rating damit nun runde 2850!):


Runde 5 ist die letzte Runde vor dem Ruhetag, und Carlsen-Mamedyarov ist offensichtlich die Partie, die es anzuschauen gilt. Das gleiche Aufeinandertreffen gewann er dieses Jahr schon einmal in Wijk an Zee. Schalte ein ab 13:00 Uhr MEZ, live hier auf chess24!

Weitere Links:


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