Berichte 20.04.2015 | 08:13von Colin McGourty

Shamkir (3): Carlsen zeigt, wer der Chef ist

In der dritten Runde des Gashimov Memorials in Shamkir spürte Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana einen versteckten Gewinnweg auf und warf seinen Gegner auf Weltranglistenplatz 4 zurück. Punktgleich mit dem Weltmeister in Führung liegt Wesley So, der die Zeitnot von Michael Adams ausnutzen und ebenfalls seinen zweiten Sieg erringen konnte. Dazu kamen zwei recht ereignislose Remisen und ein echter Thriller zwischen Anand und Giri, bei dem der Ex-Weltmeister die Chance auf den ersten Sieg gegen seinen jungen Kontrahenten verpasste.

Perfekter Tag für ein Selfie mit Magnus Carlsen | Foto: Shamkir Chess

Carlsen 1-0 Caruana: “Auf einmal sah ich Gespenster”

Nach vier Drittrunden-Niederlagen in Folge gelang es Magnus Carlsen, den Spieß dieses Mal in beeindruckender Manier umzudrehen und hinterher so gut wie keine Anflüge von Aberglauben zu zeigen:

Ich wusste, dass es keine leichte Partie werden würde, dachte mir aber auch, dass ich bei normalem Verlauf nicht einfach nur verlieren würde, weil die Partie in der dritten Runde stattfand.

Ein wenig Voodoo gab es aber offensichtlich doch. Nachdem Carlsen bereits bei seinem Sieg gegen Vishy Anand bei den GRENKE Chess Classic auf den Stonewall zurückgegriffen hatte, war seine Eröffnungswahl sicher keine Überraschung für Caruana, doch nachdem dieser mit 16.La3!? eine gute Chance ausgelassen hatte, stand er nicht mehr besser. 

Er stand aber auch nicht schlechter, und nach einigen beidseitigen Manövern hätte die Partie im 26. Zug ein logisches Ende nehmen können:

Der Moment während der Live-Übertragung, als das Remis unausweichlich schien.

Carlsens Kommentar:

Er konnte einfach mit Tc7 – Te7 die Züge wiederholen, und ich weiß nicht, was ich dagegen unternehmen soll. Über die weitere Entwicklung war ich sehr überrascht.

Caruana erklärte:

Ich dachte die Partie sei ohnehin remis und geriet auf Abwege.

Vielleicht erschien ihm der vermeintlich auf Abwege geratene Springer auf c3 nach 25...Tfe8 26.Txe8+ Txe8 27.Ta1 verlockend:


Der Springer hat sich offenbar verirrt, da er kein Feld mehr hat, doch in Wirklichkeit gewinnt er dank Carlsens verblüffendem Genie, die kleinsten Chancen zu nutzen, in wenigen Zügen die Partie: 27…Td8 28.Lf1 c5 29.Ta3 Sb1 30.Ta1? (der richtige Zug 30.Ta5! sieht wegen …Td1 mit der Drohung …Sd2 tatsächlich gefährlich aus.) 30…Sd2 31.Le2 Sf3+ 32.Lxf3 exf3:


Der Springer ist verschwunden, aber die entstandene Struktur ist sehr unangenehm für Weiß, zumal der schwarze Bauer auf f3 verdächtig an Carlsens Sieg gegen den selben Gegner in Wijk aan Zee erinnert. Selbst mit mehr Bedenkzeit als den paar Sekunden, die ihm noch blieben, wäre es für den Italiener schwer geworden, doch mit 38.e4! fand er auf jeden Fall eine interessante Verteidigung.


"Hübsche Pattfalle von Caruana! Nach 38...Tf2 geht 39.Ta8+ mit ewiger Turmverfolgung." 

Der Turm schaffte es aber nicht ins Selbstmordkommando, da Carlsen die Falle sah und  die Partie nach 38…Td4 39.Ta8+ Kf7 40.Ta3?! (40.Ra7+ war die letzte Chance) 40…Rxc4 souverän gewann.

Caruana fasste zusammen:

Ich spielte aus der Eröffnung heraus nicht sehr gut, aber dann landete ich in diesem Endspiel, das normalerweise remis ist. Dann sah ich Gespenster. Ich kann schlecht erklären, warum ich mir in diesem Endspiel so viele Sorgen machte. Eigentlich ist es elementar remis.

Naja, eigentlich ist es gar nicht so schwer zu erklären, warum man Angst vor Endspielen gegen Carlsen hat. 

So schlägt Adams: Wesley wird immer besser

Bislang läuft es für Wesley So nach St. Louis nicht übel! | Foto: Shamkir Chess

Der einzige Spieler, der bislang mit Carslen Schritt halten kann, ist Wesley So, der gegen Michael Adams dessen zweite Niederlage zufügte und wie der Weltmeister ebenfalls zwei Siege auf dem Konto hat. Über den Verlauf der Eröffnung konnte beide Spieler nichts Definitives sagen, nachdem So 9.f3 am Brett gefunden hatte. Die komplizierten Manöver kosteten beide Spieler viel Zeit, und Adams war dann derjenige, der in aufkeimender Zeitnot mit 26…Da5? vom rechten Weg abkam: 


Die Dame gibt die Deckung des Springers auf d7 auf, was So mit 27.Lh4! direkt ausnutzte. Der Turm kann nicht zur Seite gehen, weshalb Adams die weißen Felder am Königsflügel mit 27…f6 (oder 27…g5) empfindlich schwächen musste. Später meinte er:

Lh4 zu übersehen, war absurd... Das war eindeutig der entscheidende Fehler. Ich hätte danach zwar besser weiterspielen können, aber damit fingen meine Probleme auf jeden Fall an.

Die folgenden Züge blitzten die Spieler herunter, doch das kam Sos Angriff mehr entgegen, der sich fast von allein spielte. Der Vorstoß seines e-Bauern stieß auf keinen Widerstand und nach 36…Dc5? 37.exf6! Bxf6 38.Se4! war die Partie entschieden:


Ein kraftvoller Vortrag von So, der auf die Frage, ob sein Ziel in diesem Turnier Platz 3 oder Platz 4 sei, zu Recht ein wenig verwirrt schien. Michael Adams’ Antwort auf die wunderschöne Frage, wie er sich vom letzten Platz verbessern wolle, lautete:

Vermutlich durch besseres Schach. Mein Problem ist, dass mir taktische Versehen unterlaufen, denn danach wird es meist schwierig.

Magnus Carlsen ist Adams' nächster Gegner.

Zwei Remisen “mit weniger Aufregung”

In der Pressekonferenz nach der Partie meinte Mamedyarov, dass er eine Theorieschlacht vermeiden wollte... | Foto: Shamkir Chess

Schauen wir uns die beiden wenig aufregenden Remisen an. Die erste beendete Partie war Mamedyarov gegen Vachier-Lagrave, nach der der Franzose das Problem recht präzise auf den Punkt brachte:

Die anderen Partien waren sicher spannender, aber das passiert eben in einer Theorievariante im Grünfeld.

Auf die andere Partie traf Anish Giris Witz definitiv zu:

In diesem Turnier ist jeder andere Gegner entweder Ex-Weltmeister, aktueller Weltmeister oder zukünftiger Weltmeister!

Rauf Mamedov wird in naher Zukunft wohl kaum Weltmeister werden, aber mit drei Remisen nach drei Runden zeigt er eine gute Leistung. Als er gegen die Berliner Mauer seines Gegners 5.Te1 spielte, stand das Remis schon kurz vor der Unterzeichnung. Kramnik merkte an, dass es in der Partie kaum kritische Momente gegeben habe, ehe er auf den Zug 14…Sh4 verwies, den er zuletzt 2000 gespielt hatte, als die Schachwelt noch glaubte, dass die Berliner Mauer eine einmalige Waffe war, um Kasparov auszubremsen… 

Kramnik gefiel es offenbar sehr, den anderen Spielern bei ihren Partiekommentaren zuzusehen. | Foto: Shamkir Chess

Der weitere Partieverlauf war ein wenig kurios, denn als alle darauf warteten, dass das Remis auf der Anzeigetafel erschien, begannen die Spieler das Unvermeidliche zu sabotieren. Mamedov zog sich zunächst in die Defensive zurück, ehe Kramnik einen Zug (33…De8?!) machte, der definitiv keinen Gewinnversuch darstellte. Schließlich endete die Partie aber doch mit einem Remis, nachdem Mamedovs Gegner erneut keine riskante Wahl in einer Nebenvariante getroffen hatte.

Anand gegen Giri: “Ein wenig spekulativ”?

Anand suchte ... und fand Inspiration | Foto: Shamkir Chess

Aufregend ging es am Brett von Vishy Anand zu, nachdem der Inder die Caro-Kann-Verteidigung seines Gegners Anish Giri auf eine harte Probe stellte. Das Brett brannte, als der Ex-Weltmeister ein Qualitätsopfer brachte:


17.Txf4! Anand meinte hinterher, der Zug sei “ein wenig spekulativ” gewesen, doch funktionierte sein Instinkt wie immer gut, denn nach 17…g5 18.Sxf5 gxf4 19.Sxg7 Kxg7 20.Dg4+ Kh7 21.Dxe6 sieht es so aus, als stünde Weiß kurz vor dem Sieg. Giri leistete aber harten Widerstand und konnte seinen Gegner mehrfach mit seinen Zügen überraschen, wie dieser in der Pressekonferenz zugab. Beispielsweise meinte er, er würde komplett auf Gewinn stehen, als er den schwarzen Turm mit 30.Le3 gefangen hatte: 


Dabei unterschätzte Anand aber das schwarze Gegenspiel, denn der schwarze Springer konnte seine lange Reise von b6 nach f5 gerade noch rechtzeitig beenden: 30…Se7 31.Sf4 Dg8 32.Sxd3 Dxg3+ 33. Kh1 Sf5+. Später dachte Anand dann noch, dass er nach 37.Kg2 auf Gewinn stehen würde, da er 37…Dc2+ übersehen hatte, doch am Ende war das Remis vermutlich das gerechte Ergebnis.

Für Anish Giri verläuft das Turnier bisher enttäuschend und auch gegen Anand tat er sich schwer. | Foto: Shamkir Chess 


Hier der Stand nach drei Runden:


Und hier der aktuelle Stand in der Live-Eloliste:

"Vor einigen Monaten hatten fünf Spieler über 2800 Elo. Nun ist es nur noch Carlsen..."  

In der vierten Runde trifft Kramnik auf Anand, Adams auf Carlsen und Wesley So auf Rauf Mamedov!  

Alle Partien gibt es immr ab 12 Uhr live auf chess24. Die Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps anschauen:

         

Zum Weiterlesen:


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