Berichte 18.04.2015 | 09:44von Colin McGourty

Shamkir (1): So und Kramnik siegen, Carlsen rettet sich

In der ersten Runde des Gashimov Memorials in Shamkir zerstörte Wesley So mit den weißen Steinen Anish Giri und gewann damit die dritte Partie in Folge seit seiner kampflosen Niederlage in St. Louis. Gemeinsam mit ihm in Führung liegt Vladimir Kramnik, der in einer Zeitnotschlacht gegen Michael Adams kühlen Kopf bewahrte und ein gewonnenes Turmendspiel erreichte. Die Geschichte des Tages lieferte aber die Partie Anand gegen Carlsen. Der Weltmeister übersah eine simple Falle und brauchte seine gesamte Zähigkeit, um den halben Punkt zu retten. Auch Fabiano Caruana musste mit Schwarz leiden, löste die Aufgabe, ein Endspiel mit Turm gegen Turm und Läufer zu halten, aber sicher.  

Wesley So behält die Ruhe im Sturm. | Foto: Shamkir Chess

Bereits zum Auftakt bot das Gashimov Memorial eine Menge Unterhaltung. In der ersten Runde gab es zwei Weißsiege, zwei aufregende Remisen und nur ein ereignisloses Remis, bei dem Lokalmatador Rauf Mamedov mit einem 3.Lb5-Sizilianer souverän die Aufgabe löste, die französische Nummer 1 Maxime Vachier-Lagrave auszubremsen, die 111 Elo-Punkte mehr als er auf dem Konto hat.

Zumindest eine Runde lang liegt Rauf Mamedov vor Anish Giri und Michael Adams | Foto: Shamkir Chess

Die Mission Turniersieg wird für Mamedov kaum erfüllbar sein, aber ein englischer IM kann sich ihn immerhin als Filmstar vorstellen: 

"Rauf Mamedov. Super Typ. Keine Ahnung warum, aber er würde sicher einen tollen Gegenspieler von James Bond abgeben."

Carlsen: “Heute bin ich nochmal davongekommen!”

Erneutes Aufeinandertreffen von Carlsen und Anand | Foto: Shamkir Chess

Regelrecht sensationell verlief die Neuauflage der letzten beiden WM-Kämpfe. Magnus Carlsen behielt seine Taktik des letzten Zweikampfs gegen Anand bei und spielte recht schnell. Sein Plan schien aufzugehen, als er im Marshall-Angriff den neuen Zug 14...Lg6 auspackte. Dann jedoch zeigten die Computer plötzlich an, dass ihm mit 19...Dd7 ein böser Schnitzer unterlaufen war.   


Einmal mehr lagen unsere elektronischen Freunde richtig, und im Gegensatz zu seinem Kontrahenten übersah Anand den Trick nicht. Stattdessen servierte er nach 11 Minuten Nachdenken den Zug 20.Sd5!, dessen Pointe war, dass 20…Lxe1?? 21.Sf6+! gxf6 22.Dxf6 zum Matt auf g7 oder h8 geführt hätte.

Nach der Partie schrieb Carlsen auf Twitter:

"Trotz mehrstündigem täglichem Taktiktraining fiel ich auf einen einfachen Trick herein. Hatte danach Glück, dass ich noch ein Remis erreichen konnte." 

Vielleicht können wir dem Weltmeister auch ein wenig helfen, denn wir haben unseren Taktiktrainer gerade mit 900 neuen Aufgaben erweitert und weitere werden folgen... 

Zum Glück für Carlsen gab es den Zug 20…f6, der den Schaden mit einem gesunden Mehrbauern für Anand in Grenzen hielt. Bald ging die Stellung in ein technisches Endspiel über, worin Carlsens große Stärke liegt. Nach der Partie bezeichnete Carlsen 26.Se3 als Ungenauigkeit:


Eine so schlechte Stellung ist kein Vergnügen, und nach 26.Sb4 wäre die Partie vermutlich anders ausgegangen.

Dennoch schien es so, als könnte Anand Revanche für seine letzten Endspielniederlagen gegen Carlsen nehmen, da er danach wieder die richtigen Züge machte. Er fand aber nicht den entscheidenden Durchbruch und versuchte es dann mit einer forcierten langzügigen Variante. Mit dem Zug 47.Kf5 ermöglichte er seinem Gegner die Rettung:   


Auf 47…Lxf3?? kommt 48.Kg6!, doch natürlich fiel Carlsen nicht zweimal in derselben Partie auf einen billigen Trick herein. Stattdessen fand er den besten Zug 47…Tc6!, nach dem Anand, wie er später zugab, das Gefühl hatte, den Sieg verpasst zu haben. Es folgten die Züge 48.Ke5 Lxf3 49.Sf5, worauf Carlsen mit 49…g5! erneut den besten Zug fand. Anands Vorteil war dahin und vielleicht war es gut für ihn, dass er das Remis direkt erzwang und der Weltmeister so nicht in seinem gewohnten Stil weiterspielen und auf mehr drängen konnte.

Hier das Video von der anschließenden Pressekonferenz:

Caruana: "Mein Hirn war völlig leer!"

Um ein Haar hätte Mamedyarov seinen Vorjahressieg mit den weißen Steinen gegen Caruana wiederholt. | Foto: Shamkir Chess

Die Nummer 2 der Welt Fabiano Caruana erlebte einen ähnlich schweren Turnierstart wie der Weltmeister. Im Gegensatz zu Carlsen schien es aber so, als hätte er in der Eröffnung völlig die Kontrolle verloren. Nach Shakhriyar Mamedyarovs 5.Lf4 im Grünfeld versank er in 20-minütiges Nachdenken, ehe er schließlich 5…c5 spielte. Ist es wirklich möglich, in einer Eröffnung, die Peter Svidler 12 Stunden lang erklärt hat, einen unbekannten Zug zu spielen? Nun,nicht direkt – Mamedyarovs Zug wurde schon mehr als 1.000 Mal gespielt...   

Caruana erklärte nach der Partie:

Die Variante ist sehr verzweigt und ich habe viel Zeit in die Analyse investiert, konnte mich aber an nichts mehr erinnern. Vielleicht liegt dies an meiner langen Schachpause. Mein Hirn war während der Eröffnung einfach komplett leer und ich konnte mich an keinen einzigen Zug erinnern. Das ist natürlich ziemlich übel.

Wie Caruana zugab, hatte er die weißen Möglichkeiten nach dem Damentausch und den “starken Zug” 14.Td2 unterschätzt:


Caruanas Hauptproblem war, dass er den c-Bauern wegen 15.Sb3! nicht mit dem Turm schlagen konnte. So musste er sich mit einer miserablen Stellung ohne Gegenspiel abquälen, bis er im 30.Zug eine schwerwiegende Entscheidung traf: 


30…Lxb5! Er erklärte seine Gedanken:

Ein schwieriger Moment. Ich hatte wenig Zeit und fürchtete, langsam aber chancenlos erdrückt zu werden… Ich bekomme einige Bauern und Weiß hat einige Probleme mit der Koordination.

Für die Figur bekam Caruana zwei Bauern und steuerte souverän auf ein Remis zu, als er in Zeitnot panisch wurde:


39…Tf4! war der beabsichtigte Remiszug, doch mit lediglich 30 Sekunden auf der Uhr sah er Gespenster und kommentierte die Stellung nach 39…Txg4?! 40.Txf3 Th4?! 41.Tf2 so:

Hier wurde mir klar, dass ich kurz vor der Niederlage stand. Zumindest gab es keinen klaren Remisweg, deshalb machte ich mir Vorwürfe. 

Er behielt jedoch die Nerven und erreichte in einem Endspiel mit Turm gegen Turm + Läufer das Remis:

"Pech für Mamedyarov, dass es Caruana Spaß macht, am Freitagabend das Endspiel mit Turm gegen Turm + Läufer zu üben."

Hier die Pressekonferenz nach der Partie:

Die Zeit war auch bei der Partie Kramnik gegen Adams ein großes Thema, und es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass es in Shamkir erst ab dem 61.Zug eine Zeitgutschrift pro Zug gibt. Dadurch kann es leicht Probleme mit Zeitnot geben, was den Zuschauern natürlich eine Menge Spannung bringt!     

Adams: "Er spielte gut, und ich nicht"

Vladimir Kramnik spielte Katalanisch und folgte zunächst seiner Remispartie gegen Vishy Anand im Kandidatenturnier 2014, ehe Michael Adams mit 13…Dc6 abwich. Dieser Zug brachte Kramnik ein wenig zum Nachdenken, aber nicht sehr, da er sich, wie er später anmerkte, “die Stellung zu Hause schon ein wenig angesehen hatte“. Nach 20.Kf2 hatte er das Gefühl, dass die Stellung remislicher aussah, als sie war: 


Kramnik bezeichnete 20…a5 als “verführerischen” Fehler, und in der Folge konnte er den a-Bauern erobern, wonach nur noch sein Freibauer auf der c-Linie übrigblieb.

Kramnik liegt vorn und hat in der 2.Runde wieder Weiß! | Foto: Shamkir Chess

Es ist bestens bekannt, dass Kramniks Freibauern immer zur Dame laufen, und obwohl es in der Folge etwas nebulös wurde, stand der Ausgang der Partie nie in Frage:


38.d4! mit der Idee 38…exd4 39.Ke2!, worauf der König den Bauern unterstützt, war das hübsche und logische Ende dieser Partie, wenngleich Adams die Zeit überschritt.

Nach der Partie sprach Kramnik über seine Schlafstörungen und seine Akklimatisierungsprobleme nach der langen Anreise. Als Adams gefragt wurde, ob er ähnliche Probleme habe, wies er dies als Ausrede für seine Niederlage zurück:

Wir saßen im selben Flieger, daher gehe ich davon aus, dass wir die gleichen Voraussetzungen hatten. Er hat dennoch eine gute Partie gespielt, und ich nicht -  das war der Unterschied. 

Ein mögliches Problem für Adams könnte sein, dass er viel später als die anderen Spieler von seiner Teilnahme wusste und sich nicht so ausgiebig vorbereiten konnte, da er erst kurz vor Turnierbeginn für Teimour Radjabov einsprang.

Hier die Bilder von der Pressekonferenz:

Wesley So: "Ich habe viel aus meinen Fehlern gelernt"

Die beiden jüngsten Turnierteilnehmer könnten in den nächsten Jahrzehnten Dauerrivalen werden. | Foto: Shamkir Chess

Wer erwartet hatte, dass Wesley So wegen Jetlag und allgemeiner Erschöpfung Probleme haben würde, sah sich getäuscht. Seine kampflose Niederlage in St. Louis bescherte ihm einen unfreiwilligen Ruhetag, seit dem er drei Partien in Folge gewinnen konnte. In der Pressekonferenz nach seiner Partie gegen Giri bezeichnete er den kampflosen Partieverlust zwar als harte Strafe, merkte aber an, dass „er nichts gegen den Hauptschiedsrichter des St. Louis Chess Club, Tony Rich, habe“. Er bestätigte aber, dass die Vorfälle seinen Ehrgeiz angestachelt haben:

Ich muss einfach mein Spiel spielen. Wegen des Vorfalls und meiner schwachen Leistung bei der US-Meisterschaft wurde ich hart kritisiert, und die beste Antwort darauf ist, in jeder Partie zu kämpfen und mein Bestes zu geben. Es gibt einfach Leute, die dir den Erfolg nicht gönnen.

Seine Erstrundenpartie gegen Anish Giri verlief definitiv bizarr. 

"Versuch mal, einem Anfänger die Eröffnung von So gegen Giri zu erklären..."

Im 6. Zug überlegte So fast 29 Minuten, ehe er die Neuerung 6.Kf1 spielte, was sich sofort auszahlte. Nach 6…Sc5?! 7.Sf3 war Giri mit seiner Stellung schon sehr unzufrieden:


Später gab er zu Protokoll:

Ich verbrauchte zu viel Zeit. Ich überlegte schon aufzugeben, doch dann sah ich 7…Se6 und spielte weiter.

Giri erklärte, dass die schwarze Stellung nur wegen des unrochierten weißen Königs noch spielbar war, doch ging es anschließend schnell bergab, als So geschickt den Druck erhöhte. Man sieht die Nummer 7 der Welt, als die Giri ins Turnier ging, nur selten mit solch einer solchen trostlosen Stellung: 


Das kann man wirklich als Fesselung bezeichnen. Die restlichen Züge waren Agonie und wurden von Weiß mit leichter Hand absolviert. Für So war dies eine schöne Revanche, nachdem er seine Siegchancen beim Tata Steel-Turnier durch eine Niederlage gegen Giri eingebüßt hatte. Sein Kommentar:

Anish hat mir in der Vergangenheit schwere Niederlagen zugefügt. Ich habe viel aus meinen Niederlagen gelernt.

Kritzeleien zur Motivation wären sicher keine gute Idee, aber Wesley So ist definitiv auf einem guten Weg! 

Hier die Pressekonferenz mit den beiden Jungstars:

Giri verlor immerhin nicht seinen Humor, sondern setzte einen Kalauer ab:

"Verlor die erste Partie - So ist es! Hoffe, mich in den nächsten Runden zu erholen!

In Runde 2 steht Wesley So eine weitere harte Prüfung bevor, da er mit Schwarz gegen Vladimir Kramnik antreten muss. Beim Tata Steel-Turnier gab Magnus Carlsen ein Interview, in dem er sich zu So aüßerte:

Ich denke, er ist ein guter Spieler. Meiner Meinung nach zählt er noch nicht zu den Allerbesten und muss noch Erfahrungen sammeln, aber man kann es auch auf diesem Level weit bringen, wenn man ein gutes taktisches Auge hat und exzellent vorbereitet ist. Das beweist er. Er schlägt sich gut. Ich denke auch, dass das Feld zu ihm passt. Ich weiß nicht, ob er sich auch so wohlfühlen würde, wenn er gegen die ältere Garde mit Anand, Kramnik und so weiter antreten müsste. Aber seine Ergebnisse hier sprechen auf jeden Fall für sich.

Der Moment, gegen die "alte Garde" anzutreten, ist nun gekommen!

Als ob es nötig gewesen wäre, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, führte Evgeny Surov heute ein Interview mit Kramnik und befragte ihn zu der kampflosen Niederlage Sos. Kramnik bezeichnete den Vorfall zwar als “traurig und lächerlich” und er wäre weder abgelenkt gewesen noch hätte er den Schiedsrichter eingeschaltet, doch hielt er es für richtig, dass der Schiedsrichter So nullte, nachdem er mehrere Verwarnungen ausgesprochen hatte. Natürlich kennt sich Kramnik ganz gut mit kampflosen Niederlagen, nachdem er im WM-Kampf mit Veselin Topalov 2006 ähnliche Probleme hatte...  

Ohne B-Gruppe haben die Spieler viel Platz auf der imposanten Bühne. | Foto: Shamkir Chess 

Heute geht es in Shamkir unter anderem mit Carlsen gegen Mamedyarov weiter, dieses Duell endete letztes Jahr mit 2:0 für den Weltmeister. Alle Partien gibt es täglich ab 12 Uhr live auf chess24.

Die Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps anschauen:

         

Zum Weiterlesen:


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