Allgemein 26.05.2020 | 14:03von FM Andrey Terekhov

Sergey Karjakin, das ultimative Wunderkind

2002 wurde Sergey Karjakin im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten Großmeister und stellte damit einen Rekord auf, der trotz einer förmlichen Explosion von Wunderkindern bis heute Bestand hat. Vierzehn Jahre später ging er im WM-Match gegen Magnus Carlsen vier Runden vor Schluss in Führung, verlor dann aber noch im Stechen. Von diesem Rückschlag scheint er sich bis heute nicht völlig erholt zu haben. FM Andrey Terekhov zeichnet das Porträt von Karjakin, der letztes Jahr beim Lindores Abbey Chess Stars dabei war. Dies ist der achte Beitrag der Aktion #HeritageChess, die von der Lindores Abbey Preservation Society unterstützt wird.


Junge Jahre

Sergey Karjakin wurde am 12. Januar 1990 in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren.

Aus ungeklärten Gründen war 1990 ein großartiger Schachjahrgang. Magnus Carlsen kam in Norwegen auf die Welt, Sergey Karjakin in der Ukraine, Ian Nepomniachtchi in Russland, Maxim Vachier-Lagrave in Frankreich, David Howell in England usw. Schon im Alter von 10 Jahren duellierten sich diese Talente bei Jugendweltmeisterschaften, und es war nicht leicht, in diesem Umfeld zu bestehen. Genau das gelang Karjakin aber.

Karjakin war das ultimative Wunderkind. Schon als kleiner Junge besuchte er die Schachschule von Kramatorsk, die damals schon als Spitzenakademie für heranreifende Talente galt. 2009 erinnerte sich Karjakin in einem Interview für die russische Schachseite Crestbook an diese Zeit:

Ich arbeitete viel mit meinen Trainern, außerdem unterstützten mich meine Eltern. Ohne ihre Hilfe wäre ich nie Profi geworden. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit sieben oder acht Jahren sechs Stunden am Tag mit meinem Vater trainiert habe und danach noch in den Schachclub ging!

Danach zog ich nach Kramatorsk, wo ich die optimalen Bedingungen für meine weitere Entwicklung vorfand. Man muss sich vorstellen, wie schwer dieser Schritt war, da niemand zu diesem Zeitpunkt wusste, wie gut ich als Schachspieler später einmal werden würde. Meine Eltern gingen das Risiko aber ein.

Übrigens würde es die Schule sicher noch geben, wenn ihr Gründer Mikhail Ponomariov noch leben würde. Es kam aber anders, und so verließ ich das sinkende Schiff direkt nachdem ich Großmeister geworden war.

Mit seinem Trainer GM Vladislav Borovikov machte Karjakin rasch Fortschritte. 1999 wurde er U10-Europameiter und 2001 holte er sich die U12-WM.

Im Januar 2002 unterstützte der knapp 12-jährige Karjakin als Sekundant einen anderen Absolventen des Kramatorsker Schachclubs bei der FIDE WM: den 18-jährigen Ruslan Ponomariov, der dort sein bestes Ergebnis überhaupt erzielte. Ponomariov bezwang im Finale dieses gigantischen KO-Turniers sensationell Vasyl Ivanchuk und wurde Weltmeister.

Sergey Karjakin half Ruslan Ponomariov dabei, jüngster FIDE-Weltmeister aller Zeiten zu werden become | Foto: A.V. Momot Schachclub

Am Ende desselben Jahres wurde Karjakin zum jüngsten Großmeister aller Zeiten ernannt. Sein Rekord von genau 12 Jahren und 7 Monaten hat bis heute Bestand.

2004 nahm Karjakin erstmals an der Schach-Olympiade teil und vertrat die Ukraine am zweiten Ersatzbrett. Er gewann zwar Goldmedaillen – eine mit dem Team und eine für die beste Leistung an seinem Brett (6½ aus 7).

2005 gewann Karjakin das Turnier der “Nachwuchsstars der Welt”, das jedes Jahr im russischen Kirishi ausgetragen wurde. Das war sein letzter Auftritt bei Jugendturnieren. Ende 2005 gehörte er bereits zu den Top 50 der Welt, und seine Zeit als Jugendlicher war vorbei. Ab 15 nahm Karjakin nur noch an Erwachsenenturnieren teil.

In der Weltklasse

2006 erhielt Karjakin erstmals eine Einladung für das A-Turnier in Wijk aan Zee. Drei Jahre später gewann er es mit 8 aus 13 und ließ dabei unter anderen Aronian, Radjabov und Carlsen hinter sich.  

Noch im selben Jahr wechselte Karjakin den Verband und trat fortan für Russland an. In einem Interview mit der russischen Website Lenta.ru erklärte Karjakin seine Beweggründe:

Das war eine einfache Entscheidung. Ich konnte mich nicht weiterentwickeln. Es gab auf der Krim keine Großmeister mehr, daher musste ich in andere Städte fahren, um zu trainieren, und dann kam das Angebot, nach Russland zu ziehen. Ich nahm es sofort an. Vor meinem Umzug war ich einer von hundert Großmeistern, aber danach schaffte ich es dank meiner wunderbaren Trainer Yuri Dokhoyan und Alexander Motylev innerhalb von zwei Jahren unter die Top Ten.

Ich kann sagen, dass ich mein ganzes Leben davor auf der Krim verbracht und mich immer als Russe gefühlt habe. 

Karjakin kam Ende 2010 unter die Top 10. Seitdem betrug seine Elo immer mindestens 2750 und er war stets unter den Top 20.

In de ersten Hälfte der 2010er-Jahre gewann Karjakin mehrere Titel:

  • 2012 – Schnellschachweltmeister (vor Carlsen und Topalov)
  • 2013 und 2014 – Norway Chess (beide Male vor Carlsen)
  • 2015 – Weltcup (nach einem dramatischen Comeback im Finale gegen Svidler)
  • 2016 – Kandidatenturnier
  • 2016 – Blitzweltmeister (vor Carlsen und Dubov)

Der WM-Kampf

Der Höhepunkt von Karjakins Karriere ist zweifellos das WM-Match 2016. Nach zwölf Turnierpartien stand es dort unentschieden, und der Titel musste im Stichkampf vergeben werden. 

Nach 7 Remis gewann Karjakin die achte Partie und hätte fast auch die neunte gewonnen 

In diesem Match sah es weniger so aus, als wolle Karjakin den Weltmeister bezwingen, sondern eher, als wolle er nicht verlieren. Karjakins Schach erinnerte an eine Fußballmannschaft, die vor allem das eigene Tor verteidigen möchte und auf gelegentliche Konter setzt. Damit zog er Carlsen den Zahn und entnervte ihn. Karjakin gewann als Erster eine Partie und hätte nur noch vier Partien überstehen müssen, um den Titel zu holen. Doch es sollte nicht sein. Die letzten Partien verliefen sehr spannend und nervös, aber Carlsen konnte ausgleichen und den Titel im Stichkampf verteidigen.

Sucht man eine Parallele in der Schachgeschichte, kann man Karjakins Rolle 2016 mit der eines David Bronstein im Jahr 1951 vergleichen (natürlich nicht stilistisch, aber vom Ergebnis her). Beide haben die WM nie gewonnen, aber gezeigt, dass sie dazu in der Lage sind.

Dank solcher Leistungen wie in diesem WM-Kampf erhielt Karjakin den Spitznamen “Verteidigungsminister”. Seine größte Stärke ist Stabilität. Je nach den Erfordernissen der Stellung kann Karjakin angreifen oder verteidigen, am wichtigsten ist jedoch, dass er nie die Objektivität verliert. Sein Stil schlägt zwar keine Funken, aber mit seiner guten Technik und Zähigkeit ist Karjakin immer schwer zu schlagen.

Der harte Arbeiter

Sergey Karjakins Schachstil basiert auf einem soliden positionellen Fundament und ausgezeichneter Technik, mit der er oft aus einem kleinen Vorteil einen ganzen Punkt macht. Fügt man dem ein sorgfältig zusammengestelltes Eröffnungsrepertoire, taktischen Weitblick und Zähigkeit in der Verteidigung hinzu, hat man das Rezept zusammen, wie man ein Jahrzehnt zu den Top Ten der Welt gehört.

Karjakin spielt nicht spektakulär, aber effizient. Die folgende Partie illustriert wunderbar, wie er selbst stärkste Gegner niederringen kann (die Anmerkungen stammen von Karjakin):

Karjakin – Nepomniachtchi
Russisches Superfinale, Moskau 2010


22.Lg5!? hxg5 23.hxg5 Td8

Besser war 23...Lxg5 24.Sxg5 f6 25.Se6 Kf7 26.Dxd6 Dxd6 27.Txd6 Sc8 28.Sd8+ Ke7 29.Td2, mit intakten Gewinnchancen.

24.gxf6 gxf6

Nun ist die schwarze Struktur ruiniert!

25.Sh2 d5 26.Sg4 d4 27.Dg3 Sg6 28.Df3 Kg7 29.Se3 Se7 30.Dg4+ Kf8 31.Dh4 Kg7 32.Td3

Führt den Turm in den Kampf...

32...Db6

Deckt den Turm und bereitet dxe3 vor. Der Computer empfiehlt 32...b4, wonach Weiß nur mit 33.Td1!! bxc3 34.bxc3 die Initiative und die leicht bessere Stellung aufrechterhalten kann!

33.cxd4 exd4 34.Dg4+ Kf8 35.Dd1

Die Schlüsselstellung! Bisher hat sich Ian gut verteidigt, aber nun begeht er den entscheidenden Fehler!

35...Ke8

Mit der Drohung, den Springer zu schlagen, doch dabei hat Schwarz meine Antwort übersehen. 

Nach der Partie dachten wir erst, Schwarz hätte 35...Td6 mit der Drohung dxe3 Txd6 e2! spielen können, doch mit dem einfachen 36.Sf1 nebst Sg3 hat Weiß weiter Druckspiel. Der genaueste Zug war 35...Dc5, wonach Weiß besser steht, die Stellung aber spielbar bleibt. 


36.Dh5! Td6

Schwarz verliert nach 36...dxe3 37.Dh8+ Sg8 38.Dxg8+ Ke7 39.Txd8 (aber nicht 39.Dxd8+?? Dxd8 40.Txd8 e2–+) 39...exf2+ 40.Kf1 Dxd8 41.Dxd8+ Kxd8 42.Kxf2 Kd7 43.Ke3 Kd6 44.Kd4 Kc6 45.b4 Kd6 46.g4 Kc6 47.e5+–

37.Dh8+ Kd7 38.Sg4

Nun spielt sich der weiße Angriff von allein.

38...Dc6 39.e5

Am direktesten, aber auch 39.Ta3 war stark.

39...Sg6?

Die letzte Chance war 39...Dc1+ 40.Kh2 fxe5 41.Dxe5, aber Weiß hat dann einen Bauern mehr und Angriff.

40.Sxf6+ Ke6 41.Dh3+ Kxe5 42.Sg4+ Kd5

Nach 42...Ke6 43.Sh6+ Kd5 44.De3!+– hat keine Schwarz keine Chance, die Partie zu retten.


43.Td1!

Der letzte schwere Zug der Partie! Jetzt steht der schwarze König von allen Seiten unter Beschuss! Und es gibt keine Verteidigung mehr.

43...De8

43...Te6 44.Se3++–

44.Df3+ De4 45.Dxf7+ Qe6 46.Se3+ Ke5 47.Sg4+

Allees gewinnt, aber hübscher war 47.Sc4+ bxc4 48.Te1+ Kd5 49.Db7+ Kc5 50.b4+ cxb3 51.Tc1+ Dc4 52.Dc7+ Tc6 53.Txc4+ Kxc4 54.Dxc6+ +–

47...Kd5 48.Db7+ Kc4 49.Tc1+ und wegen 49...Kb4 50.Da7 gab Schwarz auf.

Nach der WM

Sergey Karjakin | Foto: Niki Riga

Seit dem WM-Kampf 2016 sind Karjakins Ergebnisse etwas schwächer geworden. Er war regelmäßig zu Superturnieren eingeladen, konnte aber zwei Jahre lang keinen Turniersieg mehr feiern.

Die schachliche Krise ging mit Karjakins Einstieg in die Politik einher. 2017 wurde er Mitglied der Gesellschaftlichen Kammer, die eine beratende Funktion hat. 2018 fungierte Karjakin während des Wahlkampf als Vertrauensmann von Präsident Putin. 2020 wurde Karjakin von Putin ins Parlament berufen, womit seine politische Karriere noch bis mindestens 2023 andauert.

Nach 2019 wurden Karjakins Ergebnisse wieder besser. Er gewann das Moskauer „Armageddon”-Turnier, das speziell für einen Sportsender entwickelt wurde und wurde beim Bukarester Superbet Rapid & Blitz (mit Levon Aronian) geteilter Erster. Offenbar hat Karjakin seine Motivation für Schach wiederentdeckt!



FM Andrey Terekhov

Andrey Terekhov (@ddtru) ist in Russland aufgewachsen, hat in vielen Ländern gelebt und lebt derzeit in Singapur. Seine besten Ergebnisse am Brett sind Siege beim Münchner Open (2008), beim Nabokov Memorial in Kiew (2012) und der geteilte 2. Platz bei den Washington Open (2018). Er ist der Autor des Two Knights Defense-Kurses auf Chessable. In den letzten Jahren hat Andrey an einem Buch über Wassili Smyslow gearbeitet, dessen Veröffentlichung für Ende 2020 geplant ist.


Wie bist du zum Schach gekommen? Teile deine Erfahrungen hier in den Kommentaren oder unter dem Hashtag #HeritageChess!      

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