Features 20.01.2016 | 10:13von Colin McGourty

Sergey Shipovs Jahresrückblick auf 2015: Teil 2

Sergey Shipov commentating on the Russian Championship Superfinal | photo: Russian Chess Federation

Im zweiten Teil seines Rückblicks auf das Schachjahr 2015 befasst sich GM Sergey Shipov mit Magnus Carlsens holprigem Jahr, dem Aufsteig der Chinesen, dem Kandidatenturnier ohne Vladimir Kramnik und vielen anderen Fragen. Lasst euch weder die amüsante Tirade gegen die Berliner Verteidigung noch gegen die Auffassung entgehen, dass es nicht gut ist, dass es in K.O.- und Schnellschachturnieren mehr Fehler von Topspielern gibt.

Im ersten Teil von Sergey Shipovs Jahresrückblick ging es um das Beste und das Schlechteste des Jahres, während Sergey im zweiten Teil nun auf Fragen von Usern eingeht. Sein ganzer Jahresrückblick auf Russisch ist auf Crestbook verfügbar, im Folgenden haben wir jedoch wieder ausführliche Highlights übersetzt:

Spieler     

Welcher Großmeister hat am meisten an Stärke/Punkten gewonnen? Wer ist am tiefsten gefallen (von den Spielern über 2700)?

1. Wei Yi – er ist hoch hinaus gekommen und hat die ganze Welt in Angt versetzt.

2. Carlsen – es stimmt, er ist von einem Niveau abgestürzt, das für die anderen jedoch unerreichbar ist. Ein Stern, der in die Stratosphäre hinabgestiegen ist.  

Haben wir letztes Jahr etwas Neues über Magnus Carlsen erfahren?

Ja, haben wir. Magnus wurde durch einen Mangel an Motivation daran gehindert, auf seinem vorherigen Level zu spielen. Es gab Misserfolge und Rückschläge. Es war besonders erstaunlich zu sehen, dass er manche Endspiele gegen weniger starke Schachspieler nicht gewann, obwohl er leicht besser stand.

Vielleicht hat Carlsen sich verliebt und kann sich nicht aufs Schachspielen konzentrieren?

Magnus fällte auch sein eigenes Urteil über das Jahr 

Was um Himmels willen war dieses Jahr mit unserem Magnus los?! Gibt es tatsächlich ein Problem in seinem Privatleben oder ist er einfach etwas gelangweilt vom Schachspielen?

Was sein Privatleben angeht, kann ich nur spekulieren (ich habe wenig Insiderinformationen), aber es ist klar, dass er übersättigt ist von Siegen. Ich hoffe, dass diese Phase nicht lange anhält. Da das nächste Weltmeisterschaftsmatch immer näherrückt, sollte er zur Vernunft kommen und wieder in Bestform kommen.

Was Ehe angeht… Ich kann mir keine Frau vorstellen, die ideal für den Weltmeister wäre - er ist ein schwieriger und sogar seltsamer Typ. Magnus hat eine fanatische Leidenschaft fürs Schachspiel - er lebt dafür. Dieses Gefühl mit einem gemütlichen, stabilen Familienleben zu kombinieren ist sehr schwer. Viele Schachfanatiker wurden in ihrem Privatleben bereits enttäuscht. Auch bei Carlsen gibt es also keine Garantien. Hoffen wir, dass er ein weises, geduldiges Mädchen findet - zum Beispiel eine unserer jungen Schachspielerinnen… Wir haben ja genug davon.

Ich schlage einen Brautwettbewerb vor! Oder, wie man im Westen sagt, ein Casting.

Im Alten Russland wählten die jungen Zaren ihre Ehefrauen tatsächlich aus. Mädchen aus guten Familien wurden aus allen Ecken hingebracht und dann wurde ein Wettbewerb organisiert. "Wenn ich Königin wäre", sagt ein Mädchen….

In unserem Fall kann man die Voraussetzung "aus einer guten Familie" mit Schachqualifikationen ersetzen - ohne diese hätte das junge Paar keine Gesprächsthemen. Es wäre am einfachsten, unseren Zar mit einer vernünftigen Diskussion über die Berliner Verteidigung zu verführen.

Alina Kashlinskaya und Sopiko Guramishvili sind bereits aus dem Wettbewerb ausgestiegen. Das ist eine Chance für die anderen.

Anish Giri scheint sich daran gemacht zu haben, Schach ernsthaft zu studieren und er ist schon Weltranglistenzweiter! Dennoch nehmen ihn viele Fans aus irgendeinem Grund als Titelanwärter nicht ernst. Glaubst du an seine zukünftigen Fortschritte und an seine Fähigkeit, Magnus herauszufordern?

Natürlich glaube ich an ihn. Was seine Mentalität und spieltechnische Leichtigkeit angeht, ist Giri Anand sehr ähnlich, also warum sollte er nicht denselben Weg wie sein berühmter Vorgänger gehen?

Ich denke, Anish hat große Chancen im bevorstehenden Kandidatenturnier, vor allem wenn er in der richtigen Stimmung ist und sein Nervensystem an die beklemmende Atmosphäre eines Kampfes um den Titel anpassen kann. Wenn er seinen Charakter und seine "männlichen Qualitäten" zeigen kann.

Anish Giris erste Prüfung im Jahr 2016 ist Wijk aan Zee - am Dienstag war er auf einem besonderen Schach-Kanalboot in Utrecht, auf dem eine der Runden abgehalten werden wird | Foto: Tata Steel Chess Tournament

"‌Song des Tages für morgen: youtube.com/... 

Also wen sollte ich nehmen?"

Macht Hou Yifan Fortschritte bei ihrem Versuch, den Platz zu erreichen, den Judit Polgar freigemacht hat, über die Grenzen des reinen Damenschachs hinaus?

Zweifellos! Hou Yifan schlägt regelmäßig starke männliche Großmeister - daran hat sich bereits jeder gewöhnt. Insbesondere Evgeny Najer.

Hou Yifan gewann das Blitz- und Schnellschach-"Freundschaftsspiel" in China 9,5:4,5 | Foto: Russischer Schachverband

Was Judits Niveau angeht (ich denke da an einen Platz in den Top Ten), so glaube ich, dass weder Hou Yifan noch jemand anderes von der besseren Hälfte der Menschheit es erreichen wird. Jemals, glaube ich.

Wei Yi wird bald 17 Jahre alt - ein alter Mann - und er ist immer noch nicht in den Top 20. Hat er noch eine Chance, in den kommenden Jahren ein neues Genie und Superstar zu werden?

Ja, das Alter ist kein Witz. 

Aber trotzdem sollte er in den nächsten Jahren zu einem Elitespieler werden. Bei Wijk aan Zee 2016 erhält unser neues Kid bereits die Chance, seine Zähne zu zeigen. Sein Stil ist kämpferisch und sein Talent ist groß, also sehe ich keine grundsätzlichen Hindernisse, warum Wei Yi nicht an die Spitze gelangen sollte.

Ich persönlich als Kommentator unterstütze ihn. Es wäre interessant, einen mutigen Vertreter Chinas bei allen großen Superturnieren zu sehen.

Artemiev, Dubov, Fedoseev – fasse das Jahr für die talentierten jungen Russen zusammen. Hat einer von ihnen Aussichten darauf, in die Elite einzusteigen?

Artemiev hat Chancen, in die Elite zu gelangen. Für die anderen wird es schwerer. Es ist fraglich, ob sie es schaffen werden, sich von dem Hindergrund von x anderen starken Spielern abzuheben.

Unsere Jungs haben aus geografischer Hinsicht keine zweckmäßige Flagge am Brett, d.h. wenn Fedoseev, Dubov oder Bukavshin in Bezug auf Schach in einem kleinen Land leben würden, dann würden sie längst in starken Turnieren spielen. Zur Zeit interessieren sich die Organisatoren dagegen mehr für Kramnik, Karjakin und Grischuk. Sie brauchen keinen fünften, siebten oder zehnten Russen.

Unsere Jungs müssen also damit anfangen, ihre herausragenden Zeitgenossen zu schlagen oder den Weltpokal zu gewinnen. Nur so bekommen sie die Chance, in der Elite Fuß zu fassen.

Übrigens wäre eine weitere Chance, in der russischen Mannschaft zu glänzen. Da hängt eventuell viel von Entscheidungen ab, die unsere Schachfunktionäre treffen, was ein weiterer Grund ist, das Team jünger werden zu lassen.

Ah, es wäre so schön, wenn unsere Mannschaft mit der Aufstellung Karjakin, Grischuk, Artemiev, Fedoseev, Dubov (Cheftrainer – Kramnik) die Olympiade gewinnen würde! In diesem Fall…

Junioren-Weltmeister Mikhail Antipov, Grigoriy Oparin, Vladislav Artemiev und der tragischerweise verstorbene Ivan Bukavshin bei der Schlusszeremonie des Nussknacker-Turniers 2015 | Foto: Russischer Schachverband

Warum lassen junge russische Talente am Rande der Elite nach? Irgendwie spielten sie dieses Jahr nicht sehr beeindruckend, während Wei Yi Lichtjahre voraus ist. Und anscheinend ist es normal geworden, dass ihre Entwicklung an einem gewissen Punkt deutlich nachlässt. Nepomniachtchi war in aller Munde, dann zuletzt Dubov, Fedoseev… Sie sind alle sehr stark, aber nicht in der Lage, dieselben Fortschritte wie die jungen chinesischen Spieler zu machen… Sogar ein talentierter Spieler wie Vladik Artemiev scheint steckengeblieben zu sein. Was läuft schief?

Aber wer lässt denn nicht am Rande der Elite nach? Es ist für einen starken Großmeister viel schwerer, an die Spitze zu gelangen, als es für einen normalen Großmeister ist, stark zu werden.

Genau die Chinesen haben auch zig Jahre lang daran gearbeitet und es probiert, es aber einfach nicht geschafft, ihre jungen Talente in die Riege der Schachgötter zu bringen. Und jetzt haben sie auf einmal einen richtigen Adler (sogar mehrere Adler). Warum sollte man sie beneiden? Grischuk und Karjakin traten über dieselben Jahre hinweg für Russland an - auch kein schlechtes Ergebnis. Nun können wir von Artemiev und Makoveev Großes erwarten. Wir arbeiten weiter daran! Unsere Spieler werden schon noch in die Elite kommen.

Wie bewertest du die Fortschritte der chinesischen Spieler dieses Jahr?

Ein deutlicher Fortschritt! Der Sieg der chinesischen Mannschaft bei der Olympiade in Tromsø wurde von vielen erst als unerwartete Überraschung angesehen, aber jetzt wird klar, dass die jungen Chinesen wirklich wunderbar sind. Nach langjährigen vergeblichen Anstrengungen der letzten Generationen haben Ding Liren, Yu Yangyi und Wei Yi ein Loch in die vorher undurchlässige Decke geschlagen und schweben über dem Alltag der Chinesen. Ich denke, dass es diese Jungs schaffen können, viele Jahre lang an der Spitze zu bleiben - und vielleicht kämpfen sie irgendwann um den Weltmeistertitel.

Wei Yi's Sieg gegen Lazaro Bruzon beim Danzhou Superturnier ist eine brillante Visitenkarte des neuen Stars | Foto: qipai.org.cn

Turniere

Dieses Jahr gab es zahlreiche Turniere (und Superturniere) in allen möglichen Formaten und für alle denkbaren Geschmäcker. An welches erinnerst du dich besonders und warum? Was war eine Enttäuschung?

Was mir wirklich Spaß gemacht hat, waren die K.O.-Turniere: die Weltmeisterschaft der Damen und der Weltpokal. Es ist das lebendigste Format, in dem Turniere zur Zeit abgehalten werden können. So viele Intrigen und Kämpfe, wie man sich nur wünschen kann!

Man kann über Fehler und unerwartete Ergebnisse so viel maulen, wie man will, aber was das allgemeine Publikum verlangt, sind eben genau Hoch- und Tiefpunkte und starke Emotionen. Das gab es in Baku und Sotschi - vom Anfang bis zum Ende. Es gab keine irrelevanten Partien oder langweilige Matches. Das macht viel aus.

Eine Enttäuschung? Von dem letzten Turnier der Grand Chess Tour hatten wir viel erwartet. Letztlich klappte das nicht. Remis, Remis und noch mehr Remis…

Deine Einschätzung der großen Blitz- und Schnellschachturniere?

In den letzten Monaten haben wir die Weltmeisterschaft in Berlin und die Europameisterschaft in Minsk erlebt. Sie sorgten für eine spannende Show und leidenschaftliche Kämpfe.

Es ist sehr wichtig, dass solche Events öfter und mit gut ausgestatteten Preisfonds abgehalten werden. Eine Reihe von Schnellschachturnieren (es ist nicht schwer, auf Namen zu kommen) mit guten Kommentatoren (nicht unbedingt mir) - das wäre ein hochqualitatives Videoprodukt, mit dem man durchaus ans Fernsehen herantreten könnte. Auf einer dauerhaften Grundlage.

Wenn unsere Schachfunktionäre, -organisatoren und -sponsoren diese Aufgabe zusammen angehen, können wir endlich einen Durchbruch in der TV-Welt erleben.

Was die Ergebnisse der Meisterschaften angeht, so bin ich unendlich stolz auf Grischuk. Er ist zu einer Blitzlegende unseres Jahrhunderts geworden - er ist bereits dreimaliger Weltmeister!

Die russische Herrenmannschaft hat es endlich geschafft, ein Mannschaftsturnier zu gewinnen - die Mannschafts-Europameisterschaft. Und dafür mussten sie wie erwartet keine Wunder vollbringen - es reichte aus, ihre Stärken auszuspielen. Was denkst du - ist das ein einmaliger Erfolg oder ist die lange Flaute endlich zu Ende?

Wie lange wird es dauern, bis die Schacholympiade von allen außer uns gewonnen wurde?

Die Mannschafts-Europameisterschaft ist das drittwichtigste Turnier. Ein dortiger Sieg ist kein Grund für einen Freudentaumel.

Definitiv das Selfie des Jahres! | Foto: Alexandra Kosteniuks Twitter

Wenn wir die Mannschafts-Weltmeisterschaft und insbesondere die Olympiade gewinnen, dann können wir davon reden, dass wir eine lange Flaute beendet haben. Reykjavik war bisher einfach ein angenehmes, nützliches Aufwärmen. Wir müssen diese Siegeswelle wirklich abpassen und darauf reiten.

Die Mannschaftsaufstellung wird sich natürlich verändern, aber ich hoffe, dass das Ergebnis gleich bleiben wird.

Bis wann andere Mannschaften die Olympiade gewinnen werden? Baku 2016!

Vladimir Kramnik beim Petrosian Memorial 2014 | Foto: B. Dolmatovsky, Tashir Chess

Sergey, ich würde gerne deine Meinung dazu hören, dass das Kandidatenturnier in Moskau abgehalten wird, obwohl Aronian mitspielt. Und ganz allgemein, ist die Aufstellung für das bevorstehende Turnier optimal?

Regeln sind Regeln. Das organisierende Land des Turniers ist Armenien, also kann die Einladung von Aronian nicht angefochten werden. Ja, das Event wird in Moskau stattfinden, aber das sollte die Russen kaum verärgern. Man muss zugeben, dass es viel einfacher ist, nach Moskau zu reisen als nach Jerewan.

Übrigens, die "Tashir"-Gesellschaft hielt das Petrosian Memorial in der russischen Hauptstadt und nicht in Jerewan ab. So war es günstiger und das Turnier war ein großer Erfolg.

Im Allgemeinen sehe ich die Wahl des Austragungsortes für das Kandidatenturnier als echtes Kompliment an uns. Moskau ist die Haupstadt der Schachwelt.

Eine optimale Aufstellung würde natürlich Kramnik mit einschließen, aber er hat die Qualifikation nicht geschafft und unser Schachverband war im Kampf um Sponsoren nicht hartnäckig genug.

Also spielt Vladimir nicht. Ich hoffe, dass wir ihn dazu bringen können, im März als Kommentator zu arbeiten - als Gaststar.

Trends

Eine typische Besonderheit von 2015 waren die instabilen Ergebnisse der Elite. Vorher befanden sich einzelne Großmeister (Ivanchuk und Morozevich kommen einem in den Sinn) von Zeit zu Zeit in einem freien Ratingfall, aber dieses Jahr fielen so viele von den Top 10 deutlich ab, angefangen beim Weltmeister, dass es schwer zu glauben war. Manche, wie Vachier-Lagrave, schafften es nach einem unglaublich (für einen Spieler seiner Klasse) tiefen Fall, genauso drastisch wieder aufzusteigen (während Topalov zur selben Zeit von fast ganz oben herunterstürzte). Das Ergebnis war, dass die Ratinglisten der aufeinanderfolgenden Monate radikal von einander abwichen, so stark wie noch nie zuvor. 2800-Spieler (abgesehen von Carlsen) verschwanden ganz. Und Ratings waren kein verlässlicher Indikator mehr, selbst für die kurzfristige Form der Spieler. Karjakin und Svidler schafften es, nach zahlreichen Misserfolgen beim Weltpokal zu glänzen und was wurde daraus? Hatte irgendjemand Zweifel daran, wie berechtigt ihr Erfolg angesichts ihrer Positionen auf der Ratingliste vor dem Turnier war? Im Allgemeinen war es ein seltsames Jahr: Carlsen erlebte mehr Flops als in allen vorigen Jahren zusammen, gewann aber trotzdem mehr als alle anderen. Gibt es eine Art Muster im modernen Schach bezüglich der Instabilität von fast allen Spielern? Oder lief es einfach so und wird sich vermutlich nicht wiederholen?  

Es gibt da mehrere Faktoren:

  1. Anscheinend haben sich die Favoriten letztes Jahr etwas übernommen - und mussten dafür jetzt bezahlen.
  2. Der Angriff der jungen Talente und ihr Aufstieg im Rating hätte nicht als einseitiger Prozess stattfinden können. Sie mussten die Ratingpunkte anderen wegnehmen. Diejenigen, die darunter litten, waren die Elitespieler… die vorherige Elite - ein normales Phänomen.
  3. Ein stärkerer Wettbewerb an der Spitze führt dazu, dass niemand in der Lage ist, regelmäßig Turniere zu gewinnen. Jeder glänzt mal, aber selten. Man wechselt sich ab.
  4. Das Rating ist wirklich kein Indikator für die kurzfristige Form der Spieler. Per definitionem! Es berücksichtigt alle vorherigen Leistungen, sogar diejenigen, die vor langer Zeit gezeigt wurden. Der Turnierkalender der Elite ist gerammelt voll, ein Leistungseinbruch kann also jederzeit passieren.
  5. Es ist auch wichtig, hier die Psychologie eines voreingenommenen Beobachters zu berücksichtigen. Wenn ein 2800-Level-Spieler auf der Höhe seines Ratings oder etwas besser spielt, erregt das keine Aufmerksamkeit, wie Sonnenauf- und untergang. Alltäglich. Aber wenn er auf einmal auf einem Niveau von 2650 spielt, bleibt das im Gedächtnis. Und wirft Fragen auf… 

Es herrscht der Eindruck, dass die Ratinginflation fast aufgehört hat, obwohl sie viele Jahre lang offensichtlich war. Die Anzahl der Spieler mit einer Elo von 2700 ist seit langem ziemlich stabil. Spiegelt diese "Mathematik" echte Prozesse im modernen Schach wider?

Soweit ich weiß, hat sich die mathematische Formel für die Berechnung der Ratings nicht geändert, es geht also nur um statistische Effekte.

Der Prozess entwickelt sich nicht völlig gleichmäßig, sondern in Phasen. Die Häufung starker Spieler an der Spitze führt zu auffallenden qualitativen Veränderungen, die manchmal schnell geschehen. So etwas passiert…

Ich sage für nächstes Jahr kühn einen Anstieg der Anzahl der Spieler mit Elos von 2700 und 2800 voraus.

Sergey Shipovs Foto des Jahres zeigte die Hochzeit von Radek Wojtaszek und Alina Kashlinskaya in Moskau, bei der Vishy und Aruna Anand anwesend waren

Nach dem London Chess Classic fingen die Leute an, über die Langeweile zu reden, die bei Eliteturnieren mit der fast immer gleichen Aufstellung herrscht. Viele sehen als Lösung eine stärkere Verwendung des Schweizer Systems mit einer gemischten Aufstellung. Dann gibt es noch die traditionelle Klage, dass viele Schachspieler im mittleren Drittel gar nicht schwächer sind als die Topspieler - sie haben nur einfach nicht die Chance, sie zu treffen und es zu beweisen. 

Nach dem dramatischen Weltpokal in Baku und den aufregenden Schnellschach- und Blitzschachweltmeisterschaften in Berlin erscheint jedes Rundenturnier zahm. Nicht alle Formate sind gleich attraktiv. Ich schlage seit langem Blitz-Stichkämpfe bei Remis in Rundenturnieren vor. Das könnte die Langeweile der Fans aufhalten und Schach sportlicher werden lassen - insbesondere, wenn man ein Drei-Punkte-System einführt, sodass ein Remis in einer Hauptpartie den Spielern jeweils einen Punkt einbringt, während der Sieger des Playoffs einen weiteren Punkt erhält.

Ich hoffe, dass das früher oder später umgesetzt wird.

Was das Gerede über die Privilegien der Elite angeht - das sind die alltäglichen Nörgeleien von Skeptikern. Die Elite ist wirklich stärker und stabiler als das zweite Drittel. Es werden mittlerweile viele gemischte Turniere abgehalten und die Statistiken geben eine eindeutige Antwort.

Das letzte deutliche Beispiel war das Swiss Open in Qatar. Schaut euch die Schlussplatzierung an - an der Spitze sind bis auf wenige Ausnahmen vertraute Gesichter.

Die Berliner Variante hat die Anzahl der entschiedenen Partien in London nicht erhöht, aber das lag nicht nur an der Eröffnung! Hier verbrachte Grischuk über eine Stunde mit einem einzigen Zug und schaffte es letztlich nicht, aus einer Gewinnstellung heraus gegen Giris Berliner Verteidigung zu gewinnen | Foto: Ray Morris-Hill

Die notorische Berliner Variante: hier gibt es (wieder insbesondere nach dem Turnier in London) zwei gegensätzliche Ansichten. Manche sagen, sie ist der Fluch des modernen Schachspiels und führt zu einer Epidemie von Remis und Langeweile. Andere sagen, dass sie im Gegenteil die Chance auf einen echten Kampf bietet, weil nicht einmal eine tiefgreifende Analyse ein Ergebnis garantiert, dass es genau bei dieser Variante mehr auf Spielstärke und Schachverständnis ankommt. Man braucht einfach Kampfgeist! Also wenn es keine Berliner Variante gäbe, müsste man sie erfinden - im Gegensatz zu den lebhaften Drachen- und anderen Najdorf-Varianten, wo es bei einer richtigen Analyse am Brett kein Spiel gibt. Was denkst du?

Die Berliner Variante ist wirklich lästig geworden. Sie hat Schachspielern eine Art minimalistische Wissensbasis gegeben, mit der sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nach 1.e4 mit den schwarzen Steinen durchhalten können.

Ich stimme dem Argument nicht zu, dass "die Berliner Variante die Chance auf einen Kampf bietet". Meiner Ansicht nach ist es eben vor allem eine Chance, mit Schwarz durchzuhalten, was in Rundenturnieren, aber auch bei K.O.-Turnieren sehr wichtig ist. Sie ist ein Mittel, um die Angriffsfähigkeiten deines Gegners auszuschalten, da man ohne Damen keinen Mattangriff starten wird.

Und das wäre alles in Ordnung, wenn die Berliner Variante nur von einem begrenzten Prozentsatz starker Spieler gespielt werden würde. Letztlich ist sie für sich alleine gesehen interessant und nützlich. Sie fördert Endspiel-Techniken, verbessert die Verteidigungstechnik und lehrt Spieler, wie man den Vorteil zweier Läufer nutzt und so weiter. 

Aber in diesem Fall ist die Massenanziehung tödlich! Die Massenmigration von Spielern hin zur Berliner Variante hat das moderne Schachspiel ärmer gemacht. Viele beachtliche und kämpferische Eröffnungen sind bei Turnieren zu einer Seltenheit geworden. Es ist traurig, das mit anzusehen…

Auf der anderen Seite konnte man früher dasselbe über die Russische Verteidigung, die Chelyabinsk-Variante und andere abgedroschene Systeme sagen. Hoffen wir, dass sich der Trend wieder ändert.

Übrigens verleiht die Vorherrschaft der Berliner Variante dem Plan Auftrieb, ernsthaft ein Turnierformat in Betracht zu ziehen, bei dem ein Schwarzsieg mehr wert ist als einer mit Weiß. Wenn auch nur um 0,01! Die einfachste Herangehensweise bestünde darin, Schwarzsiege bei der Feinwertung zu berücksichtigen, wenn sich zwei Spieler einen Platz teilen.

Der diesjährige Weltpokal war auf der einen Seite ein vorbildliches Spektakel für die Fans (viele interessante Partien, wunderschöne Kombinationen, unvorhergesehene Kämpfe), aber auf der anderen Seite demonstrierte er deutlich das Problem eines Qualitätseinbruchs während eines solchen Formats (einem langen Turnier + Schnellschach-Playoffs). Hast du keine Sorge, dass es einen unvermeidlichen Abbau geben wird, wenn weiter versucht wird, Schach für ein Massenpublikum attraktiv zu machen?

Das Begriff "Abbau" reflektiert die negative Wahrnehmung eines Idealisten. Und dieser Idealismus ist das wahre Problem.

Schließlich haben wir kein Problem damit, wenn Topfußballspieler von den besten Nationalmannschaften und Clubs der Welt während eines Spiels eine Reihe ungenauer Pässe und Schüsse machen. Das hält uns nicht davon ab, ihre Spielweise mit Superlativen zu beschreiben. Und Tennisspieler machen in jedem Match zig Fehler, aber wir verehren sie trotzdem.

Im Schach ist es das Gleiche. Man muss nur endlich verstehen, dass Leute von ihrer grundlegenden Physiologie her nicht in der Lage sind, sowohl schnell als auch völlig fehlerfrei und auf einem hohen Level zu spielen. Ihre Fehler gehören zum Spiel - sie machen es interessant und spannend. Es ist normal.

Svidler, der einen Turm hängen ließ, war für Shipov nicht der Fehler des Jahres

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass man als Zuschauer die aktuellen Fehler dank der Computer und uns Kommentatoren so schnell sieht. Vorher gab es auch viele Fehler, aber man erfuhr erst viel später von ihnen, in Analyseberichten. Das hat ebenfalls seine Auswirkungen.

Im Allgemeinen könnt ihr uns Kommentatoren die ganze Schuld geben! Wir entblößen die Essenz der Spielweise, stoßen Helden vom Thron und stürzen Götter.

Eine Frage zu Schachprogrammen - welche verwenden bekannte Kommentatoren zur Zeit für ihre Arbeit? Und welche werden von den Topspielern benutzt?

Komodo und Stockfish beherrschen definitiv den Markt. Die Kombination dieser beiden Programme ermöglicht es uns, getrost in jeder Art von Stellung herumzugraben. Ich verwende sie regelmäßig. 

Houdini ist bereits veraltet. Ohne die Veröffentlichung einer neuen, qualitativ hochwertigeren Version wird es sich nicht an der Spitze halten können.

Im Schlussmatch zwischen Komodo und Stockfish war die Anzahl der entschiedenen Partien nur 1 von 10. Ist das eine zufällige Parität in der Stärke der Programme oder nähert sich die Welt der Schachprogramme unvermeidlich dem Prinzip "die Anfangsstellung ist unentschieden und zwar mit einem großen Abstand"?

Computerexperten wissen mehr darüber, aber ich sehe wirklich eine Bewegung hin zu einem unentschiedenen Ergebnis als logischer Folge von grenzenlos starken Spielweisen. Die Toleranz für Solidität im Schach ist groß.

Auf der anderen Seite kann man immer die Zeitkontrolle beschleunigen. Bei Matches zwischen den besten Programmen kann man so immer einen Sieger küren. Es muss beschleunigt werden! Dann sind die Partien interessanter und es wird mehr Blut vergossen.

Es ist genau wie bei den Menschen.

Vorhersagen für 2016

Was erwartest du insgesamt vom Schachjahr 2016?

Das Jahr ist auf einem guten Weg, spektakulär zu werden! Auf uns warten das Kandidatenturnier in Moskau im März, zwei Weltmeisterschaftsmatches (im Frühling die Damen in Lwiw, dann die Herren im Herbst - ich weiß den Ort nicht), die K.O.-Weltmeisterschaft der Damen Ende des Jahres in Minsk und natürlich die Olympiade in Baku. Ich werde viel zu tun haben.

Ich hoffe, dass wir keine Sponsoren oder Organisatoren wegen der gottverlassenen Politik verlieren. Wir werden Schach spielen und darüber reden, ohne uns von der Geräuschkulisse ablenken zu lassen.

Welche Veränderungen werden deiner Meinung nach in der Weltelite stattfinden? Wer wird die meisten wichtigen Turniere gewinnen?

Es wird in der Elite natürlich Veränderungen geben. Die Jugend ist unerbittlich auf dem Vormarsch.

Wir müssen damit anfangen, dass Carlsens Gegner im neuen Match um den Titel jemand sein sollte, der deutlich jünger ist als Anand (eine konkretere Vorhersage zum Kandidatenturnier traue ich mich nicht). Die Ratingliste wird immer jünger… vor allem, wenn Rublevsky, Smirin und andere Trainer/Kommentatoren nicht zum Schachspielen zurückkehren.

Und natürlich die Chinesen. Sie dürften ihre Nische in der Elite belegen.


Jan Gustafsson und Fiona Steil-Antoni, die seit Samstag live von Wijk aan Zee berichten, haben ebenfalls Vorhersagen für 2016 getroffen!

Siehe auch:


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