Features 08.01.2016 | 11:20von Colin McGourty

Sergey Shipovs Jahresrückblick auf 2015

Was war der schlimmste Einsteller 2015? Die beste Kombination? Die schönste Positionspartie? Oder die größte Enttäuschung des Jahres? Der russische Großmeister Sergey Shipov gibt in seinem traditionellen Jahresrückblick sein Urteil zu diesen und vielen weiteren Fragen ab.

Sergey Shipov war als Kommentator bei vielen großen Turnieren dabei - hier mit Sergey Karjakin beim Weltcup in Baku | Foto: Offizielle Website

Sergey Shipovs Jahresrückblick wurde auf Russisch bei Crestbook veröffentlicht. Im ersten Teil konzentriert sich Shipov auf die wichtigsten Schachmomente des Jahres.


2015 insgesamt

Das Jahr war alles andere als langweilig. Tolle Turniere mit vielen interessanten Partien wechselten sich mit politischen Skandalen ab. Man konnte ununterbrochen vor dem Computer sitzen und Partien verfolgen, aber natürlich ist es interessanter, wenn man vor Ort ist.

Meines Erachtens waren die wichtigsten Momente des Schachjahrs die Krönung Mariya Muzychuks zur Weltmeisterin und die Ermittlung der Teilnehmer des Kandidatenturniers. Im Grunde waren sie der Auftakt vor noch wichtigere Turniere, die 2016 anstehen.

Der unvergesslichste Moment des Jahres

Das Weltcupfinale in Baku zwischen Karjakin und Svidler war eine unglaublich dramatische und spannende Angelegenheit. Einfach großartig!

Obwohl sich Svidler für das Kandidatenturnier qualifizierte, konnte er es zeitweilig nicht fassen| Foto: Offizielle Website 


Die fünf besten Kombinationen des Jahres 

Zwei ragen klar heraus: Wei Yi – Bruzon, China (schon jetzt ein Klassiker)


21.Sd5 Sxd5 22.Txf7!!

und Khismatullin – Eljanov, Jerusalem (ein verblüffendes Turmopfer).


44.Kg1!!!

Mir gefiel die Art und Weise, wie Yu Yangyi in Havanna Dominguez Sizilianer zerstörte:


29.Sd5! Dc5 30.Sxe6!

Natürlich erinnere ich mich an die Kombination bei Arabidze – Hoang Thanh Trang, die leider nicht aufs Brett kam.


10.Sd2!! – kam leider nicht aufs Brett.

Viele Fragen blieben nach Aronians unvollendeter Kombination gegen Karjakin in Zürich offen.


22.Lxh6!

Nicht schlecht war auch Vitiugov – Sasikiran:


27.Txd4! Sxd4 28.Dxd4+ f6 29.Sc7! Te7 30.Se8+!! Dxe8 31.Dxd8±

Die drei schönsten Positionspartien des Jahres

Die Auswahl der Partien in dieser Kategorie ist ein rein zufälliger Prozess. Schließlich sind die Tiefe und Qualität von Positionspartien viel schwerer zu bewerten als eine Kombination. Einige Partien blieben haften, während viele andere unbemerkt an mir vorbeizogen.

Beeindruckt haben mich folgende Partien: Kramnik – Nepomniachtchi, Sotschi (Tolles Qualitätsopfer mit anschließendem Druckspiel)


24.Txb4!

Carlsen – So, St. Louis (methodischer Angriff am Königsflügel)


28.Db3 Tf7 29.a4!? und so weiter.

Carlsen schlug So beim Sinquefield Cup in eindrucksvoller Manier | Foto: Lennart Ootes

Tomashevsky – Grischuk, Tbilisi (langsames Ausdrücken)


20.Txa6!

Carlsen-Aronian, Reykjavik (komplette Zerstörung!)


25...Ta2!!

Eröffnungsidee/Neuerung des Jahres

In den letzten Jahren entdeckte ich die besten Neuerungen bei Anand und Kramnik, aber das hat sich geändert. Die erfahrenen Recken arbeiten nicht mehr so viel an aktuellen Varianten (Kramnik Reti-Eröffnung ist schon ein wenig angestaubt) – und verlegen sich auf andere schachliche Qualitäten.

Neuerungen sind nun die Sache der Jüngeren. Besonders auf Wojtaszek und Giri sollte man achten. Ihre Hochzeiten haben nichts daran geändert, dass sie viele interessante Eröffnungsideen einführen. Sicher haben ihnen ihre Frauen bei der Analyse geholfen…

Anish kümmerte sich intensiv um neue Eröffnungsideen! |Foto: David Martínez

Aber auch ältere Semester haben noch was auf dem Kasten. Mir gefiel zum Beispiel die Partie Grischuk-Fedoseev, Baku, in der Weiß vier Bauern für Initiative opferte. Mich überraschte, dass Fedoseev immer die besten Züge fand und Grischuks Analyse reproduzierte.


9. exd5 exd5 10.Lg2 dxc4! 11.0–0! Der erste Bauer! 11...cxb3 12.Te1! Der Zweite! 12...bxa2 13.Se5! Der Dritte! 13...Lb7 ( 13...0–0? scheitert an 14.Lxc6+-) 14.d5!! Und der Vierte!

Erschöpfende Resultate im Königsinder

Mir gefiel, wie Evgeny Tomashevsky mit 5.Sf3 und 6.h3 hartnäckig an der Widerlegung der Königsindischen Verteidigung arbeitete. 


Seine Gegner waren stark, und er erzielte beeindruckend viele Siege. Ich glaube zwar nicht, dass dies das Ende des Königsinders ist, aber er wird wohl nicht mehr so oft gespielt werden.

Ansonsten gab es wenig Auffälligkeiten, außer natürlich die Berliner Variante der Spanischen Eröffnung. Ich kann sie nicht mehr sehr und langweile mich zu Tode, wenn ich sie kommentieren muss… 

Die besten Endspiele des Jahres

Ich nehme drei:

Caruana-Carlsen, Shamkir 


34.g4 fxg4 35.hxg4 h4!

Carlsen-Nakamura, London (interessante Transformation)


66...Sd3 67.Kxf6!

Vachier-Lagrave - Tomashevsky, Tbilisi (witziges Materialverhältnis!)


88.Td3 Sg5 89.Ke7 Sf7 90.Td4 Lg5+ 91.Ke8 Se5 0-1

Remis des Jahres

Karjakin-Eljanov, Baku (Halbfinale im Weltcup, die entscheidende Schnellpartie)

Karjakin reklamierte zurecht dreimalige Stellungswiederholung und erreichte so das Weltcup-Finale!

Zug des Jahres

Ohne Frage Khismatullins Königszug, mit dem er gegen Eljanov einen Turm stehen ließ!

Einsteller des Jahres

Die Partie Daulyte-Socko, Sotschi (Frauen-WM). Die Dame einzustellen anstatt einzügig mattzusetzen, und das in einem so wichtigen Match, ist eine Tragödie sondergleichen. Man wird sich noch Jahre daran erinnern. 


57. Da5+???

Nachwuchsspieler des Jahres

Ilya Makoveev. Der Junge wird es weit bringen.

Nicht jeder Neunjährige gibt Simultanvorstellung an 12 Brettern – aber Ilya Makoveev hat alle Weltmeistertitel in seiner jeweiligen Altersklasse gewonnen.| Foto: ligastavok

Und einhundert junge Inder. Sie gewinnen die meisten Jugendweltmeistertitel und man kann kaum ihre Namen aussprechen. Es ist klar, dass dort eine enorme Flut von großen Talenten heranwächst.

Enthüllungen des Jahres

Enthüllung ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen. Stattdessen geht es eher um die Weiterentwicklung schon bekannter Talente.

Wei Yi zum Beispiel zeigte einige Glanzpartien und ist definitiv reif für die ganz großen Turniere.

Und Goryachkina – sie gehört mittlerweile definitiv zur Weltspitze bei den Frauen und ist damit die ganz große russische Hoffnung!


Miss Chess 2015

Mariya Muzychuk

Mister Chess 2015

Anish Giri

Enttäuschung des Jahres

Kramnik verpasst das Kandidatenfinale. Im Herbst erreichte der Ex-Weltmeister wieder sein enormes Niveau, für die Qualifikation reichte es aber nicht. Ich glaube auch nicht, dass er noch einmal in den Kampf um die Krone eingreifen können wird. Das faszinierende und historisch notwendige Match Carlsen-Kramnik werden wir nie zu sehen bekommen.

Eine weitere Enttäuschung war Tomashevskys schwaches Abschneiden gegen Ende des FIDE Grand Prix. Evgeny stand kurz vor einer historischen Leistung… doch es mangelte ihm an gesundem Pragmatismus. Immerhin gewann er hinterher das Russische Superfinale.

Flop des Jahres

Was soll diese Frage? Darauf gebe ich keine Antwort. Es gab keine Flops, sondern nur gelegentliche Einbrüche starker Schachspieler. Stattdessen hier eine neue Kategorie: Auferstehung des Jahres

Und meine Antwort lautet – Aronian. Endlich gewann er ein Superturnier und zeigte allen, dass er noch Schach spielen kann.

Sensation des Jahres

Mariya Muzychuk. 

Traurigstes Ereignis

Der Tod Luis Renteros, des Organisators des berühmten Turniers von Linares.

Nominierungen für den Schach Oscar

  1. Carlsen 
  2. Nakamura 
  3. Giri 
  4. Karjakin 
  5. Kramnik
  6. Topalov
  7. Caruana
  8. Tomashevsky
  9. Aronian
  10. Anand

Reserve: Svidler, Ding Liren, Vachier-Lagrave, Wei Yi, Grischuk, Eljanov etc.


Seid ihr mit Sergeys Einschätzungen einverstanden?    

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